Weshalb wird die deutsche Sprache heutzutage so vergewaltigt?

...komplette Frage anzeigen

15 Antworten

Hallo!

Wenn es Dir um die Schönheit der Sprache geht, würde ich Dir "Hyperion" oder "Empedokles" von Hölderlin empfehlen - beides ist auch ursprünglich in Deutsch und keine Übersetzung wie bei Shakespeare.
Desgleich war Nietzsche ein ganz feiner und feinsinniger Sprachkünstler.

Warum die Sprache ästhetisch verkommt, liegt einfach am Geist, der spricht. Wenn es dem an Ästhetik und Feinheit fehlt, wird er sich auch nicht einer schönen, verfeinerten, poetischen Sprache bedienen (können).
Auf dem Fußballplatz wird nun einmal anders geredet (und auch gedacht) als in romantischen Minnegedichten früherer Zeiten. Dennoch wäre es unrichtig zu meinen, daß früher allgemein poetischer, sensibler, schöngeistiger geredet worden wäre. Dem war ganz und gar nicht so. Auch da wurde im Alltag derb und dumm gesprochen. Du darfst ja nicht vergessen, daß das, was Du liest, sozusagen die höchste sprachliche Kunst der damaligen Zeit war, aber das war weit entfernt von der Alltagssprache. Wiewohl natürlich auch der Geist und das Empfinden früherer Zeiten andere waren - dennoch sind das, was Du davon liest, nur die schönsten Blüten, die dieser Geist hervorgebracht hat.

Ich würde eine Interpretation solcher Werke gar nicht erlernen. Damit tut man ihnen nur Gewalt an. Wenn Du Dich einmal mit einigen Interpretationen eines literarischen Werkes beschäftigst, seien diese sprachkritisch, psychologisch, philologisch, was auch immer, wirst Du wissen, warum das so ist: es kommt nicht das heraus, was in dem Werk drinnen ist, sondern das, was im Kopf des jeweiligen Interpreten drinnen ist. D. h. interpretiert ein Dummkopf ein Werk, kann auch nur etwas Dummköpfiges dabei herauskommen.
Viel besser ist es, Du läßt es einfach auf Dich wirken. Mit Interpretationsversuchen verstellst Du Dir nur selber die Sicht auf das Werk und nimmst ihm seine Atmosphäre.
So, wie wenn Du meinetwegen einen Rosengarten betrachtest: sobald Du anfängst, die einzelnen Rosen, die Zusammenstellung, die Gewachsenheit, gar die einzelnen Blätter und Blüten usw. zu interpretieren und zu analysieren, ist der Zauber verflogen und Du hast nur noch die reine vergegenständlichte Botanik vor Augen.

Viel erfreulicher ist, daß Du selber noch diesen Sinn für Literatur, Kunst und Poesie hast. Und den solltest Du Dir nicht nehmen lassen, indem Du ihn durch Interpretationsgedanken überlagerst. Das ist eher eine Unart eines unverständigen, schulischen, akademischen Geistes, der zwar schauen, aber nicht sehen, zwar anaylsieren, aber nicht verstehen kann.

LG

Kuehlschrank33 08.08.2016, 05:13

Vielen Dank für diese sehr schöne Antwort und die Literatur Empfehlungen. Nietzsche wurde mir Heute bereits bei einer anderem meiner Fragen empfohlen. Ich denke, ich werde mir später eines seiner Werke ansehen.

0

Das Deutsch in den von dir angesprochenen Büchern ist z.T. halt einfach älter;

ob schöner oder nicht schöner ist Ansichtssache - jedenfalls entwickelt sich eine Sprache immer weiter und gerade in Bezug auf möglicherweise neue Gegenstände odre Begriffe ist das ja auch sehr sinnvoll und effektiv.

"
Oder wurde damals nicht so schön formuliert, wie in den Büchern? "

Auch damals gab es kein einheitliches Deutsch, sondern viele Dialekte - zum Teil sogar ausgeprägter als heute.

Auch war die Schriftsprache oft eine andere, wie heute ja auch - man schreibt ja doch etwas anders als man spricht.

Und auch je nach gesellschaftlicher Situation bzw Status, Anlass und co benutzte man mitunter unterschiedliche Ausdrucksweisen

"
Kann mir jemand dazu tipps geben, wie man die Interpretation solcher Werke lernen kann? "

Wenn du da gar keine Erfahrung hast wären möglicherweise Schulbücher die das Thema behandeln ein richtiger Einstieg?

Daneben könntest du dir auch fertige Interprationen anschauen um zu sehen wie man da an die Sache herangehen könnte

Kuehlschrank33 08.08.2016, 04:34

Danke für deine Antwort. Es stimmt zwar, dass die Hinzufügung von neuen Begriffen ein Muss ist, aber es geht mir eher um die Ausdrucksweise an sich.

Bei dem Teil mit den Dialekten hast du wohl recht, das hatte ich bisher noch nicht beachtet. Jedoch gab es damals auch ein "Hochdeutsch" in seiner Form, wie Heute, oder nicht?

Und das mit dem durchlesen der schon vorhandenen Interpretationen hört sich gut an, ich denke ich werde das mal mit Frühlingserwachen ausprobieren.

0
hydrahydra 08.08.2016, 04:41
@Kuehlschrank33

Jedoch gab es damals auch ein "Hochdeutsch" in seiner Form, wie Heute, oder nicht?

Ja und Nein. Es gab mehrere Dialekte, die nebeneinander gesprochen wurden, und irgendwann kam man mal auf die Idee, einen dieser Dialekte zum "Standard" zu erklären. Das wurde dann eben Hochdeutsch. Bis dahin war das aber eben auch nur eine Variante der deutschen Sprache unter vielen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Standarddeutsch#Normung

1

Das liegt ganz einfach daran, dass die meisten Menschen es wohl nicht so schön und ästhetisch fanden wie du.

Jeder benutzt Sprache so, wie sie ihm am besten gefällt und was sich durchsetzt ist eben auch das, was den meisten am besten gefällt.

Keine Ahnung, was du alles für Bücher meinst, aber natürlich hat man nicht so geredet wie bei Romeo und Julia. :D Bis auf ein paar Ausnahmen vielleicht. 
Aber normale Leute haben damals genausowenig geredet wie Shakespeare geschrieben hat wie auch heute niemand sich anhört wie ein Nachrichtensprecher. Bis auf Nachrichtensprecher. :)

Das ist ja auch irgendwie der Sinn an Literatur. Es soll interessanter sein als die Realität. Eine schöne Illusion. Entweder ist die Sprache viel schöner als sie in Wirklichkeit benutzt wird oder die Handlung ist intensiver als das was einem im Alltag passiert oder die Leute sind bewundernswerter oder vielleicht auch schlimmer als man selbst, etc...

Wer, wie ich finde, mit der deutschen Sprache sehr schön umgehen kann ist Walter Moers. Erich Kästner und Hermann Hesse sind auch Kandidaten, aber das ist ja offensichtlich. Unbedingt Fabian und Siddhartha lesen, falls noch nicht geschehen. :o

Um Patrick Süskind würde ich einen Bogen machen. Ist meines Erachtens viel zu bemüht, auf Biegen und Brechen schönsprachlich zu klingen. Vielleicht ist er auch einfach langweilig. :)

peterklaus57 08.08.2016, 06:41

Sehr interessante Antwort. Daumen hoch. Ergänzend - nicht nur im Deutschen sondern auch in anderen Sprachen (z.B. russisch) ist der Kontrast zwischen den verschiedenen Zeiten sowohl in der Literatur- als auch Umgangssprache zu merken.

2

Literatur ist ein Spiel mit Erzählung und Sprache. Es geht darum, mit der Sprache als Baustein etwas zu konstruieren, das in der Umgangssprache so einem eloquenten und rhetorisch begabten Menschen über die Lippen geht. Fakt ist aber, dass jede schöne Formulierung ein Konstrukt ist, an dem gebaut wurde. Im Fall von Shakespeare will es oftmals den Anschein erwecken, als würden Herz und Seele der Charaktere sprechen. Und man kann sich natürlich darauf einlassen und vorstellen wie es wäre, wenn Sprache im Alltag so gebraucht werden würde. Aber zum Thema Ästhetik muss ich sagen, dass das ne ganz subjektive Einschätzung ist. Der eine findet Shakespeares Sprachgebrauch ästhetisch, der andere schwülstig.

Für meinen Geschmack müssen Sprache und Erzählung eine Symbiose bilden. Das konnte ein Hans Bemmann, das konnte ein Franz Kafka. Das konnte ein Thomas Mann aber nicht. Der war widerum ein großer Konstrukteur, was Sprache angeht, aber ein guter Erzähler war er keinesfalls (finde ich). Dann gab es einen Autoren namens Thomas Bernhard, der ein großer Erzähler war, dessen Sprache aber so konstruiert ist, dass man sie schlecht gebrauchen kann (finde ich). In "Wittgensteins Neffe" beispielsweise schrieb er so lange Sätze, die über eine halbe Seite füllten. Lustig zu lesen, zu sprechen hingegen nur mit vielen Atempausen genießbar. (Finde ich)

LiloB 11.08.2016, 13:15

amüsant !  Obwohl die Atempausen manchmal für Zuhörer eine wahre Freude sind. Und wahrscheinlich hast Du recht, ich habe ohnehin den Verdacht, daß viele Autoren ein wenig "sprachverliebt" sind. Thomas Mann auch,- aber das Ergebnis gefällt mir außerordentlich gut.

0
anspruchsvollerer Literatur zu beschäftigen

Das allein kann einem die Haare zu Berge stehen lassen.

Anspruchsvoll heißt häufig auch schwer verständlich und das nicht zuletzt, weil eben nicht die Umgangssprache verwandt wurde, sondern mit der Sprache "gespielt" wurde.

Sprache ist etwas lebendiges und Veränderungen unterworfen, was dann dazu führen kann, das Verständnis (Literatur) zu erschweren weil zum Beispiel Worte (Begriffe) ihre Bedeutung verändert haben.

Man findet auch in der modernen Literatur "anspruchsvolles", in das man sich "hineinknien" muss, damit sich der Sinn erschließt. Ohne das nötige Hintergrundwissen (Kultur, Politik, Wirtschaft etc.) gelingt das womöglich gar nicht.

Das gilt nicht zuletzt für die "Pracht" in Shakespears Werken, die einem verschlossen bleibt, wenn man sich nicht mit der Geschichte der Zeit beschäftigt.

Die Verse klingen vielleicht schön, ob man aber auch den Sinn versteht?

Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ein Poet sich über Stunden oder Tage abmüht die passenden Worte zu finden oder ob die "Nachricht" im Alltag übermittel werden soll.

Auch zu den Zeiten als die Literatur entstand, war sie nur bedingt ein Spiegel der (Umgangs-)Sprache.

Sprache verändert sich immer stetig, es ist daher unvermeidbar, dass ältere Texte eben irgendwann auch alt klingen. Ob man das gut findet oder nicht, oder es gar als "Sprachvergewaltigung" sieht, ist Ansichtssache.

Leider kann ich Dir nur zustimmen. Die deutsche Sprache ist im Laufe der Jahre ein wenig,- nun, sagen wir mal,- abhanden gekommen. Allerdings gibt es nach wie vor so gute Schriftsteller, die sie liebevoll und auch verständlich behandeln, daß es mir keine große so große Sorge macht. Thomas Mann zum Beispiel,- auch Fontane - und Hesse. In der Neuzeit dann auch Ulla Hahn,- oder eben Gedichte. Allerdings riskiert man im Alltag doch manchmal , nicht sofort verstanden zu werden, weil man selbst lange Sätze macht. Weil man eben nicht nur in Kurzform spricht. Viele Menschen sind nicht bereit, den Gedanken anderer zu folgen. Weder in der Sprache - noch was den Inhalt angeht. Auch Briefe werden oft nicht bis zum Ende gelesen,- man guckt drauf - und denkt -"ach, das geht um.....  " und schon wird der Brief (oder die email) nicht weitergelesen. Schade. Denn vieles kann man wirklich nicht per SMS oder in Kurzform mitteilen. Liebesbriefe zum Beispiel- !! Aber es bleiben uns ja die guten Bücher - und gelegentlich Menschen, die sie zu schätzen wissen. So wie wir hier, die alle "Literatur" als Thema haben. (Auch , wenn das - wie bei Fontane - "ein weites Feld" - ist.).

Es gibt auch neuere Literatur in schöner Sprache.

Schau Dir mal Bücher von Peter Dempf an. Sein Scheibstil wird in den meisten Rezesionen gelobt. Wenn Dich auch Geschichte interessiert, die meisten seiner Bücher sind auch historisch sehr interessant.

Ähem, schön, dass du gehobene Literatur liest.

Aber du weißt schon, dass Shakespeare kein deutscher Autor ist, oder? Er wurde übersetzt ins Deutsche, und dabei geht natürlich extrem viel verloren. Wenn du Shakespeare "in seiner ganzen Pracht" lesen willst, kommst du nicht drum rum, ihn auf Englisch  zu lesen.

Interpretieren kannst du die Werke am besten, indem du dich mit anderen austauschst. Da gibt es bestimmt Foren im Internet für.

Kuehlschrank33 08.08.2016, 14:34

Ja, ich weiß, dass es in Englisch geschrieben wurde. Ich hätte es am liebsten auch natürlich in der Ausgangssprache gelesen, jedoch ist mein Englisch dafür leider viel zu schlecht.

0

Wisse: jede Sprache kennt mehrere Ebenen. Jede Sprache hat ihre literarische, vom gemeinen Volke gesprochene - und das in ihren Mundarten, oder den Jargon, d.h. der Sprache des jeweiligen Milieus der Straße. Wie gesagt, jede Sprache. Und das war schon immer so. Deutsche ist da keine Ausnahme. Und alle diese Sprachstufen entwickeln sich. A propos Hochsprache: ein hochgebildeter und sprachgewandter Luther soll mal ungefähr gesagt haben: warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nit geschmecket? ...

Niemand hat je so schön wie in den Büchern gesprochen. Der Schriftsteller hat ja mehr Zeit, sich schöne Sätze auszudenken, als die Protagonisten es in der Wirklichkeit gehabt hätten.

Genau DU tust das doch SELBER, schon in deiner Überschriftszeile!

Sorry, aber mit Leuten, die das Wort "vergewaltigt" auf so einen Weise benutzen, ist jede weitere Diskussion sinnlos. Ein Sprachschützer bist du nicht! Eher im Gegenteil.

Kuehlschrank33 08.08.2016, 14:30

Ich habe ja wohl niemals behauptet, dass meine Ausdrucksweise schön ist oder ich ein "Sprachschützer" bin. Ich habe bewusst immer alle mit einbezogen, also auch mich. Klar, woher soll man das denn lernen, sich so auszudrücken, wenn niemand sonst so spricht.

Das mit dem Vergewaltigen habe ich geschrieben, da man so mehr Antworten bekommt, da das reißerischer klingt. So ist das leider auf Gutefrage.net.

0

Meiner Meinung nach sind es drei Faktoren, die hier zu nennen sind:

1. Anglizismen, es werden immer mehr Fremdwörter verwendet

2. Die Jugendsprache, also generell die "SMS Sprache" mit irhen Verkürzungen Slangs etc.

3. Die Sprache ist in einem stetigen Wandel, sie verändert sich nunmal von Zeit zur Zeit 

Die Klage ist so alt wie die Menschheit. So wurde sicher auch schon über das Gegrunze der Neandertaler geklagt. 

Glücklicherweise gibt es über das, was mensch als schön empfindet, unterschiedliche Ansichten.

"Unsere" Ausdrucksweise?? MEIN Deutsch halte ich jedenfalls nicht für völlig verwahrlost.

Du solltest mit dem Begriff "Vergewaltigen" vorsichtiger umgehen.


Die Umgangssprache verändert sich eben, irgendwann werden Leute im Vorstellungsgespräch mit jogging Hose und badelatschen und die Begrüßung wird sein Jo man was geht ab? 😂

Kuehlschrank33 08.08.2016, 04:38

Ich hoffe und glaube nicht, dass ein Vorstellungsgespräch so ablaufen wird. Ein gewisses Maß an Würde werden die Menschen später hoffentlich auch noch haben.


Bei dem Teil mit der Umgangssprache hast du Recht, das stimmt mich aber irgendwie traurig.

0

Was möchtest Du wissen?