Wieso hat jemand der arbeitet kaum mehr als ein Hartz4 Empfänger und wieso empört sich da keiner drüber?

14 Antworten

Nun eigentlich sollte sich nicht die Frage stellen ob Hartz4 oder arbeiten, vor allem nicht im Bezug auf das Geld das man bekommt. Diese sozialen Systeme sind dazu da, Leute abzufangen die nicht können oder die aktuell nicht vermittelbar sind. Das ist nicht gedacht als Gehalt für den Beruf des Arbeitslosen, der dann in Konkurrenz zu anderen Berufen stehen soll.

Arbeit lohnt sich für die meisten nicht. Als Arbeitnehmer verscherbelt man seine Lebenszeit relativ günstig dafür, dass andere (Chef, Vorstand usw.) ihre Träume erfüllen. Klar einige wenige haben wirklich Spaß bei der Arbeit und gehen in ihren Beruf voll auf, für die ist das kein Tausch von Geld gegen Lebenszeit.

Nachdem die Grundbedürfnisse gedeckt sind, wie ein Dach übern Kopf und was zu beißen, werden sekundäre Sachen wie die eigene Moralvorstellung, was andere über ein Denken, Status usw. immer wichtiger. Da können ein paar Euro mehr für ein Auto, ein teureres Handy oder einfach der Gedanke, dass man fleißig ist bzw. andere das so sehen viel wert sein. Es geht also nicht nur um Geld durch Hartz4 vs. Geld durch arbeit.

Hartz4 ist eben die Grundsicherung, für viele bedeutet jeder Euro darüber Geld, dass sie frei ausgeben können, womit sich auch ein Job lohnt, der nur 50 Euro mehr einbringt. Auch kann ein schlecht bezahlter Job der Einstieg zu einen besseren sein.

Am Ende geht es halt nicht um gerecht. Ist es gerecht, dass ich im Jahr Sachen umsetze, für die der Kunde gut eine halbe Million zahlt, während ich da Netto im Monat keine 2.000 Euro rauskriege? Ich kann es natürlich auch selbstständig probieren, schauen ob ich an Kunden komme, ob ich der richtige Mensch dafür bin, mich mit Papierkram und Steuer rumschlagen, mich um Vertrieb und Marketing kümmern, ggf. sogar Leute einstellen und die führen.

Aber natürlich kennt man sich mit den ganzen rechtlichen Kram nicht aus und über 30% überleben die ersten drei Jahre nicht, sehr viele halten sich auch danach nur ganz knapp über Wasser mit massiv Überstunden. Klar kann es gut laufen und ich hab die halbe Mille abzüglich Steuern für mich, ggf. läuft es aber auch nicht so. Ergo legen sich die meisten ins gemachte Nest.

Warum man das mitmacht? Das sind nun einmal die Zahlen. Der Arbeitgeber ist nicht der Freund des Arbeitnehmers. Der möchte nicht, dass er sich mit dem Geld ein schönes Leben macht. Er möchte Gewinn machen. Maximalen Gewinn bei kleinen Invest (Gehalt). Wie hoch das ist, ist dann davon abhängig für wie viel die Leute bereit sind zu arbeiten. Das ist oft abhängig von dem Standort, da die Mieten einen großen Einfluss haben, ebenso von der Qualifikation.

Dabei geht es nicht darum ob Arbeit hart oder leicht ist, sondern nur darum wie viele Leute es gibt, die auf eine Stelle in dem Bereich kommen. Mehr Leute bedeutet, die Chancen für einen persönlich sind geringer. Die kann man natürlich erhöhen indem man sich günstiger verkauft usw. So entstehen eben die Gehälter.

Hinterfragen kann man das alles. Ich wollte schon immer in die IT. Die Branche wurde groß angepriesen als gebeutet vom Fachkräftemangel. Man möchte meinen, dass man hier gutes Geld verdient. Bei mir kommen jedoch auch keine 2.000 Euro raus. Klar das reicht zum Leben, im Alter bedeutet das jedoch Grundsicherung, für Wohnung und Essen wird das, was in der Rente bleibt nicht reichen. Das Problem betrifft natürlich vor allem Leute, die auch nicht genug haben um privat vorzusorgen. Und die Leute die ordentlich verdienen, die brauchen privat nicht vorsorgen, da es reicht.

Ansonsten bleibt eben, dass der Hartz4 Empfänger Hartz4 bekommt. Jemand der arbeitet, dem stehen zumindest in Deutschland, so gut wie alle Türen offen. Klar gibt es Leute mit körperlichen Einschränkungen, alte Menschen usw. die ihr Leben nicht mehr komplett umkrempeln können. Als jungen Menschen stehen einen hier doch alle Türen offen. Man kann schulisch über den zweiten Bildungsweg aufsatteln, studieren ggf. berufsbegleitend über eine Fernuni.

Und mal weg von den offiziellen Wegen, wie viel Zugang zu Wissen hat man denn bitte durch das Internet. Den Großteil meines Wissens habe ich mir autodidaktisch angeeignet. Würde ich meinen Beruf wechseln sollen, so könnte ich wahrscheinlich berufsbegleitend einfach ein wenig lernen und anschließend entsprechende Qualifikationen im Handumdrehen abholen. Dazu kann ich mir die Informationen zusammensuchen die mich interessieren, die so erklärt werden, dass ich sie verstehe, in meinen eigenen Tempo etc. pp.

Abgesehen davon geht es uns denke ich auch ziemlich gut. Klar kriegen wir in den Medien was mit von Stars und co. die Millionen an Euros raushauen. Ich bin mit gut 1,3 Netto eingestiegen. Am Hungertuch musste ich damit aber sicher nicht nagen. Habe gut gefuttert, eine schöne zwei Zimmer Neubauwohnung, die vollgestopft ist mit technischen Unterhaltungsgeräten, die kein Mensch brauch, bis hin zur Steuerung der Beleuchtung, Musik oder des Fernsehers über Zuruf.

Klar kann ich mich empören, warum die Welt so unfair ist, mich in eine Opferrolle begeben usw. Eigentlich weiß ich aber was ich ändern kann. Ich kann mich selbstständig machen. Genauso groß wie das Potential in finanzieller Sicht ist aber auch die Chance auf ein Scheitern. Ich könnte auch umziehen in eine größere Stadt im Süden, mir dort einen größeren Arbeitgeber suchen usw. Dafür die Stadt aufgeben, in der der Großteil der Familie lebt, in der Freunde leben, in der meine ganzen Kindheits- und Jugenderinnerungen sind.

Ich kann eine Menge ändern, ich tue es aber nicht. So geht es den meisten. Die meisten wollen aber auch gar nicht sehen, was sie ändern können, sondern sind neidisch auf andere und beschweren sich dann. Aber solange alle Grundbedürfnisse gedeckt sind, geht das über ein wenig Geweine in Internetforen eben nicht hinaus.

Wie soll man sich da auch groß empören? Soll ich zu meinen Chef gehen und sagen gib mir für die selbe Arbeit nun das doppelte Gehalt, ich leiste zwar nicht mehr aber ein Hartz4 Empfänger kriegt Xy, daher will ich mehr? Was interessiert das Unternehmen was ein Hartz4 Empfänger bekommt? Soll ich dafür kämpfen, dass ein Hartz4 Empfänger weniger kriegt? Geht es mir dadurch besser? Ist das dann fairer?

Ansonsten stoßen mir in unserer Wirtschaft eher ganz andere Sachen auf. Wir haben soziale Systeme, wo sich die ganzen Reichen bzw. Unternehmen die ordentlich Kohle scheffeln ausklinken über Steuertricks und co. während der Arbeitnehmer oder Kleinunternehmer voll ausgeblutet wird und wehe er hat das Finanzamt durch Unwissenheit mal um 5 Euro besch.. dann hagelt es Mahnungen ggf. Strafen. Anstatt dass man hier entlastet, damit diese Kleinunternehmer wachsen können, während Konzerne die Milliarden an Gewinnen einfahren das Geld durch Steuerparadise schiffen und ihre Putzfrauen am Ende mehr Steuern zahlen, als sie selbst.

Aber auch hier, so sind nun einmal die Gesetze und Gegebenheiten. Ich könnte mich da ja auch einarbeiten, anstatt mich zu beschweren. Lohnt sich sicher bei meinen Gehalt nicht, sofern das überhaupt möglich wäre aber beschweren ist eben einfacher.

Unterschiedliche "Denkschulen" würden auf deine Frage ganz unterschiedliche Antworten finden. Wer politisch am linken Rand steht, würde hier ganz anders antworten als jemand, der am rechten Rand steht. Im Folgenden nun meine Meinung, die natürlich auch durch meinen ideologischen Hintergrund gefärbt ist.

Meiner Meinung nach gibt es durchaus eine große Anzahl an Menschen, die sich über die von dir genannten Umstände/Misstände empören, das Entscheidende ist aber, dass sich diese Empörung nie zu einer größeren, öffentlichen Debatte entwickelt und so nur wenig Chancen hat, in das öffentliche Bewusstsein einzudringen.

Politische Debatten werden in unserem Zeitalter von den Medien bestimmt, insbesondere dem Fernsehn. Da sich das Fernsehn durch Werbung finanziert, wollen die Chefs der Medienkonzerne nicht die Bevölkerungsschichten mit geringer Kaufkraft ansprechen, sondern die kaufkräftigsten Schichten.

Und da es nunmal nur sehr wenig Reiche gibt, konzentrieren sich die Medien auf die Mittelschicht, insbesondere auf die obere Mittelschicht und scheren sich nur wenig um die Menschen, die nahezu am Existenzminimum leben, da diese Personen ohnehin das billigste Kaufen, beziehungsweise da sie sich die beworbenen Produkte nicht leisten können und daher durch Werbung kaum zu beeinflussen sind.Außerdem sind die Werbetreibenden nur wenig begeistert, wenn ein Fernsehsender darüber berichtet, dass Menschen trotz Arbeit am Existenzminimum leben und direkt darauf Werbung für den neuen Porsche 911er geschaltet wird.

Also strahlen die Fernsehsender lieber Shopping Queen, die Höhle der Löwen oder sonstigen Nonsens aus. Mehr zum Thema findet man in den Büchern Noam Chomskis, zum Beispiel "Manufacturing Consent".

Hm, hat zwar ein bischen "Lügenpresse" Touch, aber darüber hinaus sehr interessante Gedanken.

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@Maltodextrino

Noam Chomsky kommt eher von der linken Seite des Spektrums. Die "Lügenpresse"-Theorie wäre das Pendant auf der rechten Seite. Wenn man noch etwas weiter nach rechts geht, dann trifft man auf "Juden kontrollieren die Medien" bis zur "jüdischen Weltverschwörung". Ich möchte hier keinen politischen Kommentar abgeben, aber es ist doch auffallend, dass sich Noam Chomski deduktiver Methoden bedient, während Nazis und andere Rechtsgesinnte zu Verschwörungstheorien greifen.

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H4 macht abhängig, Abhängig vom System.

Ich habe mich bewusst für einen Teilzeitjob entschieden. Mein Einkommen liegt etwas über dem H4 Satz. Ich komme sehr gut zurecht mit dem Geld, habe genug Zeit für meine Hobbys, bin technisch gut ausgestattet, bin Versichert, habe keinerlei Schulden, habe Rentenansprüche und kann dennoch Geld sparren.

Derzeit bin ich auf 5 Wochen Asienreise und am überlegen, das nächstes Jahr auf 7-9 Wochen auszudehnen. Das währe weder H4 noch mit einem Vollzeitjob möglich. Ja es sind nicht die teuersten Hotels. Dennoch, da hier der Lebensstandard günstiger ist ist das ganze für mich Ok.

Ich fühle mich wohl mit diesem minimalisiertem aber unabhängigen Leben.

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