Wie lässt man Begierden los - es handelt sich dann ja auch wieder um eine Begierde?

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3 Antworten

Ich bin Buddhist und helfe dir bei dieser Frage gerne weiter.

Ein solcher Konflikt  entsteht erst durch unser dualistisches Denken, dass eine Trennung zwischen der Praxis und dem Ziel aufbaut.

Auch im Westen gibt es die Redensart "Der Weg ist das Ziel".

Man geht den Weg nicht, um irgendwohin zu gelangen, sondern man geht einfach um des Gehens willen, ohne Zielstreben.

Genau so sagt zB Meister Dogen, "Zazen ist Satori" - die Praxis der Meditation ist bereits die Verwirklichung des Erwachens.

Dazu gibt es auch einige Geschichten:

So trafen zwei Wandermönche an einem reißenden Gebirgsbach auf eine schöne Frau, die es alleine nicht hinüber schaffte und die beiden um Hilfe bat.

Kurzerhand nahm einer der beiden Mönche die Frau huckepack auf den Rücken und trug sie so über den Fluss, bevor man wieder getrennter Wege ging.

Nach langem Schweigen platzte es aus dem anderen Mönch heraus - das sei doch wohl eine falsche Handlung gewesen, da man doch als Mönch keinen Kontakt zu Frauen haben sollte!

Der hilfsbereite Mönch stutzte einen Moment und sagte dann "Oh, du trägst sie immer noch mit dir herum? Ich habe sie am Ufer zurückgelassen".

Das Problem entsteht also erst dann, wenn wir Kategorien schaffen. Auch zwischen "Weg zum Ziel der Erleuchtung" und "Erleuchtung als Ziel".

Wenn man sich ganz darauf konzentriert, den Weg zu gehen, dann gibt es keine Notwendigkeit, irgendetwas zu verdrängen, oder zu erreichen.

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Kommentar von Enzylexikon
22.01.2017, 18:32

Meister Dogen betonte auch immer wieder, dass die alltäglichen Arbeiten genau die gleiche Bedeutung haben, wie die Sitzmeditation.

Für ihn war "Shikantaza" das "Nur-Sitzen" ohne das Streben nach einem Ziel, in völliger Absichtslosigkeit (mushotoku) die zentrale Praxis.

Doch auch das "Nur-Putzen" (shikan-samu) oder das "Nur-Gehen" (shikan-kinhin) sind genau so die Praxis der Verwirklichung.

Wer also trennt zwischen "heiliger Meditation" und "profaner Arbeit" baut einen Dualismus auf, der sonst gar nicht existieren würde.

So geht es eben auch nicht darum, die Begierden loszulassen, sondern die Bewertung als Begierden fallen zu lassen.

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Nichiren Daishonin, buddh. Mönch im Japan des 13. Jahrhunderts schrieb dazu Folgendes, lieber Eulenspiegel:

"Irdische Begierden sind Erleuchtung" - Gemeint: Man braucht seine Begierden nicht loszulassen - Begierden sind menschlich und der Buddhismus ist eine Philosophie der Menschlichkeit.

Indem man sich dessen bewusst ist und indem man seine Begierden umarmt, kommt man am ehesten in die Lage, Meister seiner Begierden zu werden, anstatt sich von seinen Begierden meistern bzw. leiten zu lassen.

Ich kopiere Dir hier mal was aus den Nonin-Seiten rein: (ausführlich unter:
http://www.nonin.de/seiten/prinzip1.htm )

Man kann die Erleuchtung erlangen auch ohne sich seiner weltlichen Begierden zu entledigen. Einer Veranschaulichung dieses Prinzips dient die bekannte Metapher von der Lotos-Blume, eine Blume, die aus dem Schlamm des Sumpfes erblüht. Ohne schlammiges Wasser, das sein Lebenselixier darstellt, kein Lotos; doch ist das Schlammwasser deswegen nicht gleichzusetzen mit dem Lotos.

Die negative Kraft der Begierde muss so kanalisiert werden, dass ihr
Schub in eine positive Richtung führt. Nichiren Daishonin zieht folgenden
Vergleich: Wird Holz zum brennen gebracht, dann entsteht Licht. Genauso
wird es hell um unsere Begierden, wenn wir Nam-Myoho-Renge-Kyo chanten.[4]

In der "Aufzeichnung der mündlich überlieferten Lehren"
heißt es: "Nun lassen Nichiren und seine Anhänger, die
Nam-Myoho-Renge-Kyo rezitieren ... das Feuerholz der weltlichen Begierden
lodern und offenbaren das Feuer der erleuchteten Weisheit." Eine
schlichte Aussage, die zum Ausdruck bringt, dass die Erleuchtung erlangt
werden kann, eben weil es weltliche Begierden gibt.[5]

"Wenn man sogar während der sexuellen Vereinigung Nam-Myoho-Renge-Kyo chantet, dann sind irdische Begierden Erleuchtung, und die Leiden von Geburt und Tod sind Nirvana. ... Es heißt in der Maka
Shikan, dass die Ignoranz und der Staub der Begierden Erleuchtung und die
Leiden von Geburt und Tod Nirvana sind."[6]


Ich hab`das mit dem Chanten während der sexuellen Vereinigung noch nicht probiert - aber es ist bestimmt einen Versuch wert;)! 

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Kommentar von eulenspiegel91
22.01.2017, 18:13

danke für deine ausführliche Antwort - es war sehr hilfreich *gassho*

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Kommentar von Enzylexikon
22.01.2017, 18:47

Ja, eine ähnliche Lehre gibt es bei uns im Soto-Zen auch und ebenso den von dir genannten Grundsatz "Bonno soku Bodai" (Die Illusionen sind Erleuchtung).

Im Soto-Zen geht es darum, keine Trennung aufkommen zu lassen zwischen Praxis und Erwachen. Alles kann ein Ausdruck des Erwachens sein, wenn man nicht an Kategorisierungen haftet.

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Das typische Dilemma altruistischer Philosophien.

Ein Mensch der jede Form des Egoismus ablehnt, könnte in letzter Konsequenz nicht mal seinem Drang nachgeben, Nächstenliebe auf niedrigster Ebene zu üben, da dies eben ein Wunsch ist, der seinem tiefsten Inneren entspringt.

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Kommentar von eulenspiegel91
22.01.2017, 18:13

danke für die antwort

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