wie tragfähig ist der kategorische imperativ?

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Wie tragfähig der kategorische Imperativ ist, entscheiden die Menschen. Man kann niemanden zwingen, der Vernunft zu folgen. Allerdings: Man muss dann auch die Größe haben, die selbst-mitverursachten Folgen zu tragen, statt sie dann anderen in die Schuhe zu schieben. Anders als Kant waren Philosophen wie David Hume, Artur Schopenhauer oder Friedrich Nietzsche der Meinung, dass unsere Handlungen stärker von Emotionen geleitet sind und der Verstand erst nachträglich zur Suche von Ausreden eingeschaltet wird. Lebenspraktisch ist das sicher nicht falsch. Doch von den Folgen her gesehen ist man besser beraten, rechtzeitig der Vernunft Raum zu geben. Da Vernunft das Abwägen von Folgen einschließt, besteht rein menschlich natürlich immer das Problem, dass Handlungen, deren Folgen in der Zukunft liegen, in der Abwägung immer mit Unsicherheit behaftet sind.

Die Tragfähigkeit des kategorischen Imperativs ergibt sich aus seiner Richtigkeit.

Ein Imperativ ist ein Gebot. Der kategorische Imperativ ist bei Kants Moralphilosophie (Ethik) zentral. Diese beschäftigt mit der Frage: Was soll ich tun?

Der kategorische Imperativ stellt ein Sollen dar, kein Ist.

Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Zweiter Abschnitt. Übergang von der populären sittlichen Weltweisheit zur Metaphysik der Sitten (BA 52):
„Der kategorische Imperativ ist also nur ein einziger und zwar dieser: handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.

An die Maxime (subjektive Grundsatz der Handlung) wird die Anforderung gestellt, widerspruchsfrei Bestandteil einer allgemeinen Gesetzgebung der Vernunft sein zu können. Wenn Menschen aufgrund ihrer Beschaffenheit überhaupt nicht in der Lage wären, nach dem kategorischen Imperativ zu handeln, weil ihnen das erforderliche Erkenntnisvermögen (die praktische Vernunft) völlig fehlt, könnte in der Tat mit starken Argumenten für einen Zweifel an der Tragfähigkeit in Frage gestellt werden, ob der kategorische Imperativ als ethischer Maßstab geeignet ist. Es wäre ja nicht ersichtlich, wie eine solche Handlungsanleitung dann umgesetzt werden könnte.

Der Mensch ist aber ein vernunftbegabtes Wesen bzw. ein vernünftiges Wesen (beide Ausdrücke verwendet Immanuel Kant als Übersetzung für den lateinischen Begriff animal rationale, der zum griechischen ζῷον λόγον ἔχον zurückverfolgt werden kann). Damit ist nicht ausgeschlossen, daß auch noch andere Fähigkeiten/Begabungen/Anlagen/Eigenschaften beim Menschen vorhanden sind. Ein Nichtvorhandensein anderer Fähigkeiten/Begabungen/Anlagen/Eigenschaften wird aber beim kategorischen Imperativ keineswegs vorausgesetzt.

Kant meint nicht, die Menschen täten immer alles nach dem Verstand oder der Vernunft (vernunftgemäß). Er nimmt nicht an, es gebe keine anderen Motive/Triebfedern des Handelns als verständige/vernunftgemäße. Kant weist auf die Rolle der Neigungen (Abhängigkeit des Begehrungsvermögens von Empfindungen) hin.

Der kategorische Imperativ will nicht beschreiben, wie Menschen tatsächlich handeln, sondern sagt, was ethisch betrachtet richtig/sittlich gefordert ist.

Sehr deutlich wird die Berücksichtigung anderer Motive (Beweggründe) durch Kant beim Begriff der Pflicht. Darunter versteht er eine in Form eine Gebots auftretende Sittlichkeit. Eine solche Aufforderung ist nur sinnvoll gegenüber Subjekten, die zwar vernunftbegabt sind, deren Wille aber nicht von vornherein und wesensnotwendig gut ist.

Mit Pflicht meint Immanuel Kant eine Verbindlichkeit als moralisches Gebot (Sollen), eine innere Pflicht, nicht eine von außen, von anderen geforderte bzw. vorgeschriebene Pflicht. Kant sieht eine Pflicht, als vernunftbegabtes Wesen dem Sittengesetz zu folgen, weil dies die Achtung vor dem mittels der Vernunft eingesehenen Gesetz gebietet (Achtung wirkt auch auf das Gefühl und damit auf die Sinnlichkeit eines vernünftigen Wesens). Die moralische Nötigung der Pflicht ist ein innerer Zwang (Selbstzwang). Sie geschieht durch Selbstbindung eines Vernunftwesens an ein von ihm selbstbestimmt aufgestelltes sittliches Gesetz, das allgemein für vernünftige Wesen gültig ist. Die Selbstverpflichtung gründet in Autonomie (Selbstgesetzgebung). Ein vernünftiges Wesen will das, was es als der praktischen Vernunft entsprechend eingesehen hat. Beim Menschen gibt es eine Pflicht als Forderung, weil er zwar ein vernünftiges Wesen, aber ein endliches Wesen und kein reines Geistwesen ist. Die subjektive Beschaffenheit seines Wollens stimmt nicht von selbst mit dem objektiven Gesetz einer praktischen Vernunft überein. Nach der von Immanuel Kant vertretenen Ethik hat der Mensch als Naturwesen Neigungen und kann daher Lust bekommen, das moralische Gesetz zu übertreten. Zur Befolgung des Gesetzes ist es dann nötig, die Neigungen zu überwinden, indem sich die Pflicht geltend macht.

Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft (1788). Erster Theil. Elementarlehre der reinen praktischen Vernunft. Erstes Buch. Die Analytik der reinen praktischen Vernunft. Drittes Hauptstück. Von den Triebfedern der reinen praktischen Vernunft (A 142):
„Da das Gesetz selbst in einem moralisch guten Willen die Triebfeder sein muß, so ist das moralische Interesse ein reines sinnenfreies Interesse der bloßen praktischen Vernunft. Auf dem Begriffe eines Interesse gründet sich auch der einer Maxime. Diese ist also nur alsdann moralisch ächt, wenn sie auf dem bloßen Interesse, das man an der Befolgung des Gesetzes nimmt, beruht. Alle drei Begriffe aber, der einer Triebfeder, eines Interesse und einer Maxime, können nur auf endliche Wesen angewandt werden. Denn sie setzen insgesammt eine Eingeschränktheit der Natur eines Wesens voraus, da die subjective Beschaffenheit seiner Willkür mit dem objectiven Gesetze einer praktischen Vernunft nicht von selbst übereinstimmt; ein Bedürfniß, irgend wodurch zur Thätigkeit angetrieben zu werden, weil ein inneres Hinderniß derselben entgegensteht.“

A 150: „Denn da es ein Geschöpf, mithin in Ansehung dessen, was es zur gänzlichen Zufriedenheit mit seinem Zustande fordert, immer abhängig ist, so kann es niemals von Begierden und Neigungen ganz frei sein, die, weil sie auf physischen Ursachen beruhen, mit dem moralischen Gesetze, das ganz andere Quellen hat, nicht von selbst stimmen, mithin es jederzeit nothwendig machen, in Rücksicht auf dieselbe die Gesinnung seiner Maximen auf moralische Nöthigung, nicht auf bereitwillige Ergebenheit, sondern auf Achtung, welche die Befolgung des Gesetzes, obgleich sie ungerne geschähe, fordert, nicht auf Liebe, die keine innere Weigerung des Willens gegen das Gesetz besorgt, zu gründen, gleichwohl aber diese letztere, nämlich die bloße Liebe zum Gesetze, (da es alsdann aufhören würde Gebot zu sein, und Moralität, die nun subjectiv in Heiligkeit überginge, aufhören würde Tugend zu sein) sich zum beständigen, obgleich unerreichbaren Ziele seiner Bestrebung zu machen.“

A 154 - 155: „Pflicht! Du erhabener, großer Name, der du nichts Beliebtes, was Einschmeichelung bei sich führt, in dir fassest, sondern Unterwerfung verlangst, doch auch nichts drohest, was natürliche Abneigung im Gemüthe erregte und schreckte, um den Willen zu bewegen, sondern blos ein Gesetz aufstellst, welches von selbst im Gemüthe Eingang findet und doch sich selbst wider Willen Verehrung (wenn gleich nicht immer Befolgung) erwirbt, vor dem alle Neigungen verstummen, wenn sie gleich ingeheim ihm entgegen wirken: welches ist der deiner würdige Ursprung, und wo findet man die Wurzel deiner edlen Abkunft, welche alle Verwandtschaft mit Neigungen stolz ausschlägt, und von welcher Wurzel abzustammen, die unnachlaßliche Bedingung desjenigen Werths ist, den sich Menschen allein selbst geben können?

Es kann nichts Minderes sein, als was den Menschen über sich selbst (als einen Theil der Sinnenwelt) erhebt, was ihn an eine Ordnung der Dinge knüpft, die nur der Verstand denken kann, und die zugleich die ganze Sinnenwelt, mit ihr das empirisch bestimmbare Dasein des Menschen in der Zeit und das Ganze aller Zwecke (welches allein solchen unbedingten praktischen Gesetzen als das moralische angemessen ist) unter sich hat. Es ist nichts anders als die Persönlichkeit, d. i. die Freiheit und Unabhängigkeit von dem Mechanism der ganzen Natur, doch zugleich als ein Vermögen eines Wesens betrachtet, welches eigenthümlichen, nämlich von seiner eigenen Vernunft gegebenen, reinen praktischen Gesetzen, die Person also, als zur Sinnenwelt gehörig, ihrer eigenen Persönlichkeit unterworfen ist, so fern sie zugleich zur intelligibelen Welt gehört; da es denn nicht zu verwundern ist, wenn der Mensch, als zu beiden Welten gehörig, sein eigenes Wesen in Beziehung auf seine zweite und höchste Bestimmung nicht anders als mit Verehrung und die Gesetze derselben mit der höchsten Achtung betrachten muß.

Auf diesen Ursprung gründen sich nun manche Ausdrücke, welche den Werth der Gegenstände nach moralischen Ideen bezeichnen. Das moralische Gesetz ist heilig (unverletzlich). Der Mensch ist zwar unheilig genug, aber die Menschheit in seiner Person muß ihm heilig sein.“

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mögliche Kritik an dem, was Kants kategorischer Imperativ leistet

Die Zurückweisung anderer Motive als der Achtung vor dem moralischen Gesetz als Selbstgesetzgebung der Vernunft ist manchmal etwas schroff. Neigung, Lust, Freude werden zwar bei sittlich lobenswerten Handlungen nicht ausgeschlossen. Kant meint nicht, moralische Handlungen dürften nicht Neigungen entsprechen und nicht genossen werden. Aber um moralisch richtig zu sein, darf nach Kant nur die Pflicht ausschlaggebend sein.

Bei Kant gipfelt die Ethik im Gesetz. Denkbar ist aber auch eine Ethik des Guten (das Gute, nicht reine Form der Gesetzlichkeit) als höchstes Prinzip). In Frage gestellt werden könnte, gerade von einem solchen andersgelagerten Ansatz aus, ob die Eignung eines Grundsatzes, Bestandteile einer allgemeinen, der Vernunft entsprechenden sittlichen Gesetzgebung zu sein, nicht nur ein notwendiges Kriterium (als solches ist der kategorische Imperativ sehr einleuchtend und überzeugend) , sondern auch ein hinreichende Kriterium für eine unbedingte Geltung als ethisches Prinzip ist. Ein Zweifel könnte geäußert werden, ob Kant hierbei nicht zu formal bleibt. Ist aus einer Nichtwidersprüchlichkeit allein immer völlig eindeutig ein unbedingt gültiger Grundsatz ableitbar? Ein Problem stellt sich beispielsweise im Fall von Pflichtenkollisionen. Nach Kant sind sie ausgeschlossen. Ob allerdings in Ausnahmesituationen nicht doch Fälle auftreten, wo gute Grundsätze aufeinanderstoßen und eine Güterabwägung nötig ist. Dies kann mit beachtlichen Gründen vertreten werden.

zum Thema (unter anderem Überlegungen zu dem zuletzt genannten Problem) interessant:

Reinhard Brandt, Immanuel Kant - was bleibt? Hamburg : Meiner, 2010, S. 83 – 126 (III. Der kategorische Imperativ – gültig überall und immer?)

S. 96: „Die Maximen sind die Leitfäden, an denen sich die Menschen im Naturzustand und in ihren partikularen Willensbildungen orientieren und entlang träumen, sie sind ohne notwendigen sozialen Zusammenhalt und führen nur zufällig zu Friedenspausen. Das Gesetz ist dagegen das Gesetz der gemeinsamen Welt, gemäß dem die Maximen, welchen Inhalt sie auch haben, zum Zusammenklang gezwungen werden. Erst mit diesem von allen Inhalten abstrahierenden Gesetz der gemeinsamen Welt von Personen macht sich der Mensch selbst zum Weltbürger. Man sieht auch hier: Man kann aus Träumen nicht durch Aggregieren oder Komplexitätssteigerung in den Wachzustand gelangen, sondern nur durch einen qualitativen Sprung. Die Maximen sind privat und können geheim bleiben, die allgemeinen Gesetze, die sich der vernunftgeleitete Wille gibt, sind selbstredend öffentlich; die Akteure, an die sie sich wenden, leben nicht nomadisch in getrennten Welten und folgen in ihren Maximen und vielleicht auch universellen Gesetzen, jeder für sich, sondern sind zu denken als Vernunftwesen in einer allgemeinen Öffentlichkeit, einer res publica.“

S. 97: „Gefordert wird, dass die faktische Maxime sich einpassen lässt in eine ideelle, vernunftnotwendige Gesetzesordnung sui generis.“

S. 102: „Es sollen die faktischen, nur subjektiven Regeln unserer Handlungspläne kritisch überprüft werden an einem nur formalen Kriterium: Passen sie in eine öffentliche Ordnung, die dem Gesetzeswillen aller entspringen kann, das Handeln aller konfliktfrei regelt und die Zwecke anderer mit den eigenen kompatibel macht?

Der kategorische Imperativ besagt: Ich soll erstens meine naturwüchsigen Maximen dem Gesetzestest unterwerfen, und ich soll zweitens dem Ergebnis entsprechend handeln. In dieser doppelten Maßnahme liegt mein ideeller Überschritt von meiner Willkürmaxime zum gesetzlichen Handeln entsprechend einer «volonté générale». Nach Kant ist dazu grundsätzlich jeder erwachsene Mensch in der Lage.“

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Der "Kategorische Imperativ" ist von Immanuel Kant vermutlich ganz anders gedacht gewesen, bzw. man ihn heute versteht. Er soll ja gar nicht "tragfähig" sein, denn dann wäre es ja kein "Imperativ". Man muss auch die geänderten Zeiten berücksichtigen.

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