Wie weniger kritisch beim Geschichten Schreiben sein?

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5 Antworten

Hallo,

ich kann Dein Denken und den Drang, die "perfekte" Formulierung zu finden, sehr gut nachvollziehen. Der Punkt ist der, dass in uns kreativen Autoren eine Art innerer Zensor schaltet und waltet, der uns einzureden versucht, dass die geschriebenen Sätze alles andere als gut sind, dass sowohl das Herz anderer Autoren und das der Leser blutet über den "Schmarrn", den man "hingerotzt hat" und so weiter.

Ich kenne das und ich weiß, dieser Zensor ist ziemlich gut drin, die Mühe, den Fleiß und auch das Talent madig zu machen.

Jetzt gibt es zwei Punkte, die man beachten muss: Zum einem: Perfektion gibt es nicht. Perfektion ist ein Wischiwaschibegriff, der sich nicht wirklich definieren lässt. Wer will und wie kann man festlegen, wann ein Satz "perfekt" ist? Woran will man das festmachen?

Der andere Punkt ist, dass man als Autor natürlich einen gewissen Anspruch hat (was auch begrüßenswert ist) und man auch alles dran setzen sollte, diesem Anspruch zu genügen, man als Schreiberling davon ausgehen muss, dass - egal, wie viel Zeit und Mühe man in diesen Satz gesteckt hat, egal, wie oft man Wörter ausgetauscht, Wortstellungen verschoben hat - es wird immer auch Leute geben, die sagen werden: Gefällt mir nicht. Das hat nichts mit Deiner Qualität zu tun, du hast halt einfach das "Pech", den Geschmack dieser Leute nicht getroffen zu haben. Dafür aber hast Du den Geschmack anderer Leser getroffen.

Wenn Dein Englisch besser ist als meins, es gibt einen Artikel, der erklärt, dass die meisten Autoren ihre Arbeit nicht richtig bewerten können und diese abwerten, obwohl diese eigentlich ein sehr ansehnliches Level erreicht hat:

https://flipboard.com/@thenextweb/-why-producing-more-is-better-than-tryin/f-5541b85cf8%2Fthenextweb.com

Natürlich kann man auch weiterhin nach der "perfekten" Formulierung suchen, von der meint, dass der Zensor damit nicht vollkommen unzufrieden ist, aber ich weiß aus Erfahrung: irgendwann kommt der Punkt, an dem man nur noch verschlimmbessert. Wie man den erkennt, weiß ich leider auch nicht, nur dass er eines Tages erreicht ist.

GLG

Tichuspieler

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Um diese massive Selbstkontrolle etwas zu mindern, gibt es einige Übungen. Im Großen und Ganzen laufen sie darauf hinaus, dass du mit ein paar willkürlichen Stichworten innerhalb einer festgesetzten Zeit einen Text verfasst, den du während des Schreibens nicht korrigieren darfst.

Such dir im Netz einen der Stichwortgeber (Englisch writing prompts, da gibt es mehr). Setz dir eine Zeit (5 min oder 10 min, nicht mehr), lass dir Stichworte geben und schreib unreflektiert los.

Es geht dabei um nichts, du hast nichts zu verlieren, niemand wird diese Texte sehen. Es geht lediglich darum, den Schreibfluss anzukurbeln und sich durch den Zeitdruck aus der Selbstkontrolle zu befreien. Ist auch eine schöne Übung für die, die meinen, unter einer Schreibblockade zu leiden (was in den meisten Fällen schlicht an schlechter Planung liegt: wenn ich nicht weiß, was passieren soll und wozu die nächste Szene dient, bin ich freilich gehemmt beim Schreiben).

Später kannst du das dann auf dein eigenes Schreiben übertragen. Schreib im ersten Durchlauf frei. Überarbeiten kannst du danach immernoch.

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Ich kenne dein Problem nur zu gut, da ich auch gerne zu der Sorte Mensch gehöre die alles direkt perfekt machen wollen. Man ist mitten beim schreiben, es läuft und läuft und plötzlich stockt man, liest den so eben geschriebenen Absatz noch mal und denkt sich: Ne, so geht das nicht. Also fängt man an umzuformulieren, Wörter zu streichen oder zu ändern und geht quasi direkt über zum eigentlich letzten Schritt: der Nachbearbeitung. Das Problem dabei ist, dass man sich damit selbst ausbremst. Selbiges gilt, wenn man gefühlt fünf Jahre an einem Satz hängt, da einem die eigene Formulierung noch nicht gefällt.
Fakt ist aber, und das solltest du dir (wirklich) bewusst machen: Die erste Fassung eines Textes ist nie perfekt und muss es auch gar nicht sein. Während des Schreibens spielt es keine Rolle, ob der Lesefluss gegeben, die Sätze "perfekt" formuliert sind oder ob sich Tippfehler eingeschlichen haben. Du konzentrierst dich auf die Handlung, lässt deiner Fantasie freien Lauf und schreibst einfach alles auf was dir gerade in den Sinn kommt, sei es noch so unwichtig. Erst wenn du damit fertig bist, darf sich dein Perfektionismus melden. Denn dann darf gestrichen, umformuliert und ausgebessert werden was das Zeug hält.
Lerne also deinen Perfektionismus im Zaum zu halten, sperr ihn, wenn nötig, in einen Käfig und lasse ihn nur dann raus, wenn er auch gebraucht wird. Das braucht allerdings etwas Übung. Der Perfektionismus versucht sich natürlich gegen seine Gefangenschaft zu wehren. Jedes Mal, wenn du dich dabei erwischst, dass du schon wieder mittendrin mit der Korrektur anfängst ermahnst du dich selbst und sagst dir: Die Nachbearbeitung kommt nach der Rohfassung, jetzt ist der Spaß dran!

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Ich mache sehr ähnliches wie du. Finde ich voll toll! Ich bin auch oberkritisch, gleich wie du, aber erst beim überarbeiten! Als erstes schreibe ich einfach drauflos, alles was mir gerade einfällt, streiche mal was durch was mir nicht passt, schreibe hinzufügungen wo es gerade platz hat, mache pfeile und anmerkungen damit ich noch etwa weiss, wo dass was hingehört, orthographie ist mir völlig egal, da ich sowieso die rechtschreibung trotz 12 jahr schule nie erlernt habe, achte meistens aber sehr gut auf formulierungen, duktus, wörter, zusammenhänge, und so entsteht meine erste fassung der geschichte. - Danach kommt das überarbeiten, überarbeiten, und nochmals, bis zuletzt alles vollkommen so ist, wie ich es will. Mit weniger als sehr gut, gebe ich mich nie zufrieden. Ich überarbeite meine geschichten locker 20-30 mal. - Aber eben... Zuerst voll fetz! und phantasie und gedanken ohne zügel schissen lassen! Alles andere klappt bei mir nicht und nervt mich nur, so würde das nie was! 

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Kommentar von Patrickson
15.07.2017, 20:03

Genauso schreibe ich übrigens auch meine beiträge hier bei gutefrage.de, das sind immer die erstfassungen! :-)) 

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Verschiebe deinen Perfektionismus auf später.

Gängig ist eigentlich, dass man ersteinmal "drauflosschreibt". Da wird nicht allzusehr auf Stil geachtet und sogar Tippfehler verbesserte man nicht sofort, um den "Schreibfluss" nicht zu unterbrechen.

Wenn die Passage fertig ist wird das überarbeitet.

Vielleicht schaffst du es auf diese Weise deinen Perfektionismus zu bremsen.

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