Wie habt ihr die ersten Wochen und Monate nach dem Mauerfall erlebt?

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2 Antworten

Ich erinnere mich noch sehr gut an den Tag der Grenzöffnung, obwohl ich erst 11 war.

Ich machte gerade Hausaufgaben in meinem Zimmer als meine Mutter mich aufgeregt ins Wohnzimmer rief und meinte, man könnte jetzt 'rüber' fahren.

Am selben Abend noch stand die ganze Familie in einer langen Schlange bei der Polizei an, wo man die Visa bekam und gegen 20 Uhr waren wir dann nach viel Drama (meine Eltern hatten einen riesigen Streit, weil mein Vater nicht am gleichen Abend fahren wollte) dann endlich unterwegs nach West-Berlin.

Ich war so aufgeregt, das mir die Zähne klapperten und dann so enttäuscht, als wir dann tatsächlich auf der anderen Seite standen, weil ich eine völlig andere Welt (viel Reklame und Bling Bling, wie ich es aus dem TV kannte) erwartet hatte und es dann doch ziemlich genauso aussah wie auf der Ost-Seite :D

Die Wochen und Monate danach waren von einem immensen Umschwunggefühl, aber auch Unsicherheit geprägt. Irgendwann lagen plötzlich neue Produkte in den Regalen und ich weiß noch das ich es nicht fassen konnte, das es Schokolade für unter eine Mark gab und dann hantierte man eine Weile lang mit beiden Währungen.

Für mich war der größte Einschnitt der nun anstehende Schulwechsel, da ja auch das Schulsystem  (Haupt-, Realschule und Gymnasium) übernommen wurde. Da ich ein sehr guter Schüler war, waren sich Lehrer und auch die Eltern einig, das ich aufs Gymnasium komme. Dort herrschte großes Chaos. Nicht nur war die Schule gerade in der Modernisierungsphase, sodass das Schulgebäude eine Baustelle war, sondern es gab auch eine Menge Chaos was die Lehrer- und den Lehrplan anging. So hatte ich im ersten Jahr 7 verschiedene Mathelehrer und ich musste mich daran gewöhnen statt wie zuvor Einsen und Zweien zu schreiben, nun vermehrt Dreien und auch mal Vieren in den Klassenarbeiten zu bekommen.

Mich hat das damals ziemlich aus der Bahn geworfen, da ich mit diesem massiven Leistungsabfall nur schwerlich umgehen konnte.

Dazu kam, das auch meine bisherigen Freizeitaktivitäten stark eingeschränkt waren. Zuvor war meine Woche fast gänzlich mit diversen AG's belegt...Sport, Musikschule, Chor...das alles fiel auf einen Schlag weg - auch der jährliche Ostseeurlaub war nicht mehr drin, da meine Mutter zu allem Übel relativ früh ihren Job verlor (Betrieb wurde geschlossen).

Auch das Stadtbild veränderte sich. Der Campingplatz wurde geschlossen und somit blieben die Touristen aus. Kurz darauf verschwanden auch so Dinge wie das Kino, die Kegelbahn und wer nun zur Disko wollte, musste 20 oder mehr Kilometer fahren. Viele kleine Läden verschwanden aus der Innenstadt, dafür wurden Aldi und Co. am Stadtrand hochgezogen.

Einerseits war es spannend die Veränderungen zu erleben, andererseits war es natürlich auch traurig, das viele Dinge, die ich schätzte bzw. die ich einfach gewohnt war, plötzlich nicht mehr verfügbar waren.

Aus den bis dahin relativ sorgenfreien Eltern wurden besorgte Eltern - Geld bzw. der Mangel daran, war eine Art Dauerthema. Meine Schwester machte zu dieser Zeit ihren Abschluss und ich erinnere mich, das sie trotz eines super Zeugnisses quasi nur eine Art Notnagellehrstelle fand. Frei nach dem Motto 'besser als nichts'.

Ich habe diese Zeit also größtenteils als negativ, um nicht beängstigend zu sagen, empfunden, da irgendwie niemand so richtig wusste, wie es weitergehen würde.

Ich war in der Nachtschicht arbeiten und am nächsten Tag waren alle faulen Leute und Parteisekretäre schon im Westen. Leider wurde die Grenze dann geöffnet statt, wie eigentlich angekündigt, nur die rauszulassen, die raus wollten. Es begannen der Ausverkauf und Abbau der DDR. Es gab für mich nur zwei Gute Sachen: Ich konnte nun studieren, was ich in der DDR nicht durfte, und es gab mehr Bananen.

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