Wer waren die Germanen?

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5 Antworten

"Die Germanen" gab es eigentlich nie. Es ist ein rein sprachlicher Begriff, der niemals, wirklich zu keiner Zeit von den Leuten, die auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands lebte benutzt wurde, um sich damit selbst zu bezeichnen.

In der Antike, also vor mehr als 2000 Jahren, herrschte in den meisten Fällen nämlich noch kein Nationalitätsbewusstsein. Man definierte sich nicht nach dem Volk, der Sprache oder den religiösen Bräuchen, sondern allein danach, wo man herkam: aus welcher Familie in der kleinsten, aus welchem Stamm schon in der größten Einheit. Ein Mensch, der zum Beispiel aus der Stadt Capua in Kampanien kam, war nicht etwa in erster Instanz ein Römer, auch wenn er das römische Bürgerrecht genoss, sondern er sah sich als Capuaner. Ein Athener war in seinem Selbstbild kein Grieche, sondern eben Athener, und ein Germane war folglich auch kein Germane, sondern ein Cherusker, Alemanne, Markomanne, Gote, Jüte, oder wo auch immer er genau herkam.

Der Begriff "Germane" wurde von den Römern geprägt, die damit schlicht und ergreifend alle "barbarischen" Stämme auf der östlichen Seite des Rehens gemeint haben. Die auf der westlichen Seite waren laut römischer Definition "Gallier". Aber auch Gallier gab es nie - denn erst in der modernen Geschichtsforschung wurden diese römischen Definitionen aufgedröselt und die "Germanen" neu erfunden, also als Volksgruppe definiert, die sich in Brauchtum und Sprache definierte. In dem Fall waren die "Gallier" größtenteils Kelten. Kelten gab es aber nicht nur im heutigen Frankreich, sondern auch in großen Teilen der iberischen Halbinsel, auf den britischen Inseln, sogar in der heutigen Türkei (Galatien war ursprünglich keltisch) und - was dich jetzt besonderrs interessieren dürfte  - es gab auch Kelten in Germanien. Andersherum gab es auch "Germanen", also jene Stämme, welche germanische Dialekte sprachen und die nordischen Götter anbeteten, auch auf dem Gebiet Galliens, also der Westseite des Rheins. Ein ziemliches Durcheinander also, aber wir neigen ja gerne zur Verallgemeinerung und Vereinfachung.

Wenn du jetzt fragst, wie lange es die Germanen gegeben hat, ist die Antwort einfach: Es gibt sie noch! Jeder Deutschstämmige hat noch Germanen-Gene, genauso sind sie auf den britischen Inseln verbreitet und am weitesten wohl im heutigen Skandinavien. Die Germanen sind größtenteils dort in den Volksgruppen aufgegangen, die wir heute als "Deutsche", "Dänen", "Schweden", "Norweger" und "Briten" kennen. Aber auch in Frankreich tragen viele Einwohner noch Germanen-Gene, denn die Eroberer, welche dieses Gebiet zuerst in der Völkerwanderungszeit den Römern abnahmen, waren die Franken (daher der Name), und die Franken waren ein germanischer Stamm.

Das alles ist nun aber schon viele Jahrhunderte her. Irgendwann im Frühmittelalter, also um das Jahr 500, hörte man auf deutschem Boden auf, von den Germanen zu sprechen, wenn man sich selbst meinte - der Begriff ist in unserer Heimat ohnehin nicht besonders populär gewesen. Stattdessen entstand vielerorts ein neues Herkunftsbewusstsein - nun war man vor allem Bayer, Sachse, Böhme, Friese oder Franke. Auch in Skandinavien sprach man nicht mehr von Germanen, dort nannte man sich selbst Däne, Schwede oder Norweger, während man überall sonst als "Nordmann" bekannt und vor allem gefürchtet war - spätestens seit dem Normannensturm (Wikinger), der im späten 8. Jahrhundert begann.

Bis man sich hierzulande als "Deutsch" bezeichnete, verging noch einige Zeit - der Begriff wurde ursprünglich auch gar nicht von unseren Vorfahren, sondern von den italischen Schreibern benutzt, um die Bewohner nördlich der Alpen zu benennen - man wählte hier wieder den Namen eines Volksstammes aus der Antike, nämlich die Teutonen. In anderen Ländern wurden wir nach anderen Volksstämmen benannt, so heißen wir bei den Spaniern und Franzosen bis heute noch "Alemannen" (Alemania, Allemagne), während wir bei den Briten die Germanen (Germans) blieben.

Von einem "Deutschen" Nationalbewusstsein kann man eigentlich erst ab etwa der Mitte des 19. Jahrhunderts sprechen, als auch der Wunsch aufkam, sich zu einer Nation zu vereinigen. Das Deutschlandlied aus dem Jahre 1848, welches heute unsere Nationalhymne ist, bringt diesen Wunsch zum Ausdruck ("Deutschland, Deutschland über alles" ist in dem Sinne gemeint, dass es das wichtigste ist, sich als ein vereinigtes Deutschland zu präsentieren und endlich zu einer Nation zusammenzuwachsen).

Doch bis aus diesem Bewusstsein auch völkerrechtlich ein echter Staat wurde, dauerte es noch bis zum Jahre 1871. Im Deutsch-Französischen Krieg vereinigte Bismarck die losen Fürstentümer nun endlich zu einem zusammenhängenden Reich, das auch den Krieg gewinnen konnte, und erst jetzt konnte man von den Deutschen als einem Volk sprechen. Zur Zeit der Germanen sind sie das aber nie gewesen, da war noch nicht einmal der Wunsch da, eines zu sein.

Woah, @LooveUu, da hat dir Markus PK aber eine exquisite, ausführliche und wirklich fundierte Antwort gegeben! Besser gehts nicht!

Zu ergänzen wäre bestenfalls, dass auch die Etikettierung der Deutschen als (Nachkommen der) Germanen während des 19. Jahrhunderst und später eine grobe Vereinfachung war. Denn auf dem Gebiet des neugegründeten Deutschen Reiches lebten ja auch Nachkommen der rechtsrheinischen Kelten und der Slawen. Es gibt sogar die These, dass die Teutonen, nach denen die Deutschen benannt sind, ein keltisches Volk war, das in der Gegend des Spessart gelebt hat.

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@Aleqasina

Und die Wenden nicht zu vergessen! =) Danke für die Anmerkung.

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@MarkusPK

Die Wenden hätte ich jetzt unter Slawen subsummiert. Wobei diese sich auch nicht als Slawen verstanden, sondern als Obotriten, Rugier, Sorben, Pomoranen oder wer weiß nicht was alles. Also auch "nur" eine Sprachfamilie.

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Vielen, vielen Dank;) Ich glaub du hast meine ganze Präsentation gemacht haha:D Ich verstehe das Thema jetzt wirklich viiiiiel besser, also danke:) 

Hast du Geschichte oder so studiert? Oder interessierst du dich einfach dafür?:)

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@MarkusPK

Ich hätte da noch eine Frage an dich: Ich verstehe die Zusammenhänge der Germanen nicht so ganz. Also manchmal wird von Stämmen gesprochen, dann wieder von Sippen und dann von den Cheruskern z.B. waren die dann ein Stamm oder eine Sippe oder was ist da genau der Unterschied?

Und in manchen Seiten steht, dass sie von einer Adelsschicht beherrscht wurden und in manchen steht, es hätte einen Häuptling gegeben.

Ich hoffe, du verstehst, was ich meine:)

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@LooveUu

Das kann ich dir hier jetzt nicht alles im Detail erklären. Es kommt hier ganz auf die Zeit an, über die wir sprechen. Die Franken waren zur Zeit Cäsars zum Beilpiel noch eine eher unbedeutende Sippe, waren dann im 5. Jahrhundert einer der bedeutendtsten Stämme. Zu Beginn hatten diese wohl auch nur einen aus der Adelsschicht gewählten "Häuptling" (lateinisch dux), während sie später von einem (ebenfalls gewählten) "König" (lat. rex) gefürt wurden. Einen genauen Unterschied zwischen Stamm und Sippe gibt es da nicht, es sind nur verschiedene Begriffe, die man willkürlich benutzen kann, je nachdem, wie groß die Volksgruppe ist. Aber fest definierte Gerenzen, wann eine Sippe zu einem Stamm wird, gibt es nicht.

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@MarkusPK

Vielen, vielen Dank für die Antwort:)

Ich hätte noch eine Frage. Ich weiß ich frage dich sehr viel und ich bin dir auch wirklich seehr dankbar.

Also was würdest du sagen sind wichtige Geschichtliche Ereignisse der Germanen? Wichtige Schlachten oder so

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@LooveUu

Informiere dich mal über den Krieg der Römer gegen die Kimbern und Teutonen, Cäsars Germanienfeldzüge, natürlich die Varusschlacht im Teutoburger Wald und auch die Germanienexpansion unter Marc Aurel. Außerdem solltest du vielleicht noch die Grundungsdaten der ostrheinischen Römerstädte wie Köln, Mainz, Trier, Xanten und Baden-Baden nachschlagen. Wenn du die Blickpunkte auch bis in die Spätantike und das Mittelalter hin ausweiten möchtest, solltest du dich auch über die Völkerwanderung der germanischen Völker, vor allem Goten, Vandalen, Franken und Langobarden informieren. Und als letztes Kapitel ist natürlich auch der Normannensturm ein Thema, denn auch die Wikinger sind ja Germanen gewesen.

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@MarkusPK

Vielen Dank! Ich hab noch eine Frage, aber das ist jetzt wirklich die letzte:D

Ich brauche einen Einstieg in das Thema also ich kann nicht sagen:Mein Thema sind die Germanen, sondern ich brauche eine richtige hinleitung zu dem Thema. Hättest du vielleicht irgendeine Idee, wie man zu dem Thema hinleiten könnte?:)

Nochmal viiiiiiiiiielen Dank

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@LooveUu

Und du hast ja gesagt, dass jeder deutsche noch germanen gene hat und dazu noch eine Frage. Ich finde in meinen Büchern nichts darüber, wie das genau aufgehört hat. Also du hast ja gesagt um 500 vor chr hat man aufgehört von den germanen zu sprechen, aber warum? Also wo habe sie da gewohnt und so?

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@LooveUu

Nein, erst etwa 500 NACH Christus. Und sie selbst haben sich wie gesagt nie Germanen genannt, es war eine Fremdbezeichnung. Im Frühmittelalter hatte sich der Begriff dann erübrigt, weil viele germanische Stämme ihr ursprüngliches Siedlungsgebiet während der Volkerwanderungszeit verließen und auf dem Boden des (untergegangenen) römischen Reiches neue Reiche gründeten.

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@LooveUu

Dazu müsste ich wissen in welcher Unterrichtseinheit ihr über dieses Thema sprecht. Was war denn vorher als Thema dran? Hat außer dir noch jemand ein Referat gehalten? 

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@MarkusPK

Danke:) Nein, das soll der Einstieg in das Thema sein. 

Also während der Völkerwanderung sind die Germanen, da sie auf der Flucht vor den Hunnen waren nach Rom geflohen oder?

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@LooveUu

Und dann gab es Kriege und das weströmische Reich ging unter. Und die Germanen haben dann da noch weitergelebt oder wie?

Also hab ich das so richtig verstanden?:)

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@LooveUu

Sie waren nicht auf der Flucht vor den Hunnen. =) Eine Klimaveränderung zwang sie dazu, denn durch eine starke Abkühlung, so etwas wie eine Mini-Eiszeit, waren Ernteausfälle und Hungersnöte die Folge. Dies zwang einige Völker dazu, nach Westen zu ziehen und sich dort von den Leuten das zu holen, was sie zum Leben brauchten. Die Hunnen waren nur eines von vielen Völkern, die durch derartige Kriegszüge die politische Landkarte neu zeichneten. Aber auch germanische Völker wie die Franken, die Goten, die Alanen und die Vandalen waren kaum weniger kriegsfreudig.

Auf dem Boden des ehemaligen römischen Reiches fanden sie neue Siedlungsgebiete, und nicht IN Rom. Vor allem in Gallien (Frankreich), aber auch in den östlichen Provinzen, auf dem Balkan, und sogar in Nordafrika fanden sie eine neue Heimat.

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@LooveUu

Also für deinen Einstieg könntest du so anfangen, dass du erst einmal in deiner Klasse fragst, woher denn so die Vorfahren deiner Mitschüler kamen. Sie sollen soweit zurückgehen, wie sie können. Da wirst du einige Überraschungen erleben, aber bei den meisten wird es wohl darauf hinauslaufen, dass sie sagen, ihre Vorfahren waren Deutsche. Und dann kanns du mit der Frage weitermachen: Wo kamen die Deutschen her? Irgendeiner wird bestimmt dann die Germanen ins Spiel bringen, und da beginnst du dann dein Referat.

Ich hoffe, das hilft dir!

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@MarkusPK

Achsoo danke. Ich habe dich wirklich sehr vielgefragt und ich bin dir auch sooo dankbar darüber. Ohne dich hätte ich das alles nicht so gut verstanden also wirklich vielen Dank:)

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Die Germanen ist eine ziemlich ungenaue Sammelbezeichnung der Römer für verschiedene Völker östlich des Rheins und nördlich der Donau, was archäologisch, historisch und sprachwissenschaftlich aber alles andere als  exakt ist.

Um dir aber doch ein paar Daten zu geben: Nach einer älteren Tradition der Archäologen sind die Germanen aus der Jastorf-Kultur im nördlichen Deutschland hervorgegangen. Sagen wir mal, ab 600 v. Chr. kann man von Germanen sprechen. Mit der Etablierung des Frankenreiches als einigemermaßen stabiler Machtfaktor in Westeuropa unter Chodwig ist es nicht mehr sinnvoll, von Germanen als Völkerschaften zu sprechen. Sie gingen in den frühmittelalerlichen Reichen auf.

Na jaaa... Als Begriff der modernen Geschichtsforschung können wir das in etwa Jahr 600 v.Chr. als Marker nehmen, um von den Germanen als eine eigene Sprach- und Kulturgruppe zu sprechen. Sie selbst haben sich aber so nie gesehen, denn dort herrschte noch ein Stammes- und kein Nationalbewusstsein. Das hast du wahrscheinlich auch so gemeint. Aber der Begriff "Germane" ist erst bei Poseidonius von Apameia belegt, und der schrieb erst im Jahre 80 v. Chr.

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Die Germanen waren ein Volksstamm der hauptsächlich aus Germanen bestand, sie lebten von etwa 3 v.chr. bis etwa 11 n.chr. 

Germanen haben den Römern andauernd eines auf Glocke gegeben. Mit dem Zerfall des römischen Reiches begann die Völkerwanderung und es bildete sich das Frankenreich aus.

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