Wie differenzieren sich die Gesinnungsethik von Kant und Jonas Prinzip der Verantwortung voneinander?

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1 Antwort

Ich würde die Vernunft- und Pflichtethik von Kant nie und nimmer als Gesinnungsethik bezeichnen. Gesinnung lässt Raum für eine emotional getragene Einstellung, für einen Glauben und seine Werte, während Kant emotional getragene Werte ablehnt und die Herleitung von Handlungsorientierungen einzig der Vernunft unterwirft. Wenn man sich die von der Vernunft geprägte Pflichtethik Kants anschaut, ist sie Ausdruck eines im Lichte der Vernunft durchdachter Lebenszusammenhänge. Sein Wollen ist die unbedingte Absicht, Einsichten der Vernunft über emotionale Schwankungen zu stellen und Pflicht ist für ihn eine Selbstdisziplinierung zu diesem Lebensstil. Das ist eine Lebenseinstellung und keineswegs für Momentaufnahmen geeignet. Die Schwachstelle der Vernunftethik ist, dass Vernunft ein Abwägen darstellt und dieses Abwägen auf Informationen angewiesen ist. Durch mangelnde Information, falsche Information oder Falschbewertung von Information kann auch Vernunft zu falschen Schlüssen kommen, was sich allerdings immer erst im Nachhinein herausstellt. Die vernünftige Durchleuchtung von Handlungsoptionen ist also kein sicherer Garant für richtiges Handeln, aber der bestmögliche. Die Pflichtethik von Kant fordert vor allem das Individuum sich immer im Lichte der Gesellschaft und der Welt zu sehen, begrenzt aber dessen Verantwortung auf seine Möglichkeiten, sein Umfeld zu bewerten und stellt es in die Gemeinschaft ebensfalls verantwortlicher Mitindividuen.

Jonas lehnt sich zwar formal an den kantchen kategorischen Imperativ an, begibt sich aber auf eine schwammige Begrifflichkeit, die hier einmal hervorgehoben ist:

"Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden."

Kant hat ja, wie oben angedeutet, die Wirkung von Handlungen als Kriterium abgelehnt, weil es nur um Wirkungsabsichten gehen kann. Sind die Informationen zur Beurteilung von Handlungen unvollkommen, können natürlich Wirkungsabsicht und Wirkung auseinanderfallen. Eine Handlungsnorm kann aber eine Handlung nur da normativ binden, wo diese ansetzt, und das ist vor der Wirkung. Nach Jonas soll man sozusagen so handeln, dass man vorher schon das nachher weiß. Das ist eine Unmöglichkeit. Die Vollmundigkeit des Jonasgespinst wird dann in dem Konstrukt "Permanenz echten menschlichen Lebens" deutlich. Wie will ein einsamer kleiner Mensch unter 7 Milliarden feststellen, was alle zusammen - wenn überhaupt - als echtes menschliches Leben bewerten. Da haben Chinesen andere Ansichten als Afrikaner oder US-Bürger. Dieser Begriff ist also ein unfassbarer Schwellkopf. Tante Erna soll also bei dem Umgang mit Tante Erika mitbeurteilen, wie die Permanenz echten menschlichen Lebens nicht nur in Pusemuckel, nein gleich auf der ganzen Erde berührt ist, dabei wäre es nicht verwunderlich, wenn sie nicht mal weiß, wo Peru liegt. Für mich ist Jonas eine Geschwulst-Philosophie mit aufgeblasenen Begriffen für wichtigtuerische Weltmoralisten. Ihn mit Kant zu vergleichen, ist eine Beleidigung von Kant.

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