Wichtig! Zitat Seneca und Aktualität bzw Übertragung zur stoischen Philosophie?

3 Antworten

Senecas Philosophieren ist sehr stark von der Stoa bestimmt gewesen, allerdings hat er auch Gedankengut von Epikur und der platonischen Akademie übernommen. 

Dieses Zitat ist jedoch typisch für das stoische Denken. Es enthält in der ersten Passage den Verweis zur Konzentration auf "wesentliche" Dinge. So eine Aussage ist leider sehr offen, weil sich dahinter eine ganze Wertphilosophie eröffnet, die im Grunde nur Diskussionstoff liefert, nicht jedoch mögliche Hinweise, für welche Werte es sich in besonderem Maße zu leben lohnen würde. Zumindest bleibt die Warnung, dass man sich nicht verzetteln soll. 

Ich selbst gehöre jedoch eher zu den Menschen, die zahlreiche Wissenschaftsbereiche überaus attraktiv finden und gerade die Erfahrung gemacht haben, dass man bei einer extremen Vertiefung eines Gebietes leicht in eine Vereinsamung gerät. Man hat dann nur noch ganz wenige Gesprächspartner, weil es naturgemäß auch nur sehr wenige Menschen mit vergleichbarer Spezialisierung gibt. Die Ausweitung auf mehrere Gebiete bietet die Möglichkeit zum Vergleich, zum Auffinden von verbindenden Elementen, von Vernetzungen und mannigfaltigen Bezügen, was nach meinem Gefühl spannender ist. 

Aber die Lehre der Stoa sieht nun einmal mehr Vorteile in der Beschränkung und der - auch meditativen - Vertiefung. Da muss man für sich entscheiden, wo man seine Präferenzen ausmachen kann. 

Die letzte Passage enthält zunächst einmal eine Banalität, weil ein Leben in Unfrieden naturgemäß keine Bereicherung sein kann. Allerdings gibt es auch einen Frieden der Vermeidung, d.h., dass so ein Mensch um des Friedens Willen jeden Konflikt, jeden Disput, jede Diskussion vermeidet und lieber schweigt oder eine sanfte und milde Akzeptanzattitüde anbietet. So ein Friede kann sehr lähmend und einschläfernd sein. Und dich denke, dass ein wenig Pepp, kleine Frechheiten und Provokationen, die nicht die Person als solche beschädigen, durchaus belebend und unterhaltend sein können und daher als Bereicherung des Lebens zu werten sind. 

Damit ist der Spruch Senecas zwar bedenkenswert, aber er sollte nach möglichen Auslegungen durchdacht und diskutiert, und nicht nur als Sinnspruch verinnerlicht werden.

Das Zitat trägt sowohl stoische wie auch epikureische Züge. Seneca hat ja beiden positiv gegenübergestanden, neigte aber mehr zur Stoa. Selbst für Wohlhabende und Begünstigte im Dunstkreis von Kaiser Nero war die Zeit damals extrem viel unsicherer als heute. Das Ende Neros zeigt an (Mord oder befohlene Selbsttötung), dass er sich nicht mal durch Rückzug aufs Land den erwünschten Frieden sichern konnte. Da hat er zu spät Epikurs Rat verstanden, dass das Spiel mit der Macht einen selbst verbrennen kann und durchaus keine Sicherheit gibt.

Im großen und ganzen glaubten die Stoiker nicht an ein Weiterleben nach dem Tod, darum die Betonung des "kurzen Lebens". Für die Stoiker war der Kosmos (die geordnete Welt) das Werk des Logos und für ein gelingendes Leben war es entscheidend, die Pläne des Logos zu ergründen und sich ihnen zu unterwerfen, mit dem Logos zu arbeiten und nicht gegen ihn. So erfährt man das Wesentliche, den Willen der Götter. Wer den Gestaltungswillen des Logos als das Wesentliche erkennt, erkennt auch für sich und sich im Umgang mit der Welt den besten Weg. Um den Willen des Logos zu erkennen sind die aus der Ordnung des Logos stammenden Tugenden eine gute Richtschnur.

Diese Auffassung kann man durchaus auf ein "aufgeklärtes Christentum" übertragen, schließlich wir der Christus im Johannesevangelium als "der Logos" eingeführt. Ich selbst neige mehr dem Epikureismus zu und habe meine Zweifel an einer durch und durch wohlgeordneten Welt. Ich habe auch Zweifel, ob es viel nutzt, die eigenen (nicht immer fehlerfreien) Einsichten als Erkenntnisse des Logoswillens auszugeben. Unsicher bleiben sie so und so und ich muss sie verantworten und kann sie nicht auf den Logos schieben. Dennoch liegt in der Auffassung der Stoa auch viel Weisheit. Das muss man nach Gusto abwägen.

Wie immer eine sehr gute Antwort. Aber in Zeile 4 meinst Du doch wohl das Ende Senecas und nicht das Ende Neros, oder ?

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@Ottavio

@Ottavio

Oh ja, da ist Seneca gemeint. Danke für die Fehlerkorrektur.

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Das ist, mit Verlaub, eine sehr naive Frage. Erstens ist es immer naiv irgendwelche Zitate völlig aus den Kontext/ Zusammehang heraus zu zitieren und zweitens, was hast du davon wenn es "aktuell" ist? Ist es nicht viel besser nicht aktuell zu sein und seiner Zeit vorraus zu sein? und was ist mit Aktuell gemeint, politisch aktuell oder vom Weltbild her? und wenn ja auf welche politik oder auf welches Weltbild bezogen? Und welches Leben ist überhaupt? ich meine jedes Leben sieht doch anders aus, jeder hat andere Ziele und Ansichten.

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