Weshalb hat man 1919 Westpreussen und Posen und nicht Ostpreussen den Polen überlassen?

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Unter Gesichtspunkten der Geschichte (z. B. Staat des Deutschen Ordens im Mittelalter) und der Nationalität war Ostpreußen damals in stärkerem Ausmaß ein deutsches Gebiet als Westpreußen oder Posen. Spannungen und Konflikte waren bei den damaligen Verhältnissen und einem starken Nationalgefühl auf beiden Seiten bei jedem Lösungsversuch zu erwarten. Bei einem Überlassen von Ostpreußen an Polen, während Westpreußen und Posen an Deutschland fielen, wäre zwar das Enklavenproblem (polnischer Korridor, der Ostpreußen vom übrigen deutsche Reichsgebiet abtrennte) vermieden worden, aber zugleich wären neue Probleme und Konfliktherd entstanden. Mit großer Wahrscheinlichkeit wären weder Deutschland noch Polen damit zufrieden gewesen. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker wäre bei einem zwangsweisen Vorgehen verletzt worden.

Die Aufteilung wurde im Versailler Vertrag (1919 beschlossen und 1920 in Kraft getreten) festgelegt oder erfolgte aufgrund von Abstimmungen. Die Siegermächte des Ersten Weltkriegs haben sich in Verhandlungen auf die Grenzziehung bzw. die Durchführung von Volksabstimmungen geeinigt. Das Ergebnis war ein Kompromiss unter ihnen.

Der Präsident der USA Woodrow Wilson hatte 1918 ein 14-Punkte-Programm verkündet, Grundlage war das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Daneben gab aber auch bestimmte Festlegungen. Ein unabhängiger polnischer Staat mit Zugang zum Meer sollte entstehen.

Ein Zugang zum Meer und ein Seehafen an der Ostsee waren für Polen von großer wirtschaftlicher Bedeutung.

Die USA verkündeten ein Selbstbestimmungsrecht der Völker und eine Zusammenarbeit in einem Völkerbund (zogen sich allerdings bald zunehmend aus der Politik in Europa zurück). Eine sehr offensichtliche krasse Verletzung des Grundsatz passte nicht zu der Politik ihres Präsidenten.

Frankreich wollte sich gegen eine mögliche militärische Revanche Deutschland sichern. Ein starkes Polen war als Partner in einem Bündnis willkommen. Die osteuropäischen Staaten sollen auch einen Sicherheitsgürtel („cordon sanitaire“) gegen die bolschewistische Sowjetunion bilden. Großbritannien war an einem Gleichgewicht interessiert und lehnte eine französische Hegemonie auf dem europäischen Kontinent ab.

Ein Gebietsaustausch hätte die Staaten mit Schwierigkeiten großer nationaler Minderheiten (innerhalb umfangreicher Gebieten die Bevölkerungsmehrheit) belastet und wäre bei den Verhältnissen kaum als beiderseitige Einigung zustande gekommen. Aufstandsversuche, um sich Deutschland oder Polen anzuschließen, wären nicht ausgeschlossen gewesen. Eine Zwangsumsiedlung hätte gegen Freiheitsrechte verstoßen und zu Heimatverlust geführt.

Im Versailler Vertrag bestimmte Artikel 89 die Gewährleitung des Transitverkehrs. Artikel 94-98 sahen im südlichen Teil Ostpreußens (im wesentlichen den Regierungsbezirk Allenstein umfassend) und im nordöstlichen Teil Westpreußens eine Abstimmung der Einwohner über die künftige Zugehörigkeit zu Ostpreußen oder Polen vor.

Posen gehörte seit dem Mittelalter zu Polen und ist erst durch die polnischen Teilungen im 18. Jahrhundert und Beschluss des Wiener Kongresses 1815 zu Preußen gekommen. Die Bevölkerungsmehrheit war 1918/9 polnisch, allerdings gab es auch einen großen deutschen Bevölkerungsanteil. Vom Dezember 1918 bis Februar 1919 gab es dort den großpolnischen Aufstand, in dem polnische Aufständische den größten Teil der Provinz beherrschten. Die Alliierten setzen einen Waffenstilstand durch und legten eine Demarkationslinie fest. Bei der Festlegung der Staatsgrenzen kam der größte Teil zu Polen, Randgebiete mit deutlicher deutscher Bevölkerungsmehrheit verblieben bei Deutschland.

Westpreußen hatte eine historisch sehr unterschiedliche Zugehörigkeit und die Bevölkerung war sehr gemischt (einerseits Deutsche, andererseits Polen und Kaschuben). Zum größten Teil fanden keine Volksabstimmungen ab. Gebiete im Westen und Nordosten mit besonders hohem deutschem Bevölkerungsanteil blieben bei Deutschland. Aus ehemaligen Teilen der Provinzen Westpreußen und Posen wurde 1922 die preußische Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen gebildet.

Im Abstimmungsgebiet Marienwerder (Nordosten Westpreußens) und im Abstimmungsgebiet Allenstein (südliches Ostpreußen, also im Wesentlichen Masuren) stimmten jeweils über 90 Prozent für die Zugehörigkeit zu Deutschland.

Die Provinzen Westpreußen und Posen hatten ja lange zu Polen gehört, die Polen haben also argumentiert, sie wollten nur zurückhaben, was ihnen rechtmäßig gehöre, den Korridor habe es früher ja auch schon gegeben, und da sei er auch nie ein Problem gewesen! Ostpreußen war hingegen schon lange deutsch! Die Masuren im Süden von Ostpreußen sprachen zwar einen polnischen Dialekt, waren aber evangelisch!

In Ostpreußen gab es eine Volksabstimmung mit einer überdeutlichen Mehrheit für den Verbleib bei Deutschland. Den Bewohnern der Provinzen Posen und Westpreußen blieb dieses von US-Präsideten Wilson propagierte Selbstbestimmungsrecht der Völker versagt.

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