Wer waren die Pharisäer und gibt es sie heute noch?

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Hallo pillypally

JA, ihre geistigen Urenkel gibt es heute noch. Sie waren nicht umsonst eine sehr bedeutende religiöse Sekte des Judentums im ersten Jahrhundert u. Z.

Nach Meinung einiger Gelehrter bedeutet der Name wörtlich „Abgesonderte“, „Separatisten“, was möglicherweise auf das Vermeiden von zeremonieller Unreinheit oder das Sichabsondern von Nichtjuden hinweist. Wann diese Sekte der Pharisäer entstand, ist nicht genau bekannt.

Aus den Schriften des jüdischen Geschichtsschreibers Josephus geht hervor, dass die Pharisäer schon zur Zeit des Johannes Hyrkanos I. (zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts v. u. Z.) eine einflussreiche Sekte bildeten. Josephus schreibt: „Sie stehen beim Volke in solchem Ansehen, dass sie stets Glauben finden, selbst wenn sie etwas gegen den König oder den Hohepriester vorbringen“ (Jüdische Altertümer, übersetzt von H. Clementz, 13. Buch, Kap. 10, Abs. 5, S. 177).

Wenn sie mit Christus Jesus disputierten, ging es hauptsächlich und erstens um die Beobachtung des Sabbats (siehe Matthäus 12:1, 2; Markus 2:23, 24; Lukas 6:1, 2), das Festhalten an Überlieferungen (Matthäus 15:1, 2; Markus 7:1-5) und den Umgang mit Sündern und Steuereinnehmern (Matthäus 9:11; Markus 2:16; Lukas 5:30). Die Pharisäer glaubten, dass der Umgang mit Personen, die das Mosaische Gesetz nicht entsprechend ihrer Auffassung hielten, verunreinigenden Einfluss auf ihre Umgebung haben würden. (Lukas 7:36-39).

Zur Zeit des irdischen Dienstes Jesu Christi übten die Pharisäer einen so großen Einfluss aus, dass sich angesehene Leute fürchteten, ihn öffentlich zu bekennen (Johannes 12:42, 43). Einer von ihnen war Nikodemus, der selbst ein Pharisäer war (Johannes 3:1, 2).

Jesus prangerte öffentlich und immer wieder ihre Scheinheiligkeit an und verurteilte sie scharf. Die Pharisäer ihrerseits suchten fortwährend nach Möglichkeiten, diesen lästigen Mahner zu liquidieren

Hier einige Beispiele:

    • In seiner Bergpredigt sagte er seinen erstaunten Zuhörern: „Denn ich sage euch, dass ihr, wenn eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer nicht weit übertrifft, keinesfalls in das Königreich der Himmel eingehen werdet.“ (Matthäus 5:20)

    • Matthäus 12:13-15 nachdem Jesus eine verkrüppelte Hand geheilt hatte: „. Aber die Pharisäer gingen hinaus und hielten Rat gegen ihn, damit sie ihn vernichten könnten.  Als Jesus [dies] erfuhr, zog er sich von dort zurück.“

    • Matthäus 15:14 „ . . .Blinde Leiter sind sie. Wenn aber ein Blinder einen Blinden leitet, so werden beide in eine Grube fallen.“

    • Matthäus 16:6 „ . . .nehmt euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzạ̈er in acht. . .“ (Sauerteig steht in der Bibel häufig für einen alles durchdringenden, zersetzenden Einfluss)

    • Matthäus 22:34-36 „ . . .  Und einer von ihnen, ein Gesetzeskundiger, stellte ihn [Jesus] auf die Probe mit der Frage:  „Lehrer, welches ist das größte Gebot im GESETZ?“

    • Matthäus 23:29-33 „ . . .Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler, . . .  Schlangen, Otternbrut, wie solltet ihr dem Gericht der Gehẹnna entfliehen?“

Die Pharisäer gehörten auch zu den religiösen Lehrern, denen Jesus die Manipulation biblischer Wahrheiten vorwarf:

    • Johannes 8:44 „ . . .Ihr seid aus eurem Vater, dem Teufel, und nach den Begierden eures Vaters wünscht ihr zu tun. Jener war ein Totschläger, als er begann, und er stand in der Wahrheit nicht fest, weil die Wahrheit nicht in ihm ist. Wenn er die Lüge redet, so redet er gemäß seiner eigenen Neigung, denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge“

    • Und sie gehörten mit zu den Anstiftern, die den Pöbel aufgestachelt hatten hatte vor Pilatus zu schreien “. . .An den Pfahl mit ihm [mit Jesus Christus]!“ . . . (Johannes 19:6)

Einige Wenige von ihnen handelten allerdings einsichtig und änderten ihren Lauf.

Zum Beispiel riet der Pharisäer Gamaliel davon ab, das Werk der Christen zu behindern (Apostelgeschichte 5:34-39), und der Pharisäer Saulus (Paulus) von Tarsus wurde ein Apostel Jesu Christi (Apostelgeschichte 26:5; Philipper 3:5).

In der New Encyclopædia Britannica kann man lesen: „Noch heute behaupten die verschiedenen jüdischen Gruppen — ob orthodox, konservativ oder reformiert —, geistige Nachkommen der Pharisäer und der rabbinischen Weisen zu sein.“

Diese geistigen Nachkommen der Pharisäer sind weitgehend für die gegenwärtige Form des Judentums verantwortlich, weshalb es nicht überrascht, dass die Juden heute noch nach Schlupflöchern in den vielen hinzugefügten Sabbatbeschränkungen suchen.

Wer an einem Sabbat ein jüdisch-orthodoxes Krankenhaus besucht, wird beispielsweise feststellen, dass die Aufzüge automatisch in jedem Stockwerk halten, damit die Fahrgäste nicht die sündige „Arbeit“ zu verrichten brauchen, den Fahrstuhlknopf zu betätigen.

Manche orthodoxe Ärzte stellen Rezepte am Sabbat mit einer Tinte aus, die innerhalb weniger Tage verschwindet. Warum? Die Mischna stuft Schreiben als „Arbeit“ ein, zudem definiert sie „Schreiben“ als das Hinterlassen eines bleibenden Zeichens.

Jesus brachte diese zur „Schein - heiligen Schau“ entartete Religionsübung mit den Worten auf den Punkt:

. . .Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler, weil ihr den Zehnten gebt von der Minze und dem Dill und dem Kümmel; aber ihr habt die gewichtigeren Dinge des GESETZES außer acht gelassen, nämlich das Recht und die Barmherzigkeit und die Treue. Diese Dinge hätte man tun, die anderen Dinge jedoch nicht außer acht lassen sollen. Blinde Leiter, die ihr die Mücke aussiebt, das Kamel aber hinunterschluckt!“ (Matthäus 23:23, 24)



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@Abundumzu

Hallo pillypally

Dass diese Antwort für Dich hilfreich ist, freut mich natürlich. Allerdings habe ich nur das zusammengetragen, was man in der Literatur - allem voran in der Bibel - nachlesen kann. Deshalb gebe ich Deine Auszeichnung auch unbenutzt an den Autor der heiligen Schrift weiter - und hoffe, Du bist damit einverstanden.

Nun verdient nicht nur die Tatsache Anerkennung, dass wichtige Details zu Deiner Frage in der Bibel festgehalten worden sind, sondern auch die biblische Ermahnungen an uns, aus solchen Fehlern zu lernen.

Was aber lernen wir daraus, dass sich das ganze Pharisäertum wie eine Elite - und Parallelreligion neben der Bibel her entwickelt hat und deshalb von Gott - vertreten durch seinen Sohn - scharf verurteilt und verworfen wurde?

Kennern der Bibel fällt dazu Zweierlei sofort ein:

Zum Einen:

Das Israel, das schon vor Jesu Kommen als verheißener Messias über 1 500 Jahre lang das besondere Volk Jehovas war, hatte sich - nicht zuletzt durch den Einfluss der Pharisäer - und trotz ständiger Mahnungen als Nation in seiner Gesamtheit Gott gegenüber als untreu erwiesen.

Es erdreistet sich sogar, ihn - den Sohn Gottes - zu verwerfen (Johannes 1:11).

Deshalb wurde es von Gott verworfen und er ließ ihm durch seinen Sohn ausrichten: „Das Königreich Gottes wird von euch genommen und einer Nation gegeben werden, die dessen Früchte hervorbringt“ (Matthäus 21:43).

Für Christen ist es daher völlig unangebracht, auf die Wiederherstellung und göttliche Anerkennung eines Volkes zu hoffen und zu warten, das in seiner Eigenschaft als religiöse Institution, bis zur Stunde den Begründer des Christentums nicht einmal wahrhaben und schon gar nicht anerkennen will.

Zum Zweiten

Einer Christenheit kann der gleiche Fehler unterlaufen, der dem jüdischen Volke unterlaufen ist. Sie - die Juden - hielten sich Jahrhundertelang für solche, die auf den Wegen ihres Gottes wandelten, allerdings erwies sich diese pharisäerhafte Selbsteinschätzung durch ihre Taten als eklatante Fehleinschätzung.

Das hatte Jesus im Sinn, als er seine berühmte Bergpredigt hielt und unverblümt sagte:

„Nicht alle, die zu mir [Jesus Christus] sagen ›Herr, Herr‹, werden in Gottes neue Welt kommen, sondern nur die, die auch tun, was mein Vater im Himmel will.“

Und direkt anschließend prophezeite er der Christenheit ein ähnliches Desaster, wie es Jahrhunderte zuvor die Propheten des AT den Juden prophezeit hatten.

Die Parallele ist unverkennbar, denn er sagt:

“Am Tag des Gerichts werden viele zu mir sagen: ›Herr, Herr! In deinem [Christi] Namen haben wir prophetische Weisungen verkündet, in deinem Namen haben wir böse Geister ausgetrieben und viele Wunder getan.‹ Und trotzdem werde ich das Urteil sprechen: ›Ich habe euch nie gekannt. Ihr habt versäumt, nach Gottes Willen zu leben; geht mir aus den Augen!“ (Matthäus 7:21-23 Gute Nachricht Bibel)

Ein berühmter Pharisäer, der später ein Christ wurde, schrieb daher, gestützt auf seine eigenen trüben Erfahrungen, Jahre nach seiner Umkehr an die Adresse seiner christlichen Brüder:

„Was immer ihr tut, arbeitet daran mit ganzer Seele als für Jehova und nicht für Menschen, denn ihr wisst, dass ihr den gebührenden Lohn, das Erbe, von Jehova empfangen werdet“ (Kolosser 3:23, 24).

Solche Christen gibt es zwar wenige, aber sie gibt es noch. Und sie sind in der Lage, mit der Bibel in der Hand ihren Glauben zu begründen.

So ähnlich wie hier:

http://www.gutefrage.net/frage/wahrer-christentum#answer32914267



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und gibt es sie heute noch?

Nein, sie sind gewissermaßen durch die Aufstände von 66-70 und 132-135 untergegangen.

Durch die hat sich die Situation des Judentums geändert, das Judentum musste gewissermaßen neu erfunden werden ;)

Am stärksten betroffen waren die Sadduzäer, die sich im Wesentlichen durch den Tempel definierten und nach der Zerstörung des Tempels von der Bildfläche verschwanden. Auch das hellenistische (griechischsprachige) Judentum ist langfristig untergegangen: sofern die nicht Christen wurden oder gar Heiden, wurden sie an das orthodoxe Judentum angeglichen.

Das orthodoxe Jdentum hat im wesentlichen die Pharisäer beerbt, kann also als Fortsetzung der Pharisäer bezeichnet werden, was allerdings eine starke Vereinfachung ist. Denn einerseits finden sich im Talmud auch Traditionen der Sadduzäer, andererseits wurden manche Richtungen ausgeschlossen, die pharisäisch waren (insbesondere alle, die an der Option eines bewaffneten Kampfs gegen die Römer festhielten).

Das Frühjudentum mit Pharisäern; Sadduzäern, Diasporajuden etc. ist also im 2.Jh. vom orthodoxen Judentum abgelöst worden, das bald zur einzigen Form des Judentums wurde. Die einzigen Formen des Judentums, die auch überlebten, waren die Samaritaner und die Christen. Das Verhältnis der Samaritaner zu den eigentlichen Juden war im Lauf der Zeit unterschiedlich (zur Zeit des NTs bekanntlich ziemlich gespannt), und bei den Christen haben bald die "Heidenchristen" die "Judenchristen" zahlenmäßig übertroffen und schließlich sogar marginalisiert, allerspätestens ab 200 war das Christentum keine jüdische Bewegung mehr.

Ich denke, das der Begriff recht gut "Abgesonderte" beschreibt, Menschen die sich durch ihre strenge Rechtgläubigkeit (oder solche, die sie dafür halten) vom übrigen Volk absondern. Heutzutage würde das Wort "Ultraorthodox" oder "Strenggläubige" wohl ungefähr dem entsprechen - und ja, die gibt es heute schon noch.

Zum Thema Pharisäertum heute empfehle ich das Buch "The Myth of a Christian Nation" von Gregory Boyd. (Bisher nicht auf deutsch erhältlich.) Was Gregory Boyd hier über die Christen in den USA feststellt, läßt sich durchaus auch auf uns in Europa übertragen:

Vermischung des Evangeliums mit politischen Parteipositionen, typischerweise des sog. "konservativen" Lagers, Moral predigen statt helfen.

Hier zum Download: http://www.gospel-herald.com/pdf_files/myth.pdf

Google beantwortet aber leider nicht die Frage, ob es die Pharisäer heute noch gibt. Habe gegoogelt ob es sie heute noch gibt und selbst bei Wikipedia steht im Einleitungssatz ''waren''. Also kann ich dazu keine wirkliche Antwort geben. Die Phärisäer waren (oder sind) eine religiöse Gruppierung des Judentums. Sie erscheinen im neuen Testament als Gegner Jesu aber auch als seine wichtigstens Diskussionpartner. Mehr dazu kannst auch hier http://xn--phariser-5za.com/ nachlesen.

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