Wieso hat sich Esperanto nicht durch gesetzt?

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Du hast dir die Antwort schon selbst gegeben. Man kann Menschen nicht eine Sprache oder Kultur aufzwingen.

Leider tun die Menschen selten etwas, das vernünftig ist. Auch das metrische System hat sich erst spät "durchgesetzt". Fremdsprachen zu lernen ist negativ besetzt, weil man in der Schule Sprachen nicht lernen durfte, sonndern musste. In der Realität werden die Sprachkenntnisse nur selten angewandt und dann fällt das Sprechen wegen fehlender Übung schwer. Dies wird auch auf Esperanto projiziert. Es ist kaum bekannt, dass Esperanto andere Qualitäten hat: Es ist leichter Esperanto zu lernen als Nationalsprachen (es ist aber nicht einfach, sondern ausdrucksfähig wie Nationalsprachen), seine Sprecher haben Esperanto gelernt, damit sie sich mit Ausländern befreunden können. Sie bringen einander Vertrauensvorschuss entgegen. Das ist der besondere Reiz an der Esperantokultur, der nicht erkannt wird. Für die Wirtschaft ist nur interessant, was Geld einbringt. Da (fälschlicherweise) vermutet wird: Bei den Esperantoleuten ist nichts zu holen, interessiert sich niemand dafür, der als Multiplikator fungieren könnte.

Esperanto ist als gemeinsame Zweitsprache gedacht und soll nicht die anderen Sprachen verdrängen. Insofern gefährdet es diese nicht, im Gegenteil.

Bislang ist der große Durchbruch des Esperanto ausgeblieben, da die Entscheidungsträger sich nicht damit beschäftigt bzw. auf falsche "Experten" gehört haben. Wenn mir ein deutscher Europa-Abgeordneter schreibt, Esperanto sei nicht zur internationalen Verständigung geeignet, weil darin Kinderlieder fehlen usw., dann liegt er gleich zweifach daneben:

  • Erstens gibt es natürlich Kinderlieder, Literatur, usw.
  • Zweitens ist es nicht vorrangige Aufgabe einer internationalen Verständigungssprache, Kinderlieder hervorzubringen. In UNO-Sitzungen wird wohl kaum gemeinsam "Backe, backe, Kuchen" gesungen.

Es gibt auch immer noch mal wieder einzelne Sprachwissenschaftler, die sich negativ zu Esperanto äußern. Aber diese haben ausnahmslos keine praktische Erfahrung damit und müssten sich eigentlich schämen, sich über etwas wertend zu äußern, das sie nicht kennen. Die zuständige Fachgesellschaft, die sich mit Esperanto und anderen Plansprachen auskennt, ist die "Gesellschaft für Interlinguistik" in Berlin. Die kann kompetente Antworten hgeben, aber dort fragen Politiker lieber nicht nach.

Unrichtig ist hier die Aussage von "theShire", dass Esperanto das Problem habe, einfach zu sein. Hier verwechselt der Beiträger die leichte Erlernbarkeit mit der Ausdrucksfähigkeit. Esperanto ist bei relativ leichter Erlernbarkeit genauso ausdrucksstark wie ethnische Sprachen. Als Esperanto-Sprecher auf nahezu muttersprachlichem Niveau kann ich das bezeugen.

"Vio09" liegt auch daneben. Alle Sprachen sind "zusammengewürfelt" d.h. haben nur relativ wenige Wörter, die keine ehemaligen Lehnwörter sind. Und natürlich gibt es eine Norm im Esperanto, die entscheidet, was richtig oder falsch ist.

Dem ist eigentlich nichts mehr hinzu zu fügen. Ich habe die selben Erfahrungen und kann alles nur bestätigen.

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Rudolf schreibt: "Bislang ist der große Durchbruch des Esperanto ausgeblieben, da die Entscheidungsträger sich nicht damit beschäftigt bzw. auf falsche "Experten" gehört haben."
Zum einen: Das mit den falschen "Experten" stimmt. Es wird viel Unsinn zu Esperanto erzählt und geschrieben. Ich habe jetzt einen Text  "Populäre Irrtümer über Esperanto" zusammengestellt. ("Keiner spricht Esperanto", "Keine Kultur" und anderer Unsinn.)
http://www.esperantoland.org/dosieroj/PopulaereIrrtuemerUeberEsperanto__EsperantoLand.pdf
Um die Sprachwissenschaftler zu informieren, müsste wohl noch mehr über Esperanto in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht werden. Wobei nach meinem Eindruck immer die Aussagen zu betonen sind, die die Irrtümer richtigstellen. Vielleicht ist das in der Vergangenheit noch zu wenig geschehen.

Ein weiteres Problem sind manche Journalisten, die man als Schreibtischsesseljournalisten bezeichnen kann. Sie bewegen sich nicht zu Esperanto-Veranstaltungen, sie schreiben einfach nur, was ihnen so einfällt - das sind naturgemäß oft die populären Irrtümer. Leider telefonieren sie oft auch nicht mit Esperanto-Sprechern, um mal nachzufragen. Man will ja sein Weltbild nicht in Gefahr bringen...
Zum anderen glaube ich aber nicht, dass es in der derzeitigen Phase der noch geringen Verbreitung des Esperanto und der gängigen populären Irrtümer irgendeine Möglichkeit gäbe, die Entscheidungsträger von Esperanto zu überzeugen. Es ist leider klar, dass die eher einer "Zeit" oder Süddeutschen oder Neuen Zürcher glauben - auch wenn da im Artikel zu Esperanto noch so viel Unsinn drinsteht.

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