wie war die wissenschaft im mittelalter und was wussten sie schon über körper/natur usw?

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4 Antworten

Grundsätzlich kann man sagen: Sie wußten viel mehr, als man ihnen heute meistens zutraut. Die Idee, daß das Mittelalter "finster" gewesen sei, ist ein Vorurteil. Tatsächlich machten Forschung und Technik damals viele Fortschritte.

Das ist ein gutes Buch über die Wissenschaft im Mittelalter:

Von Augustinus bis Galilei: Die Emanzipation der Naturwissenschaften von Alistair C. Crombie, dtv 1977, ISBN 9783423042857.

Wichtig, weil das Gerücht vom mittelalterlichen Glauben an die Erdscheibe immer noch so weit verbreitet ist: https://de.wikipedia.org/wiki/Flache\_Erde

Einige Artikel sind hier zu finden: https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Wissenschaft_im_Mittelalter

Auf englisch gibt es über das Thema deutlich mehr zu lesen:

https://en.wikipedia.org/wiki/European\_science\_in\_the\_Middle\_Ages

https://en.wikipedia.org/wiki/History\_of\_science (Abschnitt "Science in the Middle Ages")

https://en.wikipedia.org/wiki/Category:Science_in_the_Middle_Ages


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Mach Dir bewusst, dass man als Mittelalter den Zeitraum der Völkerwanderung bis ca 1500 rechnet, aber auch danach ging es erst sehr langsam los mit den Fortschritten. Auch damals beruhte alles auf Beobachtungen, aber die wurden eingeordnet in die herrschende -bei uns christliche- Ideologie.

  • Astronomie = Astrologie, die Erde war Mittelpunkt, die Sterne sind in Sphären am Himmel eingeordnet, die sichtbaren Planeten bekannt und als Schicksalszeichen verstanden. Die Astronomen suchten in erster Linie nach dem Planeten, der ihnen ihre Horoskope verfälschte.
  • Geometrie und astronomische Berechnungen waren relativ hochentwickelt, das Ideal der himmlischen Bewegung war der Kreis, die später als solche erkannten Ellipsen versuchte man als Kreis-am-Kreis-Bewegingen zu erklären. Das trotz der Tatsache, dass es noch kein Dezimalsystem gab.
  • Physik: oben ist oben, unten ist unten, die Erde ist eine unbewegte Scheibe und Mittelpunkt der Schöpfung. Reibung ist den Müllern zwar als Wind-/Wasserkraftmindernder Effekt bekannt, aber als physikalischer Begriff fehlt das noch: Alles kommt zwar zur Ruhe, aber nur, weil den Körpern die Tendenz zur Ruhe innewohnt.
  • Biologie: Alle Wesen sind von Gott geschaffen, Urzeugung war selbstverständlich (Beweis: in einem abgedeckten Topf wachsen nach einiger Zeit Maden und anderes Gewürm). Als Leonardo da Vinci mal gefragt wurde, was er über versteinerte Skelette dachte, antwortete er: wenn er sagen würde, was er wirklich darüber denke, würde er als Ketzer verbrannt. Es musste eben alles mit dem damaligen Verständnis der Bibel übereinstimmen. Die Versteinerungen waren Skizzen oder auch Probeschöpfungen Gottes, die er wieder verworfen hatte (ein sehr vollkommener Gott!). Eine Klassifikation der Arten gab es nur ansatzweise: Fischotter und Biber waren Fische, die in der Fastenzeit gegessen werden durften. Die Kenntnisse wurden in von Mönchen abgeschriebenen Büchern gesammelt und weitergegeben, diese hatten oft keinerlei Naturerfahrung, so dass sich zB Bilder nach dem Prinzip der Flüsterkette oft den beschriebenen Gegenstand bis zur Unkenntlichkeit verfälschten. Selbstverständlich waren Drache und Einhorn real.
  • Chemie=Alchemie: Neben den 4 lebensbildenden Elementen Erde, Wasser, Luft und dem verzehrenden/verwandelnden Feuer galt die Überzeugung, dass es etwas fünftes gab, was drüber stand: die Quintessenz oder auch der Stein der Weisen. Das sollte in der Lage sein, andere Stoffe in Gold zu verwandeln, was die Begehrlichkeit der Herrscher weckte. Sie finanzierten deshalb die sehr teuren Experimente, die auch deshalb teuer waren, weil es kein Öl, sondern nur Holzkohle und Blasebalg gab. Zum Glasgeräte herstellen oder andere Schmelzprozesse brauchte ein Labor Unmengen davon. Ansonsten waren die Labore zT sehr kalt.
  • Elemente im Chemischen Sinn heute gab es nicht, auch keine Molekülvorstellungen. Die Elemente repräsentierten eher Charaktereigenschaften, auch war die Schreibweise noch völlig unkoordiniert.
  • Geometrie und astronomische Berechnungen waren relativ hochentwickelt, das Ideal der himmlischen Bewegung war der Kreis, die später erkannten Ellipsen versuchte man als Kreis-am-Kreis-Bewegungen zu erklären
  • Philosophie: erst Ausgangs des Mittelalters wird durch die Wiederentdeckung der alten Griechen die Vorstellung etwas ausgeweitet. Ziemlich früh schon entwickelten sich logische Argumentationsketten, die man heute eher als plausibel bezeichnen würde: Oft Zirkelschlüsse: Die Idee eines Gottes ist so erhaben, dass sie sich verwirklichen muss, also gibt es einen Gott. -- Kritiker wurden eingesperrt oder hingerichtet, wenn der so Lehrende mächtig genug dafür war.

Soweit die wichtigsten Denkmarken.

Über Gerätschaften informierst du dich am besten in einschlägigen Museen.

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Kommentar von Iamiam
21.08.2016, 15:46

mir ist nochwas bemerkenswertes eingefallen:

Minerale (Kristalle wie Amethystdrusen oder kristalline Einschlüsse aller schönen Art) galten als unterirdische Pflanzen, was sich in div. Arzneimittelvorstellungen bis heute niederschlägt.

In der Erde hausten zauberkräftige und sehr reiche Zwerge, die zB Eisen zu Kobalt (=Kobold!) und Nickel (dsgl., heute noch erhalten im Zornickel) oder auch Gold zu Katzengold verwandelten, sobald es Menschen aufspürten.

In der Medizin galt die alte griechische Säfte-Lehre, durch Aderlassen oder Schröpfen versuchte man die bösen Säfte auszuleiten, möglicherweise angeregt durch die manchmal tatsächlich positiven Effekte von Blutegeln (Anti-thrombotisch und möglicherweise mehr). Noch Ludwig XIV ließ sich sämtliche sehr gesunden Zähne reissen, weil sie als Gefahrenquelle galten, alles nach fortgeschrittenstem Stand der Wissenschaft, in diesem Fall 17.Jh(!).

http://www.deutschlandfunk.de/medizingeschichte-ich-stinke-also-bin-ich.709.de.html?dram:article_id=273392

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Das nannte sich Alchemie, war weitgehend Verboten, auch das Leichenfledern um zu schauen wie ein Körper von innen aussieht.

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  Lies mal von Artur Koestler " Die Nachtwandler "

   " Es gibt Menschen, die haben unter dem Bett eine Schachtel Streichhölzer liegen. Und jeden Abend zählen sie nach, ob auch keines fehlt. Und dann schlafen sie beruhigt ein. "

   " Wie das Mittelalter dachte, erkennt man unmittelbar, wenn man Zeichnungen eines Erdbeerstrauchs aus dem 4. Jh. vergleicht mit solchen vom 15. Jh - die gibt es nämlich durchaus. Da macht man nämlich die überraschende  Entdeckung, dass das 15. Jh, nicht von der Natur abmalt, sondern wir haben hier die Kopie der Kopie der Kopie ... "

   Ganz fatal fühlt man sich hier erinnert an die Kritik des Jesus an den " Pharisäern und Schrift Gelehrten " Genau das waren die mittelalterlichen Gelehrtenbn nämlich: Schrift Gelehrte.

   Ich selbst habe in einer Synagoge mal erlebt, welchen Respekt gläubige Juden ihren Rabbinern entgegen bringen. Ich meine hier zu Lande giltst du als weise, wenn du alt bist oder " lebenserfahren " ; wenn du was erlebt hast und Urteile erworben hast. Halt irgendwas Eigenes.

   In der Schule war ich befreundet mit Autist " Gert " ; gleich den meisten Müttern war Gerts Mutter am Meisten erzürnt über ihren eigenen Sohn. Mich sprach sie mal an

   " Ei Bupp; du hast doch Ahnung. Du bist doch schon WEIT RUM GEKOMME IN DIE WELT .  Hate schon emaa sooo en Schluuuuriii gesehe als wie de Gert? "

    Juden bewerten ihre Rabbiner nicht danach, wie " weit sie rum gekommen sind " ( zumal, wenn der Herr Rabbiner in China gewesen sein sollte, die Chinesen ja keine Juden sind. ) Die Juden argumentieren ===> etnozentrisch; mein Chemielehrer sprach hier von " geistiger " Inzucht.

   Der Rabbiner wird danach bestaunt, inwiefern er in der Lage ist, einen vorgegebenen Kanon toter Schriften auswöändig zu lernen und zu interpretieren.

   Weshalb sage ich das? Weil das Mittelalter war doch überschattet vom neuen Testament. Jesus WAR doch Jude - um so schlimmer.

   An einer mittelalterlichen Universität wurdest du also abgefüllt mit alten toten büchern -  Bibel und Aristoteles. Schau sie dir doch  an, die ISIS .   Die halten ein totes Buch, den Koran, für wörtlich Wahr.

   Hier dieses Prinzip kennst du doch. Nie Herr  der Ringe gelesen, Artusromantik oder Prinz Eisenherz? Ihnen allen ist gemeinsam, dass je weiter und Geheimnis voller etwas aus dem Nebel der Vergangenheit zu dir raunt, desto mehr Autorität besitzt es.

   Hast du schon mal die Parodie gesehen " Die Ritter der Kokosnuss " ? König Artus begegnet einer Anarchokommune

   " Wer bist du? "

   " Euer König "

   " Mit welchem Recht? "

   " Meine Krone hat mir die Dame vom See übereignet. "

   " die politische Macht leitet sich aus einem Mandat der Volksmassen ab und nicht von gewissen seltsamen ungewaschenen Jungfrauen ... "

   Ich habe mir mal den Spaß gemacht, den ===> Hexenhammer ( 1485 ) zu lesen:

  " Ob es gut katolisch sei zu glauben, dass Hexen auf dem Besen durch einen Schornstein fliegen können. "

   Keine Silbe verschwenden Sprenger / Kramer auf den einwand; wer hat denn sowas je autentisch beobachtet? Anerkannte Autoritäten werden zitiert - die Bibel und Aristoteles ( beide Nein )

   Welche Argumente sie dann doch an den Haaren herbei ziehen, ist mir leider entfallen.

   Soll ich dir mal was sagen? Ein Erich v. Däniken z.B. denkt typisch mittelalterlich. Selbst wenn vor einer Million Jahren die Aliens hier waren - welche Bedeutung hat das für UNS HEUTE?

   Weißt du, was mir aufgefallen ist? Worin besteht eigentlich die große Stärke der griechischen Philosophie?

   NIE fragt  ein Grieche: " Was war früher? "

   Kein Grieche scheint ernsthaft zu glauben, dass das, was seine Urgroßväter taten und dachten, ihn auch nur zu IRGENDWAS VERPFLICHTET .

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Kommentar von Iamiam
21.08.2016, 14:48

hm, nachdenkenswert!

Allerdings kommt die Diskussionskultur der Juden bei dir etwas schlecht weg: ich glaube, dass sie uns gerade darin überlegen sind, dass sie ALLES INFRAGE STELLEN KÖNNEN UND DÜRFEN, weshalb ihre Bildung von jeher der unseren überlegen war und vorläufig auch noch ist. Wobei natürlich auch eine Rolle spielt, dass sie gar nicht anders konnten, als in Bildungsberufe zu gehen, weil ihnen alle handwerklichen etc. verwehrt blieben.

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