Wie steht Kant zu Einzelfallentscheidungen?

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Die Beantwortung hängt davon ab, auf welche Art von Handlungsregeln Bezug genommen wird und was mit „Einzelfallentscheidungen“ genau gemeint ist.

Kant könnte zustimmen, wenn nicht von einer Pflicht abgewichen wird.

Art von Handlungsregeln

Immanuel Kant unterscheidet hypothetische und kategorische Imperative. Die Gültigkeit hypothetischer Imperative steht unter einschränkenden Voraussetzungen. Die Handlung ist nur unter dem Vorbehalt subjektiver Absichten geboten: Wenn ich x möchte, dann ist dann ist y notwendig.

1) technische Imperative der Geschicklichkeit: Sie gebieten die notwendigen Mittel zu einer beliebigen Absicht.

2) pragmatische Imperative der Klugheit: Sie gebieten Handlungen, die für die tatsächliche Absicht förderlich sind.

Wenn es um Handlungen in einer bestimmten Situation geht, hängt es auch von Umständen des Einzelfalles ab, welche Mittel nötig, erforderlich bzw. geeignet sind. Hinsichtlich hypothetischer Imperative gibt es für Kant daher keinen Grund, eine Einbeziehung der besonderen Umstände des Einzelfalls abzulehnen.

Hinsichtlich kategorischer Imperative (bei denen etwas Pflicht ist) sind Einzelfallentscheidungen dagegen offenbar ein Problem, weil kategorische Imperative sich durch eine Allgemeingültigkeit auszeichnen. Die Beurteilung, ob Kant Einzelfallentscheidungen zustimmen oder sie ablehnen würde, hängt davon ab, was mit „Einzelfallentscheidungen“ genau gemeint ist.

kategorischer Imperativ und Einzelfallentscheidungen

Ein kategorischer Imperativ ist ein unbedingter, allgemeingültiger Imperativ und enthält eine Maxime (ein dem Vernunftinteresse entnommener subjektiver Grundsatz) als moralisches Gebot, das sich als Bestandteil einer allgemeinen Gesetzgebung der Vernunft eignet. Ein kategorischer Imperativ gilt für alle Vernunftwesen, immer und überall. Es besteht eine Pflicht, als vernunftbegabtes Wesen dem moralischen Gesetz zu folgen, weil dies die Achtung vor dem mittels der Vernunft eingesehenen Gesetz gebietet.

Wenn mit „Einzelfallentscheidung“ ein Abweichen von dem Grundsatz, der Pflicht ist, gemeint ist, würde Kant dies ablehnen. Eine allgemeingültige Pflicht darf nicht von einer Ausnahme durchbrochen werden. Dies wäre bei einem unbedingten Gebot ein Widerspruch. Die Entscheidung wäre eine wilkürliche Verletzung der Pflicht.

Wenn mit „Einzelfallentscheidung“ nur gemeint ist, bei der Umsetzung der Pflicht besondere Umstände des Einzelfalls zu berücksichtigen, könnte Kant zustimmen. Denn dann geht es nur um die richtige Anwendung des kategorischen Imperativs in einer bestimmten Situation, unter voller Beibehaltung des Grundsatzes.

Zumindest im Gebiet der Tugendlehre (Ethik) hat Kant erklärt, es gebe Fragen, die für die Urteilskraft eine Klärung zur Aufgabe machen, wie Grundsätze in besonderen Fällen anzuwenden seien.

Ein Unterschied zwischen vollkommenen und unvollkommenen Pflichten in der Art der Verbindlichkeit ist von Bedeutung.

Vollkommene Pflichten haben eine enge bzw. strenge Verbindlichkeit, unvollkommene Pflichten eine weite Verbindlichkeit (es besteht in der Ausführung ein Spielraum). Vollkommene Pflichten sind Pflichten, die Rechtspflichten sind. Unvollkommene Pflichten sind Pflichten, die allein Tugendpflichten sind, keine Rechtspflichten. Rechtspflichten gebieten eine Handlung. Pflichten, die allein Tugendpflichten sind, gebieten eine Maxime der Handlung, nicht genau die Handlung selbst. Auch kann eine Pflichtmaxime durch eine andere Pflichtmaxime eingeschränkt werden.

Der Zweck der Handlung ist in beiden Fällen zugleich Pflicht, aber bei unvollkommenen Pflichten gibt es (anders als bei vollkommenen Pflichten) einen Spielraum in der Anwendung der Maxime. Bei der Beachtung und Befolgung der Maxime ist nicht genau bestimmt, wie (auf welche Weise) und wieviel (in welchem Ausmaß) der Zweck bewirkt wird.

Kant stellt bei der Darstellung der Tugendlehre kasuistische (casuistische) Fragen.

Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten (1797). Zweiter Theil. Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre. Einleitung zur Tugendlehre. XVII. Vorbegriffe zur Eintheilung der Tugendlehre. Anmerkung. AA VI, 411:

„Wie komme ich aber dazu, wird man fragen, die Einteilung der Ethik in Elementarlehre und Methodenlehre einzuführen: da ich ihrer doch in der Rechtslehre überhoben sein konnte? – Die Ursache ist: weil jene es mit weiten, diese aber mit lauter engen Pflichten zu tun hat; weshalb die letztere, welche ihrer Natur nach strenge (präcis) bestimmend sein muß, eben so wenig wie die reine Mathematik einer allgemeinen Vorschrift (Methode), wie im Urtheilen verfahren werden soll, bedarf, sondern sie durch die That wahr macht. – Die Ethik hingegen führt, wegen des Spielraums, den sie ihren unvollkommenen Pflichten verstattet, unvermeidlich dahin, zu Fragen, welche die Urtheilskraft auffordern auszumachen, wie eine Maxime in besonderen Fällen anzuwenden sei, und zwar so: daß diese wiederum eine (untergeordnete) Maxime an die Hand gebe (wo immer wiederum nach einem Princip der Anwendung dieser auf vorkommende Fälle gefragt werden kann); und so gerät sie in eine Casuistik, von welcher die Rechtslehre nichts weiß.“

Er würde wohl leugnen, dass es sie gibt. Also ablehnen.

hat das auch ein grund?

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War er nicht einer, der eine konstruktivistische Denkweise pflegte?


Das kann man ihm nicht vorwerfen. Die war damals noch nicht erfunden, auch nicht von ihm.

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