Wie fühlten sich Soldaten in den Schützengräben?

8 Antworten

mein großvater wurde 1939 einberufen. er wurde zuerst in polen eingesetzt, dann ging's nach frankreich. dort war er zeitweise als ''zbv'' eingesetzt d.h. bandenbekämpfung von ''resistance''-gruppen. das machte er bis er dazu keine ''nerven'' mehr hatte denn das war ein äußerst gefährlicher ''job''. sie fanden einmal eine art metzgerei in der gefangene deutsche soldaten gefoltert wurden. darin lagen noch teile von ihnen und ihrer kleidung.

im fronturlaub zu hause wurde er spätabends aus dem bett geholt und mußte mit ein paar anderen kameraden nach frankfurt am main um dem luftschutz beim bevorstehenden luftangriff der ami's zu helfen. seine aufgaben bestanden darin, leute ''einzufangen'' und diese in sicherheit zu bringen, z.b. luftschutzbunker oder sichere keller. als der angriff in vollem gange war, kam ihm eine frau entgegengerannt die auf dem rücken brannte. das war weißer phosphor und das ließ sich nicht löschen. die frau schrie ihn an, er solle sie erschießen aber opa schlug sie nieder damit sie das nicht mehr spürte was der phosphor auf ihrem rücken machte. er konnte ihr nicht mehr helfen. am mainufer fanden sie eine menge leute im wasser sitzen. manche saßen dort bis zum hals 'drin weil weißer phosphor unter wasser nicht brennt. die herbeigerufenen sani's konnten helfen.

nicht weit weg war ein großer bombenkrater und etwas daneben stand noch eine parkbank auf der einige menschliche organe lagen, unter anderem auch gedärme. der ''rest'' lag weiter hinten und man konnte nicht mehr erkennen ob es eine frau oder ein mann war. am nächsten tage ging's an's aufräumen. man öffnete bunker um nachzuschauen ob die leute noch am leben waren. in manchen bunkern lebten die leute noch, kamen 'raus, wurden versorgt etc. in anderen bunkern lagen nur noch verbrannte menschen herum und diese bröselten wenn man sie nicht sanft genug anfaßte..

1944 war er ''zur erholung'' in der normandie stationiert. das meer und die luft waren so gut. diese zeit war schön bis die alliierten landeten. frühmorgens ging's los, die boote kamen und die klappe öffnete sich und opa zog den abzug durch. dann waren alle im boot tot und das boot wendete und fuhr zurück. das ging eine weile bis der andrang zu groß wurde und der strand voll mit gegnerischen soldaten war. opa's waffe, ein maschinengewehr kam nicht mehr zur ruhe. er weinte und schoß und weinte immer wieder denn ein solches gemetzel hatte er noch nicht erlebt. der strand und das flache wasser waren rot vom blut und körperteilen der gegnerischen soldaten. opa erkannte kopfschüsse auf weitere entfernungen wenn der helm hochflog und danach dort nichts mehr war...

flucht war bislang nicht möglich weil so viele gegner immer näher kamen und wenn die ihn als mg-schützen erwischt hätten... er sagte er würde niemalseinen soldaten vergessen der wie betäubt im kniehohen wasser stand, keinen rechten arm mehr hatte und nach einer weile, vermutlich erneut getroffen, zusammensackte.

wir wohnten alle in einem hause, großeltern, eltern und ich. da bekam man mit wenn opa nachts wieder mal träumte denn er schrie kurz auf und war danach wach. die nacht war gelaufen und er setzte sich in die küche, kochte einen kaffee und machte sich langsam für die arbeit fertig. ich dachte dann wieder ''ach opa träumt wieder schlecht''. erst später als ich alt genug war, gab er mir seine aufzeichnungen und ich verstand dann, warum er manchmal so sonderbar war.

er haßte sylvester(klar, warum wohl?) und duckte sich jedesmal wenn ein düsenjäger der bundeswehr über seine stadt flog. es erinnerte ihn an heranfliegende granaten. während des kampfes, so erzählte er mir einmal, war er rational. er hatte keine zeit zum denken, das kam erst danach. man gewöhnte sich daran, jeden tag als seinen letzten zu betrachten bis auch das immer mehr in den hintergrund geriet. erst nach dem krieg kam alles wieder hoch, es wäre als ob vieles noch einmal ablief. ein kamerad von ihm, ein schulfreund aus frühen tagen, wurde verrückt. dieser lief eines tages im fronteinsatz in unterhosen herum und hatte ein gewehr in der hand. er drohte damit, alle zu töten wenn er keinen schokoladenpudding bekommen würde. dann erschoß er sich selbst.

ich war der erste dem er vieles erzählte, er brauchte eine ganze generation bis er darüber sprechen konnte. man kann keine allgemeinen aussagen machen wie ein soldat sich an der front fühlt denn jeder soldat fühlt anders und sieht die sache anders. einige halten das nicht aus und zerstören sich selbst oder werden zu killern oder sie fangen sich wieder mehr schlecht als recht aber spuren hinterläßt es bei jedem normal denkenden menschen.

Jeder der sagt, daß er keine Angst in einer solchen Lage hat, ist entweder Lüger oder Idi0t. Natürlich sollen sie große Angst haben, für sich selber, für seine Kameraden, für die Einheit - trotz daß man viel sicherer in einem Schützengraben als ins offene sei, weiß niemand, wer getötet oder (noch schlimmer, oft) verwundet wird.

Du kannst wahrscheinlich Romane lesen, die diese Fühlungen von Angst beschreiben, aber im Allgemein haben militärische Geschichte mehr mit den reinen Fakten zu tun, zB:

Die Schlauchboote waren ohne Motor und mußten gepaddelt werden. Der Übergang erfolgte unter heftigen MG-Flankenfeuer aus den Bunkerstellungen des Gegners. Die befohlene Art.-Unterstützung blieb gegen die Betonbunker wirkungslos.

Mein Uropa hat am Ende seines Lebens erst über seine Erfahrungen berichtet und auch dann nur wenig, eine Art Lebensbeichte bei seiner Tochter.
Er sagte einmal das es für sie wie ein Spiel gewesen wäre auf die Helme gegenüber zu schießen, eine Ablenkung vom Alltag aus Kälte, Regen und Dreck. Das es Menschen waren die er erschossen hat und das die genau so auf ihn geschossen haben ist ihm erst Jahre später richtig bewusst geworden. Er hatte es genau wie viele andere komplett verdrängt um weitermachen zu können.

Im nachhinein hat es ihn sehr belastet, er hat mal gesagt das er eigentlich gar kein richtiger Mensch mehr sei weil er ohne nachzudenken so viel getötet hat. Als sein kleiner Bruder und sein ältester Sohn im 2. Weltkrieg nach Polen desertiert sind und auf Nimmerwiedersehen über den Atlantik verschwanden hat er sie unterstützt wie es nur ging.

Ich kenne Geschichten von Soldaten, die an der Westfront (im 1.WK) dienten, und sich dann in einer Waffenruhe mit dem Feind (damals Frankreich) anfreundeten und Fußball spielten. Die Soldaten (Deutsche) wurden dann an die Ostfront abkommandiert.

1

Was möchtest Du wissen?