Wieso haben Psychologen so gute Nerven?

15 Antworten

Psychotherapeuten machen eine sehr lange und sehr gründliche Ausbildung. Sie lernen dabei den Balanceakt zwischen Anteilnahme, mitfühlen und auf der anderen Seite auch das Wissen: das ist nicht mein Leid, nicht meine Trauer, Wut, Angst. Sie können die Probleme und Emotionen sehr nahe an sich heranlassen - das müssen sie, wenn sie gut sind - und dennoch unterscheiden zwischen sich selbst und dem Patienten.

Zudem haben sie gelernt, wie man abschaltet, wenn die Arbeit vorbei ist. Eine Therapiestunde dauert nicht 1 Stunde und dann geht es weiter, sondern 45 bis 50 Minuten. In dieser Zeit kann man sich entspannen. Man redet, scherzt mit den Kollegen, guckt mal in den neuen Asterix und wenn nötig macht man sich ein paar Notizen, trinkt eine Tasse Kaffee.
Und wenn man nach Hause fährt, lässt man die Arbeit meist hinter sich. Ich selbst z.b. ein Pferd. Ich reite dann oft noch oder muss Stalldienst machen, tratsche mit Stallkollegen herum. Wenn ich dann nach Hause komme, ist die Arbeit vergessen.
Psychotherapeuten lernen es, sich zu schützen und nicht mitreißen zu lassen.

Stell dir vor, du sitzt in einem kleinen Boot und ein heftiger Wind kommt auf. Der Therapeut steht an Land und wirft dir ein Seil zu. Es würde dir gar nichts nützen, wenn er mit in dein Boot steigen würde.

Es gibt allerdings Fälle, die einen nicht loslassen, die in einem jede Menge Emotionen, eigene Ängste, Gefühle der Hilflosigkeit aufrufen. Dafür ist die Supervision da, die regelmäßig außerhalb der Arbeitszeit stattfindet. DAs kann die kollegiale Supervision sein, das ist oft auch eine Supervision mit einem Supervisor.

In meinem Fall ist es so, dass ich oft mit meiner Chefin rede. Wir verstehen uns sehr gut, haben die Ausbildung in demselben Institut gemacht - sie ist dort allerdings auch Lehrtherapeutin - und so kommt es oft vor, dass wir über unsere Fälle reden. DAs kann durchaus in der Kaffeeküche passieren. Man tauscht sich aus..
Mein "schlimmster" Fall war mal, als eine Patientin, die ich schon länger kannte, zu mir kam und die ersten Worte waren: "Ich muss sterben." Sie war noch nicht so alt, aber die Ärzte hatten bei ihr Pancreascarcinom diagnostiziert, eine Krebsart, die praktisch zum 100% zum schnellen Tod führt. Das steckt man nicht mal eben so weg. Ich konnte das nur durchstehen, weil ich wirklich die ständige Stütze meiner Chefin hatte. Und ich habe sie unterstützt, als sich einer ihrer Patienten aufgehängt hatte.

Aber die meisten Fälle sind doch eher alltäglich. Gott sei Dank. Wie sehr man von einem Fall mitgenommen wird, hängt natürlich auch von der Berufserfahrung ab. Wenn man das 1000. mal mit Magersucht und Ritzen in Berührung kommt, ist das was anderes, als wenn das das erste Mal geschieht.

Es gibt einen Rat für Therapeuten: nie mehr als 3 Borderliner pro Woche zu haben. Diese Patienten bringen einen nämlich wirklich oft an den Rand des Ertragbaren.

Aber die wenigsten Fälle sind so geartet.

Was in ihnen innerlich vorgeht oder was sie tatsächlich auf ihren Block krakeln? Wer weiß das schon. Ich bewunderte meine Therapeutin auch um ihre Fähigkeiten. Man merkte das sie nicht nur meine Worte hörte sondern auch das nicht gesagte.

Vielleicht wenn man sich darauf ausrichtet und es beinahe als Sport betrachtet mehr aus den Leuten heraus zu kitzeln als sie von sich aus erzählen? Vielleicht versinkt man dann nicht so sehr darin was erzählt wird weil man sich seine nächsten Schachzüge überlegt?

Und vor allem: Abgrenzung. Das muss jeder Mensch immer wieder trainieren. Nur meine eigenen Probleme nehme ich mir zu Herzen, die der anderen betrachte ich sachlich und lasse sie nicht auf emontionaler Ebene an mich heran. Oder kürzer: ich mache sie nicht zu meinen.

Klappt mal mehr mal weniger gut, muss ich mich auch immer wieder zu ermahnen. Oftmals kann ich nicht mal Nachrichten schauen weil mich das irre runterzieht was alles an Sche.. in der Welt passiert.

Und zu guter Letzt: sie sind nicht persönlich involviert. Sie begegnen einem direkt auf der Sachebene ohne jede persönliche oder emontionale Verbindung.

Wie gut man Fremden Rat geben kann sieht man doch auch an dieser Plattform ;)

Also kann ich dir nur zwei kleine Tipps geben: Sag stopp wenn dir zu nah geht was dir Menschen erzählen. Und übe dich in Abgrenzung. Jeden Tag aufs neue.

Ich bin zwar kein Psychologe befasse mich aber, seit über 35 Jahren, intensiv mit Psychologie. Es wird ihnen, den Studenten, während des Studiums beigebracht. Z. B: "ZU JEDER ZEIT, RUHE UND GELASSENHEIT!"  usw. Nur ein Beispiel, gell! Es eigentlich nicht der Beruf, sondern die BERUFUNG! Sie machen den Job gerne, wobei sie ihre eigenen Probleme, sofern sie welche haben, völlig Ausblenden können. Man kann es sich aneignen, indem man sehr viele Bücher darüber liest, was aber sehr zeitaufreibend ist. Voraussetzung: EMPATHIE. Du musst Dich in jede einzelne Person reinversetzen können. Das kann aber nicht jeder. Ich arbeitete mal als Steinmetz und verbrachte somit sehr viel Zeit auf Friedhöfen, um Grabsteine zu "setzen", also aufzustellen. Ein Stein kann sehr zerbrechlich sein. Oh, ein Reim. Zerbrechlich wie Glas. Und eines Tages war mir so, als könnte ich die Stille flüstern hören. Das bedeutet: Ich bin sehr "empfänglich." Angst ist hier fehl am Platz! Ein Psychologie-Studium kann aber auch manchmal langweilig sein, wie bei allen anderen Studienfächern auch. Du hast doch auch mal keine Lust auf Schule oder Arbeit. Ist halt mal so. Nein, nein, ein Psychologe muss nicht "cool" sein, auch er ist nur ein Mensch mit Ecken und Kanten. Wie wir alle. Jeder Beruf hat eben sein Vor- und Nachteile!

AB    

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