Wie kam es dazu, dass eine fundamentalistische Auslegung der Religion in der islamischen Welt an Bedeutung gewonnen hat?

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5 Antworten

Eine sehr gute Frage, mit der sich insbesondere die muslimische Gesellschaft auseinandersetzen sollte. Das Witzige ist ja, dass viele Muslime glauben, bloß weil seit ihrer Geburt eine konservative Auslegung verbreitet ist, sei sie automatisch die richtige und würde dem "wahren Islam" entsprechen. Dabei sind sie bloß Zeitzeugen des gegenwärtigen Zeitalters. In verschiedenen Zeiten haben verschiedene Auslegungen des Islam dominiert. Und immer waren es Menschen, ja, Menschen, keine Götter oder Propheten, die die jeweilige Auslegung und Lebensweise der Religion geprägt haben. Ich plädiere eindeutig dafür, dass eine historisch-kritische Exegese uns eher auf den wahren Kern der Sache führt als jene Lesart, die stumpf wörtlich abliest und Scheuklappen aufsetzt, wenn es um kritische Hinterfragungen geht.

Zu Beginn des 8. Jahrhunderts bis hin zum 12. Jahrhundert wurde die islamische Theologie von Gelehrten wie Mu'taliza, Al-Qindi oder Ibn Rashid geprägt, die sich eindeutig für den Einsatz der Vernunft aussprach. Man teilte die Auffassung, dass Gott sich in seiner heiligen Schrift mit Schriftzeichen an den Menschen wendet, und dass einzig der Mensch mit Einsatz seiner Vernunft in der Lage ist, sie zu deuten. Der intellektuellen Aktivität des Menschen muss Gott somit also Wert beimessen, so Mu'taliza. 

Das Blatt wendete sich aber, durch Gelehrte wie Al-Ghazali oder Ibn Taymiyya, die ab dem 14. Jahrhundert präsent waren. Besonders Al-Ghazali attackierte den Gebrauch von Vernunft und kontextbasierter Interpretation. Er forderte blinden Opportunismus ein und begründete ihn mit der Allmacht Gottes. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass an den religiösen Instituten der islamischen Welt, die sich nur mit der "islamischen Wissenschaft" (Studium von Koran, Hadithen und Recht) beschäftigten, keine Theologie (Kalâm) gelehrt wurde. Theologie wurde somit Privatsache und stand sogar oft unter dem Verdacht der Ketzerei, da sie von griechischem Gedankengut beeinflusst war, das als "fremde Wissenschaft" betrachtet wurde.

Entscheidend für den Aufschwung und die Etablierung des orthodoxen Islam waren natürlich politische und kriegerische Geschehnisse. Ibn Taymiyya beispielsweise war einer der entscheidensten Protagonisten des Islamismus und Dschihad (Osama Bin-Laden hat ihn oft zitiert). Er nannte den Dschihad eine permanente Haltung, die ein Muslim gegenüber Ungläubigen einnehmen soll, um sie zu vertreiben. Die Welt sollte von allem gesäubert werden, was unislamisch war. Es gelang ihm, weitere Machthaber der arabischen Halbinsel zu überreden, den Kampf gegen z.B. die Mongolen zu führen. Die Lehren von Ibn Taymiyya, Ibn Hanbal und Ibn Abd al-Wahhab sind Grundlage für das heutige Rechtssystem in Saudi-Arabien. Ebenfalls einflussreich war Sayyid Qutb (der sich auch auf Ibn Taymiyya berief), er schloss sich der Muslimbruderschaft an und schrieb zwei Bücher, die bis heute zu den wichtigsten Werken des Islamismus zählen. Davon ließen sich z.B. weitere Terrorgruppen wie Djamaa islamiyya oder al-Qaida inspirieren.

Im 20. Jahrhundert veränderte sich zwar die Haltung zur westlichen Kultur, jedoch brachte dies rückblickend keine positiven Auswirkungen mit sich. Man war im Abendland zu diesem Zeitalter stark von der westlichen Kultur beeindruckt und beobachtete natürlich auch den dortigen Umgang mit der Bibel. Traditionellerweise gibt es im Islam 14 verschiedene Rezitationsweisen des Koran, die sich in Aussprache und bestimmten Wortformen unterscheiden. Jeder professionelle Koranleser musste alle 14 kennen und unterscheiden können. Darin war eine Vielfalt von Interpretationen schon angelegt. Aus Sicht des christlichen Prinzips - ein Text, eine Wahrheit - erschien das rückständig. Die Muslime bemühten sich nun also auch darum, Eindeutigkeit in ihren Text zu bringen. Das hatte zur Auswirkung, dass im Westen der Koran für alles, was die Muslime tun, verantwortlich gemacht wurde. Umgekehrt haben ihn die Muslime dann auch zu einer einheitlichen Schrift umgelesen und seine Vieldeutigkeit zu unterdrücken versucht. Vor allem für konservative Strömungen war das natürlich wieder eine Gelegenheit, eine straffe, reaktionäre, uniformierte Doktrin zu erschaffen, die man der ganzen Welt überstülpen wollte. Die grundlegende Haltung der Regierungen, die den Islam politisieren, ist im Wesentlichen folgende: Man habe alle Modelle ausprobiert, vom Nationalismus über Marxismus bis hin zum Kapitalismus. Diese Systeme hätten aber in der islamischen Welt keine Früchte getragen, deshalb biete sich als einzige Alternative die islamische Orthodoxie an.

Da die Antwort nur eine begrenzte Länge erlaubt, musste ich mich zu diesem komplexen Thema kurz fassen. Ich hoffe, du konntest trotzdem verstehen, was ich sagen wollte.

LG


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Kommentar von Referendarwin
29.07.2016, 23:56

Du plädierst vielleicht für eine historische Auslegung, aber wieso solltest du recht haben? Wieso sollte nicht die wörtliche Auslegung der Fundamentalisten richtig sein?

Es geht ja nicht darum, welche Version angenehm ist, sondern welche der Wahrheit entspricht.

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Je strenger und restriktiver der Glaube gelebt wird desto eher schweißt er zusammen und taugt als Waffe gegen außenstehende. Auch wird er damit als Machtinstrument wirksamer. Die fundamentale Ausrichtung ist aber nur eine in der islamischen Welt und nicht unbedingt die wichtigste.

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Wo wollen wir beginnen, bei den Taliban in Afghanistan, welche die USA aufgebaut hat oder nur die letzten 25 Jahre?

- 1992-1995 Bosnien Vergewaltigungslager, Konzentrationslager, usw. usf. Erst eingegriffen als der Iran und die Türkei Hilfe anbietet und Muslime mit den Katholiken gegen die Serben vorgehen.

- 1999 Kosovo, die Auslöschung der Muslime geplant aber dieses mal verhindert (keine Probleme)

- 2003 wird der Irak in die Steinzeit geschickt. Der Dollar wieder als einzige Währung eingeführt (für die Rohstoffe), Land gespalten bzw. aufgeteilt und unreagierbar gemacht

- 2011 Gaddafie, der Partner des Westens und das reichste Land in Afrika will Gold und keine Dollar haben - weg damit

- 2011 Assad soll gehen, kein Dollar mehr und Pipline von Iranern nach Europa anstelle von Saudi-Arabien

- 2012 Mursi wird der erste demokratisch gewählte Präsident in Ägypten und das Militär stürtzt Ihn, wir bedauern es aber haben kein Problem mit dem Militär. Hier wäre auch die Todesstrafe kein Problem und 55% der Ägypter fühlen sich überhaupt nicht verraten.

- 2015 Erdogan baut die Türkei auf, zahlt Schulden zurück, wird vom Schuldigen zum Geldgeber, Sozialversicherung kein Problem, Löhne steigen, türkische Firmen werden größer und übersteht Putsch, eeil Mehrheit hinter ihm ist - ist in Deutschland Hitler #2

Ich spreche Palästina, Afghanistan, Jemen, usw. nicht an aber frag dich mal, wieso Terror oder IS keine Chance in Indonesien hat, da wo über 200 Millionen Muslime leben. Dort stört uns die Todesstrafe nicht, genau wie in Japan oder den Staaten nicht. Schau dir Gaddafis Reden an, alles was er sagt trifft heute ein.

Denk dir dabei, das würde in Deutsxhland passieren. Afghanistan verteidigt sich in Deutschland, setzt Drohnen ein, usw. Wie würdest du reagieren?

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Kommentar von Mark1616
02.08.2016, 15:48

Du solltest im Deutschland des 19./20. Jhds anfangen. Der heutige Dschihad ist eine deutsche Erfindung, genauso wie auch die radikale Auslegung des Islams, die heutzutage so verbreitet ist, ist.

Ein weiterer Grund für die massive Radikalisierung der Muslime dieser Welt ist die iranische Revolution und die daraus folgende Entstehung der Theokratie, auf welche sunnitische Institutionen reagieren mussten. Vor dieser Zeit war der Iran tlw. aufgeschlossener als viele westliche Länder. Man muss sich nur einmal die gebildeten Mitglieder der iranischen Diaspora ansehen. die im Anschluss an die Revolution in den Westen geflüchtet sind und einen massiven Brain Drain verursacht haben. Nebenbei kannst du dich auch darauf einstellen das ein ähnlicher Brain Drain in der Türkei stattfinden wird, ob du es nun wahrhaben willst oder nicht.

Alles was danach passierte ist bestenfalls eine Folge, aber keine Ursache.

Übrigens, ich muss immer wieder grinsen wenn sich Muslime zu der nicht vorhandenen Authentizität des Islams äußern. Ohne deutsche Einflussnahme und die iranische Revolution würde heute kein Muslim dieser Welt seinen Glauben so praktizieren wie er es tut.

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2. VERSUCH............ wie kommt man nur auf die idee, wahrheiten löschen zu lassen?

der hauptgrund liegt beim tod des menschen namens mohamed.....denn als dieser starb, entbrannte ein großer glaubenskrieg zwischen den muslimischen stämmen über die auslegung und deutung des koran......... dieser krieg dauert bis heute an und ist auch für die ganzen terroristischen gruppierungen verantwortlich............die meisten terroristen sind sunniten, die den koran wortwörtlich auslegen und ausleben............ die beiden grössten gruppierungen sind nun mal die sunniten die sich mit den schiiten seit dem tod mohamed diesen krieg liefern........dazu kommen dann die vielen kleinen stämme, die alle unterschiedliche deutungen der schriften haben und entsprechend danach ihren glauben ausgerichtet habe..............

am beispiel in syrien sieht man immer wieder, wie schnell eine waffenruhe gebrochen wird, nur weil ein stammesfrüst seine interessen in gefahr sieht..........

das hauptproblem im islam ist nämlich der koran selbst, denn die märchen, von wegen er wurde nie verändert, ist perfekt und leicht verständlich widerlegt nicht nur die geschichte des koran selbst, sondern jeder terrorist, der diese schriften für seine zwecke nutzt.........

der koran wurde verändert, es gab ihn sogar in mehreren varianten und die wurden alle vernichtet............msulime haben also selbst koranschriften verbrannt, was heute geleugnet wird und mit dem tod bestraft wird, wenn jemand dieses märchenbuch in irgendeiner form "schändet"...........
fakt sind also drei dinge:

1. ist der islam niemals perfekt, niemals die wahre religion und schon gar nicht friedlich, denn dass zeigen ALLE muslimischen gruppierungen und stämme immer wieder.........

2. ist der koran selbst schuld an diesen zuständen im islam, denn er kann immer für ALLE dinge genutzt werden, die einem so einfallen..........

3. so lange muslime die wahrheit leugnen, immer behaupten, "terroristen" sind keine muslime oder "terroristen" haben keine glauben, so lange der koran und islam nicht hinterfragt werden darf, nicht kritisiert werden darf und niemals infrage gestellt werden darf, so lange wird es ewig so weitergehen bei den punkten 1 und 2..............:)

wer die wahrheit nicht lesen oder hören will, sollte sich zum mond schiessen lassen......... kein wunder dass der islam so ist, wie er ist, wenn alles immer geleugnet wird..........:)

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Das sind vermutlich die vorletzten Zuckungen eines extrem fundamentalistischen sunnitischen Fundamentalismus, der sich argumentativ (und auch ansonsten) auf der Verliererstraße sieht und dies mit weiterer Radikalisierung - siehe zum Beispiel den Bruderkrieg gegen die Schiiten - zu kompensieren versucht.

Der IS ist die lokale Pest, die aus dem extremistischen Flügel des salafistischen Sunnitentums erwuchs. Der islamistische Terrorismus ist die weltweite Pest, die eine blutige Spur hinter sich zieht.

Bis zu den letzten Zuckungen wird die Welt wohl noch viel erleiden müssen.

Nur ein reformierter Islam bietet die Voraussetzung für ein friedliches Miteinander der drei großen monotheistischen Religionen. 

Gruß, earnest

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Kommentar von suesstweet
29.07.2016, 21:25

Darf ich dir etwas verraten, earnest?

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