Wie verarbeitet ihr solche Bilder?

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6 Antworten

Das ist aber eine schwere Frage, die du da stellst. Ich glaube, es gibt da gar keine einheitliche Antwort drauf.

Ich glaube, man kann nicht voraussehen, wie gut man mit dem klarkommt, was man im Rettungsdienst alles erleben kann. Es gibt nicht den "einen Typ Retter", der ultracool und total abgebrüht jede Situation meistert. Ich kenne Typen, die heulen schon, wenn sie "Titanic" in der Fernsehzeitung lesen, aber haken das dickste Polytrauma ohne Probleme ab. Ich selbst habe mich als Kind mal in den Finger geschnitten und bin beim Anblick des Blutes fast ohnmächtig geworden. Lange Jahre habe ich mir geschworen, niemals etwas in die Richtung mit Medizin zu machen. Inzwischen bin ich 18 Jahre im Rettungsdienst tätig, davon 7 als Notarzt - und komme auch mit den meisten Dingen klar.

Aber wie eigentlich? Rendric schrieb weiter oben in seinem Post, man brauche ein dickes Fell und ein weiches Herz. Das ist gar kein schlechter Ansatz. Man sollte mitfühlend sein, empathisch, aber nicht mitleidend. Denn es hilft nicht, wenn du dir das Leid der Patienten zu deinem Leid machst. Dann kommst du davon nicht wieder los und es macht dich fertig. Die Frage ist, ob man das überhaupt lernen kann, oder ob es einem ein bisschen mit in die Wiege gelegt ist.

Bei mir sehe ich es so: Im Einsatz selbst mache ich mir wenig Gedanken. Ich funktioniere einfach, nach Lehrbuch, nach dem, was ich gelernt habe. Das geht glaube ich den meisten Rettern so. Selbst schockierende Bilder, wie eine zerstückelte Leiche auf den Bahngleisen oder ein Verbrennungsopfer, sind in diesen Momenten gar nicht so schrecklich bzw. werden so nicht wahrgenommen.

Das, was dich fertig macht, kommt hinterher. Wenn man zur Ruhe kommt und darüber nachdenken kann, was gerade passiert ist. Das kann kurz nach der Stressphase sein. Ich muss gestehen, dass ich immer noch gelegentlich heimlich mitweinen muss, wenn ich nach einer erfolglosen Reanimation den Angehörigen sagen muss, dass wir nichts mehr tun konnten und  mit ansehe, wie die Hoffnung, die wir eigentlich hatten bringen sollen, der puren Verzweiflung weicht. Das kann man ganz schlecht verdrängen. Aber Verdrängung ist auch nicht immer der richtige Weg. Wenn jedenfalls diese Gedanken hochkommen, dann hilft reden. Mit Kollegen, mit Freunden, der Familie. Es ist keine Schande, dass ein Einsatz einen mitnimmt. Man kann und sollte auch, wenn man merkt, dass trotz des Redens Selbstzweifel und Angst bleiben, sich nicht scheuen, professionelle Hilfe zu suchen. Man muss zwar ein wenig seinen Stolz an die Seite schieben und zugeben, dass man mit der Situation allein nicht mehr zurecht kommt, aber das muss und darf man einsehen. Gerade das Gespräch mit Kollegen halte ich für sehr wichtig, allein um Selbstzweifel zu lösen. Habe ich alles richtig gemacht? Bin ich womöglich Schuld an dem ganzen? Das sind ja die Fragen, die man sich so stellt nach dramatischen Einsätzen und da hilft es sehr, jemanden zu haben, der auch mit dem passenden fachlichen Background sagen kann "nein, du warst es nicht, das wäre auch so passiert".

Zugegeben, man braucht auch ein gefestigtes Ego. Menschen mit seelischen Erkrankungen, Depressionen, Angststörungen und ähnlichen, die werden es im Rettungsdienst vermutlich auf lange Sicht schwer haben, all die Eindrücke zu verarbeiten. Und man muss ein wenig abstumpfen. Das tun alle im Rettungsdienst. Blut macht einem nichts mehr aus, den Patienten lagern wenn es nötig ist, obwohl er vor Schmerzen schreit, dergleichen nimmt einen nach einer Weile nicht mehr so mit, weil man das größere Ziel vor Augen hat, dem Patienten zu helfen und man weiß, dass man sich auf diesem Weg befindet, auch  wenn der Patient jammert.

Das ist schon mal wieder viel Text und ich weiß nicht, ob er überhaupt deine Frage so richtig beantwortet. Fakt ist jedenfalls, dass einen so manches im Rettungsdienst mitnehmen kann und wird und es wäre auch grundverkehrt, wenn einem alles egal wäre. Denn dann ist man nicht mehr menschlich, und das muss man sich erhalten. Man kann viel durch reden ausgleichen und verarbeiten, aber man muss sich auch vom Job lösen können, die Uniform an den Haken hängen und in "das andere Leben" gehen, nach Hause, zu Freunden, mit dem Hund in den Park, auf dem Fahrrad auf den Berg oder was auch immer. Und das wichtigste ist, dass die Erfolge, die man feiert, einem eher im Gedächtnis bleiben, als die Fehlschläge. Wenn man auf die Zeit zurückblickt und sagen kann "ich habe vielen geholfen" (statt zu sagen "ich habe vielen geschadet"), dann hat man es glaube ich richtiggemacht.

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Kommentar von Dthfan00
22.11.2016, 23:50

WOW, ein großes DANKE an dich für deine super Antwort.

Als ich mir beim laufen mein Wadenbein brach (Fibula Weber C),waren es Höllenschmerzen.

Die Jungs die mich damals mitgenommen haben, halfen mir zum Teil aber auch diese zu vergessen.

Wir sprachen unter anderem auch darüber dass ich auch in den Rettungsdienst will.....

Aber egal, ich red schon wieder viel zu viel :)

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Man braucht ein dickes Fell und gleichzeitig ein weiches Herz. Es ist sehr schwierig und jeder im Team hat auch eine Schwäche.

Es ist wichtig, sowas im Vorfeld zu kommunizieren. Soweit es geht. Entsprechend werden dann auch die Aufgaben verteilt.

Im Einsatz selber, blendet man aber auch vieles aus. Da geht man rational und durchdacht an die Sachlage und spult sein gelerntes Wissen ab, Vieles holt eines erst nach dem Feierabend ein, wo man dann erst denkt "ach du meine Güte...".

Eine offene Kommunikation im Team ist das wichtigste. Darüber hinaus arbeiten viele Rettungssanitäter auch mit Psychologischen Diensten zusammen, Teamgespräche, Fallbesprechungen, REflexionen...

Außerdem sollte man auch privat noch einen Ausgleich haben. ein Hobby, das einen beruhigt oder so.

Als besonders schlimm allgemein werden aber oft gar nicht irgendwelche visuellen Sachen empfunden, sondern Gerüche (Erbrochenes, Leichengeruch, verbrannte Haut...).

Schlimm sind natürlich auch Fälle, in denen Kinder beteiligt sind. Besonders hart ist es, wenn Menschen eine starke Ähnlichkeit mit Angehörigen aufweisen.

Vorbereiten kann einem wenig auf den Ernstfall und es gibt auch immer Situationen, die auch der langjährigste Sanitäter noch nicht erlebt hat. Vielleicht kannst du ja aber erstmal mit einem Praktikum im Krankenhaus oder Altenheim einsteigen. Das ist harmloser, man kann es quasi jeder Zeit abbrechen und du lernst schon einige Grenzen an dir kennen und kannst viele hilfreiche Fähigkeiten ausbauen.

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Kommentar von Dthfan00
21.11.2016, 23:23

Super, danke dir für deine Antwort

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Praktikum in diesem oder ähnlichen Bereich.
Umgang ist schwer, aber man MUSS damit umgehen können, sonst geht man kaputt.
Ich könnte es nicht, meine Schwester ist Notärztin, sie hats im Griff, aber auch sie hat immer wieder Tage an denen sie zu kämpfen hat.
Sie sagt, das gehört auch mit dazu, sonst ist man total abgestumpft.

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Kommentar von Dthfan00
21.11.2016, 23:18

Aber, mal ehrlich

Wenn man jeden Tag solche Bilder zu sehen bekommt stumpft man dann nicht auch automatisch ab?

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Kommentar von Hundele
21.11.2016, 23:21

Ja natürlich, aber es wird trotzdem immer wieder Fälle geben, die dich mitnehmen. Am Anfang war sie wegen Dingen mitgenommen, die mittlerweile "normal" sind. Und ich fände schlimm / merkwürdig wenn es einem gar nichts ausmachen würde.

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Bin zwar nicht mehr tätig aber früher in der freiwilligen Feuerwehr. Mir persönlich waren solche Sache egal. Es war nur Fleischabfall. Nicht mehr nicht weniger.

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Bevor du in den Rettungsdienst als Hauptamtlicher gehst, schau dir die ganze sache mal als Ehrenamtlicher an, fahr AKTIV KTW&RTW, dann merkst du schnell ob es der richtige Beruf ist.

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Das Schlimmste ist wohl, wenn du um das Leben eines Menschen kämpfst und er dir unter der Hand wegstirbt.

Da für gibt es aber professionelle Hilfe, die man unbedingt in Anspruch nehmen sollte.

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Kommentar von Dthfan00
22.11.2016, 23:51

Ja klar das wäre sinnvoll

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