Widerstandsmaßnahmen in der DDR (Bzg. Kirche)?

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4 Antworten

Bin eben auf Oskar Brüsewitz gestoßen, der sich als politische Aktion selbst verbrannt hat.

Brüsewitz ist ein geschichtlich ausgesprochen schwieriger Fall, der gern für Propaganda-Zwecke missbraucht wird. 

Ob es wirklich eine "politische Motivation" dahinter gibt, oder ob es nicht vielmehr die "Tat eines Verwirrten" war, ist bis heute Gegenstand der politischen Auseinandersetzung ... man könnte auch "Gegenstand der Propaganda" sagen.

Tatsache ist, dass Brüsewitz schon zu Lebzeiten deutliche Zeichen von Psychosen zeigt. So deutlich, dass ihm selbst die evangelische Kirche wiederholt die "Ausreise in den Westen" nahe legte, sollte er seine Aktivitäten nicht mäßigen oder sich nicht in ärztliche Behandlung begeben.

Manche Dinge erscheinen da fast schon lustig. So soll er ein Pferdefuhrwerk mit dem Spruch "Ohne Regen, ohne Gott, geht die ganze Welt bankrott." behängt und damit in die nächste Stadt gefahren sein, weil ihn der laizistische Bannerspruch einer LPG ("Ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein.") in maßlose Rage versetzt haben soll.

Und seine Selbstverbrennung lag denn auch genau zwei Tage nach der Vorgabe der evangelischen Kirche: "Entweder Ausreise in den Westen oder Versetzung in ein anderes Amt. Suche es dir aus, Oskar." ... es ist nicht auszuschließen, dass Brüsewitz also hier aus der Verzweiflung eines in die Enge Getriebenen und weniger aus politischer Motivation heraus handelte.

... und so kam es dann auch, dass die evangelische Kirche sich erst etwa 10 Tage nach seiner Selbstverbrennung - und selbst dabei nur halbherzig - auf seine Seite schlug. Dann nämlich, als die DDR-Propaganda zuschlug und ihn als "Kollaborateur des westdeutschen Bundesnachrichtendienstes" bezeichnete. Das konnte und wollte man nicht auf sich sitzen lassen, weil Brüsewitz so mit seinem Tod der Kirche geschadet hätte. Doch auch der Protest der evangelischen Kirche gegen die DDR-Propaganda reichte nie so weit, in seinen Aktionen "allzu viel politische Motivation" zu sehen.

Insofern ist Brüsewitz noch nicht einmal innerhalb der evangelischen Kirche sauber eingeordnet. Manche sagen, er sei ein "Krieger in Christo" gewesen. Andere sagen, er sei ein Wahnsinniger gewesen. Und wieder andere sagen, er sei "einfach nur ein von der Realität überforderter Mensch" gewesen, der, wie so viele andere auch, seinen einzigen Ausweg im Selbstmord sah...

So berichtete beispielsweise ein Pfarrer, der damals Zeitzeuge war, dass er, als er hörte, dass sich ein evangelischer Pfarrer selbst verbrannt habe, sofort dachte: "Das kann nur der Oskar gewesen sein."

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Mit anderen Worten: Bis heute weiß niemand so ganz genau, wer oder was Oskar Brüsewitz eigentlich wirklich war. Weder die evangelische Kirche. Noch - und die erst recht nicht - all die anderen.

Manche nennen ihn einen Wahnsinnigen. Andere nennen ihn einen Märtyrer. Wieder andere nennen ihn einen Verwirrten oder einen Psychopathen. Und noch andere sehen in seiner Selbstverbrennung den Höhepunkt eines Fanals und eine politische Aktion...

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Gab es noch mehr solcher Aktionen?

Nein. Es gab immer mal wieder "kleinere Sticheleien". Aber eine solche Aktion; oder auch nur annähernd Ähnliches gab es weder davor, noch danach.

Religion sollte in der DDR eine "Privatangelegenheit" sein; der Staat verstand sich also als laizistisch.

Insofern war es für die Kirchen, denen die Anhänger scharenweise wegrannten, nicht wirklich leicht, ihre Existenz - vor allem im großen Rahmen - noch glaubhaft zu begründen.

Trotzdem versuchte der Staat ein "Gentlemen Agreement" mit den Kirchen, das im Wesentlichen auf "gegenseitige Nichteinmischung" hinauslief. Die Kirchen sollten sich also nicht in das "profane Staats- & Gesellschafts-Geschehen" einmischen; und dafür erhielten sie weitgehend freie Hand, was ihre "klerikalen Interessen" betraf. Zu diesem Zweck durften sie eigene Verlage betreiben, besaßen Acker- und Wald-Flächen, konnten in ihren Kirchen ihrer Religion und ihrem Gott huldigen, ... kurz: ihnen war so ziemlich alles gestattet, was auf sie selbst ausgerichtet war. Grenzen gab es nur bei der Mission, denn die war im laizistischen Staat mit atheistischer Zielrichtung nicht gewünscht und - natürlich - beim "Widerstand gegen die Staatsgewalt".

In diesem Umfeld war es für beide Seiten nicht von Vorteil, durch aufsehenerregende Maßnahmen zusätzliche Spannungen zu erzeugen.

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Die beiden Kirchen in der DDR hatten bis zu den Kommunalwahlen 1989 kein großes Interesse, den Widerstand zu organisieren. Es hing immer von einzelnen Pfarrern ab, ob und wie sie den Oppositionsgruppen eine Wirkungsstätte boten.

Es herrschte seit den Achtziger Jahren Tauwetter zwischen der SED und den beiden Kirchen, da kam die Unterstützung der Opposition durch Pfarrer den Würdenträgern der Kirche reichlich ungelegen.

Was die Opposition in der DDR angeht, da gibt es Filmbeiträge der Konrad-Adenauer-Stiftung, die immer etwas mit Vorsicht zu genießen sind.

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Da lohnt es sich vielleicht, sich mit dem DDR-Leben solcher Personen wie Rainer Eppelmann, Manfred Stolpe, Friedrich Schorlemmer, Joachim Gauck zu beschäftigen. Das waren alles Pastoren.

In Dresden hat in den 80er Jahren die Kirche ein eigenes, antimilitaristisch gesinntes Gedenken an die Bombardierung der Stadt (13.Februar 45) durchgeführt, parallel zu den offiziellen Veranstaltungen. Überhaupt gab es in 80er Jahren in DDR kirchlich organisierte Friedensbewegung bzw. Abrüstungsbewegung.

1968 wurde in Leipzig die Paulinerkirche abgerissen. Dagegen gab es ein paar Proteste.

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Kommentar von Unsinkable2
19.06.2016, 12:53

Ja, der "Bürgerrechtler Gauck" ist in der Tat ein gutes Beispiel. 

Er verbot angeblichen "ehemaligen Mitstreitern" gerichtlich, weiterhin zu behaupten, er wäre gar kein "Mitstreiter" gewesen, sondern erst, als alles bereits in trockenen Tüchern war, unter einem Stein hervorgekrochen und hätte die Lorbeeren an sich gerissen...

Und die Tatsache, dass er als "angeblicher Oppositioneller" unbeschränkt in den Westen reisen durfte (was typischerweise nur hochrangigen Stasi- und SED-Kadern zustand), deckt er bis heute gern mit Schweigen zu...

Im Übrigen stellt sich bis heute die Frage, wieso er zu DDR-Zeiten unbegrenzt Westpakete und Spenden aus dem Westen entgegen nehmen durfte. Dieses Recht hatten in der DDR üblicherweise nur sehr hohe Parteifunktionäre und Stasi-Spitzenkader.

... nicht nur ich würde gern mal einen Blick in seine "Stasi-Akte" werfen, wäre die nicht - leider, leider - nicht nur der Vernichtungswut der Stasi zum Opfer gefallen, sondern darüber hinaus auch alle Gauck betreffenden Akten zum "Staatsgeheimnis" erklärt worden...

Da hat der langjährige Leiter der Stasi-Behörde und Oberaufseher über alle Stasi-Akten aber wirklich Pech gehabt, hm?!

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Pfarrer Brüsewitz war ein Ereignis, ein herausragendes, jeder Erinnerung Wert.

In den 40 Jahren DDR gabe es 200.000 bis 250.000 politische Häftlinge, auf 18 Mio. Bevölkerung.
Im Jahr 2007 trat das Gesetz zur Opferentschädigung in Kraft, da lebten noch ganze 47.500, diese erhielten 250€/Monat Opferrente (heute 300€).

Die Täter (Stasi) erhalten eine Vollerwerbsrente, die Opfer 300€.

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Kommentar von 666Phoenix
19.06.2016, 06:57

Die Täter (Stasi) erhalten eine Vollerwerbsrente, die Opfer 300€.

Nichts weiter als debiles Nachplappern dümmlicher Siegerpropaganda!

Mitarbeiter der ehemaligen Stasi erhielten nach der Wende eine  politisch motivierte Mindestrente (damals 802 DM - jeder faulpelzige Sozialhilfeempfänger erhielt in diesem Staat mehr!)!

Im Gegensatz dazu erhielten nach dem 2. Weltkrieg die ehemaligen Nazis in der BRD volle Beamtenrente!

Wer hat denn jeweils festgelegt, wer "Opfer" und wer "Täter" war? 

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