Wie würdet ihr einem Familienmietglied Selbstverletzendes Verhalten beichten?

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4 Antworten

Für Fragesteller/Fragestellerin und alle Mitlesenden hebe ich an dieser Stelle hervor, was auch aus anderen meiner Antworten zu ähnlichen Fragen hervorgeht:

Wer sich selbst verletzt, ruft NICHT um Hilfe! Obgleich man weitestgehend richtig feststellen darf, dass die sich selbstverletztende Person hilflos ist – in ihrer Situation.

Ich hebe mit aller Klarheit hervor, dass die Selbstverletzung der Versuch ist, dem innerlich empfundenen Schmerz ein VENTIL zu verleihen! Und das im Wortsinne. Dahinter stehen weder Glaube noch Gewissheit, dass der Schmerz danach ein Ende finde. Zumindest anfangs spielt die Hoffnung eine Rolle, sich selbst Zeit zu verschaffen – und die Selbstverletzungen nur einmal oder nur selten zu üben!

Die Heimlichkeit um Selbstverletzungen findet NICHT statt, weil betroffene Personen das Gefühl oder die Gewissheit haben, etwas für sie selbst Falsches zu tun. Sondern weil sie – begründete – Angst haben, sich um ein weiteres Stück „Verständnis“ zu bringen: Die Gesellschaft akzeptiert NICHT, dass jemand aus der Gesellschaft in eine so – subjektiv – AUSSICHTSLOSE Situation gebracht werden könnte, dass die betroffene Person zur Selbstverletzung greift. Der im alltäglichen Umgang mit diesem Thema zum Ausdruck gebrachte gesellschaftliche Konsens gibt Betroffenen die GEWISSHEIT, sich einmal mehr auszugrenzen!

Zugleich ist der innerlich empfundene Schmerzdruck SO unausweichlich, dass die gesellschaftl. Konsequenzen von der Selbstverletzung nicht mehr abhalten. Also finden die Selbstverletzungen zunächst verborgen, verheimlicht, vertuscht statt. In Maßen gelingt das auch (z. B. Narben, die mit einem Unfall oder einer Ungeschicklichkeit erklärt werden können). Aber irgendwann lässt sich nichts mehr vertuschen. Hier sind Betroffene dann mit einer unheilvollen Zwangsläufigkeit noch tiefer in die gesellschaftliche Isolation abgedriftet: Etwas, vor dem Betroffene Angst haben. Etwas, das Betroffene unter dem anhaltenden Eindruck des inneren Schmerzdrucks dennoch nicht VERHINDERN können!

Ein Arzt oder andere helfende Fachkräfte sollten sich IMMER darüber im Klaren sein, dass sie sich mit einer nur schwachen Ahnung von der inneren Not der sich selbstverletzenden Person zufriedengeben müssen. Und somit auch KEIN Mittel in der Hand haben, Betroffenen eine unmittelbare Hilfe anzubieten. Sondern nur versuchen können, Alternativen ANZUBIETEN, die entgegen der Selbstverletzung Wege für Betroffene sein KÖNNTEN!!! Was die Betroffenen dann für sich selbst herausfinden müssen.

Vor allem müssen Ärzte oder andere helfende Fachkräfte sich darüber im Klaren sein, dass bei allem Verständnis, dass sie zu haben glauben, sie niemals VERSTÄNDNIS gewinnen werden – WENN/FALLS sie nicht aus der eigenen Betroffenheit heraus (!) irgendwann eine helfende Aufgabe übernommen haben! „Verständnis“ nämlich kommt von „verstehen“ – nicht von Behutsamkeit! VERSTEHEN aber können sie als Außenstehende nicht – was auch immer sie sich anlesen oder auf Fachseminaren vermittelt bekommen. Das Vermittelbare ist immer nur die Oberfläche, das Sichtbare dessen, womit sie sich befassen – nicht aber das EMPFINDBARE.

Die Hilfsangebote Helfender scheitern NICHT, weil die von dem angedeuteten Schmerz Betroffenen in Wahrheit gar keine Hilfe haben wollen oder sich in der Aussichtslosigkeit ihrer Situation gefallen! Sondern sie scheitern, weil bei den Betroffenen der „Nerv“ nicht getroffen wurde. Sie scheitern, weil Hilfsangebote immer nur katalogisch sein können und möglicherweise erwiesenermaßen anderen schon geholfen haben (was auch nur augenscheinlich ist!). WENN die Hilfsangebote nämlich den „Nerv“ nicht treffen, dann sind es immer Konformierungsangebote – die manchen Betroffenen einen Konkon bieten, um darin für sich selbst allmählich ein Konzept zu finden, mit dem Schmerz umzugehen. Oder die nur einen zeitlichen Aufschub bedeuten, der irgendwann zum – von der Außenwelt wiederum nicht verstandenen – „Rückfall“ führt.

Mitglieder der unmittelbaren Familie sind (meistens) die ALLERLETZTEN, von denen Betroffene Verständnis erhoffen können. Denn bei Eltern geht es um eine achtbare oder misslungene „Erziehung“: Also Hinwendung zum eigenen „Kind“ (Traumvorstellung oder Trauma: ERZIEHUNG zum Wunsch- oder Musterkind). Bei Geschwistern geht es meistens um Konkurrenz: Um das richtige Maß und die richtige Form von Zuwendung durch die Eltern.

Bei Geschwistern geht es oftmals sogar um gegenseitige Vorwürfe – obgleich tatsächlich unterschiedliche Persönlichkeiten unterschiedlich auf vergleichbare familiäre Einflüsse reagieren. UND: Eltern gehen NIE mit allen Kindern gleich um. Die familiären Einflüsse sind immer nur vergleichbar als grobe Umfeldsituation – konkret und individuell ist ein jedes Kind in ein und derselben Familie unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt!!!

Wenn Du nicht eigentlich Hilfe und Heilung suchen würdest, hättest Du nicht den Drang, Deine Krankheit (erstmal) einem Familienmitglied mitzuteilen.

Dieses ist aber ganz sicher nicht der richtige Ansprechpartner und wird das nicht verstehen können. Du wirst Euer Verhältnis damit schwer belasten.

Beruhigen kannst Du da auch niemand, eher zutiefst beunruhigen!

Ärzten ist diese Störung wohlbekannt, und an einen solchen solltest Du Dich wenden, um Rat und Hilfe zu bekommen.

Oder willst Du damit weitermachen? Du wirst nirgendwo Verständnis dafür finden.

Erdbeermus 05.09.2014, 02:48

Ich bin bereits lange in Therapie! Und das weiß meine Familie auch.

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chinly 05.09.2014, 03:55
@Erdbeermus

Und wo liegt dann das Problem, wenn sie es schon wissen?

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chinly 05.09.2014, 05:05
@Erdbeermus

Wenn ich das jetzt vielleicht richtig verstehe, willst Du wohl Deine Familie von Deiner Selbstverstümmelung überzeugen? Weil Du wieder nach Hause willst, aber dort weitermachen willst?

Daß sie das hören, verstehen und auch weiterhin akzeptieren sollen?

Daß sie das als ganz selstverständlich und mit Verständnis hinnehmen sollen?

Du bist schon sooo lang in Therapie, hast Du denn schon Fortschritte in Sachen Beherrschbarkeit der Störung, oder ist schon eine konkrete Besserung eingetreten?

Du bist ja wahrscheinlich in Therapie gekommen, weil dieses Verhalten Deine Familie völlig überfordert hat. Und das wird auch weiterhin so sein, da kannst Du erklären, was Du willst.

Du kannst Deine Familie nur überzeugen, indem Du jetzt mal ernsthafte Schritte planst und umsetzt, um ein normales Leben zu führen, dazu gehört auch eine Lehre oder Arbeit. Es sei denn, Du hast das nicht nötig.

In der Therapie wird man Dir da schon helfen.

Wenn Du das allerdings ausschlägst, kannst Du nicht erwarten, von Deiner Familie willkommengeheißen zu werden. Denn wenn Du von Therapie und Amt weg willst, müßten sie Dich ja auch finanzieren!

Da dann einfach einen "Rückfall" zu haben, zerstört nicht nur Dich, sondern Du mutest Deiner Familie zu, daß sie von Dir (erpresserisch) zerstört werden. Wenn sie das nicht mitmachen können, kann man ihnen das nicht verübeln, so viel Nervenkraft hat kaum ein Mensch, und wenn er den besten Willen hat.

Bitte denk mal drüber nach!

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Was erwartet "derjenige" von demjenigen, dem er es beichtet? Absolution? Mitleid? Hilfe? Gehör? Dementsprechend wären geeignet Worte zu wählen. Eine ausdruckbare Vorlage wird Dir hier leider kaum jemand bieten können. Dennoch... viel Glück.

Erdbeermus 05.09.2014, 02:38

Gehör und akzeptanz in Therapie bin ich schon...

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chinly 05.09.2014, 03:27
@Erdbeermus

Gehör wirst Du schon finden, im guten Fall auch Toleranz.

Selbstzerstörung ist aber das Gegenteil von Selbsterhaltung, dem Ur-Trieb aller Lebewesen. Akzeptanz ist also sehr fraglich.

Wie kommt es, daß dieses Familienmitglied nicht weiß, daß Du in Therapie bist? Soweit ich weiß, kann man das ganz gut in den Griff kriegen.

Ich kenne jemand, der hat sich Brust und Arme aufgeritzt. Es wurde die Diagnose "Borderline" gestellt, er wurde sowohl stationär als auch medikamentös therapiert.

Wer ihn gut kannte, merkte aber nach anfänglichem Mitleid, daß diese Attacken und später auch Rückfälle immer dann auftraten, als es darum ging, sein Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen!

  • immer kurz vor Entlassung aus Krankenhaus oder Therapie ( er fühlt sich dort wohl und "beschützt"

  • immer wenn man ihn (30) wieder mit dem Thema Arbeit konfrontierte, und er Angst vor dem Verlust seiner befristeten Rente bekam.

Die Ursachen bei Dir können natürlich auch ganz andere sein, das können nur Ärzte und Du selbst herausfinden.

Was meint Dein Therapeut denn zu Deinem Anliegen? Auch er kann es Deinem Familienmitglied erklären, wenn Du damit einverstanden bist.

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Es geht nicht ums Beichten. Es geht nicht um die anderen. Die sind ja die Ursache. Es geht um dich. Geh und such dir Hilfe. Mit oder ohne die anderen!

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