Wie wird die Anthroposophie in der Pflege bei Betagten angewendet?

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4 Antworten

Hallo BrausendesMeer,

zunächst einmal musst Du Dir klar machen, dass Homöopathie und Anthroposophie zwei vollkommen verschiedene, sich auch widersprechende esoterische Lehren sind.

Die Homöopathie ist etwa 200 Jahre alt, geht auf Samuel Hahnemann zurück und geht von der veralteten Vorstellung aus, Krankheiten entstünden durch eine Verstimmung der Lebenskraft. Homöopathische Arzneien werden nach der Ähnlichkeitsregel verordnet: Sie sollen ähnliche Symptome heilen, wie sie angeblich beim Gesunden hervorrufen. Homöopathische Arzneien sind in der klassischen Homöopathie dabei Einzelmittel, die aber so stark verdünnt werden, dass sie eigentlich gar keinen Wirkstoff mehr enthalten.

Die Anthroposophie ist rund 100 Jahre jünger und geht auf die Schriften Rudolf Steiners zurück, der angab, sein Wissen vor seinem geistigen Auge, in der nur ihm sichtbaren Akascha-Chronik zu lesen. Nach dieser Lehre besteht jeder Mensch aus vier Teilen: Dem Körper, dem Astralleib, dem Ätherleib und dem geistigen Ich. Ist das Zusammenspiel dieser von Steiner postulieren Wesensglieder des Menschen gestört, äußert sich das in Krankheiten. Diese werden mit Mitteln behandelt, von denen Steiner glaubte, sie würden das kosmische Harmonieverhältnis dieser Wesensglieder wieder herstellen. Ausgewählt werden die angeblichen Heilmittel dabei durch die sogenannte Pflanzenbeschau: Steiner oder einer seiner Nachfolger bestrachtet die umgedrehte Pflanze; Der dann oben liegende Wurzelballen wird aufgrund der äßeren Ähnlichkeiten dem menschlichen Kopf zugeordnet; die Blätter entsprechen den Extremitäten, der Stengel dem Rumpf, etc. Ist einer der Pflanzenteile außergewöhnlich geformt oder von auffälliger Größe, so gilt diese Pflanze als Heilmittel für Beschwerden im zugeordneten Körperteil. Auf diese Weise kommen in der Anthroposophie nicht unbedingt traditionelle Heilpflanzen zum Einsatz, sondern eben solche, die auffällig geformt sind.

Ebenfalls aufgrund äußerer Ähnlichkeiten sind Körperteilen und Beschwerden auch Planeten und Metalle zugeordnet. So gilt den Anthroposophen Gold als unter dem Einfluss Luzifers geronnenes Sonnenlicht. Es wird in der Anthroposophie entsprechend z.B. bei Depression eingesetzt, da es ein sonniges Gemüt erzeugen soll. Ähnlich auf reiner Äußerlichkeit beruht der Einsatz der Mistel in der Krebstherapie. Als auf dem Baum schmarotzende Pflanze wird sie gegen Geschwüre eingesetzt.

Mit der Homöopathie gemeinsam hat die Anthroposophische Medizin, dass sie ihre Präparate verdünnt und während des Verdünnungsvorganges verschüttelt - im Glauben, dieses Verschütteln setze geheime, geistartige Kräfte frei - eine Vorstellung, die naturwissenschaftlich (wie das meiste andere auch) nicht haltbar ist. Allerdings werden anthroposophische Arzneien i.a. weniger stark verdünnt - meist ist in den Arzneien anders als in der Homöopathie der angegebene Wirkstoff noch enthalten; und sie werden oft nicht als Einzelmittel eingesetzt, sondern in nach der Lehre zusammengestellten Mischungen, die die vier Wesensglieder harmonisieren sollen. So besteht ein in der Anthroposophie eingesetztes Schilddrüsenpräparat z.B. aus einer Mischung aus Eisen (R. Steiner beschreibt es in "Arbeitsfelder der Anthroposophie" als den "Regulator des Zusammenhanges zwischen physischem Leib und ätherischem Leib einerseits und astralischem Leib und Ich-Organisation  andererseits") und Thyreoidea (Glandula thyreoidea bovis), sehr hoch verdünnte Schilddrüse eines Rindes.

Eine Wirksamkeit derartiger Mittel wäre rein zufällig, weil sie ja nicht nach medizinischen Gesichtpunkten zusammengestellt werden, sondern nach esoterischen Vorstellungen, die oft auf alchemistische und astrologische Ideen zurückführbar sind. Sowohl Homöopathie als auch Anthroposophie genießen in Deutschland gesetzlichen Sonderstatus: Die "Arzneien" brauchen - anders als zugelassene Medikamente - keinen Nachweis einer Wirksamkeit erbringen.

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In der Pflege wirst Du damit rechnen müssen, dass derartige medizinische Vorstellungen zur gelebten Praxis gehören. In vielen Broschüren wird man den esoterischen Hintergrund nicht auf den ersten Blick erkennen. Doch sollte man sich klar machen, dass immer dort, wo es in Texten heißt, man betrachte den ganzen Menschen oder führe harmonisierende Gesten durch, dass dort eine Harmonisierung mit Astralleib und Ätherleib gemeint sind und es sich bei den Gesten eben nicht um medizinisch notwendige oder erprobte Griffe handelt, sondern um nur in der esopterischen Gedankenwelt Steiners Sinn ergebende Gesten mit angeblicher kosmischer Bedeutung.

Man erkennt das in den Texten oft nur ansatzweise, zum Beispiel darin, dass den "zwölf pflegerischen Gesten" (http://www.vfap.de/anthroposophische-pflege/pflegerische-gesten) eben die 12 Tierkreiszeichen und damit die Planetenmetalle zugeordnet sind. Oder ein Pfleger einen Patienten versucht, aus einer Mondstimmung zu holen. Ein typisches Merkmal der anthroposophischen Alterspflege ist beispielsweise auch das rhythmische Einreiben, das ebenfalls nach dem Konzept der Vier Wesensglieder gedacht ist. (http://www.vfap.de/anthroposophische-pflege/rhythmische-einreibungen-n-w-h). Manchmal findest Du auch die Bezeichnung "rhythmische Massage" (http://www.anthrowiki.at/Rhythmische_Massage)

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Auf der verlinkten Seite des vfap (Verband für anthroposophische Pflege)

www.vfap.de

findest Du eine ausführliche Beschreibung der anthroposophischen Pflege. Klick' Dich links durch das Menü. Kritische Stimmen wirst Du dort - beim Anbieter - natürlich nicht lesen.

Wie bei aller Alternativmedizin muss man sich hier klar machen, dass ein Nachweis einer Wirksamkeit in diesem Konzept nicht vorgesehen ist - sondern Steiners Worte in dogmatischer Weise geglaubt werden. Eine solche Pflege kann als empathischer, zwischenmenschlicher empfunden werden, weil die oft teuren Privatheime weniger überfüllt sind. Ein naturwissenschaftlich, rational orientierter Patient wird unter der gelebten Esoterik leiden. Wer immer schon sein Horoskop gelesen hat, den wird das weniger stören.

Problematisch werden solche Konzepte, wenn zum reinen Alter Krankheit dazukommt. Anstatt mit nachweislich wirksamer Medizin wird dann mit kosmischen Gesten und Arzneien ohne Wirkungsnachweis "behandelt". Das kann - allein durch die Unterlassung einer wirksamen Behandlung - schnell auch gefährlich werden, gerade bei vorgeschwächten Patienten.

Mich persönlich brächten keine 10 Pferde in ein solches Heim.

Grüße

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BrausendesMeer 05.10.2016, 23:21

Super jetzt hab ich es wenigsten verstanden! Klasse! Danke! 

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Alles was Anthoposophie betrifft, ist deutlich rückläufig. Weil immer mehr erkennen, daß das seltsame veraltete Esoterik ist.

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BrausendesMeer 05.10.2016, 19:45

was heisst denn rückläufig? Sie wird ja in der Pflege eingesetzt 

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Rationales 05.10.2016, 19:50
@BrausendesMeer

Rückläufig heißt nicht, daß etwas gar nicht mehr vorhanden ist. Aber daß es wegen der geringen Sinnhaftigkeit immer seltener praktiziert wird.

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Ich empfehle Dir mal ein beliebiges Werk des Anthroposophen-Gurus Rudolf Steiner zu lesen (bzw. es zumindest zu versuchen).

Danach bist Du dann wahrscheinlich von Anthroposophie geheilt....

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BrausendesMeer 05.10.2016, 21:44

Ich hab  sehr viel dazu gelesen brauche aber etwas kurz gefasstes. Bei mir klappt es nicht so mit dem kurzfassen ;D

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hauptkriterium ist die achtung der individualität des zu pflegenden menschen


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