Wie helfe ich jemandem seine Angst zu überwinden?

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1 Antwort

Da hätte ich mehrere Fragen:

  • Der Kollege hat einen "Sprachfehler". Was meinst Du damit? Kann er kein Deutsch oder macht sprachliche Fehler? Oder hat er Probleme bei der Duchführung der Sprechbewegung, d.h. einfach, Probleme beim Sprechen? Das wäre dann eine Sprechstörung. Stottern ist eine Sprechstörung, nicht eine Sprachstörung. Stottert er?
  • Du möchstest mit ihm etwas üben. Was möchtest Du mit ihm üben? Telefonieren? Was soll er beim Üben anders machen? Nicht stottern? Der Ratschlag ist zumindest fragwürdig. Kein Stotterer stottert zum Spaß, die meisten, wenn nicht alle, versuchen zu flüssig zu sprechen, d.h. so wenig zu stottern, wie es ihnen möglich ist.
  • Du meinst, er will nicht üben, weil er Angst hat. Woher, meine Güte, weißt Du das? Stottern kann für den Betreffenden sehr unangenehm sein und die Aussicht zu stottern, gerade wenn das Stottern schwer ist, kann einem Stotterer große Angst machen. Ich habe früher sehr schwer gestottert und habe, bis ich 30 Jahre alt war, nie den Hörer aufgenommen und auch nie jemanden angerufen. Aber vielleicht hat er nur Angst davor, mit Dir zu üben. Ich hatte einen Onkel, der mit mir auch immer "am Stottern arbeiten" wollte. Ich habe das nie in Anspruch genommen, weil ich genau wusste, dass er vom Stottern keine Ahnung hatte. "Du willst Dir ja nicht helfen lassen," hieß es dann, und das stimmte, jedenfalls nicht von jemandem, der kein Fachmann ist. Wenn ich eine Blinddarmentzündung habe, gehe ich ja auch nicht zum Metzger.
  • Aber selbst, wenn Du Recht hast, und es geht tatsächlich in erster Linie um seine Angst, was weißt Du über die Behandlung von Ängsten?

Wenn Du etwas Gutes für Deinen Kollegen tun willst, erzähle ihm, dass man Stottern sehr gut behandeln kann. Die meisten Betroffenen können durch eine Therapie so weit kommen, dass sie auch mit (dann erheblich seltenerem und erheblich leichterem Stottern) ein ganz normales Leben führen können. Weise ihn darauf hin, mit Google nach "Viermalfuenf" zu suchen. Dort findet er ein gutes Therapieprogramm, das ich mit einem Kollegen durchführe.

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Art957 28.11.2016, 19:15

Es handelt sich hierbei um eine Sprechstörung, nämlich Stottern. Genauer gesagt, ist mir aufgefallen, dass er hin und wieder bei Wörtern Probleme hat, die ein L beihalten.

Die Angst bezog sich explizit auf das Telefonieren. Er hat mir gesagt, dass er nicht Telefonieren möchte, da er Angst davor hat bzw. es unangenehm für ihn ist.. Ich bin  kein Arzt, weiß nichts über das Stottern, und weiß auch nicht wie man Ängste behandeln kann. Schade, dass Sie mir dennoch passiv-agressiv ein Fehlverhalten an dieser Stelle anprangern, obwohl ich nur mehr darüber erfahren möchte.

Ich will auch keines Falls das Stottern selbst "behandeln", sondern ihm etwas Selbstvetrauen geben, damit er sich trotz der Sprechstörung traut, zu telefonieren.

Das Praktikum, das wir ausführen (Fachinformatiker Systemintegration ) ist das Telefonieren eigentlich nicht notwendig, aber es würde seine Chancen erhöhen später eine Stelle zu finden, da man hin und wieder dennoch Kundenkontakt pfelegen muss.
Dem ist er bis jetzt bei jeder Gelegenheit aus dem Weg gegangen.

Er hat bereits Therapieprogramme in Anspruch genommen. Diese waren auch durchaus erfolgreich. 

Zusammenfassung: Ich versuche, dass er trotz des Stotterns telefoniert. Mit Sicherheit versuche ich nicht das Stottern zu beseitigen.

Danke. Das empfohlene Therapieprogramm werde ich an ihn weiterleiten.

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Andreas Starke 29.11.2016, 13:20
@Art957

Vielen Dank für Deinen geduldigen Kommentar. Ich glaube, Du machst schon alles richtig. In einer guten Therapie würde natürlich das Telefonieren eine große Rolle spielen. Wenn das nicht geschehen ist, sollte Dein Schützling wirklich nochmal etwas machen. Das Stottern selbst ganz zu beseitigen gelingt bei Jugendlichen und Erwachsenen fast nie. Jeder, der etwas anderes verspricht, lügt. Aber die Angst eines Stotterers vor dem Telefonieren lässt sich fast immer vollständig und auf Dauer beseitigen. Man muss allerdings verstehen, dass es in den meisten Fällen nicht um eine Angst vor dem Telefonieren geht, sondern um die Angst vor dem Stottern beim Telefonieren.

Ich kann Dir nur zustimmen, dass die Fähigkeit zu telefonieren in fast jedem Beruf (und im Leben überhaupt) eine Bereicherung darstellt und natürlich die Chancen auf eine Anstellung verbessert.

Wenn er nun wirklich keinen neuen Anlauf mehr nehmen will, d.h. keine weitere Therapie mehr machen will, gebe ich Dir mal ein paar Hinweise, wie wir in der Therapie verfahren. Wir machen in der Therapie 2 Telefonübungen, bei der jeder Teilnehmer mehrere Anrufe mit Unbekannten durchführt. Jeder dieser Anrufe wird folgendermaßen durchgeführt:

  • Gesprächspartner und Gesprächsinhalt ausdenken, z.B. Apotheke / nach den Öffnungszeiten fragen
  • Gesprächsinhalt aufschreiben, Wort für Wort mit Begrüßung und Schlussformel, z.B. "Guten Tag, mein Name ist Schmidt. Ich wollte nur fragen, bis wann Sie heute geöffnet haben ... Und am Samstag?... Vielen Dank für die Auskunft. Tschüs / Auf Wiederhölen."
  • Probelauf ohne Telefon mit einem Partner, der den Angerufenen spielt. z.B. "Löwen-Apotheke, Starke am Apparat. Was kann ich für Sie tun?" [Dann sagt der Übende seinen Text] "Bis um 19 Uhr haben wir heute offen" [Nachfrage] "Auch am Samstag, bis 19 Uhr"

Wichtig ist, dass der Übende beim Probelauf und später im Ernstfall sich nicht bemühen soll, nicht zu stottern, sondern stottern soll und dabei das machen, was man ihm in der Therapie beigebracht hat. (Wenn er dafür nichts zur Verfügung hat, ist das ein Grund mehr, noch einmal eine ordentliche Therapie zu machen!)

Ein sehr wirksamer Trick ist, dass der Übende die Grußformel mit einem sog. "Bounce" macht, d.h. mit einer langsamen Wiederholung der ersten Silbe, als "Guh-guh-guhten Tag". Damit sendet er dem Zuhörer eine versteckte Botschaft, die lautet: "Sie sprechen im Moment mit jemandem, der stottert." Das bewirkt, dass der sich wegen möglichen Stotterns nicht zu beunruhigen braucht, weil der Zuhörer schon darauf vorbereitet ist und es vielleicht sogar erwartet. Leichtes absichtliches Stottern in der gesprochenen Botschaft ist auch nicht schlecht, auch im Rollenspiel. Das engl. Wort "bounce" bezeichnet übrigens das Aufprallen eines Basketballs auf dem Boden.

Mach ein paar Rollenspiele mit ihm, bis er sich ganz sicher fühlt, und lass ihn dann das Telefongespräch wirklich durchführen, mit angeschaltetem Lautsprecher, so dass Du hören kannst, was von der anderen Seite kommt. Ihr könnt dann nach und nach immer schwierigere Telefonate vorbereiten und üben.

Schreib mal, wie es gelaufen ist. Ich coache Euch gerne.

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