Wie erfindet man eine eigene Kampfsportart?

4 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Am einfachsten ist die Wing Tsun Methode ;-) Du gehst in einen Wing Tsun Verein, eine halbe Million Euro und zig Graduierungen zum Schwarzgurt und Sifu-Rang stellst du fest, dass du es immer noch nicht kannst, bist mit dem Verband unzufrieden, steigst aus, gründest deinen eigenen Verband, gibst dem Kind einen neuen Namen (nicht umsonst gibt es ja Wing Tsun mit diversen Beiname, Wing Chun oder gar Vyng Tjun - vielleicht ginge für dich ja Fing Zun) und gibst für viel Geld dein Unwissen an andere Leute weiter ;-)

Ein ungewöhnlciher Karriereweg ist eher der von Masaaki Hatsumi, der nach langem Training von seinem Großmeister Toshitsugo Takamatsu zum neuen Großmeister der neun Ninja- und Samurai-Ryu ernannt wurde, denen Takamatsu vorsaß, und schon eine große Gefolgschaft hatte, als er diese Ryu im Bujinkan vereinte, dem System, das heute auch gerne als Ninjutsu vermarktet wird. Hier wurde aber halt nicht erfunden, sondern nur Wissen gebündelt, von jemandem, der es schon lange gemacht hat.

Was Neukreationen angeht, so bedarf es dort schon einer gewissen Kreativität. Bruce Lee hat ja eigentlich auch Wing Tsun gelernt, aber nicht bei westlichen Flachpfeifen in irgendwelchen EWTO oder EWCO Abzock-Verbänden sondern bei Ip Man, ein absoluter Könner und Begründer des modernen Wing Tsun in seiner guten Form. Was Ip Man unterrichtet hat, hatte halt Hand und Fuß (und machte von selbigem häufig Gebrauch ;-)) Aber klassisches Wing Tsun ist nun mal etwas antik und unhandlich, es kommt ja letztlich aus dem Kung Fu, und Bruce Lee ist hingegangen und hat die Techniken deutlich vereinfacht. Das Spektakuläre und Verschnörkelte, das Wing Tsun ausmacht, hat er sich halt für Hollywood aufgehoben und die Techniken so vereinfacht, dass man sie in einer Verteidigungssituation intuitiver und direkter anwenden kann. Jeet Kune Do hat mit Ip Man Wing Tsun zwar eine breite Basis gemeinsam, die Techniken sind jedoch völlig anders. In sofern hat er was eigenes gemacht. Das Eigene berühmt zu machen, dabei hat ihm sicher seine Popularität aus den Filmen geholfen. Ähnlich war es bei Imi Lichtenfeld und seinem Krav Maga. Er hat sich ja auch Gedanken gemacht, wie er seine Kenntnisse aus Boxen, Ringen und Jiu Jitsu effizient kombinieren kann. Wer nur ringt, wird kaum Deckung gegen einen Boxer halten können, wer nur boxt, wird ziemlich sparsam gucken, wenn er einmal im Schwitzkasten hängt, Lichtenfeld hat halt dafür gesorgt, dass man beide Techniken parallel einsetzen kann, also einen Boxer abblocken und daraus einen Schlag oder eine Greif-, Wurf- oder Hebeltechnik aus dem Ringen oder Jiu Jitsu machen - aber den Ablauf der Techniken nicht nur so zu verändern, dass man sie kombinieren kann, sondern dass sie auch einfacher werden in der Handhabung im Vergleich zum Original und auch in einer Stress-Situation ohne Nachdenken abrufbar bleiben, weil sie so natürlich sind, dass sie in den Bewegungsapparat übergehen. Zur Verbreitung hat sicher der Mythos Mossad beigetragen, der als ziemlich knallharte Truppe Krav Maga trainiert.

Nun sind Kampfkünste aber Kampfkünste. Der Unterschied zu einem Kampfsport ist eine gewisse Freiheit. Eine offizielle Karate-Regel (Kampfsport) ist "Die Kata darf nicht verändert werden". Eine inoffizielle Ninjutsu-Regel (Kampfkunst) ist "Wenn's nicht klappt, mach was anderes". So wirst du, je nachdem aus welcher Linie ein Ninjutsu-Trainer kommt (also ob er oder sein vorheriger Trainer hier in Europa beispielsweise bei Brian McCarthy, Moshe Kastiel oder Arnaud Cousergue gelernt hat) und auch wie sein Körperbau (klein und schlank, groß und muskulös, Mittel mit Wohlstandsbäuchlein) ist seine Techniken nochmal anpasst, immer gewisse Unterschiede sehen. Die Basis ist aber immer der Bujinkan. Das ist das schöne an solchen Systemen, trainiere bei mehreren Trainern und nimm dir das mit, was für dich und deinen Körper am besten passt. Wenn Trainer A dir einen Hebel nicht gut vermitteln kann, Trainer B aber schon, ist Trainer A nicht schlecht. Er kann dir dafür möglicherweise was anderes besser vermitteln, als Trainer B. Beide führen die Techniken dabei leicht unterschiedlich aus, auf Basis der Variation ihres Lehrmeisters und auf ihre eigenen Verhätnisse angepasst. Sie unterrichten aber das gleiche System.

Deshalb, um auf deine Ausgangsfrage zurückzukommen, ist es schwer zu sagen, ab wann man ein eigenes System erfindet und bis wann man nur bekannte Techniken variiert.

Du kannst natürlich Techniken aus Judo, Boxen und Sumoringen als neues System für korpulentere Menschen sinnvoll kombinieren und abwandeln und es Bulldozering nennen. Vorher solltest du dir aber in allen Basissystemen einen Namen und Meistertitel erarbeiten. Gratuliere, dein eigenes System. Ganz legitim dass ich sagen würde "selbst erfunden". Wie viele Gefolgsleute du damit als unbekannter Niemand ohne Actionfilme oder Geheimdienst im Rücken an Land ziehen kannst, über deine Ortsgrenzen hinaus, kann niemand sagen.

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Super erklärt, da hat sich meine Antwort erübrigt!

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"Erfunden" ist so ne Sache. Es ist eher wie Kochen, man kauft ne Menge ein, kombiniert Zutaten und versieht das ganze mit seinem eigenen "Stil" schon ist ein neues Rezept da.

Ich schlage Unterwasserstabhochboxen vor - da ist der Name Programm.

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