Wie wichtig ist die Sitzposition beim meditieren?

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4 Antworten

Ich habe einige Jahre Erfahrung mit Meditation und äußere mich mal dazu.

Die körperliche Haltung ist von entscheidender Bedeutung denn Geist und Körper beeinflussen sich gegenseitig und spiegeln einander wieder.

Die Haltung ist nicht einfach irgendeine "Äußerlichkeit", die man bei geistiger Sammlung einfach vergessen sollte

Ich habe hier bereits einmal geschrieben, weshalb beispielsweise der Schneidersitz ungeeignet ist - vielleicht ist die Antwort für dich von Interesse.

https://www.gutefrage.net/frage/kann-man-auch-im-schneidersitz-meditieren?foundIn=list-answers-by-user#answer-188857345

Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass du dies nun gelesen hast, so dass ich mich nicht groß wiederholen muss.

Hier also noch ein paar weitere Erklärungen.

Man sagt "mens sana in corpore sano" - ein gesunder Geist, in einem gesunden Körper und ich würde abgewandelt sagen: Ein ausgeglichener Geist, steht im Zusammenhang zu einem ausgeglichenen Körper.

Wenn ich sage, "Geist und Körper beeinflussen und spiegeln einander", dann will ich damit sagen, dass die Haltung einen Einfluss auf den Geist hat und sich die geistige Verfassung in der Haltung zeigen kann.

Beispiel:

Wenn man die Hände im "kosmischen Mudra" im Schoß hält - die linke Hand ruht auf der rechten, die Daumen liegen parallel und berühren sich - dann hat man ein besonders gutes Beispiel, wie sich Geist und Körper beeinflussen.

Ist man geistig zu angespannt und denkt zuviel, pressen sich die Daumen aneinander, bis die Handhaltung eher einer Zwiebel entspricht.

Ist man geistig zu müde und unkonzentriert, fallen die Finger nach unten und zeigen somit den Zustand der geistigen Erschlaffung.

Sitzt man dagegen in einer stabilen, ausgeglichenen Position, in der keine besonderen Spannungen den Körper belasten, fördert das auch einen ruhigen und klaren Geist

Negativbeispiel

Ein genaues Gegenbeispiel sehen wir in der berühmten Plastik "Der Denker" von Rodin. Dort ist so ziemlich alles aus dem Gleichgewicht geraten.

Der Rücken ist gerundet, der Nacken gestaucht und der Körperschwerpunkt liegt weit oben. Der Körper kämpft so sehr gegen die Schwerkraft, dass er sogar den Kopf stützen muss. Eine entspannte Bauchatmung fällt ebenfalls schwerer.

In dieser Position die Gedanken fließen zu lassen, ohne sich zu verspannen (geistig und körperlich) ist deutlich schwerer, als in einer stabilen aufrechten Sitzposition, bei der das Gewicht nach unten gerichtet ist und sich auf breiter Basis verteilt

Was machen?

Wie im obigen Link beschrieben, sehe ich den Lotossitz und seine Variationen in Kombination mit einem festen Sitzkissen als besonders sinnvoll an.

Es geht nicht darum, besonders "heilig" oder "exotisch" auszusehen, sondern diese Haltung bietet einfach Vorteile, die der Schneidersitz nicht bietet.

Ich würde jedenfalls empfehlen, eine der vom Lotossitz inspirierten Haltungen zu nutzen. Sollte das, evtl. aufgrund einer Meniskusverletzung oder anderer körperlicher Handicaps nicht gehen, schlage ich das Sitzen auf einem Stuhl vor.

Wenn man darauf achtet, dass der Stuhl hoch genug ist, damit die Oberschenkel nicht die Atmung im Bauch behindern und man sich nicht anlehnt, womöglich auch ein Keilkissen benutzt, um die Beckenposition zu verbessern, dann ist das aus meiner Sicht immer noch sinnvoller als der Schneidersitz.

Der bietet einfach keine körperliche Stabilität, das Strecken des Rückens wird schneller schmerzhaft und der Schneidermuskel (musculus sartorius) kämpft angespannt gegen die  Schwerkraft an.

Wenn du weitere Fragen hast, helfe ich gerne weiter.

Aaabbbbccc 04.01.2016, 14:45

vielen dank :) wir komme ich den vom "Stuhlsitz" zum Lotussitz?

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Enzylexikon 04.01.2016, 15:27
@Aaabbbbccc

Verstehe ich dich richtig? Du willst den Lotossitz lernen?

Schön, dann versuche ich mal ein wenig zu helfen. :-)

Letztlich ist alles eine Frage der Übung und die meisten Menschen arbeiten sich langsam heran, indem sie zunächst den halben Lotos probieren.

Die burmesische Haltung empfehle ich eigentlich nur, wenn weder halber, noch ganzer Lotos zu halten sind.

Meiner Meinung nach sollte man mit dem halben Lotos  beginnen. Das hängt aber wirklich von der individuellen Beweglichkeit und der Statur ab, da kann ich jetzt keine pauschale Antwort geben.

Übungen

Natürlich ist man in Leiste und Beckenbereich häufig unflexibel, sofern man nicht gerade reitet, oder ähnliches. Deshalb gibt es Dehnübungen und Yoga-Techniken, um die Flexibilität zu erhöhen.

Hinweis; Ich gehe bei diesen Übungen von einem gesunden Körper aus. Wenn es Probleme mit Muskulatur oder Bewegungsapparat gibt (Meniskusprobleme, Prolaps usw.) vorher mit Arzt/Physiotherapeut besprechen.

Erste Übung

Man setzt sich, ohne Meditationskissen auf den Boden, zieht die Beine ähnlich wie beim Schneidersitz vor den Körper und legt die Fußsohlen aneinander. Wenn möglich, zieht man die Füße an den Körper heran.

Man umfasst die Füße mit beiden Händen und wippt dann langsam mit den Knien, wie ein flatternder Schmetterling. Diese Übung ist eigentlich leicht und macht Spaß.

Zweite  Übung

Man behält die obige Position mit aneinandergelegten Fußsohlen bei, legt die Unterarme auf den Oberschenkeln ab und legt dann langsam und behutsam Gewicht auf die Unterarme.

Man drückt also die Oberschenkel mit den Unterarmen langsam nach unten. Niemals wippen, keine ruckartigen Bewegungen und auch nicht übertreiben, es sollten keine Schmerzen entstehen.

Auch allgemeines Bein-Stretching auf dem Boden mag sinnvoll sein

Wir machen im Aikido-Training diese beiden "Schmetterlings-Übungen" immer in Verbindung mit allgemeinen Dehnübungen für die Beine.

In diesem Video werden diese beiden Schritte erklärt und weitere Übungen gezeigt


http://www.youtube.com/watch?v=DejyzRcfci4

Allerdings wird hier demonstriert, dass man die Knie mit den Händen herunterdrückt. Das habe ich so nicht gelernt, daher kann ich dazu nichts sagen.

Sicher finden sich bei YouTube noch weitere Vorbereitungsübungen für den Lotossitz, oder die Schmetterlingsübung.

Den eigentlichen Lotossitz sollte man dann meiner Meinung nach immer mit einem ausreichend festen Sitzkissen machen.


Für den Anfang tut es statt des Kissens auch eine entsprechend zusammengefaltete Pferde- oder Kuscheldecke. ;-)

Wenn du weitere Fragen hast, kein Problem.

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Enzylexikon 05.01.2016, 23:46

Vielen Dank für den Stern. :-)

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Aaabbbbccc 11.01.2016, 14:14

brauchst dich nicht zu bedanken :)) ich hab da aber doch noch eine Frage.. Übst du Achtsamkeitsmeditation aus oder kannst du mir ein bisschen über deine Meditationsrituale erzählen ? :)

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Enzylexikon 11.01.2016, 14:40
@Aaabbbbccc

Ich bin Zen-Buddhist und übe Zazen, eine eher formelle Art buddhistischer Sitzmeditation.

Hier gibt es drei Videos hierzu - dort gibt es eine Einleitung, Hinweise Praxis und zum korrekten Verhalten im Dojo:

Zazen sollte man von einem Lehrer erlernen und eine Zeit lang unter Aufsicht üben, bis die richtige Praxis in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Ich kann verstehen, wenn man kein Fan von Lehrer-Schüler-Verhältnissen ist, oder nicht gemeinsam mit anderen meditieren will - es bietet aber einige Vorteile.

  • Die Haltung wird durch den Lehrer korrigiert
  • Der Lehrer ist Ansprechpartner
  • Praxis mit anderen führt zu Regelmäßigkeit

Für den Meditations-Neuling würde ich aber wie gesagt Vipassana, also Achtsamkeitsmeditation, empfehlen.

Keine "Bessere" und "schlechtere" Meditationspraxis

Nur weil ich Einsteigern meist Vipassana empfehle, bedeutet das nicht, das es nur etwas für Anfänger ist und man danach andere Meditationen üben sollte, weil man mehr Erfolge will.

Vipassana ist einfach ein guter Einstieg für Menschen, die noch nie regelmäßig meditiert haben, weil es keine komplizierten Elemente gibt und es gerade deshalb große Tiefe hat.

Es gibt meiner Meinung nach bei den verschiedenen buddhistischen Meditationen kein "besser" oder "schlechter" und es ist auch nicht notwendig, seine Praxis unbedingt zu ändern.

Mönche der verschiedenen Traditionen üben ihr ganzes Leben lang nur jeweils die Formen der Meditation, die ihnen gelehrt wurden.

Es ist also nicht notwendig von Vipassana zu Zazen, oder vom Zazen zum Vipassana zu wechseln.

Der Buddhismus bietet verschiedene Formen der Meditation, so dass eigentlich jeder den für ihn passenden Zugang zur buddhistischen Meditation finden kann.

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das wichtigste der sitzhaltung ist, dass sie dich nicht vom meditieren ablenkt, also dem geistigen prozess des transzendierens, in dem der geist nach innen wandert und immer feinere bereiche des denkens erfährt, wobei die außenwelt vorübergehend völlig in den hintergrund treten kann.

wenn du eine unbequeme sitzhaltung einnimmst, die dir zum beispiel nach kurzer zeit schmerzen bereitet, dann stört sie diesen vorgang der innenkehr, selbst wenn sie dir von sogenannten "experten" empfohlen wird, zum beispiel weil dabei die wirbelsäule besonders gerade ist oder irgendeine andere äußerlichkeit.

das wichtigste ist also eine sitzhaltung, die für dich selbst bequem ist und dir leicht fällt. nur liegen solltest du besser nicht, da der körper in dieser haltung gewohnt ist, einzuschlafen.

weiteres über natürliches und müheloses eintauchen in die eigene innenwelt bis zur quelle des denkens, der gedankenfreien stille der transzendenz, findest du auf https://meditation.de/

Also ich meine, dass du beim Meditieren immer im Schneidersitz sitzen solltest. Bei Chackrenöffnung spielen z.B. die Finger eine größere Rolle, als die Sitzhaltung. Aber ich empfehle dir den Schneidersitz! ;)
LG

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