Wie erkennt man Depressionen an sich und anderen Menschen?

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6 Antworten

Ich würde sagen: Schwer! Ich hatte bis jetzt zwei Fälle in der Familie, beide ältere Menschen, die nach Meinung von "Experten" (Menschen, die mit Senioren arbeiten und zwei Psychologen) depressiv waren. Diese "Experten" haben allerdings die Betroffenen nicht gesehen, sondern das aus meinen Schilderungen geschlossen.

Das beste Erkennungsmerkmal für Depression bei anderen wäre demnach Frustration auf Seiten der Gesunden!

In beiden Fällen wurden alle Vorschläge, die man machte, grundsätzlich abgelehnt (Vorschläge bzgl. Essenswahl, Aktivitäten etc.).

In einem Fall war es krass und die Betroffene legte sich einfach angezogen kommentarlos aufs Bett mit heruntergelassenen Jalousien und blieb da drei Tage so liegen (abgesehen von Toilettenbesuchen). Auf Nachfragen, wann sie denn wieder aufstehen wolle und was überhaupt los sei, kam keine konkrete Antwort, aber auch kein Interesse, das herauszufinden.

In beiden Fällen wurde der Aktionsradius "freiwillig" immer kleiner, man machte immer weniger (der üblichen früheren Aktivitäten, die möglich gewesen wären) und blockte immer mehr ab. In einem Fall wurde konkret gesagt, man habe sich dies und das, unter anderem das Essen und Trinken (!) abgewöhnt (was später auch drastische gesundheitliche Konsequenzen hatte!) 

Im anderen Fall wurde kommentarlos immer weniger gemacht, von sehr hoher Aktivität auf "im Zimmer bleiben und fernsehen den ganzen Tag" zurückgefahren. In diesem Fall war jegliches Weggehen Stress, zu Ausfahrten musste der Betroffene überredet werden und wenn sie nicht nach Plan verliefen - man noch kurz irgendwo einkehren wollte etc. - war das Stress. Aktionsradius ging zurück von andere Städte besuchen, nur noch angrenzende Städte besuchen, nur noch eine Stadt, aber mit viel Vorlauf, im Ort mit dem Taxi zu Treffen mit Freunden fahren und zum Einkaufen, nur noch zum Einkaufen, nicht mehr zum Einkaufen (es gab dann Essen auf Rädern), zu Fuß in der Nähe Zigaretten und Zeitschriften kaufen, das nur noch selten tun, nur noch unter großem Stress zum Geldabheben das Haus verlassen.

Gespräche verliefen immer im Sande, "ich kann es nicht, ich will es nicht, ich will nicht drüber reden" und teilweise wurden normale Gespräche komplett abgeblockt - "das ist doch unwichtig", in einem Fall hatte die Betroffene eingeschränkte Sehfähigkeiten und immer, wenn man etwas erwähnte, das man gesehen hatte - Film, Buch, Naturbeobachtung, Cover der Geburtstagkarte beschrieb - wurde das abgeblockt mit "ich kann es ja nicht sehen". 

Bei uns Nicht-Betroffenen führte das zu Ratosigkeit, dann vermehrtem Bemühen, dann Frust, und schließlich Aufgabe, also Akzeptanz, dass derjenige halt keine Aktivitäten und fast keine Interaktion wünschte (Arztbesuche wurden in beiden Fällen auch verweigert).

Bis heute habe ich keine guten Ideen erhalten für eine Interaktion mit solchen Menschen. Sogar die Psychologin sagte, man könne da wenig machen.

Bei einem selbst dürfte sich die Depression darin äußern, dass einem normale Tätigkeiten sehr schwer fallen und man die verhindert (morgens aufstehen, selbst kochen, pünktlich sein, sich jeden Tag neu anziehen - je nach Schweregrad) und man das Außenstehenden nicht verständlich machen kann. Auch selbst nicht wirklich versteht, was daran jetzt so schwer ist. Dass man ggf. viel alleine sein möchte, viel schlafen möchte, lustlos und antriebslos ist, keine Begeisterung mehr aufbringt und ggf. leicht aggressiv wird. Teilweise alles unterbrochen von Phasen, in denen alles okay scheint. 

Kernpunkt: Es geht einem schlecht aber man kann Außenstehenden das nicht vermitteln. Man bekommt Tipps, die nicht wirken wie "reiß dich zusammen", was man eben nicht schafft, ohne zu wissen, warum das nicht klappt. 

Typisch laut Psychlogin: Man plant immer als Betroffener: Ab morgen mache ich das und das anders, ich stehe früh auf, ich frühstücke, ich ziehe mich sorgfältig an, ich gebe mir Mühe bei der Arbeit, ich gehe meinem Hobby nach. Aber dann kommt der Zeitpunkt und man schafft es nicht oder man schafft nicht mehr als das Nötige. Oft verbringt man die Freizeit dann (allein) im Bett liegend/ schlafend, weil man einfach vom Tag zu k.o. ist.

Sehr schön zeigt das evtl. der Film "Die Wand" (youtube). Erst versucht man alles, die "Barriere" zu durchbrechen, dann gibt man auf und akzeptiert die Barriere einfach und nimmt Außenstehene evtl. anders wahr als vorher weil sie einem nicht in die eigene Welt folgen können, man selbst ihnen aber ach nicht in ihre Welt folgen kann.

Danke für deine umfangreiche Antwort!

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Bei mir selbst habe ich die Depressionen sehr schnell erkannt. Es gibt Depressionen die kommen schleichend und welche die kommen von einer Sekunde auf die andere. Bei mir war letzteres der Fall.

Ich war z.B. total Antriebslos. Schon nur das aus dem Bett kommen war anstrengend. Ich hatte kaum Kraft zu duschen, Einkäufe zu erledigen, zu kochen oder aufzuräumen. Von Arbeiten gehen ganz zu schweigen. Zudem empfand ich schlicht und einfach keine Freude mehr. Nichts was mich vorher interessierte, konnte mich nur ansatzweise ablenken.

Hinzu kamen die negativen Gedanken, Gedankenkreisen, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen usw.

Es gibt Fragebögen wie der BDI-II der feststellt ob man Depressionen hat und wenn ja wie stark diese sind. Diese Fragebögen sollten jedoch (auch für die Auswertung) in ärztlicher Behandlung ausgefüllt werden. Was du machen kannt ist, dich mit den medizinischen Diagnosekriteren des internationalen Diagnoseverzeichnisses ICD-10 bekannt zu machen. Genauere Angaben findest du hier: http://deprimed.de/depressionen/

Man sieht depressiven von aussen schwer an, dass sie eine psychische Erkrankung haben. Wenn jedoch jemand schwer depressiv ist, kann er seine Maske nicht mehr aufsetzten und ist völlig aufgelöst. Er ist in sich zusammengesunken, geht keinerlei sozialer Aktivität mehr nach, hat keinen Antrieb (liegt nur noch im Bett rum), ist wortkarg und freut sich über nichts mehr.

Hallo,

Depressionen sind eine ernst zu nehmende Krankheit, die lange nicht so häufig auftritt, wie es den Anschein hat.

Gerade hier bei GuteFrage fallen viele junge Leute auf das Modewort "depri" rein und glauben, dass sie diese Krankheit hätten.

Die guten altdeutschen Begriffe wie Enttäuschung, Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Verzweiflung, Melancholie, innere Leere, Hoffnungslosigkeit und sogar vor Kummer erstarrt zu sein, werden kaum noch verwendet.

Im religiösen Bereich spricht man gelegentlich von einer Nachtfahrt der Seele.

In der Depression kommen diese Dinge auch vor und es gibt einige Kriterien, nach denen eine Depression diagnostiziert wird, doch ganz sicher kann man da nie sein. Dazu sind sie zu subjektiv.

Selbst der Therapeut oder der Psychiater ist immer  nur auf Einschätzungen angewiesen, und die hängen wiederum von dessen Weltbild und Erlebnishintergrund ab.

Deshalb meine ich, es gibt keine wirklich klaren Kriterien, auch wenn ein guter Psychiater die einzig kompetente Anlaufstelle für diese Diagnose ist.

Selbst wenn du so eine Diagnose hast, solltest du alle Selbstverantwortung, zu der du noch fähig bist, aufbringen, um dich selbst um deine Heilung zu kümmern, denn die kann niemand bewirken, als du selbst.

Alles Gute und ein gutes Händchen beim Deuten deiner Symptome oder der deiner Mitmenschen...

Was Tasha geschrieben hat, ist schon richtig.

Ich würde aber sagen, dass man selbst eine Depression erst einmal bei sich gar nicht erkennt. Man wundert sich, dass man plötzlich an weniger Dingen Interesse zeigt, die man sonst gern gemacht hat. Man merkt, dass man immer müde oder ausgepowert ist. Dass das aber gleich eine Depression ist, darauf kommt man selbst nicht.

Bei anderen Menschen stellt man eher eine Veränderung fest. Lustlosigkeit, Trauer, Freudlosigkeit, Desinteresse, ein höheres Schlafbedürfnis, wollen nichts mehr unternehmen u.ä.

Und eben weil mir diese Symptome aufgefallen sind habe ich mich dazu belesen. Es muss ja nicht sein, dass ich depressiv bin. Vielleicht bin ich auch einfach nur ein Mensch, der ständig traurig ist, lustlos ist, keine Kraft und Motivation mehr hat und am liebsten alleine ist. Die anderen "krassen" Symptome zähle ich lieber nicht auf. 

Lg und danke für deine Antwort

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@BlackAlicorn

Depressive Verstimmungen und richtig schwere Depressionen sind ein Unterschied. Geh mal zu einem Facharzt und sprich mit ihm darüber. Man muss damit nicht leben, es gibt immer einen Weg.

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Persönlich leide ich auch seit Jahren darunter und nehme Medikamente.

Fremde Leute merken das nicht und ich falle auch nicht auf. Sie würden sich eher wundern, wenn ich erzählen würde, daß ich unter Depressionen leide, daher erzähle ich es auch keinem. Meine Famile und die engsten Verwandten wissen Bescheid, aber wir sprechen nicht darüber und Mitleid kann ich mir sparen. 

Wenn ich Depressiv bin, dann ziehe ich mich von der Umwelt und von den Leuten zurück und will nur alleine sein. Auch habe ich keine Lust mich mit jemanden zu unterhalten, das merken zumindest dann die ensgten Verwandten. Wie schon gesagt merken das Fremde nicht. 

Daß Leute hier im Forum schreiben: Bin depressiv, ritze mich und habe suizid Gedanken, kann ich in keiner Weise nachvollziehen, denn die wenigsten sind so. Das ist nur Wichtigtuerei mit den Willen Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Also Dummes Geschwätz.  In Wirklichkeit will man keine Aufmerksamkeit, sondern einfach für sich sein. Ein Gespräch zu einer Verbindungsperson (Psychater oder Ehepartner) kann dann sinnvoll sein. Andere möchte man damit erst gar nicht erst belästigen. So eine Episode kann Tage oder auch Wochen andauern, die durch Medikamente abgemildert werden. 

Auf keinen Fall möchte ich Aufmerksamkeit habe und in einer anderem Frage von mir habe ich auch geschrieben, dass ich um Rat bitte wie ich meinen traurigen Ausdruck überspielen kann, dass mich Leute nicht mehr ständig fragen was mit mir los ist.

Außerdem ist die Depression bei jedem Betroffenen anders und äußert sich verschieden. Die Haupsymptome sind zwar die selben aber das Verhalten unterscheidet sich unterschiedlich.

Ich möchte auch nicht sagen, dass es keine Menschen gibt die dadurch Aufmerksamkeit suchen. Allerdings sollte man die Anzeichen nicht für unwichtig erklären. Deswegen finde ich sollte man da bei solchen Außerordentlich vorsichtig sein.

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Anhaltendes Desinteresse, Trauer, Lustlosigkeit, auch bei Dingen, von denen die Person früher begeistert war.

LG 

Thus 

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