Wieso existiert sowas wie Terrorismus?

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5 Antworten

Die Antworten darauf sind nicht einfach zu geben – vollständig eigentlich überhaupt nicht. Für die Länge meiner Aufschreibung möchte ich mich vorweg entschuldigen (für die Rechtschreibefehler ebenfalls).

Die biografische Begründung ist zu kurz – auch wenn diese eine Rolle spielen können (z.B. eine aversive Kindheit), aber nur können und nicht müssen. Viele Jugendliche gerade aus instabilen Umfeld sind bereit in den Krieg zu ziehen.
Befragt man die Entwicklungspsychologie so werden erste Kausalitäten sichtbar: Die Phase der späten Adoleszenz und frühe Adultität zeichnet sich als eine massive Umbruchära im Leben eines jungen Menschen aus – bisherige Einzelpositionen wie Identität, erste Strategien und Konzepte, frühe Wertausrichtungen, erste Zielformulierungen, Bedeutungszuweisungen und Sinnstiftungen, Autonomieausrichtungen, Verantwortungsfragen, Lebensorganisation und Dispositionen (die mehr und mehr über die Peer-Beziehungen geführt werden, da die Eltern stark außen vor bleiben), erste Lebenskonzepte und Entwürfe müssen in adultstabile und adultkonforme „Systeme“ (von Identitäts-, Werte-, Strategie-, Wissens-, Überzeugungs-, Ziel-, Sinnsysteme usw.) überführt werden.
Als Einzelpersönlichkeitsausweisung geht es darum erste Bausteine für eine spätere Souveränität, Professionalität und Autorität zu gewinnen um eigene Sozialsysteme (wie das einer eigenen Familie), Berufssysteme, Verwirklichungs- und Handlungssysteme und die eigene Stellung in der Gesellschaft aufbauen und ausfüllen zu können. Dies erfordert einen ungeheuren psychischen und sozialen Kraftakt bei dem es familiärer, sozialer und gesellschaftlicher Halterungen bedarf.
Halterungen und Sicherungen die bei vorhandenen Leerstellen, Lücken und v.a. Brüchen bei solchen Fragen wie Vertrauensangeboten, Orientierungslinien, Ordnungsgrößen, Sinnbeständen und sozialen Implementierungen (wohin gehöre ich, zu wem gehöre ich) zu massiven Persönlichkeitsauslenkungen führen. Die extremistischen Sozialpathologien liefern leider für Jugendliche starke Klammern und Halteösen – suggerieren in ihren stark geschlossenen Gruppenstrukturen solche Faktoren wie Commitment, Geborgenheit, Zugehörigkeit, Identität, Überlegenheit, Selbstwertgefühle usw. und bedienen damit eine Klaviatur von vorgelegten Codierungen, Erwartungen, Überzeugungen, Emotionen, Zielen, Werten, Selbstregulierungsinhalten zur Identifizierung und Introjizierung (der Übernahme und Verinnerlichung der Ansichten der „Gruppe“ als wären es die eigenen), die die Gesellschaft nicht oder nur brüchig anbieten kann.
„Wo Menschen keine Chance mehr haben auf soziale und politische Teilhabe, wo sie sich dauerhaft benachteiligt sehen ohne die Möglichkeit, ihre eigenen Anliegen vorzubringen oder etwas an ihrer sozialen Lage zu verändern, wächst dem Politik-Philosophen zufolge die Anfälligkeit für Antworten, wie sie der Dschihad bietet: nämlich die Antwort der brutalen, vermeintlich ziellosen Gewalt. Eine entfesselte Gewalt, wie man sie aus dem Faschismus kennt und wie sie auch vom "Islamischen Staat" zelebriert wird.“ (Jürgen Manemann)

Die drohende Verwüstung der eigenen psychischen „Landschaft“ durch Hoffnungs-, Halt- und Identitätslosigkeit wird über solche kollektivpathologische Konstruktionen (wie politisch- oder religiös-ummantelten Organisationen und Gruppen) gleichsam überkompensiert in ein Art Boderline-Gebilde das über Symbole, Gewaltexzesse und Normierungen noch verstärkt wird. Der Einzelne wird entpersonalisiert und quasi neu konfiguriert als ein Ich im Wir, dass dabei das was ursprünglich gesucht wurde nicht mehr vorhanden ist (die eigene Identität zur Gruppenidentität wurde) geht im Rausch o.g. Exzesse und einer Scheinkompensation unter. Der Mensch wird zum Gefangenen dessen was er sein wollte und nun nur noch in einem ganz eng gespannten (Kollektiv)Rahmen sein kann – wenn er diese Entwicklungsdegeneration merkt ist es in aller Regel schon zu spät.

Die eigentliche Transformation findet in der „Gruppe“ statt – das eigene (irgendwann vorher beschädigte) Selbst und Identität, wird zum Gruppenselbst und zur Kollektividentität, der meist Jugendliche gibt sich praktisch selbst ab zugunsten einer neuen, in aller Regel als sakrosankt (heilig) definierten und verinnerlichten Identität die inflationäre oder gebrochene Selbststärke gleichsam neu ausfüllt, Ziele, Mut, Sinn, Werte, Bedeutungen auf diese Weise künstlich erzeugt – der Einzelne wird so zu einer „Kunstfigur“ die für Demagogen formbar wird.
Die wichtigste Frage bleibt dennoch unbeantwortet: Wo geschieht die Transition, der Übergang wo sich der Einzelne seiner selbst entledigt, wo er sich noch ganz individuell einer Sache hingibt – wo liegen sie Stellgrößen, welche Treibriemen werden wirksam: Zick/ Böckler schreiben: „ ….von individuellen Präferenzen (Traits etc.), sozialen Motiven und Gelegen-heitsstrukturen ab. Erleichternd ist eine Normalisierung der extremisti¬schen Gewalt im Umfeld der Inszenie¬rung, wie z. B. in Ingroups (Bezugs¬gruppen), Milieus oder kulturellen wie gesellschaftlichen Strukturen. Dass Gewalt individuell wie sozial vererbt werden kann, unterstützt die Annah¬me (…….). Wir nehmen aber da¬rüber hinaus an, dass sich mit einer erfolgreichen Radikalisierung von In¬dividuen und Gruppen auch die Um¬welten normativ verändern. Je norma¬ler der Extremismus wahrgenommen wird, desto höher ist die Wahrschein¬lichkeit einer Radikalisierung.“ (Andreas Zick & Nils Böckler „Radikalisierung als Inszenierung Vorschlag für eine Sicht auf den Prozess der extremistischen Radikalisierung und die Prävention“, Forum Kriminalprävention, 03/2015, S. 6 -16, hier S.7)

An irgendeinen Lebenspunkt muß es zu einem Ineinandergreifen, einem Schließen der bis dato „losen“ materiellen, sozialen, ethnischen, psychischen und genetischen Zugangsmerkmale und Parameter kommen. Der so dann impaktierte Mensch braucht dann nur noch eine zweite „Passung“- der die kollektiven Identitätsgruppe in der die Radikalisierung gleichsam in Form gebracht wird. „Radikalisierung ist nur unter Berücksichtigung der Beziehung von Individuen zu „ihrer“ Gruppe, die die Botschaft vertritt, das Verhältnis die¬ser Gruppe zu anderen Gruppen sowie das Verhältnis der Individuen zu den Outgroups zu verstehen. Auch „Lone Wolf“-Terroristen [wie vermutlich der Attentäter von Nizza] üben hoch expressi¬ve Gewalt stellvertretend für die Grup¬pe bzw. Religion oder Nation aus, sie handeln als kollektive Repräsentanten der Konfliktkonstellation „Ingroup ge¬gen Outgroup“ (Feinde, andere Ras¬sen, Ungläubige etc.). (ebd. S.8) Im Gehäuse des Kollektives kann es dann zu einer „vollständigen“ Radikalisierung kommen kann. „Radikalisierung in diesem Sinne ist ein Prozess des in Szene Set¬zens von Akteuren, ihren Netzwerken und Taten im Sinne einer rahmenden extremistischen Ideologie, die zur Ge¬walt strebt.“ (ebd. S.8) Ein sich selbst inszenieren, einer Feindinszenierung, einer Kollektinszenierung, einer Werteinszenierung und in der „Finalität“ einer Gewaltinszenierung an deren Ende der terroristische Gewaltakt in actu stehen kann.


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das hat immer und es wird es immer geben. leider.

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Kommentar von KittyLove18
15.07.2016, 18:12

Es ist traurig,dass wir nicht in Frieden leben können...

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Die Triebfedern sind Intoleranz und Rechtgläubigkeit.

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Weil Menschen, die anders denken als sie selbst, nicht in ihr Weltbild passen und es sie stört wenn sie existieren ...

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ich war in nice bin frazosin und kann sagen dass es nichts schones ist es ist sehr terrorisierendent sowas im echten leben zu erleben

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Kommentar von KittyLove18
15.07.2016, 18:10

Das glaub ich dir,alleine der Gedanke wie viele Menschen darunter leiden tut mir weh (nicht nur in Frankreich,sondern auch in anderen Ländern!)

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Kommentar von nettermensch
15.07.2016, 18:12

versteh ich jetzt irgendwie nicht

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