Wie handel ich nach Platon? Wie nach Epikur?

1 Antwort

Der Unterschied besteht in der Erkenntnistheorie und der Seelenlehre.

Zu beachten ist: Die Frage, wie der Mensch handelt, ist eine andere als die, wie der Mensch handlen soll. Die erste betrifft die Handlungstheorie, die zweite die Ethik (die natürlich unter Heranziehen einer Handlungstheorie entwickelt werden kann).

Platon und Epikur halten beide ein Streben nach Glück für grundlegend (dieser Standpunkt kann mit einem Fremdwort als Eudaimonismus bezeichnet werden). Darin, wie Menschen handeln sollen, vertreten sie eine Tugendethik, aber bei Epikur hat sie eine abgeschwächte Bedeutung. Denn bei ihm ist Tugend/Vortrefflichkeit zwar wesentlich, wertvoll und untrennbar mit Lust und einem guten Leben verbunden, aber kein Selbstzweck, sondern Mittel zur Lusterlangung.

Bei Platon steht das Gute an höchster Stelle und über der Lust. Bei Epikur besteht das Gute in der Lust bzw. dem Freisein von Unlust. Seine Lehre kann als Hedonismus (Handelsn nach einem Lustprinzip) eingeordnet werden, aber es ist kein platter und grober.

Darstellungen zu den Philosophen, die ihre Erkenntnistheorie Seelenlehre (Psychologie) und Ethik umfassen, können zur Beantwortung beitragen, z. B.:

Michael Erler, Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 2/2). Basel ; Stuttgart : Schwabe, 2006, S. 375 – 390 und S. 430 – 440

Michael Erler, Epikur. In: Die hellenistische Philosophie. Erster Halbband (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 4/1). Herausgegeben von Hellmut Flashar. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1994, S. 146 - 148 und S. 153 - 170

Die menschliche Erkenntnis kann nach Platon folgende 4 aufsteigende Stufen (die 2 für die sichtbare Welt [ὅρατος γένος/τόπος] gehören zur Meinung [δόξα], die 2 für die denkbare Welt [νόητος γένος/τόπος)] zum Wissen [ἐπιστήμη] der Vernunft [νοῦς]) einnehmen:

1) Mutmaßung (εἰκασία)

2) Fürwahrhalten (πίστις)

3) hin- und herlaufendes (diskursives) Denken (διάνοια)

4) einsehendes Denken (νόησις)

Bei der sichtbaren Welt ist Sinneswahrnehmung eine wesentliche Grundlage. Sie ist kein rein passiver Vorgang, bei dem nur etwas aufgenommen wird, sondern ein aktives Erfassen (mit geistigen Deutungen verbunden). Sie ist Täuschungen und Blickverengung durch einseitige Fixierung ausgesetzt.

Platon unterscheidet drei Seelenteile als Arten der seelischen Ausrichtung/seelische Strebeformen. Die ihnen eigentümliche Tugenden sind bei dem Vernünftigen Weisheit (σοφία), bei dem sich Ereifernden (gemeint ist nicht wütend sein, sonder eher etwas wie engagiert sein) Tapferkeit (ἀνδρεία) und bei dem Begehrlichen Besonnenheit (σωφροσύνη). Alle Seelenteile/Strebeformen umfassen Denken, Fühlen und Wollen. Das Vernünftige ist mit Erkenntnis verbunden, das sich Ereifernde mit Meinung und das Begehrliche mit Sinneswahrnehmung. Die Vernunft soll die Leitung übernehmen, eine kluge Fürsorge/Voraussicht (προμήθεια). Platon beschreibt das Verhältnis bei gutem Zusammenspiel (dem gerechten Zustand) als Freundschaft (φιλία), Übereinstimmung/Einklang (συμφωνία) und Harmonie (ἁρμονία).

Die vier Haupttugenden sind nach Platon Besonnenheit (σωφροσύνη), Tapferkeit (ανδρεία), Weisheit (σοφία) und Gerechtigkeit (δικαιοσύνη). In einer Verbindung mit einer Seelenlehre/Psychologie sind diese Tugenden mit Seelenteilen jeweils auf besondere Weise verbunden (auch wenn sie alle Vernunft voraussetzen): Die Besonnenheit mit einer Kontrolle über das Begehrende (τὸ ἐπιθυμητικόν), die Tapferkeit mit dem Muthaften/sich Ereifernden (τὸ θυμοειδές), die Weisheit mit dem Vernünftigen (τὸ λογιστικόν) und die Gerechtigkeit mit einer Übereinstimmung/Harmonie aller Seelenteile/Seelenvermögen. Gerechtigkeit bedeutet, das Seine zu haben und das Seine zu tun (Politeia 433b τὸ τὰ αὑτοῦ πράττειν).

Alle Seelenteile haben ein Eigenrecht. Begierden sollen nicht die Leitung übernehmen und nicht die Vernunft bloß als dienendes Hilfsmittel ohne Kontrollfunktion benutzen. Sie sind dafür anfällig, sich von einem Anschein täuschen zulassen („blind“ vor Begierde) und das angezielte Gute nicht zu erreichen. Das Begehrliche hat aber eine Zuständigkeit und das Vernünftige ist nicht dafür da, ein Lustgefühl wahrzunehmen, festzustellen (etwas fühlt sich angenehme an) und zu melden.

Nach Platons Standpunkt ist Wissen/Erkenntnis für Tugend notwendig (zur Gleichsetzung, dem „Tugendwissen“ vgl. Menon 87 c – 89 a, Politeia 348 c – 351 c, Gorgias 460 b, Laches 194 d, Protagoras 360 d). Fehlverhalten ist ein intellektuelles Versagen. Wer wirklich eine Einsicht (eine echte Erkenntnis) hat, handelt auch ihr entsprechend. Die Idee des Guten ist Orientierung.

Die Vernunft hat eine zentrale Rolle. Das Wollen kann sich auf das vermeintlich oder wahrhaft Gute richten. Menschen handeln nach Platon unterschiedlich, je nachdem wie ihre erlangten Erkenntnisse und der Zustand ihrer Seele (Leitung durch Vernunft, Meinung/Vorstellung oder Begierde; Harmonie oder Konflikt) ist. Beim Erkennen spielen Ideen eine wesentliche Rolle.

Nach Epikur ist die Seele als Körperwesen (bestehend aus glatten, festen und feinen Atomen) mit dem Leib verbunden.

Sinneswahrnehmung ist ein passiver Vorgang. Es kommt zu einem Abströmen von Atomen von den Oberflächen der Objekte und einem Auftreffen auf das zuständige Sinnesorgan. Die abströmenden Typen (τύποι), die „Bilder“ (εἰδωλα) genant werden und von gleicher Struktur wie das Objekt sind, gelangen durch Poren in die Seele und verursachen in der Seele einen Abdruck. Der Seele kommt in ihrer Hinwendung (ἐπιβολή zwar eigentlich eine Auswahlfunktion zu, die aber die durch die einströmenden Bilder überbrachte Informationen nicht verfälscht. Die Menschen nehmen die gemäß konkrete Aufeinanderfolge der Bilder erzeugte Vorstellung auf.

Epikur führte (Naturlehre) die Welt auf die Bewegung und Verteilung von Atomen im Raum zurück, wobei er eine winzige Abweichung in der Bewegung gegenüber einem senkrechten Fall annahm (was Spielraum für Freiheit schafft).

Wissen beruht seiner Meinung nach auf Wahrnehmung, aufgrund derer (neben logischer Folgerichtigkeit) festgestellt wird, was wahr ist. In den Sinnesempfindungen sind nach seiner Auffassung die Dinge abgebildet. Nach Epikurs Meinung besteht Glück in der Empfindung von Lust. Lebewesen streben von Ntaur aus nach Lust. Lust ist ein angenehmer Zustand des Wohlbefindens. Epikur liegt in seiner Ethik daran, Unlust, Schmerz und Leid zu vermeiden (ihre Abwesenheit ist Ziel und der Hedonismus insofern von der negativen Seite her aufgezogen). Wichtig ist ihm eine innere Ruhe. Angestrebt wird aufgrund mit Einsicht getroffener Entscheidungen ein Zustand der Seelenruhe, die Ataraxie („Unerschütterlichkeit“, griechisch ἀταραξία). Brief an Menoikeus 131: „Wenn wir also sagen, Lust höchstes Gut, dann meinen wir nicht die Lüste der Prasser und des Genießens, wie einige Unwissende und Mißverstehende glauben, sondern das Freisein von körperlichem Schmerz und seelischer Aufregung.“ Der Weg besteht in einer Konzentration auf die wirklich notwendigen Bedürfnisse (aber kein Leben ohne Bedürfnisse). Einsicht und Übung sollen zu einem vernünftig reflektierten Genießen mit einer anhaltenden Daseinsfreude führen.

Glückseligkeit enthält eine Zufriedenheit, einen friedvoller Zustand der Sicherheit über eine Erfüllung von Wünschen. Die Bewertung dieses Zustandes als höchster Wert ist keine Sache weiterer rationaler Begründung, sondern einer Gegebenheit der Sinnlichkeit (der Zustand wird so empfunden). Epikurs Glücksrezept erklärt das Wertvolle zum Verfügbaren. Er versucht Lust als ein Gut zu erweisen, das Menschen stets zur Verfügung steht. Dazu versteht er Lust als Freiheit von Unlust (vgl. Malte Hossenfelder, Epikur. Original-Ausgabe, 3., aktualisierte Auflage. München : Beck, 2006 (Beck'sche Reihe : Denker ; 520), S. 57 – 75).

Epikur unterteilt in eine (von ihm bevorzugte) gleichförmig-ruhige („katastematische") und eine veränderliche („kinetische") Lust. Auch die veränderliche Lust kann angenehm sein, sollte aber nicht die anhaltende Daseinsfreude beeinträchtigen. Die Menschen sollen nach ihm klären, ob Begierden natürlich und notwendig sind oder leer. Mit leeren Begierden sind die gemeint, die einem bloßen Wunsch nach Luxus entspringen und durch maßlose Gier Rastlosigkeit verursachen, weil die Menschen das quält, was sie nicht haben.

Epikur geht es also um eine Kultivierung angemessener Lust, die zu einem Höchstmaß an Wohlbefinden führen soll. Er wies auf die Vorteile einfacher Güter hin (z. B. beim Essen und Trinken) und schätzte das Zusammenleben mit Freunden.

Menschen können nach Epikur unterschiedlich handeln, je nachdem ob und in welchem Ausmaß vernünftiges Denken von irrationaler Furcht und beeinträchtigenden Affekten freihält.

Vielen Dank für die ausführliche Antwort!

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@Philipp98765

Dies sind Ängste, Schmerzen, Mangel/Entbehrung bei grundlegenden Bedürfnissen, sich von einem leeren Wahn treiben lassen, übermäßiges Streben nach etwas, was jemand nicht hat, überflüssig und kaum erreichbar ist.

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