Wie erreicht man Vernunft (nach Aristoteles)?

4 Antworten

In dem Sinne, wie man Deine Frage verstehen kann, wirst Du keine Antwort finden. Im Sinne des Aristoteles sind wir Menschen "vernunftbegabte" Wesen, d.h., die Fähigkeit zur Vernunft ist uns angeboren, Teil unseres Wesensplans. Darüber hinaus wird es für kurze Erklärungen zu kompliziert. Dazu solltest Du Dich mit der multiplen Struktur der Seele nach Aristoteles und seiner Vorstellung der "geistig-vernünftigen Gottheit" beschäftigen, die die höchste und reinste Vernunft darstellt und so in sich glücklich ist.

Menschen haben nach Auffassung des Aristoteles Vernunft - νοῦς (nous) oder λόγος (logos) genannt - als Erkenntnisvermögen in der Seele.

Vernunftbegabung ist eine den Menschen angeborene Fähigkeit, ihre Entwicklung bei einem Wesen, das Menschen ist, damit schon angelegt. Der Weg ist dann, diese Fähigkeit zu entfalten.

Der Möglichkeit nach ist Vernunft da. Allgemein stellt Aristoteles die Verwirklichung einer Fähigkeit/eines Vermögens als Übergang von Möglichkeit (δ�?ναμις [dynamis]; Möglichkeit; lateinisch: potentia) zu Wirklichkeit/Verwirklichung/Ins-Werk-Setzen (�?νέϱγεια (lateinisch: actus) dar. Etwas Potentielles wird aktualisiert/verwirklicht.

Verwirklicht wird Vernunft durch Betätigung/Verwendung des Erkenntisvermögens der Vernunft, das heißt durch Denken. Vernunft ist das, womit die Seele denkt und Annahmen macht.

Inwieweit Vernunft erreicht wird, hängt von der natürlichen Anlage und den Umständen ab.

Aristoteles macht bei Gruppen von Menschen Einschränkungen aufgrund der natürlichen Anlage: den Frauen und den „Sklaven von Natur“ (eine kritisierbare Auffassung).

Der „Sklave von Natur“ (Aristoteles, Politik 1, 3 – 7) verfügt nach Darstellung des Aristoteles nicht aktiv über Vernunft, sondern nur passiv, indem er auf sie hören kann (Aristoteles, Politik 1, 4, 1254 b 22 – 23). Ihm fehle die Fähigkeit zur Überlegung (Aristoteles, Politik 1, 13, 1260 a 12) und daher auch die Fähigkeit zu eigenen Entscheidungen (Aristoteles, Politik 3, 9, 1280 a 32 – 34). Frauen fehle eine ausreichend feste Kraft der Überlegung und Entscheidung (Aristoteles, Politik 1, 12 – 13).

theoretische Vernunft

Es gibt logische Gesetze des Denkens, darunter als gewissestes Prinzip und allgemeinste Grundlage den Satz vom (zu vermeidenden) Widerspruch.

Beim Erkennen gibt es ein aufsteigendes Fortschreiten in Stufen, die aufeinander aufbauen (Wahrnehmung, Erinnerung, Vorstellung, Erfahrung, Meinung, Wissenschaft). Wie die Sinneswahrnehmung mit dem Sinnen wahrnehmbare Formen aufnimmt, so nimmt die Vernunft beim Denken denkbare/geistig erfaßbare/intelligible Formen (νοητὰ είδη [noeta eide; εἶδος [eidos] = Gestalt, Art, Form, Idee ist ein wichtiger Begriff bei Aristoteles) auf.

Das Wissenschaftsmodell des Aristoteles ist demonstrativ-deduktiv: Sätze werden beweisend aus ersten als Axiome zugrundelegten Annahmen hergeleitete.

Eine Leistung des Denkens ist das unterscheidende Erfassen von Denkgegenständen.

Wahrnehmung, Erfahrung und Induktion (Schließen vom Einzelnen auf etwas Allgemeines) gehören zu den Grundlagen beim Entstehen wissenschaftlicher Prinzipien.

Praktische Vernunft

Praktische Vernunft ist auf Zwecke ausgerichtet und handlungsbezogen. Im Rahmen der Ethik nennt Aristoteles (Nikomachische Ethik, 6, 1 – 13) Vortrefflichkeiten/Tugenden des Verstandes/dianoetische Tugenden (ἀϱεταὶ διανοηϑικαί [aretai dainoetikai]):

Technik/Kunst(fertigkeit) (τέχνη [techne]), Erkenntnis/Wissen(schaft) (�?πιστήμη [episteme], Klugheit (φϱόνησις [phronesis]), Weisheit (σοφία [sophia]) und Verstand/Vernunft/Intellekt (νοῦς [nous]).

Aufgabe des Verstandes/der Vernunft/des Intellekts ist das Erfassen von Prinzipen/allgemeinen Grundsätzen. Klugheit verbindet Kenntnis von Prinzipen/allgemeinen Grundsätzen mit ihrer Anwendung auf eine konkrete Situation (auf der Grundlage von Erfahrung und Geschicklichkeit).

Wohlberatenheit gründet auf guten Rat und gutes eigenes Überlegen.

Bücher enthalten weiterführende Darstellungen, z. B.:

Klaus Corcilius, Denken. In: Aristoteles-Handbuch : Leben – Werk – Wirkung. Herausgegeben von Christof Rapp und Klaus Corcilius. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2011, S. 197 - 206

Hellmut Flashar, Aristoteles : Lehrer des Abendlandes. 2 ., durchgesehene Auflage. München : Beck, 2013, S. 184 - 208

Otfried Höffe, Aristoteles. 4., überarbeitete Auflage, Originalausgabe. München : Beck, 2014 (Beck'sche Reihe ; 535 : C.-H.- Beck-Paperback), S. 37 – 103

Naomi Kubota, Nous / Intellekt, Verstand, Vernunft. In: Aristoteles-Lexikon. Herausgegeben von Otfried Höffe. Redaktion: Rolf Geiger und Philipp Brüllmann. Stuttgart : Kröner, 2005 (Kröners Taschenausgabe ; Band 459), S. 381 - 385

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