Wie kommt es zu dem Werk " Die Ratten" von Gerhart Hauptmann?

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Schauspiel von Gerhart Hauptmann, Uraufführung: Berlin, 13. Januar 1911, Lessing Theater. Hauptmann "soziale" Dramen (Fuhrmann Henschel, 1899; Rose Bernd, 1903; Vor Sonnenuntergang, 1889; Die Weber, 1893) schließen sich der Tradition des bürgerlichen Trauerspiels an, die von Gotthold Ephraim Lessings (1729-1781) "Miß Sara Sampson" (1755) über Friedrich von Schillers (1759-1805) "Kabale und Liebe" (1784) bis zu Friedrich Hebbels (1813-1863) "Maria Magdalena" (1844) führt und sich um eine Erneuerung der Tragödie bemüht, die den veränderten historischen und sozialen Bedingungen Rechnung trägt. Die Emanzipation von der bis ins 18. Jahrhundert poetologisch relevanten "Ständeklausel", derzufolge ausschließlich hohe Standespersonen tragische Helden verkörpern durften, verlegte das tragische Geschehen ins bürgerliche und schließlich (bei Hauptmann) ins kleinbürgerlich-proletarische Milieu. Standesunterschiede und -gegensätze wurden damit jedoch nicht aufgehoben, sondern erst jetzt in ihrer ganzen Schärfe sichtbar gemacht, ja sie sind das eigentliche Movens der neuen Tragödie: Die Figuren, deren reduziertem Bewußtsein die Einsicht in die Tragik ihres Schicksals versagt bleibt, sind eher reagierende Opfer als agierende Helden, ihre tragische Konfliktsituation beruht weniger auf individuellen Denk- und Verhaltensweisen als auf der Determiniertheit gesellschaftlicher Verhältnisse. Der zunehmenden Verdüsterung dieser Verhältnisse verleiht der Schauplatz des Dramas bedrückenden Ausdruck. Es ist der von Ratten und menschlichem "Ungeziefer" verseuchte Dachboden einer ehemaligen Berliner Kavalleriekaserne, auf dem der verkrachte Theaterdirektor Hassenreuther seinen Kostümfundus untergebracht hat. In der verkommenen Mietskaserne hausen auch die Figuren des Stücks: das schwangere Dienstmädchen Pauline Piperkarcka, die Morphinistin Knobbe und Frau John, Maurersgattin und Putzfrau Hassenreuthers, die ihren in Altona arbeitenden Mann, der sich sehnlichst ein Kind wünscht, nicht enttäuschen möchte. Als sich ihre Hoffnung als unbegründet erweist, will sie durch einen barmherzigen Betrug Abhilfe schaffen. Sie kauft Paulines unehelich geborenes Kind und trägt es auf dem Standesamt als ihr eigenes ein. Doch in der Piperkarcka regt sich bald das schlechte Gewissen; aus Angst vor den Behörden meldet sie ihr Kind an und bezeichnet Frau John als Pflegemutter. Diese wird von Panik ergriffen als sich der Vertreter der Fürsorge um das Kind kümmern möchte. Sie unterschiebt Pauline das todkranke Kind der Knobbe und verläßt mit dem "eigenen" Säugling das Haus. Die Ereignisse jagen der unaufhaltsamen Katastrophe entgegen, als John freudestrahlend heimkehrt, aber angesichts der sonderbaren Situation mißtrauisch wird. Als Frau John auch noch erfahren muß, daß ihr gewalttätiger Bruder Bruno Mechelke die Piperkarcka, die er im Auftrag seiner Schwester einschüchtern und am Ausplaudern ihres Geheimnisses hindern sollte, erschlagen hat und nun von der Polizei gejagt wird, hält sie ihre Lage für aussichtslos, gesteht ihrem hilflos entsetzten Mann den Betrug ("Paul ick konnte nich anders, ick mußte det tun!") und stürzt sich aus dem Fenster. Nur scheinbar relativiert die epische Distanz der komisch-satirischen Hassenreuther-Handlung den tragischen Vorgang. Denn gerade der Kontrast zwischen der nur vordergründig intakten bürgerlichen Welt Hassenreuthers und der verwahrlosten Unterwelt des Mietshauses wirft ein grelles Licht auf die gesellschaftliche Bedingtheit der Tragödie. Während der ehemalige Theologiestudent und jetzige Schauspielschüler Spitta, der sich auf Lessing und Diderot beruft, und der obsolete Weimaraner Hassenreuther über das Verhältnis von Kunst und Wirklichkeit diskutierten, haben sich die sozialen Verhältnisse längst ins Tragische gewendet und die ästhetische Theorie überholt. Die groteske Scheinwelt des Theaters und die unverhüllte Tragik der verkommenen Kleinbürger gehen eine gespenstische Synthese ein, die der Begriff "Tragikomödie" kaum noch deckt. Sie wird dramaturgisch sinnfällig in den zahlreichen Simultanszenen, im Aneinandervorbei-Sprechen der Figuren und in Augenblicken, in denen der vordergründig reale Vorgang ins Irreale umschlägt. "Bin ick denn hier von Jespenster umjebn?" fragt sich der verzweifelte John. " De Sonne scheint, et ist hellichter Tag. Ick weß nich, sehen kann ick et nich! Det kichert, det wispert, det kommt jeschlichen, und wenn ick nach jreife, denn is et nischt!" Was John freilich nur dumpf ahnt, wird im leitmotivischen Sinnbild der Ratten evident: Sie sind die Chiffre einer "unterminierten" und verfallenden Gesellschaft, in der die betrügerische Manipulation der Frau John paradoxerweise die einzige menschliche Regung ist. Als "spätnaturalistisches" Stück erschien das Werk den Zeitgenossen als überholt, erst in der Rückschau erweist sich, begründet auch in der Radikalität seiner Symbolik, die Modernität des Stücks, das sich bis heute auf den Bühnen behaupten konnte.

Quelle: Kindlers Neues Literaturlexikon, Kindler Verlag, München

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