Wie steht ihr zu Pazifismus/Gewaltlosigkeit? Gibt es Situationen, in denen Gewalt oder sogar Krieg gerechtfertigt sind?

Das Ergebnis basiert auf 19 Abstimmungen

In Ausnahmesituationen ist Gewalt manchmal der einzige Weg. 47%
Ich vertrete folgende Meinung: 37%
Gewalt ist immer falsch, ich bin absolut pazifistisch. 16%

16 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet
Ich vertrete folgende Meinung:

Hier meine Antwort als Theravada-Buddhist:

  • Für Mönche/Nonnen gilt absolute Gewaltlosigkeit
  • Laien handeln nach ihrer persönlichen Einsicht im Rahmen der Notwehr/Nothilfe unter größtmöglicher Rücksichtnahme. Zu beachten ist, daß man nicht bei jedem Streit, zu dem man hinzukommt, sofort erkennen kann, wer "der Böse" ist.
  • Tja, und um einen Krieg (z.B. mit China) anzufangen bin ich alleine zu wenig;-)

Vielen Dank dafür! :)

Ich hätte insbesondere beim Theravada gedacht, dass für alle Gläubigen kompromisslose Gewaltlosigkeit gilt. Angeblich soll Buddha das so gelehrt haben, und die Verse, die ich aus dem Dhammapada kenne (habe es noch nicht komplett gelesen), scheinen auch in diese Richtung zu tendieren.

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@Indecisive

Angeblich soll Buddha das so gelehrt haben

Nun, betrachten wir mal zwei verschiedene Übersetzungen (aus Theravada-Kreisen):

"Ich gelobe, mich darin zu üben, kein Lebewesen zu töten oder zu verletzen“, oder

"Lebewesen will ich nicht töten [oder verletzen]"

Es heißt also nicht direkt "ich darf nicht", sondern hat letztendlich die Bedeutung, daß man sich (aufrichtig) bemüht, danach zu handeln.

Man muß das auch unter dem Gesichtspunkt sehen, daß eine gedankliche Zustimmung von einem Augenblick auf den anderen erfolgen kann, die endgültige Verhaltensumstellung dann aber normalerweise eine langwierige Sache sein wird (denk' z. B. an eine Ernährungsumstellung).

Dhammapada - sehr gut. Alleine der dritte Vers ist geeignet, ein ganzes Leben zu verändern.

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Ich vertrete folgende Meinung:

Die Vorstellung von Frieden steht in einem nicht lösbaren Spannungsverhältnis. Wer ewigen und 100%igen Frieden möchte, müsste dafür erst einmal selber komplett friedlich und gewaltfrei leben. Man kann aber nicht (/nahezu nicht) gewaltfrei leben, wenn es nicht auch alle anderen so tun. Das ist im Prinzip wie Rüstungskriege. Beide Seiten sind sich ebenbürtig, keiner würde den anderen Angreifen, trotzdem rüsten beide Seiten immer weiter auf um die Oberhand zu gewinnen. Man könnte auch einfach sagen "na gut, wenn wir gleich stark sind belassen wir es dabei und haben nichts zu befürchten", doch dafür müsste man dem anderen vertrauen, dass er es einhält, was man nicht kann. Genauso bei Gewalt. Wir könnten nun alle sagen "ab morgen leben wir Gewaltfrei", doch wir würden nie eine 100%ige Sicherheit haben, dass andere sich auch daran halten, weshalb wir uns auf diese Situation vorbereiten würden und das Ideal der friedlichen Gesellschaft wieder verletzen würden.

Soviel dazu, dass es Gewalt gibt und sie nie verhindert werden kann. Die nächste Frage ist nun, wie geht man mit der Gewalt um, was deiner Frage näher kommt. Ich glaube, wenn man all die Millionen von Opfern fragt, die der 2. Weltkrieg hervorgebracht hat, ob es gut war, dass die Alliierten eingegriffen haben, auch wenn das mit viel Tot und Zerstörung in Verbindung lag, würde niemand nein sagen. Das geht ja auch auf die Frage zurück, ob man Menschenleben sachlich rational in Zahlen sehen sollte oder nicht ("hier würden 100 sterben, im anderen Fall 2000, also sorgen wir dafür, dass Fall 1 eintritt"). Ich für meinen Teil würde vermutlich dazu tendieren, Grausamkeit zu bekämpfen und finde die Gewalt "gerechtfertigt". Beispielsweise finde ich es sehr gut, dass die Blauhelme bei starken Menschenrechtsverletzungen eingreifen. Die Gewalt hierbei für ein höheres Ziel finde ich akzeptabel, denn wie oben beschrieben: selbst wenn wir sagen würden "nein wir greifen nicht ein, wir zeigen dass wir unsere Ideale absolut leben und werden friedlich bleiben" führt das nicht dazu, dass andere das auch tun, sondern die Gewalt bleibt bestehen und es gibt plötzlich niemanden mehr, der sich ihr in den Weg stellt.

Mit den Eigenschaften, der Erziehung und der Welt in der der Mensch lebt ist ein absoluter Pazifismus nicht möglich, auch wenn ich ihn mir wünschen würde.

Woher ich das weiß:Studium / Ausbildung – Teilgebiet meines Studiums

Sehr gut durchdachte Antwort! Ich empfinde da ähnlich wie du. Pazifismus ist ein hohes Ideal - aber es wird niemals so sein, dass sich alle Menschen auf der Welt diesem Ideal verpflichtet fühlen werden. Deshalb sehe ich Gewalt "gegen Gewalttäter" auch als gerechtfertigt an.

Das Beispiel mit dem Zweiten Weltkrieg kam mir beim Formulieren des Fragetextes auch in den Sinn. Hitler hätte sicher nicht aus Schamgefühl aufgehört, wenn ihn alle in Ruhe gelassen hätten.

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In Ausnahmesituationen ist Gewalt manchmal der einzige Weg.

Ich bin Soto-Zen-Buddhist und unterscheide zwischen konstruktiver Aggression und destruktive Aggression, als Antrieb für das eigene Handeln.

Konstruktive Aggression ist beispielsweise der gesunde Ehrgeiz, der einen antreibt und den inneren Schweinehund überwinden hilft, wenn man etwas erreichen ist.

Destruktive Aggression entsteht, wenn innere Konflikte nicht gelöst werden und dann in Exzessen - Hassrede, Ausgrenzung, Mobbing, tätlicher Angriff - eskalieren.

Gewalt ist aber beispielsweise auch die Staatsgewalt - die Exekutive ist legitimiert gegen Umstände und Personen vorzugehen, welche den Frieden stören.

Für mich ist Notwehr, oder Nothilfe, um Leben zu schützen, legitim, wenn alle realistischen Möglichkeiten zur Deeskalation gescheitert sind.

Ich war leider selbst schon in solchen Situationen und musste andere Menschen, oder mich selbst, vor eskalierender Gewalt schützen.

Letztlich bleibt exzessive Gewalt für mich aber gescheiterte Kommunikation und mangelndes Verständnis und sollte wann immer möglich vermieden werden.

Woher ich das weiß:Eigene Erfahrung – Seit mehr als 30 Jahren praktizierender Buddhist

Wenn jemand niedergemetzelt wird, obwohl ich einschreiten könnte, ist das übel.

Und trotz lässt man imner wieder zu viel Ungerechtigkeit laufen, hält die Füße still und wundert sich, dass es irgendwann eskaliert.

Wie sähe die Welt mit einer "Militärsteuer" aus?

Wenn für jeden militärisch investierten Euro ein weiterer in zivile Konfliktlösungsstrategien investiert werden müsste?

Stattdessen lässt man es weite laufen. Und das Militär darf die Kohlen aus dem Feuer holen.

Ich vertrete folgende Meinung:

Gewalt ist nicht nur in Ausnahmefällen eine angebrachte Angelegenheit, sondern dauerhaft, muss allerdings sinnvoller Weise in bestimmten Grenzen gehalten werden.

Kannst ja mal vorschlagen die Staatsgewalt und damit sämtliche vollziehenden Organe der Polizei und sonstiger Institutionen, die die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten haben abzuschaffen.

Täte man das, hätte man dieses Land binnen 3 Wochen in somalische Zustände versetzt.

Mir ist das schon klar, aber es gibt Menschen, die das anders sehen. Habe dazu ja auch ein Beispiel genannt. Ich weiß auch, dass Zeugen Jehovas eine ähnliche Gesinnung haben.

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