Wie wird nach Th. W. Adorno "der Gedanke, dass die Gesellschaft auch anders sein könnte, den Menschen systematisch ausgetrieben"?

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3 Antworten

Gleich zu Anfang: Ich bin kein ausgewiesener Experte der Kritischen Theorie - was ich hier gleich sage, sind grundsätzliche Dinge, die meiner Meinung nach für die Beschäftigung mit Adorno wichtig sind.

Zunächst einmal, ist das, wie mir scheint, kein direktes Zitat von Adorno - zumindest nicht im entsprechenden Clip, sondern eher eine Zusammenfassung (die aber schon passt).

Worum es in der Kritischen Theorie meist geht - und das möchte ich, gleich vorweg sagen, weil ich mir sicher bin, dass einige der Antworten hierauf in diese Richtung gegen werden/würden - ist die Betrachtung abstrakter, systemischer Zusammenhänge und nicht die Beurteilung individuellen Verhaltens.

Die Rahmenbedingungen der Analyse in der Kritischen Theorie, ist in der Regel die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaft, geprägt von der kapitalistischen Arbeitsweise. Wichtig dabei ist, zu erkennen, dass der Kapitalismus ein System ist, dass erst einmal unabhängig von der individuellen Handlung ist; Er wird also nicht, wie oft angenommen, angetrieben von der Gier einiger weniger (Bänker, Vorstandschefs etc.) - das ist viel mehr eine Interpretation, die Adorno absolut zurückweise würde - sondern ist eben ein System, in dem jeder Mensch tendenziell seine Interessen erkennt und durchzusetzen versuchen (dass es dabei ganz unterschiedliche Ausgangsvoraussetzungen, Strategien und Erfolge gibt, ist dabei nicht so relevant). Grundsätzlich aber lässt sich sagen, dass sich die ganze Gesellschaft grundsätzlich nach den Erfordernissen der kapitalistischen Produktionsweise organisiert hat (oder organisiert wird) und jeden sein ganzes Leben lang begleitet - mit dem Effekt, dass dies zu einer solchen Selbstverständlichkeit geworden ist, dass sie eigentlich nicht mehr wahrnehmbar ist und somit die Vorstellung an jede Form von gesellschaftlicher Alternative (also Alternative zur kapitalistischen Gesellschaft - das sage ich nur, damit deutlich wird, das sowas wie die AfD in dem Fall garnicht zählt) als unvorstellbar erscheint.

Auch wenn ich es für grundsätzlich schwierig halte, der Kritischen Theorie mit konkreten Beispielen beizukommen, will ich es mal grob versuchen: Ein Beispiel dafür könnte sein, dass Bildung (Schule, Universität etc.) zunehmend nur noch so geplant wird, dass ihre Inhalte für die kapitalistische Arbeitsweise verwertbar sind. Das klingt auf dieser Ebene noch kritisch, wird aber eigentlich von den meisten Menschen automatisch mitgedacht (man stellt sich so die Frage: "Wofür brauche ich das im Leben?" und meint tendenziell: "Wofür brauche ich das im Arbeitsleben?")

Ganz wichtig ist mir nochmal zu sagen: Es geht hierbei nicht darum, dass irgendwelche "Mächtigen" in geheimen Hinterzimmern sitzen und sich ausdenken, wie sie die "normalen" Menschen davon abbringen können, an eine andere Gesellschaft zu glauben - sondern dieser Prozess ist losgelöst von Individuen und gekoppelt an den Kapitalismus selbst. Die "Mächtigen" denen man das unterjubeln will, sind Teil dieses Systems und dieser Selbstverständlichkeit, wie alle anderen auch - und haben daran nicht mehr oder weniger Schuld.

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Selbsterklärend wenn man den gesamten Text sich vor Augen führt:

"Jedenfalls will es mir dünken als ob der Menschentypus der heute auf
die Welt kommt vorweg schon zu einem ausserordentlich weitem Maßin die
verwaltete Welt hineinpasst, dass er glachsam in sie hineingeboren wird,
Starr sind diese Menschen weil sie eigentlich keine Spontanität mehr
haben, weil sie eigentlich garnicht mehr ganz leben, sondern weil sie
selber sich bereits als die Dinge, als die Automaten erfahren als die
sie in der Welt verwendet werden. Sie müssen bereit sein an jeder
Stelle ununterbrochen zu funktionieren, und wenn sie diese Bereitschaft
unter Beweis stellen dann entgehen sie der universalen Drohung, der
Arbeitslosigkeit
." (Theodor Adorno "Zur verwalteten Welt")

Der Mensch wird zur bloßen ökonomischen Verwertungsmasse deklassiert und kann wie die untere Mittelschicht in den U.S.A. zeigt von einem Job kaum noch die Familie ernähren. Diese soziale Devastierung der v.a. White Trash Schicht, hat am schärfsten der amerikanische Politologe Charles Murray in seinem Buch "Coming Apart : the State of White America, 1960-2010" (New York, NY , Crown Forum, 2013, 417 S.) nachgezeichnet.

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Kommentar von berkersheim
24.05.2016, 21:09

Sorry Herr Rosenblad, aber wie sieht es mit dem Geschichtsverständnis aus. Waren die Sklaven früher aus reiner Spontaneität in diese Rolle geschlüpft? Welche spontane Möglichkeit hatten die Bauern im Mittelalter, eine andere Rolle als Bauer einzunehmen. Wie kann man so tun, als ob das Rollengebundensein erst heute neu erfunden worden sei? Mussten Sklaven und Bauern in ihren Zeiten nicht funktioniern?? Und das zu wesentlich härteren Bedingungen. Ja, ich gebe zu, "der Mensch als Verwaltungsmasse" hört sich dramatisch gut an, sagt aber nichts anderes, als dass wir eine Massengesellschaft sind. Sollen jetzt MGs aufgestellt werden, um die Massen abzuschaffen? "Soziale Devastierung" hört sich auch toll an, so gelehrt. Und, glaubt jemand, ein sozial Devastierter heute wäre bereit mit dem Schicksal von Karl dem Großen zu tauschen, wenn er wüsste, wie dessen reale Lebensbedingungen waren. Aber ich habe Geduld, ich warte gerne, bis die neue Welt erfunden ist.

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Nun ja, das ist die Traumwelt eines Großbürgerkindes, das sich mit Musik und Kunst beschäftigt hat. Adorno hatte nie Kontakt zur Arbeitswelt und denen, die darin dafür gesorgt haben, dass es ihm nie an etwas gemangelt hat, obwohl seine einzig Leistung hohles Geschwätz war. Ich sage das mit gewisser Häme und Zorn. Ich bin groß geworden in einem "Dorf" von damals 8.000 Einwohnern, von denen die Väter der einen Hälfte ihre Familien als Hüttenarbeiter ernährt haben und die Väter der anderen unter Tag in den umliegenden Bergwerken. Wenn ich dem Vater meines Freundes, einem Bergmann, das Youtube-Video vorgespielt hätte, wäre seine Antwort einfach und klar gewesen: Dummschwätzer! Der soll mol was schaffe und sich nit von annere durchfüttere lasse.

Aussagen wie in diesem (übrigens in sich widersprüchlichen) Video sind gegenüber diesen Menschen herabsetzend. Allerdings hätte auch kein Arbeiter diesem geschwollenen Großbürgergerede länger zugehört. Gegen den Satz von Adorno könnte man einen von Immanuel Kant anführen:

"Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen ... dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es
anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so
bequem, unmündig zu sein."

Das ist die genau umgekehrte Sichtweise. Dass "systematisch ausgetrieben werden kann" verlangt nach Menschen, die das auch zulassen. Oder, es verlangt nach Menschen, die einen anderen Realitätssinn haben als der Träumer Adorno. Da hätte der Bergmann zurückgefragt: Hier wohnen im Umkreis etliche 100.000 Menschen. Womit sollen die satt werden? Mit Bilder malen oder Klavierklimpern? Sollen wir sie auf die Felder zum Hasenjagen schicken? Womit verdient denn dieser Herr Adorno seinen Unterhalt? Glaubt der, die Kohle, mit der er seine kalten Füße wärmt, kämen vom Schlaureden über Tage? Nein, es gab schon Gründe, dass Adorno die realen Arbeiter gemieden hat. Über sie reden, wenn keiner widerspricht, war leichter.


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Kommentar von Exisaur
24.05.2016, 22:48

Das ist ehrlich gesagt eine mehr als enttäuschende Antwort von jemandem, der hier als Philosophie-Experte ausgewiesen wird. Man muss mit Adorno nicht einer Meinung sein, aber sich nicht mal eine Sekunde auf eine inhaltliche Auseinandersetzung einzulassen ist mehr als schwach - besonders, wenn man jemandem wie Adorno unterstellt, ihm sei daran gelegen, die Menschheit geringschätzend beurteilen zu wollen.

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