Wie wird man Archäologe nach Studium?

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7 Antworten

Archäologe ist man nominell mit dem abgeschlossenen Archäologiestudium. Mal abgesehen davon, daß Archäologe keine geschützte Berufsbezeichnung ist und sich theoretisch jeder so nennen kann, aber das führt hier sicherlich zu weit.

Einen Job (einen Beruf hat man ja, die Frage ist doch, ob man ihn auch ausüben kann) bekommt man nicht anders als in anderen Berufen. Offene Stelle suchen und drauf bewerben. Jetzt kommt allerdings der Haken. Die Zahl der jährlich ausgeschriebenen Stellen ist extrem überschaubar. Nimmt man einmal lausig bezahlte Volontariate, von denen man kaum leben kann raus, wird die Luft sehr dünn. Sucht man jetzt auch noch in dem archäologischen Teilbereich, in dem man einigermaßen qualifiziert ist (was man nach dem Studium eigentlich kaum ist), bleibt kaum noch etwas übrig. An Universitäten, Museen und im Denkmalschutz verdient man ordentlich, nicht selten ist man verbeamtet. Bewirbt man sich auf eine dieser wenigen Stellen, muß einem klar sein, daß es ganze Heerscharen an Konkurrenten gibt. Können allein reicht nicht, auch Glück und Beziehungen spielen eine Rolle. Beziehungen heißt dabei nicht immer nur Vitamin B, sondern auch, daß man es schafft, sich im Fach einen Namen zu machen, damit andere die eigene Arbeit kennen.

Etwas besser sieht es bei Grabungsfirmen aus, dort werden gerade in der Grabungssaison häufig qualifizierte Mitarbeiter gesucht. Ausreichend qualifiziert ist man leider durch das in der Regel sehr theoretisch ausgelegte Studium kaum. Grabungsfirma heißt: Bezahlung ist lausig, Arbeitsbedingungen hart, wer sich nicht ausreichend qualifiziert, steht im Winter schonmal auf der Straße, zumindest bei windigen Firmen.

Wer es schafft, sich genug Wissen und einen guten Ruf aufzubauen, kann natürlich selbst eine Firma gründen und Leute anstellen, diese Grabungsfirmen-Inhaber verdienen nicht schlecht, tragen aber auch das gesamte Risiko. Ein paar ausbleibende Zahlungen, schon sieht die Welt ganz anders aus. Eine Alternative ist die Freiberuflichkeit, dort trägt man wenigstens nur für sich selbst die Verantwortung, nicht noch für x Mitarbeiter. Der Stundensatz ist dann nicht schlecht, man muß aber auf Dinge wie bezahlten Urlaub, bezahlte Krankentage etc. verzichten. Auch hier: Bleiben Zahlungen aus, schaut man schnell dumm aus der Wäsche.

Kurz und gut: Die Aussichten sind alles andere als gut, die Bezahlung schwankt enorm, Sicherheiten gibt es kaum. Selbst eine gut laufende Uni-Karriere kann mit dem Auslaufen der Stelle abrupt enden. Wer auf Sicherheit großen Wert legt und nicht allzu flexibel ist, ist mit einem anderen Beruf besser beraten. Wer sich dafür entscheidet, braucht gute Nerven, Glück und sollte zusehen, daß er zügig im Fach einen guten Namen hat. Möglichst hohe Qualifikation versteht sich von selbst.

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IchFrageEinfach 19.11.2015, 20:25

Danke für die lange Antwort! Was genau macht man als Freiberufler? Sucht man nach Ausgrabungen im Ausland oder recherchiert eher ? (Gehe noch in die J1, aber nach dem Studientag gestern denkt man schon ernst nach). Gehalt ist für mich nicht wichtig, aber natürlich will ich nicht auf der Straße landen trotz Abitur und Studium. Naja, Danke trotzdem! (:

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Jerne79 19.11.2015, 21:00
@IchFrageEinfach

Was du als Freiberufler machen kannst, ist davon abhängig, was du kannst. ;) Generell steht dir das offen, wofür du qualifiziert bist und wo Aufträge vergeben werden, in der Regel sind die eher kurzfristiger Natur. Natürlich kann man auch mal Dusel haben und längerfristige Aufträge an Land ziehen, aber steuern läßt sich das nur schwer. Projekt x sieht vielversprechend aus, wird aber dann eingestampft oder erweist sich vor Ort als kurzes Intermezzo. Projekt Y ist für 3 Wochen ausgeschrieben, zieht sich dann aber über Jahre. Dann muß man aber schon wieder schauen, ob man es allein überhaupt stemmen kann oder abgeben muß.

Grabungen im Ausland sind gegen Bezahlung eigentlich nur an der Uni drin, als Freiberufler kommt man kaum an solche Sachen ran. Ausnahme: Man ist stark spezialisiert und es wird gerade jemand mit dieser Spezialisierung gesucht. Der Haken: Eine starke Spezialisierung wird schnell zum Nachteil, wenn eben niemand jemanden braucht, der das kann, worauf man spezialisiert ist.

Nach über einem Jahrzehnt als Freiberuflerin im Fach würde ich sagen: Man sollte sich möglichst breit aufstellen und darf nie aufhören, sich fortzubilden. Letzteres tut man natürlich ausschließlich aus eigener Tasche. Je mehr man kann, desto mehr Chancen hat man.

Würde ich aber jemandem empfehlen, Archäologie zu studieren mit dem Ziel, sich anschließend als Freiberufler ins Haifischbecken zu stürzen? Eher nicht.

Die Freiberuflichkeit hat ihre Vorteile, ja. Du entscheidest selbst, auf welche Projekte du dich bewirbst, aber nicht, ob du genomen wirst. Es gibt Phasen, in denen muß man annehmen, was man bekommen kann. Wenn Freunde vom Urlaub reden, rechnest du selbst nach, ob du dir den Verdienstausfall in der Zeit leisten kannst. Kranksein? Besser nicht zu oft. Und wenn du auf einer laufenden Großbaustelle krank wirst... Dann schleppst du dich in der Regel mit dem Kopf unter dem Arm auf die Fläche, weil du weißt, daß ein Stillstand pro Tag eine 6-stellige Summe kostet und das den Auftraggeber sicher nicht glücklich macht. Feste Kollegen? Haste nicht. Vielleicht irgendwann Stammkunden. Du übernimmst die Verantwortung für alles, was du tust. Familienplanung? Schwierig. Der Wunsch nach einem Ortswechsel? Wünschen kann man schon, aber will man sich alles neu aufbauen?

Ich nehme das für die positiven Aspekte in Kauf, will diese Situation aber nicht bis zur Rente fortsetzen. Bevor ich zu einer Grabungsfirma gehen würde, würde ich mich aus dem Fach verabschieden. Ich kann meine eigenen Projekte publizieren, so lange ich Zeit und Energie dazu finde, denn bezahlt werde ich dafür nicht. Ich muß nicht quer durch die Region Aufträge annehmen, ich kann mich von einer Großstadt ernähren. Ich bin inzwischen in der Situation, daß ich Aufträge ablehnen kann, wenn mir ein Aspekt nicht taugt. In dieser Situation bist du in den ersten Jahren nach dem Studium sicher nicht. Hätte ich diesen Weg aber bewußt eingeschlagen, wenn es sich nicht einfach so entwickelt hätte? Ich bin mir sehr unsicher.

Ein gut gemeinter Rat: Mach Praktika, bevor du dich für irgendetwas entscheidest. Kläre, ob deine Vorstellung vom Fach irgendetwas mit der Realität zu tun hat. Meist tun sich doch zwischen Wunschdenken und Wirklichkeit Abgründe auf. Wenn du das erst hinterher feststellst...

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IchFrageEinfach 19.11.2015, 23:42

Danke, das hat mir sehr geholfen! Bin jetzt mit dem beruf zwar unsicher, ob ich diesen Weg gehen soll - Aber lieber jetzt als es später zu bereuen! Naja, habe ja noch ein Jahr vor mir

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Jerne79 20.11.2015, 02:42
@IchFrageEinfach

Denk vor allem daran: In der Archäologie kannst du nur schlecht einen Weg planen. Je mehr du dich von vornherein auf einen Karriereweg festlegst, desto mehr bist du eingeschränkt.

Aber mach erstmal ein paar Praktika, vielleicht nimmt dir das die Entscheidung einfach ab. Ein paar Wochen auf einer Grabung, wenn das Wetter nicht optimal ist und die Arbeit die erste Spannung verliert, da merkst du schnell, ob du das wirklich machen wollen würdest.

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Archäologe wird man vor allem im öffentlichen Sektor. Du kannst für Museen arbeiten, an der Universität oder in einem Amt für Boden- und Denkmalpflege.

Die Jobaussichten dafür sind recht mager, aber man muss sagen, dass es auch nicht soo viele Archäologen gibt. Es ist ein eher kleiner Markt.

Über die Bezahlung kann ich nicht viel sagen, aber reich wird man nicht damit. Dennoch sind die Archäologen, die ich kenne (es sind nur wenige), sehr zufrieden mit dem, was sie tun, und nehmen dafür Abstriche beim Gehalt durchaus in Kauf.

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Du kannst dich nach einem Studium auf eine Stellenausschreibung deiner Wahl melden und bewerben. So kommst du zu deinem Beruf. Jedoch...

Gibt es kaum Stellen. Und wenn es welche gibt, dann sind diese miserabel bezahlt und zu 98% Wahrscheinlichkeit in keinem Umkreis von 50km zu dir zu finden. Als Bachelorabsolvent findest du quasi garnichts. Hast du einen Masterabschluss kannst du schon versuchen den ein oder anderen Job anzustreben, wenn du bereit bist umzuziehen und dich mit dem Gehalt eines Kellners abfindest. Genommen wirst du auch nur, wenn du eine Vielzahl von Praktika und Arbeitserfahrung vorweisen kannst. In den Semesterferien solltest du daher stets Praktika absolvieren. Es ist empfehlenswert als studierter Archäologe zu promovieren. Mit einem Dr.-Titel findest du am ehesten eine Stelle. Du kannst auch an der Uni angestellt werden und selber lehren.

Ratsam ist es, sich in einem zweiten Bereich Kenntnisse anzueignen und so in Nieschen zu kommen, wo dir das Archäologiestudium einen Vorteil gegenüber Mitbewerbern bietet. Beispielsweise in der Informatik, Restauration, Grabungstechnik, Physik, Biologie etc.

Nur ein Bruchteil derer, die Archäologie studiert haben arbeiten danach auch in diesem Bereich. Daher solltest du dir gut überlegen, ob diese Leidenschaft eine etwaige Arbeitslosigkeit wert ist.


Weiterhin:

http://www4.uni-flensburg.de/fileadmin/ms2/inst/wipo/img/team/Lorenzen\_ChancenundPerspektiven.pdf

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IchFrageEinfach 19.11.2015, 20:09

Danke (:

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Kristall08 19.11.2015, 21:55
@IchFrageEinfach

Iiiiih, Chaos, nimm das weg!!!!!
Frau Lorenzen ist eine von denen, die es selber nicht geschafft haben, im Fach Fuß zu fassen und versucht nur, es anderen madig zu machen.
Es ist eben schwierig, wenn man sich als Archäologe nicht so gerne dreckig macht und lieber am Schreibtisch sitzt und Intrigen spinnt....

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Chaosweaver 20.11.2015, 00:32
@Kristall08

Ist Sie das? Ich muss gestehen, mich nicht ausreichend über den Verfasser informiert zu haben. Mit schien die Quelle als geeignet, da nicht nur Contra-Argumente zum Archäologie-Studium genannt wurden, sondern beide Seiten beleuchtet wurden.

Sollte dem wirklich so sein, so entschuldige ich mich!

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Jerne79 20.11.2015, 02:49
@Chaosweaver

Die Zahlen sind m.E. so falsch nicht, die Arbeitsweise der Dame ist nur ... fragwürdig. Zumindest decken sich die Zahlen recht gut mit meinen eigenen Erfahrungen. Und jetzt ist die U+F ja noch aussichtsreicher als beispielsweise die Klassische Archäologie.

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Ideal ist es, wenn man sich bei solchen Studienrichtungen schon während dem Studium um einen Nebenjob/ Teilzeitjob/ Ferienjob in diesem Bereich umsieht. Das erleichtert auf jeden Fall, später eine Arbeit zu bekommen, v.a. da ja nicht unzähliche Archäologen gesucht werden.

Ansonten kommst du zu einem Beruf wie bei jeder anderen Ausbildung / Studium - Bewerbung.

Wie hoch die Bezahlung im Schnitt ist, kann dir keiner Sagen. Das ist ja total unterschiedlich und kommt auf viele Faktoren (Erfahrung, Studium, Standort ....) an

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Im Rahmen Deines Studiums und Deiner Feldforschung wirst Du sicher Kontakte knüpfen. Die Dich beruflich weiterbringen (Stichwort "Networking"). Über den Verdienst kann man nichts sagen, weil der ganz unterschiedlich ist.

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Jerne79 20.11.2015, 02:46

Im Studium knüpft man kaum relevante Kontakte, denn die Wege an der eigenen Uni sind sehr limitiert. Bestenfalls kann man - so man es in die Gunst der Professoren schafft - einen Anschub für die ersten Jahre erreichen. Ob man das hinbekommt, hängt leider nicht allein von Engagement und Können ab.

Feldforschung kann nur betreiben, wer auch einen Auftrag oder eine Stelle hat, sonst bleibt einem nur die Bibliothek. Über Lehrgrabungen der Uni lernt man keine neuen Leute kennen.

Wer in der Archäologie Networking betreiben will, muß neben der Uni eine ganze Menge machen. Praktika, auch wenn sie nicht mehr gefordert werden, auf Tagungen gehen, auch wenn sonst keiner mitfährt, versuchen, erste Nebenjobs im Fach zu bekommen, möglichst nicht am eigenen Institut.

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Herb3472 20.11.2015, 03:36

Ich wollte den Fragesteller nicht verschrecken. Du hast eigentlich ohnehin schon Alles gesagt, was es dazu zu sagen gibt. Ergänzend möchte ich sagen, dass, wenn man Archäologie studiert, das eher nicht mit dem Ansatz tun sollte, damit einmal seine Brötchen verdienen und eine Familie ernähren zu müssen. Akademischer Taxifahrer ist auch ein ehrenwerter Beruf.

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Jerne79 20.11.2015, 13:33
@Herb3472

Na, ich weiß nicht... Wer von vornherein damit leben kann, hinterher auszuscheiden, hängt sich in der Regel nicht rein und macht genau das nicht, was ihm zumindest geringe Chancen beschert. In der Archäologie muß man mit voller Kraft und sehenden Auges losmarschieren.

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Herb3472 20.11.2015, 18:57

Darum würde ich auch nie Archäologie als Studium gewählt haben - weil die Berufsaussichten ziemlich trist sind.

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Kristall08 21.11.2015, 14:20
@Herb3472

So schlimm ist das gar nicht. Man kann mit einem Archäologie-Studium auch eine Menge anderer Sachen machen. ;)

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Herb3472 21.11.2015, 14:31
@Kristall08

Genau das meine ich. Es ist doch nicht sehr vernünftig, ein Universitätsstudium zu absolvieren, um dann als Quereinsteiger in einem völlig anderen Beruf zu arbeiten. Freilich gibt's das immer wieder einmal, aber vernunftmäßig nachvollziehbar ist es nicht - und es kostet den Steuerzahler einen Haufen Geld für nix und wieder nix.

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Kristall08 07.12.2015, 23:09
@Herb3472

Das ist doch Quatsch. Hätt' ich nicht Archäologie studiert, dann eben irgendwas anderes. Und mit welchem Beruf ich dann meine Brötchen verdiene, um meine Steuern zu bezahlen ist auch egal.

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Man IST Archäologe nach dem Studium.

Eine Stelle bekommt man, wenn man viel Glück hat, bei einem Landschaftsverband, einem (Boden-)Denkmalamt, einem Museum oder einer Grabungsfirma. mit ganz guten Kontakten auch beim DAI.

Die Aussichten sind nicht rosig und die Bezahlung für die körperlich schwere Arbeit mau.

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Nach dem Studium bist Du Archäologe, nur eben ohne Job. Den Job bekommst Du eigtl. am besten während des Studiums, denn als Archäologie-Student beteiligst Du Dich schon an Ausgrabungen und Forschung. Es sollte schon eine Aussischt auf einen Job dabei zu finden sein.

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