Wie würden Sie den Bildbegriff definieren?

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1 Antwort

Ein Bild oder Abbild oder Abbildung ist erst einmal ein "Ersatz" für das Original, eine Anschauung für das Gemeinte. Zu Zeiten, als die Menschen langsam begriffen, dass sie anders sind als die Tiere, als ihnen um sie herum alles mit nicht genau erklärbaren Kräften versehen war, mit magischen Kräften, da waren Worte magisch und genauso Abbilder, ob symbolhafte Zeichnungen in ihren Höhlen oder figürliche Abbilder zur Anschauung für meist etwa größer Gemeintes. In dieses magische Verständnis passt das erste Gebot: Du sollst Dir kein Bild von mir machen! Du sollst Dir nicht meine magischen Kräfte aneignen! Der Unterschied zwischen der Kraft des Originals und des Abbildes wurde noch nicht so richtig getrennt. Später dann in Ägypten oder der Zeus in Athen mussten die Bilder schon sehr mächtige Ausmaße aufweisen, um diese Kraft zu vermitteln. Die Vielfalt dessen, was das Wort Bild direkt ausdrücken konnte, war durch die technischen Möglichkeiten begrenzt.

Heute müssen wir langsam wieder anfangen, die ausufernden Synonyma, die mit dem Begriff "Bild" eingefangen werden, wieder zu begrenzen, weil wir sonst im Verstehen in der Flut der übertragenen Bedeutungen von Bild in unserer "Seh-dominierten" Gesellschaft zu schwimmen beginnen. Alles ist Bild von ... . Oder ist es nur die Faulheit, genauere Bezeichnungen, die zur Verfügung stehen, präziser anzuwenden? Oder ist es "Abbild" unserer Beliebigkeitskultur, dass wir verschwommene, aufgedunsene Begriffe lieben, dass man uns damit nicht festlegen kann? Die Kulturtechnik mit Bildern und Figürlichem umzugehen ist eine entgegengesetzte zur Kulturtechnik der Sprache. Im ersten Fall übersetze ich Optisches nach Erkennen und Entschlüsselung in Sprache. Bei Sprache und Sprachbildern ist es umgekehrt, das muss abstrake Begrifflichkeit in greifbare Vorstellung übersetzt werden um dann evtl. noch Entschlüsselungsarbeit zu leisten.

Je größer die Vielfalt der Darstellung ist, desto größer der Bedarf, genau zu differenzieren. Ein Film wirkt anders wie ein Roman, und beide arbeiten mit anderer Distanz wie das Theater oder gar die Oper. Beim gemalten Bild unterstellen wir die Gestaltungsabsicht. Beim Foto müssen wir das erst lernen. Wer schon mal in der Werbung tätig war, kann ein Lied davon singen, wie dort Betrugsbilder als Abbilder vorgegaukelt werden. Wir sollten langsam Techniken entwickeln, um schneller herauszufinden, wo uns Bilder nur als Abbilder vorgegaukelt werden und wo der Beschiss lauert. Dabei ist es nicht nur das manipulierte Bild. Die wenigsten achten darauf, wie der Ton unsere Wahrnehmung eines Bildes oder einer Szene verändert. Umgekehrt fehlt uns meist das Wissen und die Technik, Bilder des Mittelalters zu entschlüsseln, weil wir die mitabgebildeten Symbole für Jungfräulichkeit, Bescheidenheit, Treue, Zeit oder Tod usw. nicht mehr kennen. Da betrachten wir nur vordergründig ein Bild und in den aufeinander bezogenen Symbolen versteckt sich eine ganze Weltsicht.

Wie philosophische Theorien haben auch Bilder und Abbildungen stark zeit- und umfeldbezogene Aussagen. Frühsteinzeitliche Höhlenmalerei kann man trotz Ähnlichkeiten nicht neben ein expressionistisches Bild von Paul Klee stellen ohne die vollkommen andere Weltauffassung herauszuarbeiten, die beide mittransportieren. Wenn ich mir Bilder der überladenen Architektur des Historismus von 1850-1900 in Frankfurt anschaue, wird mir verständlicher, welcher protzigen Ästhetik die Bilder von Feuerbach oder Böcklin entstammen. Einfach so an der Wand des Museums kommen sie einem so pathetich vor, wenn man sich nicht in Erinnerung ruft, dass die Zeit so war. Philosophisch ist das die Zeit von Nietzsche, Marx und Feuerbach - dem Ludwig. Bilder befruchten Gedanken und Gedanken bereiten das Verstehensumfeld von Ästhetik.

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Kommentar von Happiness88
29.01.2016, 00:14

Vielen herzlichen Dank für İhre Mühe und die Antwort, die nicht perfekter sein kann! 

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