Wichtigster Deutscher?

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13 Antworten

"Wichtigster Deutscher" - den gibt es nicht! Es gab zu allen Zeiten, in denen Deutschland existierte, Persönlichkeiten, die viel für ihre eigene Zeit geleistet haben, woran dann nachfolgende Generationen von Politikern anknüpfen und die Entwicklung vorantreiben konnten.

Was nun die Idee der "deutschen Nation" angeht: sie ist ein gedankliches Konstrukt, das insbesondere kulturell-sprachliche Grundlagen hat, bereits auf die Renaissance und den Humanismus zurückzuführen ist und insbesondere durch die Erfahrungen der napoleonischen Zeit im gebildeten Bürgertum populär wurde. Das Bürgertum forderte seitdem auch politische Konsequenzen: eine deutsche Staatsbildung.

Dabei gab es sie schon lange, diese Staatsbildung, wenn sie als solche auch nicht wahrgenommen wurde. Denn das "Heilige Römische Reich Deutscher Nation" (bis 1806) und auch sein Nachfolgestaat, der "Deutsche Bund" (bis 1866), vereinte alle deutschsprachigen Länder. Während der Zeit des Deutschen Bundes versuchten die Initiatoren und Vorkämpfer der Revolution von 1848, den Staatenbund des "Deutschen Bundes" zu einem machtvollen und demokratischen Bundesstaat mit einer einflussreichen Zentralregierung umzugestalten. Sie sind u. a. am Widerstand der monarchischen Landesregierungen gescheitert.

Erst durch Bismarck wurde ein machtvoller Bundesstaat mit Hilfe inner- und außerdeutsche Kriege gestaltet, der aber niemals ganz Deutschland als Nation geeint hat und sowohl deutliche demokratische als auch durch das Übergewicht Preußens erhebliche föderale Mängel aufwies. Das Bismarcksche Konstrukt einer "kleindeutschen Nation" ist 1918 kläglich gescheitert.

Seitdem hat es in der deutschen Geschichte viele Krisenzeiten gegeben. Die Weimarer Republik war demokratisch nicht genug gefestigt, sodass sie in der Nazidiktatur endete. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Kleindeutschland gespalten und in verschiedene Staaten aufgelöst. Während die Ostdeutschen in einer erneuten (Partei-)Diktatur nach sowjetischem Muster leben mussten, konnten die Westdeutschen eine freiheitliche Demokratie aufbauen. Deutschland hat es westdeutschen Politikern wie Konrad Adenauer, Theodor Heuss, Willy Brandt, Egon Bahr, Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker, Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher zu verdanken, dass Deutschland nach der Nazidiktatur mit ihren ungeheuren Verbrechen wieder Ansehen in der Welt, und zwar in West und Ost, gewinnen konnte. Das Ergebnis war die erneute Bildung eines Kleindeutschlands.

Politiker mit Verstand, die in der Lage waren, Lehren aus der geschichtlichen Vergangenheit zu ziehen, haben nach dem Zweiten Weltkrieg den Weg zu einer Staatsbildung eigentümlicher Art, nämlich der EU, geöffnet. Diesen Weg konsequent zu Ende gedacht, hat sich die Nationsbildung in ganz Europa damit erfüllt, denn die EU wird in Zukunft ein politisch und wirtschaftlich mächtiger Staatenbund auf der Grundlage der heutigen Nationalstaaten werden. Eine ganz neue Nation ist dabei, sich zu gründen: die europäische. Die Grundlagen dafür haben gelegt: Jean Monnet, Robert Schumann, Konrad Adenauer, Aristide de Gaspari, Paul-Henri Spaak u. a.  - auch hier kann man wieder keinen einzelnen Politiker nennen, weil die EU ein Gemeinschaftsprojekt war, ist und immer sein wird!

MfG

Arnold

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Kommentar von bananentyp
20.08.2016, 15:45

Danke für die ausführliche Antwort. Eine Frage hätte ich noch, wie meinst du das mit dem europäischen Staat ? So etwas könnte doch nie die Nationalstaaten verdrängen allein wegen den 24 Sprachen die in der EU gesprochen werden, wie sollte man sich da einigen ?

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Ich glaube, wer als erster die Idee eines vereinigten Deutschlands hatte, das kann man nicht mehr nachweisen. Otto I. wird es sicher nicht gewesen sein. Damals gab es so etwas wie "Deutschland" nicht, ja nicht einmal ein Wort dafür. Er war nur Herzog von Sachsen und wurde von der Versammlung der Stammesführer zum König (des Ostfränkischen Reichs) gewählt, später dann, in Tradition Karls des Großen dann zum Kaiser.

Vom Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, hat man damals noch nichts gewusst - der Begriff existierte noch nicht, sondern hat sich über die Zeit angesammelt. Das "Heilig" kam soweit ich mich erinnere erst durch Friedrich I. "Barbarossa" dazu, also rund 200 Jahre später - und der Zusatz der "deutschen Nation" nochmal viel später. Im Prinzip war er nur Kaiser eines Reiches, das sich in der Tradition des römischen Reiches sah.

Die tragende Rolle bei der Gründung Deutschlands als Staat kommt wohl tatsächlich Bismarck zu. Aber zu der "Idee" hat ein langer Prozess geführt, bei dem sowohl Napoleon und die Kriege gegen ihn (die den "Deutschen", wenn sie sich überhaupt als solche verstanden haben, eine Art Identität gegeben hat) und auch der Diskurs um die Schaffung eines deutschen Staates/Reiches im Zuge der 1848er Revolution.

Wenn man sich aber fragt, welche Person am meisten dazu beigetragen hat, dass Deutschland in seiner heutigen Form exisitiert - mit den Grenzen, Gesetzen, der politischen Kultur - dann wird mal wohl auch nicht umhin kommen, auch Hitler zu nennen; weil die Grundsätze, die diesen Staat ausmachen (ob sie nun so wahrgenommen werden oder nicht), ein Versuch sind, die Lehren aus Nazi-Deutschland zu ziehen.

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Hei, Bananentyp, man müsste wohl beim Hl. Römischen Reich Deutscher Nation gucken und dessen Gründervätern und bei den mittelalterlichen Kaisern, beginnend mit Karl dem Großen. Und so. Grüße!

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Ohne Otto v.Bismarck hätte es NIEMALS einen deutschen Kaiser und ein  geeintes Reich gegeben: Selbst wenn der Mann vorsätzlich mindestens einen Krieg angezettelt hat(Emser Depesche) hat, bleibt ihm doch das Verdienst, aus einem in Kleinstaaterei verfangenen Reich, ein GANZES gemacht zu haben.

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Ganz klar Otto von Bismarck! Durch ihn entstand meiner Meinung nach erstmals ein vereintes Deutschland. Das war ungefähr 1871

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Kommentar von JoDaTr
16.08.2016, 23:37

Otto von Bismarck war einer der Hauptzerstörer der deutschen Einheit, die er - in bester (??) preußischer Tradition - dem preußischen Machtstreben opferte.

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Otto, nicht der Erste, sondern der von Bismarck, wenn auch mit Vorschicht zu genießen.
Alle nach ihm, einschließlich der Kanzler bis heute waren oder sind eher, na sagen wir nicht gerade I.Wahl.

Auf eine Skala angeordnet hat Altkanzler Schröder (SPD) den Vogel vollends abgeschossen, mit der Agenda 2010.

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Kommentar von JoDaTr
16.08.2016, 23:35

Otto von Bismarck war einer der Hauptzerstörer der deutschen Einheit, die er - in bester (??) preußischer Tradition - dem preußischen Machtstreben opferte.

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Die Begriffe "Regnum teutonicum" und "Regnum teutonicorum" tauchten erstmals im 11. Jh. auf. Deutschland war eines von drei Reichsteilen des Heiligen Römischen Reiches (SRI). In dem Maße, in dem die beiden anderen Reichsteile nach und nach weitgehend aus dem Reichsverband ausschieden, wurde das SRI im allgemeinen Verständnis mit Deutschland ("Teutschland") gleichgesetzt, was sich z.B. in dem seit Ende des 15. Jh. zeitweise gebräuchlichen (inoffiziellen) Namenszusatz "deutscher Nation" äußerte. Spätestens im 17. Jh. war "Teutschland" bzw. "Teutsches Reich" in der Umgangssprache, aber auch in verfassungsrechtlichen (z.B. Pufendorf, Pütter) und sonstigen Schriften (z.B. Zedler) ein allgemein gebräuchlicher Terminus. Auch von einem teutschen "Patriotismus" ist spätestens zu jener Zeit die Rede, mithin lange vor der Zeit des Nationalismus, was oft vergessen wird.

Fazit: Die Idee der deutschen Nation kann keiner einzelnen Person zugeschrieben werden, sondern entwickelte sich schrittweise seit dem Mittelalter bis hin zur Zeit der Befreiungskriege.

Im übrigen sei auf den - wie gewohnt sehr fundierten - Beitrag von ArnoldBentheim verwiesen.

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Kommentar von bananentyp
20.08.2016, 15:49

Könnte ich zwei Hilfreichste Antworten vergeben hättest du auch eine, hoffe du verstehst das :) Trotzdem danke für deinen Beitrag, vor allem über den Deutschen Patriotismus, nämlich das man ihn nicht mit Nationalismus gleichzusetzen hat

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Der wichtigste Deutsche? Da kämen mehrere in Betracht...

Guttenberg, Marx, Luther hinkt schon etwas hinterher...

Die Nationenidee ist eher jüngeren Datums und kaum einer einzige Person zuordnenbar, schon gar nicht einer deutschen. Diese Idee haben wir eher von den Franzosen übernommen.

Otto dient hier allenfalls als retrospektive Projektionsfläche - hat also eher ideologische als geschichtswissenschaftliche Bedeutung...

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Kommentar von JoDaTr
17.08.2016, 00:20

Ich hoffe ja sehr, daß nicht Guttenberg gemeint ist, sondern Gutenberg....;)

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Hier meine Top-Ten der wichtigsten Deutschen, warum ich diese so sehe, verrate ich nicht, ich halte diese für die wichtigsten und bedeutendsten Vertreter deutscher Geschichte und Kultur:

1.) Friedrich von Schiller

2.) Hildegard von Bingen

3.) Alexander von Humboldt

4.) Georg Elser

5.) Marlene Dietrich

6.) Gustav Heinemann

7. ) Friedrich Spee

8.) August Graf von Platen

9.) Reinhold Schneider

10.) Fritz Bauer

Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.

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Kommentar von lesterb42
16.08.2016, 15:40

Was ist mit Heinz Schenk?

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Kommentar von JoDaTr
16.08.2016, 23:11

Ich vermisse in dieser Liste doch schmerzlich Leute wie J.S.Bach und W.A.Mozart.

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Wir hatten genau dieses Thema in Geschichte 11 Klasse.

Wir hatten halt 4 Thesen

1. bei den Homo Sapiens und Neandertaler die ja nach Europa kamen

2. bei den Germanen

3. Heiliges römisches reich

4. Deutsches Kaiser reich

Das wirklich erste vereinte Deutschland kannst du eigentlich ab dem 4 Punkt sehen dank Otto von Bismarck.

Davor gab es eigentlich immer nur kleine deutsche Staaten wie Bayern, Sachsen, Preußen etc.

Erst Otto hat es geschafft das all diese reiche sich zusammen zu einem deutschen reich schließen.

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Kommentar von JoDaTr
16.08.2016, 23:39

Otto von Bismarck war einer der Hauptzerstörer der deutschen Einheit, die er - in bester (??) preußischer Tradition - dem preußischen Machtstreben opferte.

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Kommentar von RipeClown
17.08.2016, 06:35

Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen, ab 1865 Graf, ab 1871 Fürst von Bismarck, ab 1890 Herzog zu Lauenburg[1] (* 1. April 1815 in Schönhausen (Elbe); † 30. Juli 1898 in Friedrichsruh bei Hamburg) war ein deutscher Politiker und Staatsmann. Von 1862 bis 1890 – mit einer kurzen Unterbrechung im Jahr 1873 – war er Ministerpräsident des Königreichs Preußen, von 1867 bis 1871 zugleich Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes sowie von 1871 bis 1890 erster Reichskanzler des Deutschen Reiches, dessen Gründung er maßgeblich vorangetrieben hatte.

Reicht dir die Definition von Wikipedia ?

Schau dir mal besser ein paar Dokus mehr an und Pass lieber in Geschichte mehr auf.

Hätte er das ganze nicht vorangetrieben, wäre das deutsche reich sehr viel später gegründet worden - vielleicht auch gar nicht.

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Wichtigster Deutscher?

Siegfried

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Wenn es um die Reichsgründung geht, evtl. Bismarck. Luther könnte auch sehr wichtig gewesen sein, da er wohl maßgeblich das Schriftdeutsch prägte und so eine gemeinsame Identität durch Sprache schuf, weiß dazu aber wenig.


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in der Neuzeit, denk ich, uns näher und greifbarer, war Fürst Otto von Bismarck. Manche sagen, Konrad Adenauer, aber der war eher der Nachlassverwalter des Reichs-Trümmerhaufens, und kein Schöpfer eines souveränen Reiches wie Bismarck, der das Reich auch innenpolitisch befrieden (Sozialgesetzgebung) und stabilisieren konnte.

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