Wer war Thukydides und was hatte er mit der Ilias zutun?

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1 Antwort

Thukydides war ein sehr bedeutender griechischer Geschichtschreiber, der im 5. Jahrhundert v. Chr. lebte. Er war ein Athener. Sein Vater hieß Oloros. Von ihm erbte Thukydides Besitzungen in Thrakien, Nutzungsrechte an Goldbergwerken eingeschlossen.

Thukydides hat den Peloponnesischen Krieg (431 – 404 v. Chr.) dargestellt, den er selbst erlebt hatte. An der Seuche, die 430 v.Chr. in Athen ausbrach und längeer Zeit wütete, ist er selbst erkrankt (Thukydides 2, 48, 3).

Thukydides war 424 v. Chr. einer der 10 athenischen Strategen (das Mindestalter für dieses Amt betrug 30 Jahre). Weil die Stadt Amphipolis verlorenging, wurde Thuykdides aus Athen verbannt. Nach Ende des peloponnesischen Krieges wurde die Verbannung aufgehoben und Thukydides kehrte nach Athen zurück. Er lebte noch einige Jahre, sein genaues Todesdatum ist aber nicht bekannt. In seinem Geschichtswerk konnte er offenbar, weil er vorher gestorben ist, Peloponnesischen Krieg nicht mehr vollständig darstellen (die Darstellung bricht bei Ereignissen des Jahres 411 v. Chr. ab).

Thukydides erklärt in der Einleitung seines Geschichtswerkes, mit der Beschreibung des Peloponnesischen Kriegs in der Erwartung beginnen zu haben, er werden groß und der denkwürdigste der bisherigen Krieg sein (1, 1, 1). Über die älteren Zeiten sei zwar nicht mit genauer Sicherheit etwas herauszufinden, aber aus Anzeichen/Indizien/Zeugnissen (τεκμήρια ) meine er schließen zu können, sie seien nicht groß gewesen, weder in Kriegen noch in anderen Sachen (1, 1, 2).

Eine Darstellung der früheren griechischen Geschichte (Thukydides 1, 2 – 19; ‹Archäologie› genannt), die unter dem Gesichtspunkt der Machtbildung geschrieben ist, dient dem Nachweis dieser Behauptung.

Thukydides greift literarische Überlieferung und archäologische Funde (z. B. Bauten, Siedlungsüberreste, Grabbeigaben) auf. Er bezieht sich manchmal auf die Topographie. Thukydides überlegt einen plausiblen Gesamtzusammenhang, der schlüssig ist. Er verwendet aus spätere Zeit Bekanntes, um in Analogie auf Sachverhalte zu schließen und die Vergangenheit zu rekonstruieren.

Am troianischen Krieg, an Homer und der Ilias, kann Thukydides schon deshalb nicht gut einfach vorbeigehen, weil die Überlieferung dazu umfangreich und verbreitet ist und der troianische Krieg eine Konkurrenz zu dem Gegenstand seiner eigenen Darstellung, dem Peloponnesischen Krieg, ist.

Ein erster Teil (Thukydides 1, 2 – 12) schildert und erörtert eine Phase der Instabilität und Machtlosigkeit bis zur Kolonisation (Kolonisation Zeichen für Ende dieser Phase). Die Ilias ist eine Darstellung eines Ausschnitts des troianischen Krieges im einem Epos. Thukydides zeigt zwar eine gewisse Zurückhaltung gegenüber dem geschichtlichen Wahrheitsgehalt des Mythos, indem zusätzlich eine Bemerkung der Art einschiebt, soweit Homer geglaubt werden könne, nimmt aber die Epen Homers als Ausgangspunkt für eigene Darstellung und Überlegungen. Diese sind eine rationale Kritik. Thukydides nimmt dabei zumindest einen geschichtlichen Kern an und zieht Schlüsse auf allgemeine Zustände.

Vor dem troianischem Krieg hat es seiner Überzeugung nach keine gemeinsame Unternehmung der Griechen gegeben, als Folge geringer Stärke und mangelnder Beziehungen zwischen den Griechen. Homer, am meisten Zeugnis dafür, hat sie nicht mit einem einheitlichen gemeinsamen Namen Hellenen (Ἕλληνες) genannt, sondern mal Danaer, mal Argeier, mal Achaier (Thukydides 1, 3, 1- 3).

Seeräuberei ist früher eine übliche Erscheinung gewesen. Alte Dichter zeigen dies an, indem eintreffende Schiffsreisende von den Einheimischen befragt werden, wer sie sind und was sie tun, darunter ausdrücklich, ob sie Seeräuber sind (Thukydides 1, 5, 1 - 2; als Beispiel für eine als feste Formel auftretende Frage könnte genommen werden: Homer, Odyssee γ 3. Gesang, Vers 71– 74; Homer, Odyssee ι 9. Gesang, Vers 252 – 255).

Aus der Angabe, Agamennon, in Erbfolge von Pelops abstammend, habe über viele Inseln geherrscht (Homer, Ilias Β 2. Gesang, Vers 100 – 108), schließt Thukydides, Agamemnons Macht habe vor allem auf einer Flotte beruht (Thukydides 1, 9, 4). Die Griechen seien ihm mehr wegen seiner Macht als wegen der Tyndareos (Vater der Helena; die Freier schworen, den ausgewählten Ehemann gegen Übergriffe zu verteidigen) geleisteten Eide gefolgt (1, 9, 1), nicht so sehr Agamemnon zuliebe (Odysseus äußert bei Homer, Odyssee ε 5. Gesang, Vers 306 – 307 dagegen, sich um der Atriden [Agamenmon und Menelaos waren Söhne des Atreus] willen an der Unternehmung beteiligt zu haben) als aus Furcht vor ihm (1, 9, 3).

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Kommentar von Albrecht
31.10.2012, 12:00

Thukydides bezieht sich auf den Schiffskatalog der Ilias, in dem die Zusammensetzung der griechischen Flotte in ausführlicher Auflistung beschrieben wird (Homer, Ilias 2. Gesang Β, Vers 484 – 760). Er nimmt eine dichterische Ausschmückung ins Größere an. Trotzdem sei die Streitmacht vergleichsweise mangelhaft gewesen. Thukydides deutet Angaben zu der Zahl der Besatzung als höchste und niedrigste Anzahl (die Schiffe der Boiotier 120 an, die Schiffe des Philoktetes 50 Mann). Für eine von ganz Griechenland gemeinsam ausgeschickte Streitmacht sei eine Anzahl, die pro Schiff einen Mittelwert annimmt (eine Berechnung ergibt immerhin 1200 x 85 = 102.000 Mann), nicht viel gewesen (Thukydides, 1, 10, 3 – 5). Offenbar ist dabei auch ein Gedanke, nicht die ganze Besatzung sei verfügbare Kampftruppe.

Die Ursache für eine nicht so riesige Streitmacht sei weniger Menschenmangel als Fehlen von Mitteln gewesen, vor allem das logistische Problem eines Mangels an Nahrung. Mit einer größeren Streitmacht hätten die Griechen Troia sehr rasch erobern können ((Thukydides, 1, 11, 1 – 2). Die lange Dauer des Krieges (10 Jahre) deutet Thuykdides als Anzeichen für eine nicht so gewaltige griechische Streitmacht.

Die griechische Unternehmung des Troianischen Krieg ist nach Thukydides nicht aufgrund einer schon großen allgemeinen Machtkonzentration möglich gewesen, sondern aufgrund günstiger Bedingungen der Seefahrt. Nur ein Teil der am Meer liegendem Städte hatte durch Seefahrt verhältnismäßig viel Macht.

Nützlich sind Nachschlagewerke zur Antike, griechische Literaturgeschichten und Bücher zu Thukydides, z. B.:

Simon Hornblower,Thukydides aus Athen. In: Der neue Pauly (DNP) : Enzyklopädie der Antike ; Altertum. Herausgegeben von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. Band 12/1: Tam -Vel, Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2002, Spalte 506 – 512

Antonios Rengakos, Thukydides. In: Handbuch der griechischen Literatur der Antike. Band 1: Die Literatur der archaischen und klassischen Zeit. Herausgegeben von Bernhard Zimmermann unter Mitarbeit von Anne Schlichtmann. München : Beck, 2011 (Handbuch der Altertumswissenschaft ; Abteilung 7, Band 1), S. 381 – 417

Holger Sonnabend, Thukydides. 2., unveränderte Auflage. Hildesheim ; Zürich : Olms, 2011 (Studienbücher Antike; Band 13). ISBN 978-3-487-12787-3

Antonis Tsakmakis, Thukydides über die Vergangenheit. Tübingen : Narr, 1995, S. 25 – 38

S. 38: „Die Hauptmerkmale der ersten Periode der griechischen Geschichte sind nach Thukydides folgende: es existieren keine permanenten Siedlungen, daher war keine Machtkonzentration möglich. Ebenso unmöglich war das Ansammeln größerer Geldmittel, aus dem politische Macht hätte entstehen können. Die Voraussetzungen dafür wurden erst durch Minos geschaffen, der die Seefahrt von der Gefahr der Seeräuber befreite: somit erfuhr der Seehandel einen Aufschwung und überseeische militärische Unternehmungen wurden möglich. Die neuen Möglichkeiten wurden von Agamemnon ausgenützt, der aufgrund finanzieller Überschüsse und militärischer Macht die Operation gegen Troia unternehmen konnte. Ein allgemeiner wirtschaftlicher und militärischer Aufschwung Griechenlands erfolgte erst viel später, weil dazu Stabilität und Frieden im Inneren der Städte notwendig waren.“

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