Wie konnte Hitler so wenig Widerstand bekommen?

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9 Antworten

Platt und vereinfachend gesagt: Die Machteliten - Schwerindustrie, Großagrarier, Militärs, Justiz, rechte Presse, die Clique um den greisen Reichspräsidenten - unterstützten ihn.

Das "Volk" fiel auf die Inszenierung dieses Rattenfängers herein. Große Teile des Bürgertums sehnten sich nach dem verlorenen Krieg nach einem "Führer", unter dem alles besser werden würde. 

Die "Machtergreifung" war eine Machtübertragung. Hitler wurde die Macht auf dem Silbertablett vom Reichspräsidenten serviert.

Gruß, earnest

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Kommentar von earnest
05.03.2016, 18:34

Danke für den Stern!

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Das frage ich mich wirklich auch, wie war so was nur möglich? Dazu einige subjektive Gedanken.

Anfangs 1933 waren in Deutschland unzählige Menschen (ich glaube, an die 6 Millionen) ohne Arbeit und Hitler gab ihnen Hoffnung. Zudem wurde die NSDAP von der Industrie finanziell massiv unterstützt. 

Wer Ende Februar 1933 den Reichstag angezündet hat, es auch heute noch nicht mit absoluter Sicherheit geklärt. Ein Einzeltäter kann es wohl nicht gewesen sein. Fakt ist auf jeden Fall, dieser Brand den Nazis sehr genützt hat. Innert kürzerster Zeit wurden wichtige Grundrechte ausser Kraft gesetzt und schon im Mai waren die Gewerkschaften und die anderen Parteien verboten.

Wer nicht Jude war und sich mit dem Regime irgendwie identifizieren konnte, hat ja im 3. Reich lange recht gut gelebt. Es ging ja nachher tatsächlich aufwärts und viele Menschen hatten wieder Arbeit und Verdienst, vorallem wegen der Aufrüstung. Der Terror gegen Andersdenkende wurde von vielen "Volksgenossen" kaum zur Kenntnis genommen und ausgeblendet.

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Das Ganze (in deinen Fragen) wird
ziemlich ex post beurteilt. Hinterher ist man immer klüger! Damals
hatte man auch nicht die heutigen Kommunikationsmittel wie Internet,
Smartphone etc. Als die Hitlerregierung die Freiheitsrechte durch
die ReichtagsbrandVO aufhob, erschien das damals plausibel. Der
Reichtagsbrand war ein Fanal. Die Annahme, dass ein kommunistischer
Aufstand bevorstand, erschien glaubwürdig. Hitler sprach von
einschlägigen Beweisen, später wurde ja auch ein Kommunist (van de
Lubbe) vom (noch) unabhängigen Reichstag verurteilt. Dass Hitler
diese NotVO nebenbei dazu benutzte, missliebige Politiker und Juden
zu verhaften, bekam man in Deutschland gar nicht so richtig mit. Auch
hatten die meisten Angst vor den Schlägertrupps der SA. Das war
nicht wie heute, wo man im Internet seine Meinung äußern konnte.
Eingeschüchterte Oppositionspolitiker hatten keine Lust, verprügelt
oder verhaftet zu werden. KZ's wurden sehr schnell eingerichtet.
Genauso war es dann beim Ermächtigungsgesetz. Hitler sagte in seiner
Ansprache: „Sie können jetzt wählen zwischen Frieden und Krieg!“
Auf den Rängen der Krolloper brüllten SA- und SS-Leute: „Wir
wollen das Ermächtigungsgesetz! Sonst Mord und Totschlag!“

Interessant ist, was Joachim Fest
(ehem. Herausgeber der FAZ) in seiner Biographie über Albert Speer
schreibt: „Zu den Gründen, die das Verständnis des Jahres 1933
erschweren, zählt vor allem der tiefe moralische Bruch, den viele
heutige Betrachter in Kenntnis der späteren Gräuel schon beim
Machtantritt Hitlers wahrnehmen. Die Zeitgenossen dagegen haben
diesen Bruch nicht oder nur selten empfunden. Weit eher verbanden sie
mit den Vorgängen jenes stürmischen Frühlings gewisse,wenn auch
überaus ungenaue (positive) Erwartungen...... Selbst die Besorgten
dachten allenfalls an ein autoritäres, übergangsweise vielleicht
sogar drakonisches Regiment, wie es in vielen europäischen Ländern
die Herrschaft erlangt hatte. Ohne Erfahrung mit einem totalitären
System...konnte oder mochte niemand sich vorstellen, wie weit
Entrechtung, Verfolgung und Massenverbrechen getrieben werden
würden.“ (Joachim Fest, Speer, S. 10).

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Kommentar von earnest
07.03.2016, 15:26

Der zutiefst bürgerliche Autor Fest (der, nebenbei sei's gesagt, zu denen gehörte, die dem "Bürger-Nazi" Speer auf den Leim gingen) hat sich hier offenbar vorrangig um das "bürgerliche" Umfeld gekümmert.

In Kreisen von SPD und KPD sah das Bild anders aus.

Die KPD formulierte schon 1932: "Wer Hitler wählt, wählt den Krieg." Das war NICHT "ex post" formuliert.

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Kommentar von Haldor
07.03.2016, 15:33

Statt "unabhängiger Reichstag" muss es heißen: "unabhängiges Reichsgericht".

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Oft wird der Zuspruch vor der Machtübernahme überschätzt. Im März 33 war die NSDAP zwar die stärkste Macht, konnte aber trotzdem nicht die alleinige Macht übernehmen. (hatten 43%)

Nach den gescheiterten Putsch respektierten in die Leute noch mehr. Beim Reichtagsbrand konnte sich keiner vorstellen, dass der Verursacher die NSDAP sein könnte. Außerdem versprach er den Menschen ein neues Zeitalter und da sie nichts hatten... so kam der Zuspruch

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Kommentar von earnest
05.03.2016, 18:34

Auch DAS wäre eine Überschätzung, denn: Die Reichstagswahl vom März 1933 war keine freie Wahl mehr. 

Aussagekräftiger ist da das Ergebnis der Reichstagswahl vom November 1933: Die Nazipartei erhielt ("nur") 33% der Stimmen.

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Sie waren vermutlich eher blind vor Hoffnung, dass alles besser würde. Und später, als es zu spät war, hatten sie Angst.

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"Die ganzen Ereignisse wären doch vorhersehbar gewesen - oder kommt es einem nur so vor, wenn man weiß, was darauf alles folgte?"

In der Tat scheint es rückwirkend verwunderlich, tatsächlich prägt aber unser "Wissensvorsprung" unsere Einordnung der damaligen Ereignisse. 

Bei uns gingen (hoffentlich!) sämtliche Alarmglocken an, sobald versucht würde bspw. die Grundrechte außer Kraft zu setzen - eben auch weil wir wissen, was folgte und wozu dies genutzt werden kann.

Viele unserer politischen Werte galten damals eben nur begrenzt. Deshalb ist bei der Betrachtung von Geschichte das Sachurteil aus der Zeit heraus so wichtig, damit es zu keinen falschen Schlüssen und zu einfachen Antworten kommt.

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Kommentar von earnest
05.03.2016, 18:29

Nun, die Kommunisten verbreiteten schon 1932 die Parole: "Wer Hitler wählt, wählt den Krieg."

Ein begründetes und prophetisches Urteil - aus der Zeit heraus.

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Wahrscheinlich hätten die meisten zu viel Angst etwas zu tun.

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Damals sahen die Nationalsozialisten Juden und Behinderte als Abschaum.. und das liegt an Hitlers Propaganda.

Wenn heute eine angesehen Person (ja, Hitler war damals angesehen), etwas sagt, meint oder behauptet, glaubt es direkt die ganze Anhängerschaft.

Damals glaubte man, heute glaubt man, in der Zukunft wird man auch wohl noch glauben.

Wenn man heute nach einer Konnotation für das Wort "Führer" fragt, denken viele Deutsche wohl an Adolf Hitler. Dieses Wort wäre dann "negativ". In England ist die Übersetzung leader total legitim, doch in Deutschland wird es nach dem Holocaust (bzw. 10 Jahre nach dem Holocaust) nicht mehr mit positivem verbunden.

Woran liegt das? An der Einsichtigkeit & dem Nachdenken.

Denn damals haben wohl keine richtig über ihr tun nachgedacht. Sowas war total legitim zu der Zeit, Menschen zu behandeln, sowie es KEINER verdient hat.

Es war ein schlimme Zeit und ich betone es nochmal: Es WAR!

Leider passiert, heute denken wir zum Glück anders darüber.

Als Zusammenfassung: Nicht nachgedacht, Propaganda geglaubt, dem "Führer" gefolgt.

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Ein Buchtipp: Geschichte eines Deutschen: Die Erinnerungen 1914-1933 von Sebastian Haffner, 304 Seiten.

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Kommentar von earnest
05.03.2016, 07:54

Noch knapper: "Anmerkungen zu Hitler".

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