Wie wird das Kaiserreich heute in Deutschland angesehen und wie findet ihr es?

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6 Antworten



Ich bin ein Fan des Kaiserreiches.

Warum auch nicht. Diese Zeit ist in mehrfacher Hinsicht höchst interessant und hat es verdient, sich mit ihr zu beschäftigen.

Es war eine gute Zeit,

Das ist viel zu pauschal geurteilt. Es kommt sehr darauf an, genau zu differenzieren, für wen es "eine gute Zeit" war!

in der Deutschland stark war und viel Fortschritt herrschte und die Armut zurückging.

Nun, wenn es danach ginge,

  • dann gab es auch andere zeitgenössische Länder, auf die dieses Urteil zutrifft    und
  • dann wäre das Kaiserreich im Vergleich zu heute die weitaus schlechtere Zeit.

Hätte Deutschland den ersten Weltkrieg gewonnen wären die Nazis niemals an die Macht gekommen und der Holocaust wäre nie passiert und Deutschland wäre nie geteilt worden.

"Hätte" - das ist ein Irrealis und bleibt daher schlichtes Spekulieren. Historiker halten sich aber vornehmlich an die Fakten.

Ich habe manchmal den Eindruck das diese Zeit heutzutage trotzdem als schlecht angesehen wird und immer mit dem 3.Reich verglichen wird obwohl es damit nichts zu tun hat.

Gerade "heutzutage" wird das Kaiserreich keineswegs vor dem Hintergrund des Naziregimes beurteilt. Heutige Historiker vergleichen das Kaiserreich mit anderen Ländern der damaligen Zeit und ihren unterschiedlichen Entwicklungen. Daher wird man über das Kaiserreich auch nur sehr differenziert urteilen können und sich vor Pauschalurteilen hüten müssen, denn es gab Gutes und Schlechtes!

Die Kolonialgeschichte war in meinen Augen gut und den Menschen ging es dort besser als in Britischen oder französischen Kolonien.


Die Kolonialpolitik sollte nicht verherrlicht werden! Sie war für das Kaiserreich überwiegend eine sinnlose Belastung, und wenn sie durchschnittlich auch nicht schlechter war als die Frankreichs und Großbritanniens und keineswegs so barbarisch wie die belgische Kolonialherrschaft im Kongo, so haben die Deutschen doch durch ihren Völkermord an Herero und Nama erhebliche Schuld auf sich geladen. Nein, die deutsche Kolonialpolitik war weder für das Kaiserreich selbst "gut" noch für die Völkerschaften unter deutscher Kolonialherrschaft, die ausgebeutet und kulturell unterdrückt wurden.

Kurz: Das Kaiserreich ist eine hochinteressante Epoche, die jedoch nur sehr differenziert beurteilt werden darf. Alle Pauschalurteile sind unangebracht.

Ich möchte noch ein paar Bücher empfehlen. Die beste Darstellung ist immer noch:

  • Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866-1918. Bd. I: Arbeitswelt und Bürgergeist; Bd. II: Machtstaat vor der Demokratie. Tb.-Ausgabe 2013.

Forschungsübersicht:

  • Ewald Frie: Das Deutsche Kaiserreich (Kontroversen um die Geschichte). 2. Aufl. 2012.

MfG

Arnold



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Kommentar von LukDill02
27.06.2016, 21:13

"Heutige Historiker vergleichen das Kaiserreich mit anderen Ländern der damaligen Zeit und ihren unterschiedlichen Entwicklungen" Ich denke dem Fragesteller geht es nicht um die Historiker sondern um das schlichte Volk

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Wäre mir ja denn doch neu, dass die Armut wegen eines wenig intelligenten Männchens zurück gegangen wäre. Hast Du dafür auch nur einen einzigen Beweis? Wirst keinen finden. 

Du wirst aber manchen Beweis dafür finden, das der wirtschaftliche Wandel durchaus sehr großen Einfluss hatte. Ich zitiere hier mal beispielhaft aus der Rezension eines entsprechenden Fachbuches zu Deiner Behauptung: 

Im Anschluss an die Wirtschaftspolitik folgen Kapitel zu Unternehmen, Unternehmenskonzentration und Kartellierung sowie Banken und Finanzmärkten. Das Kapitel zu den Unternehmen konzentriert sich vor allem auf die Beispiele Siemens und Krupp, hier hätten weitere Beispiele zu kleineren und mittleren Unternehmen sowie zu Unternehmen aus anderen Branchen die Darstellung wesentlich bereichert. Zudem erscheinen Unternehmer, Angestellte und Arbeiter wenn überhaupt nur als statistische Größe – die Darstellung bleibt durch den gewählten Ansatz so recht blutleer. Im Kapitel zu den Banken und Finanzmärkten hebt Burhop besonders den Ausbau und die Bedeutung der Sparkassen und Hypothekenbanken hervor. Die Marktanteile der Finanzintermediäre änderten sich im Kaiserreich grundlegend. So erlebten Sparkassen und Hypothekenbanken zwischen 1860 und 1880 einen bemerkenswerten Aufstieg. Sparkassen entwickelten sich nach der Jahrhundertwende zunehmend zu Universalbanken. Zu den Verlierern zählten Noten- und Privatbanken, die 1913 weniger als 5 Prozent Marktanteil aufwiesen. Die Aktienkreditbanken vergrößerten ihren Marktanteil besonders in der Zeit nach 1880. Im Jahr des Kriegsausbruchs hatten Sparkassen, Hypothekenbanken und die Aktienkreditbanken je einen Marktanteil von einem Viertel, das restliche Viertel teilten sich Noten-, Privat- und Genossenschaftsbanken (S. 169). Neben den Universalbanken, so betont Burhop, gab es im Kaiserreich einen großen und effizienten Aktienmarkt.

Im abschließenden Kapitel zur Wirtschaft im Ersten Weltkrieg unterstreicht Burhop die Vernichtungskraft des Krieges: "Die Leistung einer ganzen Generation war durch den Ersten Weltkrieg zerstört worden." Das durchschnittliche Einkommen 1918 war in etwa so hoch wie dasjenige von 1895 (S. 215). Zudem arbeitet er Unterschiede in der internationalen Kriegsfinanzierung heraus. In Großbritannien und in Deutschland wurden die Kriegsausgaben zu ähnlich großen Anteilen mit Schulden finanziert. Allerdings geschah dies in Deutschland vor allem durch die Notenpresse, das heißt durch die Erhöhung der Basisgeldmenge. Sie wuchs zwischen Ende 1913 und Ende 1918 von 7,2 Milliarden Mark auf 43,6 Milliarden Mark. Dagegen setzte Großbritannien vor allem auf langfristige Staatsanleihen.

Klammert man die vier Kriegsjahre aus, urteilt Burhop abschließend, war das Kaiserreich eine wirtschaftliche Erfolgsstory. Die dazu erfolgten Entwicklungsschritte veranschaulicht seine Einführung sehr gut, wobei die Stärke in den Kapiteln zur Wirtschaftspolitik sowie zu Banken und Finanzmärkten liegt, die Studierenden zur Einführung sehr zu empfehlen sind. Insgesamt spricht Burhops Arbeit dabei eher die höheren Semester an, richtet sich aber zugleich an die Fachwelt.

Quelle: http://www.hsozkult.de/review/id/rezbuecher-16049?title=test-url-titel

So. Jetzt magst Du daraus falsch den Schluss ziehen, da sei ein Titelträgerchen schuld dran gewesen. Und genau da liegt Dein Irrtum. Denn Dein Titelchen fand den Krieg bis zuletzt toll. Da war er schon längst aus seinem eigenen Land mit vollgestunkenen Hosen geflohen und - lese selbst die Auswirkungen auf Wirtschaft und damit Bevölkerung. 

 "Die Leistung einer ganzen Generation war durch den Ersten Weltkrieg zerstört worden."

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Kommentar von Lhofrath
27.06.2016, 15:30

Ich meinte mit der zurückgehenden Armut nur das eingeführte Versicherungssystem,das aber von Bismarck eingeführt wurde,ja er wäre besser für das Land gewesen

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Hätte Deutschland den ersten Weltkrieg gewonnen

Hätte Deutschland einen vernünftigeren Kaiser gehabt, wäre es eventelle gar nicht zum Ersten Weltkrieg gekommen.

Die Kolonialgeschichte war in meinen Augen gut und den Menschen ging es dort besser als in Britischen oder französischen Kolonien.

Besonders den Herero und den Namas ...

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Kommentar von Lhofrath
27.06.2016, 11:31

Der Krieg wurde von ihnen begonnen und es war kein Völkermord da der Kaiser persönlich den Befehl zurücknahm und Trotha nur Männer erschließen ließ die noch auf dem Boden der Deutschen waren.Bald will Italien bestimmt noch Geld für varus Legionen weil Deutschland ja so schlimm ist.

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Kommentar von LukDill02
27.06.2016, 21:19

Ich persönlich sehe das eigentlich auch so. Ich meine der Holocaust der Nazis, der 6 Mio. Juden das Leben kostete ist heute weltweit bekannt. Aber von dem Kongogräuel wusste ich bis vor kurzem nichts und dort sind ja fast doppelt so viele Leute gestorben.

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Kommentar von zetra
28.06.2016, 16:38

Als Spezialist bleibst du den fragenden Usern eine tatsächliche Zustands-Erklärung dieser Zeit schuldig.

Meinen Beitrag habe ich relativiert.

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Da darf man aber nicht übersehen, dass es dem "Fußvolk" nicht gut ging, wenn Du jetzt verstehst, wie ich das meine.

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Ja heute wird das Kaiserreich oft sozusagen als "Ermöglicher" für das 3. Reich angesehen (Nationalismus, 1. Wk Schuld etc.). Leider ist da auch was dran.

Trotz allem stimme ich dir zu. Wäre der 1. Wk nicht gewesen bzw. hätte man ihn gewonnen, wäre das Kaiserreich durchaus
weiterhin ein blühender Staat gewesen.

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Kommentar von Lhofrath
26.06.2016, 22:41

Hätte Frankreich oder GB den Krieg verloren wäre dort vielleicht auch eine Dolchstosslegende gewesen und vielleicht wäre dort so ein Regime entstanden.Nationalismus gab es auch überall von daher trifft das nicht nur auf Deutschland zu.

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Kommentar von LittleBobV2
27.06.2016, 23:25

Ja hab auch nicht gesagt, dass das nur auf Dt zutraf.

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Nach den Kriegen mit Napoleon bis 1848 wanderten 670 Tsd. Deutsche aus.

Von 1848 bis 1870 waren es schon 1,7 Millionen, die das Weite suchten. Alles unter einer Kaiserzeit.

"Die Weber". Gerhard Hauptmann hat es in Szene gesetzt, ziehe dir diese Zeilen ein und du wirst vorsichtig mit der guten alten Kaiserzeit umgehen.

Der letzt Kaiser galt unter Insidern als leicht unterbelichtet, somit konnte der 1. Weltkrieg beginnen. Noch als dieser Krieg schon als verloren galt, wollte er in seiner Einfalt 200 Matrosen in Kiel füsilieren lassen. Übrigens, die Holländer waren froh, den Kaiser bis zu seinem Tode, beherbergen zu können.

Hypothetisch: Hätte DE den 1. Krieg gewonnen, hätten wir heute ein gewaltiges Problem mit den Menschenrechten in den Kolonien, am Pranger ganz vorn, würde ich meinen.   

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Kommentar von PatrickLassan
27.06.2016, 13:19

Von 1848 bis 1870 waren es schon 1,7 Millionen, die das Weite suchten. Alles unter einer Kaiserzeit.

Falsch, alles vor der Kaiserzeit. Das Deutsche Reich wurde bekanntlich erst 1871 gegründet.

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