Wie beurteilt ihr die Aktualität der Theorie von Aristoteles über über die Politie für heute?

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2 Antworten

Eine Beurteilung ist eine persönliche Meinung aufgrund von einiger Kenntnis. Dabei bleibt Spielraum. Günstig ist, dabei klar nachvollziehbar Bezug auf Gedanken der Theorie zu nehmen und eine Begründung bzw. Erläuterung zu geben.

Die Politie strebt nach Aristoteles nach dem Allgemeinwohl, der Herrschaft der Gesetze und Ausgleich zur Sicherung von Mäßigung und Stabilität.

Ich halte ein Vorgehen für empfehlenswert, bei dem eine Unterscheidung getroffen wird, was an der Theorie aktuell ist und was nicht. Dazu schlage ich einige Einfälle vor. Ich beziehe dabei den größeren Rahmen der Theorie (nicht nur Politik 4, 9) ein.

Manches kann als zeitlos, also niemals überholt eingeschätzt werden. Grundsätzliches ist eher noch heute aktuell (z. B. geht es bei Aristoteles, Politik 3, 7, 1279 a 37 darum, daß eine Mehrzahl die Polis mit Rücksicht auf das Allgemeinwohl verwaltet) als seine genauen Inhalte.

aktuell

  • Mensch im Zentrum, anthropologische Gedanken (was für ein Wesen ist der Mensch) als Grundlage:

Der Mensch ist seinem Wesen/seiner Natur nach ein auf eine Gemeinschaft ausgerichtetes Lebewesen (Aristoteles, Politik 1, 2 1253a: ὁ ἄνθρωπος φύσει πολιτικὸν ζῷον).

Der Mensch hat eine Anlage zum Zusammenleben (vgl. dazu auch Aristoteles, Nikomachische Ethik 9, 9 1161 b mit einer Begründung, warum zum vollen Glück Freunde erforderlich sind) und ist seinem Wesen nach gemeinschaftsbezogen. Dies bedeutet nicht nur einfach die Eigenschaft als staatenbildendes Lebewesen. Erst im Zusammenleben mit anderen Menschen in einer politischen Gemeinschaft kann ein Mensch seine Möglichkeiten voll entfalten. Die politische Gemeinschaft bietet Chancen für das Daseinsziel Glück (ein gutes, gelingendes Leben).

Der Mensch zeichnet sich durch seinen Logos aus, er ist ein sprach- und vernunftbegabtes Lebewesen (Aristoteles, Politik 1, 2 1253a: λόγον δὲ μόνον ἄνθρωπος ἔχει τῶν ζῴων „Von den Lebewesen hat nur der Mensch Logos.“).

  • Verbindung von Ethik und Politik in der praktischen Philosophie

    Ziel einer politischen Gemeinschaft ist das gute Leben (z. B. Aristoteles, Politik 3, 9). Ein bloßes Erwerbsleben mit einem Streben nach Reichtum um seiner selbst willen verfehlt ein gutes Leben und ist nicht der richtige Weg zum Glück (Aristoteles, Nikomachische Ethik 1, 3). Aristoteles hebt die Eigenart des Politischen vom rein Ökonomischen (bloß auf Wirtschaftliches bzw. das Ziel einer materiellen Bereicherung ausgerichtete Betrachtungsweise) ab. Seine Theorie enthält Einwände gegen eine drohende Ökonomisierung der Politik.

  • Frage nach einer rationalen Legitimierung von Herrschaft und dem, was zur Teilhabe an Herrschaft (τὸ κυρίον [das Regierende, die Entscheidungsgewalt] befähigt und berechtigt: Aristoteles erörtert als Kriterien, mit denen Ansprüche erhoben werden beispielsweise Herkunft, Besitz, freie Geburt und ἀρετὴ (Tugend/Vortrefflichkeit/Tüchtigkeit). Er gibt der ἀρετὴ großes Gewicht, wobei aber in Bezug auf die Teilhabe auf politische Gerechtigkeit zu achten ist.

  • Herrschaft als Herrschaft von Freien über Freie, mit Wechselseitigkeit von Regieren und Regiertwerden (auch heute wird in einer echten Demokratie durch Wahlen Herrschaft auf Zeit vergeben, nicht unbefristet).

  • Überlegungen zur Gewährleistung von politischer Stabilität

  • Sicherung eines Mindestmaßes an Lebensqualität als Ziel

  • Streben nach Vermeidung einer Spaltung in wenige sehr Reiche und viele Arme (ob ein Mittelstand/eine Mittelschicht unbedingt immer für die rechte Mitte eintritt, kann bezweifelt werden, ein starkes Auseinanderfallen einer Gesellschaft mit krassen sozialen Gegensätzen und Benachteiligungen ist aber nicht wünschenswert; in der Gegenwart wird ein Schrumpfen der Mittelschicht als Gefahr diskutiert)

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Kommentar von Albrecht
13.10.2011, 02:43

nicht aktuell

  • Frauen und Sklaven ohne politische Rechte, von der Teilhabe an ausgeschlossen (Aristoteles, Politik 1, 3 – 7 und 12 – 13), eine Behandlung, deren Übernahme nicht für heutige Verhältnisse wünschenswert ist bzw. eine nicht wünschenswerte Einrichtung (auch wenn hinsichtlich des Sklaven von Natur aus ein Gesichtspunkt, was an Voraussetzung an eigenem Verstand und Fähigkeit zu Planung und Überlegung für einen mündigen Bürger erforderlich ist, noch differenzierter untersucht werden könnte)

  • Beschränkung der Polis (des Staatstyps, bei dem eine Politie eine mögliche Verfassungsform ist) auf ein ziemlich kleines Gebiet und eine ziemlich kleine Anzahl von Bürgern (Aristoteles, Politik 7, 4 126 a- b; nach Aristoteles, Nikomachische Ethik 9, 10, 1170 b kann eine Polis weder aus 10 [zu wenig] noch aus 100000 [zu viel] Bürgern bestehen): sowohl Autarkie als auch persönlicher Kontakt und Bekanntschaft sollen möglich ein. Bei der Organisation ist für heutige Flächenstaaten eine erhebliche Abwandlung gegenüber der Antike nötig.

  • Die direkte Demokratie ist in Staaten kaum mehr in der Art wie in der Antike zu verwirklichen (auch wenn die Grundidee in Gestalt von Elementen direkter Demokratie für dei Ggenwart aktuell ist).

  • Demokratie wird weithin als gut akzeptable Staatsform anerkannt, Oligarchie nicht, daher ist eine Mischung mit oligarchischen Elementen in einer Mischverfassung ein Ansatz, der weniger Zuspruch finden wird (auch wenn in der Verfassungspraxis sich auf versteckte Art durchaus oligarchische Tendenzen einschleichen können

  • Fehlen eines ausdrücklichen Eingehens auf (damls nicht so wie heute vorhandene) Parteien, Verbände, einer Funktionärsschicht, Presse, Fehlen eines Verfassungsgerichts und ausdrücklicher Menschen- und Bürgerrechte (auch wenn Aristoteles einen Gedanken des natürlichen Rechts vertritt, von dem her diese begründet werden könnten)

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Kommentar von Albrecht
13.10.2011, 02:45

Bücher über Aristoteles bieten Darstellungen und Überlegungen, z. B.:

Hellmut Flashar, Aristoteles. In: Ältere Akademie, Aristoteles, Peripatos (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 3). Herausgegeben von Hellmut Flashar. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 2004, S. 303 – 316 und S. 396 – 398

S. 397: „Und in der Tat kann z. B. die aristotelische Lehre von den Verfassungsformen angesichts der Tatsache, dass heute real alles eine Demokratie zu sein beansprucht, nicht mehr aktuell sein. Wohl aber ist es die grundsätzliche Verbindung von Politik und Ethik, von politischem Handelns als Bürger und Sicherung einer nicht nur materiellen Lebensqualität.“

S. 397 (zur Ablösbarkeit und Unabhängigkeit des Entwurfs des Aristoteles von gesellschaftlichen Bedingungen und von den Gegebenheiten wird, aufgrund des betonten Vorrangs des Guten): „er kann so für einen interkulturelle Gegenwartsdiskussion die Grundlage für die Herstellung eines guten Lebens, in den Postulaten der Sicherung eines Mindeststandards an Lebensqualität und eines sozialen Miteinanders in der Verantwortung den natürlichen Ressourcen gegenüber (z. B. Wasser und Luft als Grundbedingung für Gesundheit und damit des guten Lebens, Pol.VII 12, 1330 b 12) bilden.“

Otfried Höffe, Aristoteles. 3., überarbeitete Auflage, Originalausgabe. München : Beck, 2006 (Beck'sche Reihe : Denker ; 535), S. 238 – 273

S. 239 - 240: „Ohne Zweifel enthält sie zeit- und epochengebundene Elemente. Fremd ist uns schon die geringe Größe des Gemeinwesens; im Vergleich zu den Stadtrepubliken, die sich in den kleinräumigen Küstengebieten der Ägäis ausbilden, nehmen sich selbst die kleineren Staaten von heute wie unübersichtliche Großgesellschaften aus. Weiterhin besteht in der Rechtsordnung eine geringere Regelungsdichte, und es fehlen professionelle Richter und Juristen. Vor allem herrscht ein Maß an direkter Demokratie, das nicht nur in unseren heutigen repräsentativen Demokratien, sondern selbst dem heutigen Vorbild direkter Demokratie, den Schweizer Kantonen mit Landsgemeinden, unbekannt ist. Andere Elemente, insbesondere die Sklaverei bzw. Leibeigenschaft und die Ungleichheit der Frau, sind dagegen anstößig; freilich sind sie damals so gut wie überall gegeben, und bleiben selbst in Europa und den USA bis ins 19. Jahrhundert erhalten.“

S. 240: „Aristoteles argumentiert anthropologisch und sozialtheoretisch, institutionstheoretisch oder mit Verfassungsvergleichen, gelegentlich auch biologiebezogen – wenn er das Ganze dem Wesen (physei, ousia) nach früher als den Teil erklärt (Pol. I 2, 1253a20-22) oder sagt, die Natur mache nichts umsonst (1352a9) - , aber stets metaphsikfrei. Auch mit ihrer Verbindung von Theorie und Empirie und mit dem praktisch-politischen Interesse ist Aristoteles’ Politik ausgesprochen modern.“

S. 244: „Nicht zuletzt ist Aristoteles deshalb „modern“, weil schon er den neuerdings aktuellen Gedanken der Subsidiarität – die Gemeinschaft/Gesellschaft als subsidium: als Hilfe und Unterstützung für die Individuen und die höheren Gemeinschafts-/Gesellschaftformen als Hilfe für die niedrigeren, letztlich aber die Individuen – entfaltet.“

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Irrelevant. Für mich. Aristoteles war ein Rechtfertigungsschreiberling für die Mächtigen, insbesondere einen diktatorisch regierenden allmächtigen König. Das erbärmlichste ist wohl seine Rechtfertigung von Sklaverei und von Sklaven als von der Natur gewollt und vorgegeben.

Ich sehe aber keine Menschen, die ersichtlich von Natur zum Herren und andere, die zum Sklaven bestimmt sind.

Sowas braucht heute wirklich niemand mehr.

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