Wie soll man sich Erleuchtung vorstellen?

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12 Antworten

Ich bin Buddhist der Soto-Zen-Tradition und werde mich mal dazu äußern.

Das "Erwachen" ist eigentlich nichts besonderes, übernatürliches und auch nicht mit Allwissenheit, oder magischen Fähigkeiten verbunden.

Das Erwachen bedeutet einfach, die Realität ohne die Bewertung durch das Ego zu erleben, dass normalerweise alles voneinander trennt.

Im Normalfall unterscheiden wir zwischen uns als Mittelpunkt unserer Welt und der Außenwelt, die um uns herum geschieht.

Wir definieren unser "Ich" auch immer durch Bewertungen - der Vergleich mit dem, was wir als "außerhalb" von uns als Umwelt wahrnehmen.

Jemand ist reich, also sehen wir uns als arm. Wir halten uns für schön und andere für hässlich. Wir sind Deutsche, andere sind Ausländer.

Wenn wir uns nicht ständig über unsere Bewertungen definieren würden, dann wären wir kein "armer, hübscher Deutscher" - sondern wir wären einfach Teil des Ganzen.

Ein Beispiel

Wir sagen "Die  Frau ist hässlich, das Essen ekelig und die Party öde" - ganz so, als wären das absolute Wahrheiten.

In Wirklichkeit ist das aber nur unsere Bewertung der Realität, aufgrund unserer Erfahrungen, geistigen Muster und Konditionierungen.

Denn ein anderer Mensch findet die  gleiche Frau attraktiv, das gleiche Essen lecker und sogar die Party super.

Er hat eine andere Erziehung genossen, ist in einem anderen Umfeld gesellschaftlich konditioniert worden und hat andere Erfahrungen gemacht.

Auch er wird seine Wahrnehmung nicht in Frage stellen und ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass er die Realität wahrnimmt.

Unsere scheinbare Wahrheit kann sich zudem ganz schnell ändern

Ein paar Drinks - und die Frau sieht viel besser aus, mit einer Ladung Ketchup schmeckt das Essen und mit einem anderen Gesprächspartner ist die Party cool"

Wir nehmen also immer alles durch den Filter unserer egoistischen Bewertungen wahr. Anders als ein Erwachter, der die Realität wahrnimmt.

Erwachen

Das Erwachen bedeutet, die Realität so zu erfahren wie sie ist, ohne uns automatisch über irgendwelche Bewertungen zu identifizieren.

Das "Ich" ist dann nicht mehr das Maß aller Dinge, sondern man nimmt sich als Teil des Ganzen wahr - nicht mehr als isolierte absolute Entität.

Selbst wenn man "alleine" ist, hat man keine Einsamkeit, wie beim Ego, denn man ist Teil der gesamten Realität - wie könnte man da "alleine" sein?

Auch Bewertungen wie "heilig" und "sündig" sind bedeutungslos - denn in der Realität gibt es nur eine Einheit, die nicht diesem Dualismus unterliegt.

Aus dieser Verbundenheit sollten dann auch ganz von selbst Qualitäten wie Weisheit und Mitgefühl erwachsen - so wünscht man sich das jedenfalls häufig.

Tatsache ist aber, dass einige "erwachte" Meister dennoch über ihr Ego stolpern, obwohl sie es eigentlich zum Wohl ihrer Schüler einsetzen sollten.

Das Erwachen macht einen also nicht zu einem moralisch perfekten Menschen, sondern gibt uns einfach eine große Klarheit und Freiheit.

Zazen

Nach der Lehre der buddhistischen Soto-Tradition praktiziert man diese Verfassung des Erwachens durch die Übung von Zazen, einer Form der Sitzmeditation.

Es gibt im Zazen kein "Ich" dass durch meditatives Sitzen das Erwachen erreichen will, jedes Zielstreben wird komplett aufgegeben.

Ganz in diesem, jetzigen Moment die Realität des Sitzens zu erfahren, ist bereits das Erwachen. Dieses Zazen/Erwachen durchdringt alles.

Es gibt also keinen Fortschritt im Zen, weil jede Handlung des Alltagsmit einem erwachten Geist durchgeführt werden kann.

Das Erwachen ist überall, wir müssen uns nur für die Erfahrung der Realität durch unsere Praxis öffnen.

Soweit von meiner Seite. :-)

Grüß Dich Lehrling82!


Erleuchtung ist keine Inbesitznahme einer allerletzten Wahrheit im Sinne einer unendlichen Weisheit. Nein, das ist es nicht.

Albert Einstein sagte einmal:

"Das Schönste und Tiefste,
was der Mensch erleben kann, ist das Gefühl des Geheimnisvollen. Es liegt der Religion sowie allem tieferen Streben in Kunst und Wissenschaft zugrunde. Wer dies nicht erlebt hat, erscheint mir, wenn nicht wie ein Toter, so doch wie ein Blinder. Zu empfinden, dass hinter dem Erlebbaren ein für unseren Geist Unerreichbares verborgen ist, dessen Schönheit und Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, das ist Religiosität. In diesemSinne bin ich religiös.(…).“

Dieses ein für unseren Geist verborgenes Unerreichbares dessen Schönheit und  Erhabenheit uns nur mittelbar und in schwachem Widerschein erreicht, ist eine Ahnung vom Ursprung allen Seins.

Auch schon Laotse, der alte chinesische Weise meinte im Tao Te King:

Heimkehr zur Wurzel heißt: Stille - D.h. das dafür innere Ruhe und Stille notwendig ist um den Weg zu bereiten, um das Göttliche überhaupt zu erkennen zu können (Wurzel).

Rückkehr zur Bestimmung heißt: Ewigkeit - Es ist das Göttliche welches in der Versenkung im Jetzt erlebt werden kann. Und das Ewige ist das Göttliche, welches sich als schöpferische Kraft mit seinen Auswirkungen im Sein offenbart. (Werden, Wandel, Sichentwickeln und Vergehen) Da gehören wir hin.

Erkennen des Ewigen heißt: Erleuchtung.- Das Gefühl der Ergriffenheit vom Göttlichen, dem Ewigen als Ergriffenheit erlebt und als solches erkannt zu haben, es als religiöses Gefühl wahrnehmen zu können und das den Menschen in einen Zusammenhang mit allem was ist stellt, kann als Erleuchtung bezeichnet werden.

Und Goethe sagte:

Alles ist immer da in ihr [der Natur]. Vergangenheit und Zukunft kennt sie nicht. Gegenwart ist ihr Ewigkeit.(als das Göttliche - Anmerkung von mir).

Da treffen sich Goethe und Laotse!

Erleuchtung ist mit einem Gefühl des Aufgehens im Großen Ganzen des Seins verbunden, mit einem Geborgenheitsgefühl, das uns aus innerer Einsicht zur Demut zwingt.

Das ist Erleuchtung. Man kann es nur annähernd beschreiben, nur erleben!

Herzlichen Gruß

Rüdiger

Hallo Bayern. Ich bin gar nicht religiös,aber als "erleuchtet" stelle ich mir einen Zustand vor,der sowohl das plötzliche Verstehen von allen Zusammenhängen beinhaltet, wie auch ein gewaltiges Gefühl von Harmonie und Friede mit allem. Also so vom Menschen nicht zu erreichen. Ich habe vor über 20 Jahren von einem Engel geträumt. Auch da war ich nicht religiös. Im Traum hatte ein Freund von mir einen tödlichen Autounfall überlebt. Aber er gestand mir,daß er es nicht überlebt hatte,sondern nur zurückkommen durfte,um sich zu verabschieden. Und ein Engel namens Pérol würde ihn abholen. Als er den Namen nannte,sah ich in einer italienischen Landschaft vor einer klassischen Villa einen römischen Legionär in kupferglänzender Rüstung. Er hatte einen Helm auf. Doch statt des Kopfes/Gesichts war da nur ein unglaublich helles Licht. Und das blendete nicht,und im Anblick hatte ich ein Gefühl,daß ich nie mehr bewusst hatte-Liebe,Freude und Angst,fühlte mich wie ein Kleinkind,so unwissend,aber auch geborgen. Der Traum ging noch weiter,aber dieses Gefühl war so ..ungewöhnlich,ich werde es nie vergessen.
Und nein,ich nehme null Drogen und hatte auch keine Plastiktüte über dem Kopf.
Doch so ungefähr könnte sich Erleuchtung anfühlen. Einfach außerhalb unserer jetzigen Vorstellung.
Alles Gute!! :)

Hi Lehrling82,

ein buddhistischer Mönch probierte es so zu erklären: 

Es handle sich dabei um einen geistigen Zustand, der weit über unser sonstiges Alltagsbewusstsein hinausreicht.

Es sei das plötzliche Verstehen von den Zusammenhängen der Wirklichkeit und dem Erkennen des eigentlichen Wahrhaftigen, des Wesens (Kern) jedes Lebewesens über die äußere Form hinaus.Es sei das Begreifen, das alles eins sei. Bei dem Erleuchteten entstehe das Verständnis von Entstehung und Vergehen im Lebenskreis, er sei frei von den alltäglichen Gefühlen und fühle nur noch mit den Lebewesen und der Welt Harmonie und Friede. Ein tiefer Zustand im hier und jetzt und doch in der gesamten Zeit.

Lachend fügte er dann an, dass der Zustand für ihn bedeuten würde, dass er bei einer schönen Frau nicht mehr ihr Äußeres bemerken würde, sondern nur noch ihr wahres Wesen. 

Tja, der Mönch war sicher nicht erleuchtet und deshalb bleibt auch diese Antwort eher vage. 🙏

Erleuchtung kann und soll man sich nicht vorstellen, denn es ist ganz anders. Ich habe Momente in meinem Leben erlebt, da war plötzlich alles gut. Manchmal habe ich an etwas herumstudiert, manchmal war ich völlig im Alltag drinnen, doch wie aus dem Nichts heraus, meist in keinem direkten Zusammenhang mit dem gerade erlebten, öffnete sich wie der Raum vor mir. Ich stand unter keinerlei Drogeneinfluss sondern war immer völlig nüchtern. Es überkam mich in einer Sache totale Ruhe, totale Gewissheit, totaler Frieden, totale Liebe, meine Erlebnisse waren extrem real, und immer vollständig friedlich. Sie waren dermassen eindrucksvoll, dass ich mich jedesmal beim daran erinnern wieder dort befinde, sie haben mein Leben geprägt, eindeutig zum guten hin. In diesen Momenten blieb die Zeit stehen, und alles war gut. Diese Erlebnisse gaben mir enorm Kraft, grenzenlos in das Gute zu vertrauen, für immer! 

Mahamudra ist eine Bezeichnung für diese Erfahrung (Zustand wäre falsch, da sich die Realität nicht auflöst oder einfriert- alles ist im Fluß). Das Wort bedeutet große Geste und ist ein Hinweis darauf, dass es keinen größeren Ausdruck des Seins gibt, als diesen. Hinweis bedeutet, dass man schlicht nicht mit Worten vermitteln kann, um was es hierbei geht. Worte funktionieren nämlich nur in Bezügen und Kategorien. Subjekt und Objekt werden dadurch definiert, also der Wahrnehmende und das Wahrgenommene erfahren Trennung. Erst ein Zustand jenseits aller Worte wird einen Geschmack von der wahren, ungeteilten Buddhanatur in uns allen offenbaren. Und so beschreibt es Tilopa eingangs seines “Gesang von Mahamudra“: Mahamudra liegt jenseits aller Worte und Symbole. 

Diesen wunderbaren Text möchte ich wirklich jedem ans Herz legen :)

http://www.praxis-integrationsarbeit.de/tilopas-gesang-von-mahamudra/

Erleuchtung ist, wenn die Identifikation mit dem kleinen Ego, dem Ich zusammenbricht und man sein Seins-Gefühl nicht mehr aus diesem Ich-Konzept bezieht, sondern aus dem was man ist.

Was alttestamentarisch Erleuchtung genannt wird, bezeichnet man heutzutage als Erkenntnis.

Das dritte Auge des Heiligen deutet darauf hin, dass er über das, was der Mensch üblicherweise sieht, hinaus gesehen hat, in eine andre Dimension vorgedrungen ist.

Letztendlich trifft das auf alle Philosophen zu, die einen Geistesblitz haben oder über ihre profane Existenz hinaus "sehen"

Apropos Donau - ich hab mal in Straubing gelebt...

Mirarmor 07.07.2017, 02:46

Wo ist denn im alten Testament von Erleuchtung die Rede ? Das ist doch kein christliches Konzept.

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Dichterseele 08.07.2017, 13:40
@Mirarmor

Das Alte Testament ist jüdisch, das Christentum begann erst mit dem Neuen Testament.

Erleuchtung nannte man es immer, wenn Propheten 'Eingebungen' hatten, die sie glaubten, von Gott erhalten zu haben.

Aber Du hast recht, das Wort erleuchtet ist uns eher aus dem Buddhismus geläufig, im Alten Testament heißt es: "Gott sprach zu Abraham / Moses."

In der christlich-orthodoxen Kirche wird der Kopf von Heiligen mit einem goldenen Schein umgeben, was die Erleuchtung des Geistes darstellen soll. Und auf Abbildugnen der katholischen Kirche werden Christus, Maria und Engel lichtumkränzt dargestellt.

Im Volksmund heißt es: "Dem ist ein Lichtlein aufgegangen", wenn einer eine  Erkenntnis hatte, in Gedichten kann man lesen, dass Bildung den "Geist erhellt" und einen klugen Menschen nennt man "helles Köpfchen".

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erleuchtung ist die kraft der hellsichtigkeit, in der man mehr sphären wahrnimmt aus nur die mateielle.

Erleuchtung ist, wenn alles gut ist. 

Dichterseele 08.07.2017, 13:42

Quatsch - Erleuchtung ist die Erkenntnis von Zusammenhängen.

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Patrickson 08.07.2017, 15:42
@Dichterseele

....und wenn man die Erkenntnis von Zusammenhängen hat, ist alles gut!  :-) 

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Ich glaub, nicht mal die Erleuchteten wissen so recht, was das ist. Der Dalai Lama hat da auf direkte Nachfrage mal sehr ausweichend geantwortet. ;)

Dichterseele 08.07.2017, 13:43

Der Dalai Lama ist auch ein bescheidener Mensch und Journalisten benutzen oft Absolutheitsklischees. "Die Erleuchtung" an sich haben zu wollen ist anmaßend.

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Durch den Geist unseres ewgien Gottes gibt es ein "leuchten", kein "3.Auge" (2.Kor.4,6).

Wenn unser ewige Vater uns beruft, ist dieser Schein in uns (Lk.12,32).

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