Wie kann man sich als Frau bei einem Überfall/Angriff wehren?

7 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Hallo Juliana,

um mal deine Frage etwas abstrakter meiner rechtlichen Einschätzung nach zu beantworten; ich merke mal zusätzlich an dass das keine Rechtsberatung sein soll und natürlich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit bzw. Richtigkeit hat.

tl;dr/Zusammenfassung: Ja man darf sich mit Pfefferspray gegen einen Angreifer wehren - und das obwohl es (richtigerweise) nur gegen Tiere eingesetzt werden darf. Das ergibt sich aus der Natur der Notwehr.

Nehmen wir mal einen junge Frau (F) als Verteidigerin und einen jungen Mann als Angreifer (A).

Greift A nun F an und sprüht F dem A Pfefferspray in das Gesicht begeht F unzweifelhaft eine Körpverletzung nach § 223 I StGB (Qualifikationsfragen lassen wir der Einfachheit mal weg).

Diese Körperverletzung kann aber gerechtfertigt sein. Ist sie gerechtfertigt, begeht F kein Unrecht, vielmehr hat A die Handlung zu erdulden.

Eine solche Rechtfertigung könnte sich aus der Erlaubnisnorm des § 32 StGB ergeben. Das ist die sog. Notwehr und kann ein tatbestandliches Verhalten am weitestgehnden rechtfertigen. Dafür müsste sich F in einer "Notwehrlage" befinden, eine "Notwehrhandlung" vornehmen und mit Verteidigungswillen handeln.

I. "Notwehrlage" = gegenwärtiger, rechtswidriger Angriff auf ein notwehrfähiges Rechtsgut.

1. Angriff

Ist jedes menschliche Verhalten durch das die Verletzung eines notwehrfähigen Rechtsgutes droht.

Bei einem Überfall liegt unproblematisch ein solcher Angriff vor.

2. Gegenwärtig

Ist der Angriff, wenn er unmittelbar bevorsteht, schon begonnen hat oder nocht fortdauert.

Diese Grenzen sind zwar zeitlich eng anzusetzen, allerdings dürfte sich hier kein Problem stellen. Wenn absehbar wird, dass eine Bedrängung oder gar ein Raub/Diebstahl kurz bevorsteht dürfte das ausreichend sein.


"Unmittelbar bevor steht ein Angriff bei einem Verhalten, das unmittelbar in die eigentliche Verletzungshandlung umschlagen soll oder umzuschlagen droht (z.B. Ausholen zum Schlag)."

3. Rechtswidrigkeit des Angriffs

Der Angriff ist rechtswidrig, wenn er nicht seinerseits von einer Erlaubnisnorm gedeckt ist, das ist hier unproblematisch nicht der Fall (also der Angriff des A ist rechtswidrig).

4. Notwehrfähiges Rechtsgut

Notwehrfähige Rechtsgüter sind alle Individualrechtsgüter: Leib, Leben, Eigentum für Überfälle etwa.

Ergänzend: auch deine Ehre wenn dich jemand begrapscht ohne die restriktiven Straftatbestände der Sexualdelikte zu verwirklichen!

Eine Notwehrlage liegt damit in diesen Fällen vor.

II. Notwehrhandlung = ist die erforderliche und gebotene Verteidigungshandlung.

1. Verteidigugnshandlung

Das Sprühen mit Pfefferspray ist eine Verteidigungshandlung gegen A. Ebenso wie es z.B.: Schläge, Stiche, Schüsse wären.

2. Erforderlichkeit

Erforderlich ist diejenige Verteidigungshandlung, die geeignet ist den Angriff sofort, sicher und endgültig zu beenden und dabei das mildeste Mittel unter anderen gleichgeeigneten Mitteln darstellt. Ein Mittel kann auch geeignet sein, wenn es dem Angreifer nur ein Hindernis in den Weg legt.

Wichtig: Bestehen Zweifel bezüglich der Mittel muss der Verteidiger sich auf keinen ungewissen Kampf einlassen. Die oft verbreitete Angst, dass man sein "Spray" sein "Messer" oder gar seine Schusswaffe (etwas problematischer da es ein tödliches Verteidigungsmittel ist, bei solchen ist ein abgestufter Einsatz, etwa erst eine Drohung nötig) nicht einsetzen dürfe ist daher unbegründet.

Um es direkt zu sagen: Das Pfefferspray ist ein Verteidigungsmittel welches in der konkreten Situation unproblematisch als solches eingesetzt werden kann, da es für die Verteidigerin F das mildeste geeignete Mittel zur Abwehr ist. Nur heirauf kommt es im Notwehrrecht an, das kann sogar eine (illegale!) Schusswaffe sein, soweit sie wie oben beschrieben abgestuft eingesetzt wird kann einzig der illegale Waffenbesitz verfolgt werden. Es ist also im Ergebnis egal ob das Verteidigungsmittel anderweitig legal ist (für die Körperverletzung/den Totschlag!). Kleine Ergänzung: Bei Überfällen ist Pfefferspray tatsächlich eher von mäßigem Nutzen daher dürften generell gesprochen wie oben schon beschrieben auch drastischere Mittel zur Verteidigung eingesetzt werden. Eine Überrüstung des Verteidigers geht also zu Lasten des Angreifers, es ist allein sein Risiko auf einen Verteidiger mit überzogenen Verteidigungsmittel zu treffen.

3. (normative) Gebotenheit der Notwehr

Sozialethische Einschränkungen liegen nicht vor, eine Gebotenheit ist daher gegeben.

III. Verteidigungswille

Die Handlung erfolgt in Verteidigungsabsicht.

Die Voraussetzungen der Notwehr liegen vor. Die Tat ist gerechtfertigt und F begeht kein Unrecht.

F hat sich nicht strafbar gemacht.

Was kann sonst drohen? Bei einfachem Pfefferspray eigentlich nichts. Selbst wenn dieses nach der ratio des Gesetzes nur gegen Tiere eingesetzt werden soll ist sein Besitz meines Wissens nach schließlich nicht strafbar.

Effektiv kannst du dich also verteidigen. Kleine Anmerkung: Der Menschen hat in dieser Hinsicht recht gute intuitive Fähigkeiten die Lage einzuschätzen ... wenn du den Eindruck hast dich jetzt gegen höhere Ungerechtigkeit verteidigen zu dürfen, ist das meistens auch der Fall. Bedenke aber, dass ein sehr geübter Angreifer ggf. nicht durch Pfefferspray gestoppt wird und ggf. sogar wütend wird. Am Besten ist es wohl wenn man schützende Dritte dabei hat, diese haben übrigens dieselben Rechte, das ist dann Nothilfe. Auch zu beachten ist, dass du in der Situation vermutlich tatsächlich unter Schock stehst.

Es ist vermutlich am Besten solchen Situationen mit großer Wachsamkeit zu begegnen und auszuweichen bevor man in sie gerät.

Ich hoffe ich konnte etwas Helfen.

Viele Grüße, JS

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Vielen lieben Dank für deine Mühe! Du hast mir sehr weitergeholfen :)

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wenn ich mich in Notwehr verteidigen müsste, wäre das letzte woran ich denken würde was nun erlaubt ist und was nicht.

worüber du dir aber schon Gedanken machen solltest ist, ob du dein Pfefferspray im Notfall überhaupt einsetzen könntest. um es einzusetzen brauchst du ja einen gewissen Abstand zum gegenüber, und wenn der Wind blöd steht bekommst du selbst noch etwas ab. wenn der andere es dir entreisen kann bevor du es benutzen kannst hast du auch nichts mehr von deinem Pefferspray.

das beste wäre es wohl du machst einen Selbstverteidigungskurs. da lernst du genau das was du hier wissen wolltest, und stärkst zudem dein Selbstvertrauen alleine keine Angst haben zu müssen.

Du darfst dich bei Notwehr auch mit Pfefferspray verteidigen.

Und jeder Mensch darf jeden anderen Mensch in Deutschland anzeigen. Eine Anzeige ist also kein Problem. Die Staatsanwaltschaften und die Gerichte entscheiden dann, ob da was dran ist.

Und bei Körperverletzung, wie sie bei Notwehr nun mal üblich ist, wird auch immer ermittelt. Wenn die Notwehr anerkannt wird, dann bleibt die Körperverletzung straffrei.

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Und Selbstverteidigungskurse sorgen nicht dafür, dass du dich körperlich effektiv verteidigen kannst. Sie helfen im besten Fall die Situation richtiger einzuschätzen.

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