Wie ist die Ethik der Stoiker?

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1 Antwort

Das Leitbild der Stoa ist der Kosmos, das vom Logos* geordnete Weltgeschehen. Während für die Epikureer die Welt ein offener Entwicklungsprozess ist, in dem man sich mit Umsicht relativ frei verwirklichen kann, ist für die Stoa die Welt eine vom Logos vorbestimmte und geordnete Veranstaltung, ein determiniertes Geschehen. Im Grundempfinden ist die Stoa platonisch, der Logos Personifizierung des schöpferischen und leitenden Geistes, die Welt das von ihm geformte materielle Abbild einer höheren, ideellen Ordnung. Doch im Gegensatz zu Platon ist die vom Logos geordnete Welt real und die leitenden Ideen des Logos ein Wechselspiel mit den der Materie eigenen Verknüpfungsmöglichkeiten und irgendwie selbst Teil dieser Welt. Der Mensch ist ein Zwitter, mit Leib und realem Leben Teil der großen Ordnung des Kosmos und mit seiner Geistbegabung fähig, die Ordnungsstrukturen des Logos zu erkennen und mit zu vollziehen. Die Lebensgestaltung des Menschen als Individuum wie als Gesellschaft ist ideal und führt zum Glück, wenn der Mensch erkennend die Intensionen des Logos nachvollzieht. Betont der Epikureismus die möglichst freie, schöpferische Lebensgestaltung, bevorzugt die Stoa den nachempfindenden Gehorsam als Einfügen in die göttliche Ordnung.

Die körperlichen Anteile des Menschen, seine Leidenschaften wie Lust, Begierde, Trauer oder Furcht sind zu überwindende „Störenfriede“. Unvernünftige Regungen der Seele sollen möglichst „kalt“ gestellt werden (Apathia = Leidenschaftslosigkeit, eigentlich sogar Gefühllosigkeit) und der vernünftigen Einsicht des Geistes weichen. Wie die Epikureer, wenn auch aus einem anderen Motiv, streben Stoiker nach Wissen.

Der stoische Weise hat als verpflichtende Orientierung in den Fragen, wie das Leben zu leiten ist, die unverrückbaren Tugenden als „göttliche Wegweiser“. Aus der Grundtugend - nach Zenon der Einsicht, nach Kleanthes der Seelenstärke, seit Chrysipp der Weisheit - gehen die drei übrigen Kardinaltugenden hervor, Gerechtigkeit (iustitia), Mäßigung (temperantia), Tapferkeit und Hochsinn (fortitudo, magnitudo animi bzw. virtus), die sich dann noch in eine Anzahl von Untertugenden gliedern, und denen als die vier Kardinallaster ihre Gegensätze: die Unwissenheit, die Ungerechtigkeit (mit weiteren Unterlastern, wie Lüge, falsches Zeugnis), die Zuchtlosigkeit (aus der z.B. Diebstahl geboren wird) und die Feigheit (wozu z.B. auch die Bequemlichkeit, das passiver Verhalten gehören) gegenübergestellt werden.
Der Mensch besitzt entweder alle Tugenden oder gar keine. Es gibt nur Weise oder Wackere auf der einen, Toren oder Schlechte auf der anderen Seite. Der Uebergang vom Bösen zum Guten ist demnach auch ein plötzlicher, eine Art Wiedergeburt (Kant: Revolution der Denkungsart). Was weder gut noch böse ist, ist gleichgültig. In stärkster Gegnerschaft zu Aristoteles und seiner Schule sowie zum Epikureismus werden die sogenannten, äußeren Güter wie Ehre, Besitz, Gesundheit, ja selbst das Leben als gleichgültige Dinge (adiaphora) behandelt.

Da nun aber solche Musterweisen tatsächlich nicht oder doch höchst selten, in einem normalen Menschen zu finden waren, sahen sich die Stoiker in der Praxis zu manchen Inkonsequenzen bzw. Milderungen dieses schroffen Standpunkts genötigt. Dahin gehört, dass schließlich doch mehr oder weniger wünschenswerte Dinge, z.B. geistige oder körperliche Vorzüge, zugestanden, dass zwischen den Toren und Weisen die 'Fortschreitenden', und zwar mit immer größerer Annäherung an die Weisen, eingeschoben, dass die Einflüsse zeitlicher und persönlicher Verhältnisse mit in Betracht gezogen werden.

So werden Freundschaft und Liebe (streng genommen Einfallstore der Leidenschaften) nicht verworfen, sofern sie sittlich gestaltet sind. Da aber in allen Menschen eine und dieselbe Vernunft (Logosanteil) lebt, kann es im Grunde nur ein Gesetz, ein Recht, einen Staat geben. Alle Menschen sind Brüder, der wahre Stoiker ist demnach Weltbürger - na ja, im Geiste denn die Sklaverei haben sie nie verworfen. Die stoische Lehre vom 'Naturrecht' (als Abbild des göttlichen Rechts, denn die Ordnung der Natur ist vom Logos geprägt) hat jahrhundertelang das europäische Denken beherrscht. Die stoischen Ethik mündet letztlich in den Pflichtgedanken und die Pflichterfüllung wie sie bereits bei Mark Aurel zu finden ist und dann von Kant wieder aufgenommen wurde.
(Leicht angepasst zitiert nach Karl Vorländer: Geschichte der Philosophie (1903).)

*Zum Logos schreibt z.B. Marc Aurel, der römische Philosophenkaiser:

„Man muss sich den Kosmos als ein Lebewesen vorstellen, der eine einzige Substanz und eine einzige Seele besitzt... Alle Dinge sind miteinander verflochten und ihr Band ist heilig. Schwerlich ist eines dem anderen fremd. Denn sie bilden ja zusammen ein Ganzes und tragen zusammen zu einer und derselben Weltordnung bei. Denn eine Welt wird aus allen Dingen und eine göttliche Macht durchdringt alle Dinge, und einen einzigen Urstoff gibt es und ein einziges Gesetz.“

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Kommentar von MasterQuintus
12.03.2016, 13:19

WOW DANKE FÜR DIESE AUSFÜHRLICHE GUTE UND LEICHT VERSTÄNDLICHE ANTWORT

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