Wie ist es, ein Autist zu sein?

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3 Antworten

Ganz neural zu Fragen, wie es sich anfühlt, autistisch zu sein, ist meiner Meinung nach überhaupt nicht beleidigend, sondern einfach nur Interesse - schön, dass du dich dafür interessierst :D
Das Problem ist, wie ja bereits geschrieben, dass man nicht im Laufe des Lebens autistisch wird, sondern schon so zur Welt kommt, also hat man als autistischer Mensch genauso wenig einen Vergleich, wie man es als neurotypischer (=nicht autistischer, nicht ADHS ... -Mensch) hat.

Da dich Partnerschaften besonders interessieren, fange ich (als Autistin) da gleich Mal mit dem größten Spaß an. Ich habe ein Mal gesagt "Ich liebe dich". Meiner autistischen Meinung nach war die Information damit ja überbracht und es besteht kein Grund, das jemals wieder zu meinem Partner zu sagen, da er es ja nun weiß. Nun ja, dass mein neurotypischer Partner das etwas anders sieht, das kannst du dir sicher vorstellen. Andererseits geht es mir aber wahnsinnig auf die Nerven, wenn er mir ständig das gleiche erzählt, da ich die Information ja schon habe. Naja, da haben wir eben eine Zahl festgelegt, wie oft die drei Worte gesagt werden, sodass wir beide zufrieden sind.
Das ist eigentlich auch chon ein ganz schönes Beispiel für den Unterschied in der sozialen Kommunikation zwischen autistischen und neurotypischen Menschen (NTs):
Stell dir vor, wir alle haben einen Becher in uns drin. Wenn wir schöne, soziale Interaktion haben, dann füllen die Interaktionspartner diesen Becher langsam mit Wasser, aber weil der Becher nicht ganz dicht ist, läuft das Wasser von allein wieder raus. Nun haben NTs aber ziemlich große Becher, die ziemlich doll tropfen, während die Becher von Autisten kleiner und dichter sind. Es ist nicht so, wie manche Leute glauben, dass wir grundsätzlich keine soziale Interaktion wollen, aber wir brauchen einfach viiiiiel weniger, um unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn wir aber z.B. auf eine Party müssen, dann ist der Becher nicht nur voll, sondern läuft über, und das ist sehr unangenehm!

Neben dem veränderten Sozialverhalten haben Autisten einen schwächeren Filter für Reize. Vielleicht kennst du es, wenn im Auto das Radio läuft, du dich aber gleichzeitig unterhältst und deshalb die Musik ziemlich ausblendest? Das können Autisten nicht so gut, und zwar für alle Sinne.
Das heißt also, ich nehme die ganze Zeit, ohne Unterbrechung die Gerüche und Geräusche um mich herum auf eine Weise wahr, die NTs vermutlich "überdeutlich" finden würden. Ich spüre die ganze Zeit die Kleidung auf meiner Haut, den Stuhl, auf dem ich sitze, meine Haare in meinem Nacken ... und ich kann mir ehrlich gesagt überhaupt nicht vorstellen, wie es ist, soetwas auszublenden.

Was das im Alltag heißt? Wenn mein Freund während eines Films über meine Hand streichelt, dann bekomme ich Schwierigkeiten, der Handlung zu folgen. Wenn während einer Vorlesung jemand drei Reihen weiter beschlossen hat, heute Mal in Deo zu duschen, dann versuche ich die ganze Zeit über, nicht zu würgen und kann vielleicht noch die Hälfte von dem, was der Professor sagt mitschreiben.
Selbst wenn ich meine Klausur in einem eigenen Raum schreiben darf, wo mich die ständigen Geräusche der anderen nicht stören, kann es passieren, dass das Kratzen von meinem eigenen Stift auf dem Papier unerträglich ist.
Wenn "meine" Käsemarke eine "neue, verbesserte Rezeptur" einführt, dann bedeutet jedes Frühstück in  den nächsten sechs Wochen den puren Stress für mich. Im Schwimmbad zu duschen, wo ich den Duschkopf nicht richtig einstellen kann, fühlt sich an, als würde Hagel auf mich herunterprasseln. Mich auf eine Party einzuladen ist ungefähr so, als würde man mich zu einem lustigen Abend voller Erstickungsgefahr, Presslufthammerkrach und in-die-Sonne-starren einladen - keine schöne Aussicht.
Für mich persönlich ist es diese Sinnesgeschichte, die mir Probleme macht.
Daran, dass die Welt um mich herum Gedanken lesen kann, daran habe ich mich schon längst gewöhnt.

Klingt im ersten Augenblick verrückt, ist aus meiner Sicht aber so. Nonverbale Signale, die du völlig unterbewusst wahrnimmst, gehen an mir völlig vorbei und mich in andere hinein zu versetzen - das kann ich bei anderen Autistenso mittelgut, aber bei NTs total schlecht. Wenn mir Person A nicht nur sagt, DASS Person B traurig ist, sondern auch noch WARUM, dann wirkt das für mich einfach wie in Zaubertrick.
Mit Leuten, die ich bereits gut kenne klar zu kommen, das funktioniert meistens ganz gut, aber mich auf neue Menschen einzulassen kann ziemlich schwierig sein, da ich soziale Untertöne einfach nicht verstehe. Nehmen wir mal an, ich treffe zufällig einen Kommilitonen in der Mensa, der eigentlich recht nett ist, mit dem ich aber bisher nicht so viel zu tun hatte und er fragt mich, ob ich mich mit ihm und seiner Gruppe zum Essen nach draußen setzen will. Meine Antwort - wie aus der Pistole geschossen - lautet nein.
Warum? Naja, Essen in der Mensa bedeutet Stress, denn es schmeckt einfach anders, als ich es gewohnt bin, und das macht mir Probleme. Draußen zu essen bedeutet sogar noch mehr Stress, weil dort die Sonne mir in den Augen weh tut, ich bei jedem vorbeifliegenden Insekt erschrocken zusammen zucke und mich erst einmal beruhigen muss, bevor ich weiter essen kann. Was ich also meine ist: Draußen essen ist für mich eine Tortur. Was mein Kommilitone allerdings versteht ist: Ich habe keine Lust auf dich und deine Gruppe.
Darauf, dass er das überhaupt jemals so interpretiert haben könnte, wäre ich allerdings nie selber gekommen, sondern man hat es mir erklärt. Eine verpasste Gelegenheit.

Es gibt aber auch ganz wundervolle Dinge über meinen Autismus zu sagen. Ich habe nicht einfach nur Hobbys, wie normale Leute sie haben. Wenn mich etwas begeistert, dann gibt es nichts anderes auf der Welt und ich kann völlig darin versinken. Wenn ich mich mit meinem Spezialinteresse beschäftige, dann ist alles andere vergessen. Dann gibt es keine Reizüberflutungen oder soziale Ungeschicklichkeit, dann bin ich so vollkommen glücklich, wie man es nur sein kann. Ich glaube nicht, dass NTs in ihrem Leben mehr als eine Hand voll Male dermaßen glücklich sind, und ich kann das ständig haben. Und weil ich mich so intensiv damit beschäftige, bin ich darin auch noch wirklich gut, was ja auch nicht gerade ein Nachteil ist.
Wenn es um logische, strukturierte Kommunikation geht, dann sind wir Autisten viel effizienter als NTs. Es gibt da die wunderschöne Vorstellung (die natürlich übertrieben ist, und nicht als Beleidigung für NTs verstanden werden soll, sondern lediglich als Bild dafür, wo die Stärken von Autisten liegen), dass ohne die Autisten, die die Sachen auf die Reihe bekommen, die Menschen noch heute am Lagerfeuer in ihren Höhlen sitzen, Steinwerkzeuge hauen und soziales Herumalbern betreiben würden.

Um es kurz zu machen: Mein Autismus macht mir manchmal das Leben ganz schön schwer, aber wenn ich die Möglichkeit hätte, mit einer Tablette ab morgen einfach neurotypisch zu sein, dann würde ich "Nein, Danke!" sagen.

Natürlich könnte man noch viel mehr erzählen, doch für einen Post soll es das gewesen sein.

Viele Grüße

Die Pramidenzelle

PS: Das hier ist nur meine Erfahrung an einem ganz bestimmten Punkt im Autistischen Spektrum. Andere Autisten machen sicherlich völlig andere Erfahrungen und was ich sage erhebt keinen Anspruch auf autistische Allgemeingültugkeit!

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Kommentar von Teodd
05.07.2016, 02:14

Also für dich sich versinken ist beste Antistress? Wie findest du über große Aufmerksamkeit, wenn alle z.b dich anstarren oder viele Fragen stellen? Du magst lieber allein essen, weil es sicherer und wohler ist? Wie ist deine heutige Zustand z.b hast du Familie, Arbeit?

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Mit Blogs von Autisten bist du optimal beraten. Viele autistische Blogger schreiben mit viel Liebe über ihr Privatleben und das Zusammenleben mit Nicht-Autisten.

Es hätte wenig Sinn, hier alles zu wiederholen. Klick dich ruhig durch Wordpress. Eine Linkliste zu vielen Autisten-Blogs findest du in den Unterzeichnern dieses Briefs:

https://aspergerfrauen.wordpress.com/

Der Querdenker ist auch nicht schlecht:

quergedachtes.wordpress.com

Oder die langen Artikel von Autismuskultur:

www.autismus-kultur.de

Ansonsten gibts noch aufschlussreiche Foren, z.B. wrongplanet.net oder aspies.de/selbsthilfeforum .

Alles ist bereits geschrieben. Hier wäre höchstens Platz für eine mickerige Zusammenfassung.

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Meine Mutter hat verdacht, dass ich eine Autismus hatte. Als ich in Russland geboren wurde, haben Ärzte meine Probleme verschwiegen (Ich hatte Sauerstoffmangel - einige Gehirnzellen sind beschädigt) und schrieben, dass ich gesund bin, um keine Verantwortung zu tragen. Im 5 Jahre Alt sprach ich zum ersten mal, danach nach DE umgezogen und Real + Fachabi erfolgreich abgeschlossen. Noten sind befriedigend. Viele Psychologen wollten mich zum Sonderschule schicken, aber meine Mutter hat es geweigert. Diese Geschichte ist ähnlich wie bei Thomas Edison (http://irinakuehnel.de/thomas-alva-edison-galt-bei-den-lehrern-als-geistig-behindert-und-spaeter-hatte-er-1500-patente/). Ich hasse Psychologen, weil die viele Fehler machen!!! Die sind Dummköpfe und arbeiten unprofessionell!!! Eine Fehler kann Schicksal eines Patienten kosten. 

Ich denke, es gibt kein unterschied zwischen Autisten und Normale Menschen. Es hängt sehr stark auf die Erziehung. Meine Eltern sind intelligente Menschen deshalb werde ich auch intelligent. Meine persönliche Stärke ist, dass ich bessere Gedächtnis besitze :)

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Kommentar von Pramidenzelle
05.07.2016, 03:46

Also wenn mir ein neurotypischer Mensch erklärt, wie er die Welt wahrnimmt, dann habe ich manchmal den Eindruck, dass Autisten und NTs zwei völlig verschiedene Spezies sind, dass es keinen Unterschied gibt, halte ich für falsch.

Es tut mir ja leid, wenn du schlechte Erfahrungen mit Psychologen gemacht hast, aber der Verdacht deiner Mutter ersetzt in meinen Augen keine Diagnose und nur weil du mit einem oder ein paar von ihnen schlchte Erfahrungen gemacht hast zu behaupten, sie wären alle unprofessionell, das ist doch ein wenig ungerecht  ...

(Naja, und da der Autor des Artikels, den du verlinkst nicht einmal berücksichtigt hat, das Edison nicht die Glühbirne erfunden hat, sondern eigentlich eine Strategie, wie man Glühbrinen verkauft, würde ich auf den Rest auch nicht gleich zu viel geben, aber das ist ein anderes Thema.)

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