Wie mache ich meiner Mutter klar, dass sie bei den Themen Gesundheit und Medizin komplett den Faden verloren hat?

14 Antworten

Hallo DeCnJackZ,

das ist oft sehr schwierig. Und zwar meist deshalb, weil viele Betroffene

  • eine stark emotionale Bindung zu den Mitteln und Verfahren entwickelt haben, die sie da anwenden. Homöopathie et al. kommen eher einer Religion gleich und Hahnemann ist ihr Prophet.
  • sich praktisch nur über Bücher und Webportale informieren, in denen wissenschaftlich unhaltbare Thesen vertreten werden und wissenschaftliche Nachweispflicht per se diskreditiert wird. Das Ganze findet dann noch innerhalb eines entsprechend gewählten Bekanntenkreises statt, einer Art "pseudowissenschaftlicher Blase" innerhalb der Gesellschaft.

Wenn Du hier mit rationalen Argumenten kommst, ist die Wahrscheinlichkeit extrem groß, dass Du auf die typischen emotionalen ... und daher unbewusst stattfindenden ... Reaktionen stößt

Kurzfristig geht da vermutlich nicht viel.

Was sinnvoll wäre:

  • Ein Auge darauf behalten und ggf. wenigstens bei Beschwerden, die einen ernsteren Hintergrund vermuten lassen, darauf zu drängen, dass Deine Mutter wenigstens eine ordentliche Diagnose bei einem seriös arbeitenden Arzt machen lässt.
  • Darauf zu achten, dass Deine Mutter keine Dritten schädigt. (Also keiner Bekannten z.B. einredet, sie solle MMS nehmen etc.)(Bereits diese beiden Punkte dürften aber in der Praxis nicht leicht umzusetzen sein. Aber dafür würde es sich wenigstens lohnen, auch in direkte Konfrontation zu gehen.)
  • Du kannst die Wahrnehmung der Genesungsverläufe beeinflussen: Du kannst z.B., wenn irgendwelche so behandelten Beschwerden nicht abklingen oder sich verschlimmern, immer explizit auf das Scheitern der Verfahren aufmerksam machen. Das hilft ggf. langfristig: Opfer der alternativen Werbung deuten zwar jede Genesung als Erfolg, Verschlechterungen werden aber im besten Falle als "Ausnahme" gedeutet, im schlechtesten Falle ebenfalls als Teil eines Genesungsprozesses. An diesen Vorstellungen (auch an dem Post-hoc-Irrtum bei Besserungen) kann man aber vielleicht doch drehen. Und zwar am besten durch Nachfragen "wie kannst Du Dir sicher sein, dass...?" oder "warum kann das nicht auch...?"Manchmal hilft die Einsicht, dass man da eigentlich keine guten Antworten hat, dem Betroffenen weiter: Auf den einschlägigen Webseiten wird den Anwendern dubioser Verfahren oft eingeredet, sie wüssten mehr, weil sie ja nicht das machen, wie "der Mainstream". Möglicherweise schaffst Du es, hier Zweifel zu streuen?
  • Du kannst seriöse Informationen anbieten. Wissenschaftsverbände, Bundesärztekammern und Verbraucherschützer bieten durchaus laienverständliches Info-Material zu den genannten Themen an.
  • Du kannst sie zu Vorträgen und Informationsveranstaltungen mitnehmen ... aber dann bitte darauf achten, dass das alles wissenschaftlich fundiert ist. Leider gibt es sehr unsachliche Werbeveranstaltungen; für Homöopathie und Schüssler leider sogar von Apothekern, die da Umsatz mit machen wollen/müssen;falls das klappt, wäre es aber vielleicht eine Möglichkeit, Deine Mutter erst mal aus ihrer selbstgewählten Informations-Blase zu holen.
  • Vielleicht findest Du jemanden, der MMS genommen hat und richtig krank geworden ist. Vielleicht könntest Du ein Zusammentreffen organisieren?

Wichtig bei dem Ganzen:

Die Betroffenen haben meist entweder Angst vor echter Medizin und/oder sind unzufrieden mit ihrem Arzt, weil der sich entweder zu wenig Zeit zum Zuhören nimmt oder eine bestimmte Erkrankung nicht "heilen" kann.

Ob jetzt all diese Vorbehalte logisch sind oder nicht: Für den Betroffenen sind sie real. Und deshalb wirst Du Deine Mutter nur dann erreichen können, wenn die Art, wie Du mit ihr sprichst, durchblicken lässt, dass Du sie zumindest in ihren Ängsten ernst nimmst. Sende "Ich Botschaften" (also "ich mache mir Sorgen...und deshalb möchte ich mit Dir darüber reden..."). Versuche es nicht rein rational. Du wirst sie schlicht nicht erreichen.

Möglicherweise können auch Gespräche über das Gesundheitswesen, Impfen, EbM,.... kurz Themen, die gar nicht unmittelbar was mit den liebsten Verfahren Deiner Mutter etwas zu tun haben ... einen Schlüssel darstellen. Möglicherweise ist Deine Mutter bei diesen "Drittthemen" weniger emotional eingebunden und zugänglicher, sieht aber möglicherweise hier auch selbst leichter, dass ihr Bild der echten Medizin verzerrt ist.

Die psychologischen Mechanismen, die es so schwer machen, aus diesem Teufelskreis aus ängsteschürenden Desinformatiionen und resultierender Selbsttäuschung herauszufinden, beschreibt übrigens Sebastian Herrmann recht gut in seinem "Starrköpfe überzeugen". Auch der Kahnemann "Schnelles Denken, langsames Denken" zeigt die Mechanismen sehr gut auf. Vielleicht kann Dir also die Lektüre eines dieser Bücher ein paar praktische "Do's" and "Don'ts" beibringen?

Toitoitoi.

Entweder immer wieder sagen (und möglichst nicht als Einziger), dann hat es eine Chance sich langsam einzuschleifen wenn der erste Abwehreffekt rum ist...

... oder ein wenig recht geben, aber sagen, daß viel davon Geldmacherei ist und einiges sogar ungesund. Gutes Buch zum Thema, der Autor sagt nicht "alles Unsinn", sondern stellt die wenigen Dinge aus der Alternativecke heraus die funktionieren (Kräutertee, etc.) und zeigt beim Rest deutlich, das es sogar schaden kann:

Gesund ohne Pillen - was kann die Alternativmedizin? von Simon Singh und Edzard Ernst

Vielleicht hilft sowas mehr als Konfrontationskurs, auch wenn Du vollkommen Recht hast und es gut meinst.

Meine Mutter hat in den letzten paar Jahren echt den Faden verloren was Gesundheit und Medizin anbelangt.

Ich denke eher, das du hier den Faden verloren hast. Ist jetzt jeder Mensch der anders denkt und handelt als Du selbst, ein Verrückter.

Etwas mehr Respekt deiner Mutter gegenüber würde Dir nicht schaden, schließlich kann jeder Mensch  so leben wie es für ihn richtig erscheint.

Einzige Ausnahme wäre; er würde damit anderen Menschen einen Schaden zufügen.

Wer Chlorbleiche trinkt hat schon "den Faden verloren". Und das nicht nur leicht...

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