Wie kann ich Wahrheit definieren?

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5 Antworten

Das Wort Wahrheit ist extrem vorbelastet. Wahrheit ist immer die Übereinstimmung von Aussagen mit der Wirklichkeit, doch hier kommt schon die nächste Schwierigkeit, was ist die Wirklichkeit?

Am ehesten so etwas wie die Gesamtheit "deiner" wahrgenommenen Wahrheiten. - Das alles bringt uns auf die philosophische Strömung des sogenannten Konstruktivismus, genauer gesagt des radikalen Konstruktivismus. Dieser besagt, dass ein jeder Mensch sich ein Konstrukt aus wahrgenommenen Wahrheiten (durch Lernen und Verstehen) "baut", dass dann sein Weltbild darstellt. Es gibt also wohl keinen Menschen, der die "wirkliche" Wirklichkeit als "seine" Wirklichkeit wahrnimmt, da durch Erfahrungen (und, je nach Theorie, angeborenen Persönlichkeitsmerkmalen) die wahrgenommene Wirklichkeit für jeden Menschen unterschiedlich ist, und der Mensch nicht in der Lage ist, aus dem menschlichen Prozess des "Lernen und für wahr halten"s auszubrechen.

Was du für wichtig oder unwichtig, für wahr oder unwahr oder auch für richtig oder falsch hälst, basiert also einzig und allein auf den Erfahrungen, die du in deinem Leben gemacht hast. Da viele Menschen in sehr "ähnlichen Leben" leben, also unter dem Einfluss von den selben äußeren Vorgaben für richtig, falsch etc (die widerrum deshalb verbreitet werden, weil die Menschen, die sich zum Ziel gemacht haben, diese zu verbreiten, selber unter dessen Einfluss standen und aus diesem Denken genau so wenig ausbrechen können), sind die "Wirklichkeiten", also die Gesamtheit der wahrgenommenen Wahrheiten, vor allem im eigenen Kulturkreis (weil eben die Erfahrungen ähnlicher sind), sich sehr ähnlich, sodass im Großen und Ganzen Einigung darüber herrscht, was angeblich die "Wirklichkeit" ist. Da Menschen Rudeltiere sind, und soziale Bestätigung ein sehr wichtiger Faktor für Meinungsbildung ist, neigt der Mensch dazu, sich in Gruppen einzuteilen, die "an diese oder an jene" Wirklichkeit glauben, Stichwort Religion bzw "Ersatz-Religionen" wie Horoskope, Ernährungswahn, Sekten, politischer Extremismus und andere, wo sich stets zwei oder mehr "ganz offensichtliche Wahrheiten" gegenüberstehen und jede Seite absolut perplex ist, wie auch nur irgendjemand an ihrer Ansicht zweifeln kann.

Das Wort der "Wahrheit" ist hierbei deswegen vorbelastet, weil Menschen dazu neigen, sich regelrecht krankhaft in diesen Konstruktivismus "reinzustürzen", Stichwort Psychose/Paranoia bzw. Verschwörungstheorien. Menschen, die überzeugt genug von etwas sind, sehen sich selber als "Helden der Wahrheit", da sie sich oft selbst überschätzen und nicht in der Lage sind, zu erkennen, dass sich ihre Verschwörungstheorie für sie selbst nur so sinnvoll anhört, weil sie diese Argumente (bzw. Prämissen, damit die Verschwörungstheorie hinhauen kann) glauben wollen, da das ihre Überlegenheit bestätigt und sie "so ein Gefühl haben, dem richtigen auf der Spur zu sein" (wie gesagt Selbstüberschätzung in Kombination mit mangelnder Reflexionsgabe).

uncledolan hat das schon ganz hervorregend beschrieben.Aber neben der persönlichen Wahrheit gibt es auch die logische Wahrheit, die über Wirklichkeit nichts aussagt, und die "wissenschaftliche Wahrheit", die sich auf den gegenwärtigen Stand des Diskurses bezieht.

Kommentar von Ottavio
10.03.2016, 21:19

Als ich das vorhin geschrieben habe, hatte ich es etwas eilig. Darum ergänze ich es jetzt:  Logische Wahrheiten haben alle den Charakter von Tautologien. Sie sind immer war, egal, was in der Wirklichkeit der Fall oder nicht der Fall ist. denn sie sagen nicht mehr aus, als ich zuvor in Form von Definitionen der verwendeten Begriffe hineingesteckt habe. Wenn man mal absieht vom Gesetz der großen Zahl (das halte ich eher für einen Glaubenssatz), sind alle mathematischen Aussagen Tautologien, also notwendigerweise wahr.

Es ist wahr: 2+2=4. Warum? 2=1+1; 4=1+1+1+1; 2+2=1+1+1+1=4.

In den beschreibenden Wissenschaften gilt eine Aussage als wahr, wenn sie den gegenwärtigen Stand des wissenschaftlichen Diskurses widerspiegelt und anerkannt ist von allen Wissenschaftler_inne_n, die an diesem Diskurs teilnehmen. Eine Wahrheit dieser Art ist also zeitgebunden.

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Die Wahrheit ist immer in einem Kontext definiert. Das kann unsere physische Welt sein, dass kann aber auch ein Modell sein oder ein komplexes System wie die Mathematik.

Die Wahrheit definiert die Gültigkeit einer Aussage bezüglich des Systems.

das Übereinstimmen einer Aussage oder Behauptung mit der Wirklichkeit 

Kommt auf den Kontext an. Du wirst z.B. eine naturwissenschaftliche Aussage unter anderen Bedingungen als wahr anerkennen als eine ethische.

Wenn du wissen willst, wie Wahrheit vor einem bestimmten Kontext zu definieren ist, dann musst du dir überlegen, unter welchen Bedingungen du eine Aussage aus diesem Bereich anerkennen würdest.

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