Wer versteht diese These des/ über Parmenides?

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3 Antworten

Die Textgrundlage, auf die beim Nachvollziehen der Gedanken Bezug genommen werden muß, ist das von Parmenides geschriebene Lehrgedicht.

Die Argumentation des Philosophen Parmnenides steht vor allem in FSV DK 28 B 8.

FVS = Fragmente der Vorsokratiker (eine Sammlung von Texten, VS bzw. FVS abgekürzt)

DK = Diels/Kranz, eine Standardausgabe dazu, herausgegeben von Hermann Diels und Walther Kranz, nach der die Zählung geschieht

Parmenides stellt Überlegungen über das Seiende als solches an. Sein bedeutet, etwas Bestimmtes zu sein.

Parmenides nimmt eine Gegenüberstellung von zwei Wegen forschender Untersuchung vor. Dies geschieht der logischen Struktur nach in einer Disjunktion (Verknüpfung zweier Aussagen durch das ausschließende »Entweder-oder«): Entweder gilt »ist« (»sein«) oder »ist nicht« (»nicht sein«). Es kann nicht zugleich beides sein, sondern das eine schließt das andere grundsätzlich aus (B4 und B 6). Parmenides hält allein den Weg des »ist« (Seiendes ist und es ist unmöglich, daß es nicht ist) für gangbar und der Wahrheit folgend. Der Weg des »ist nicht« (Seiendes ist nicht und nicht zu sein ist notwendig) wird von ihm zurückgewiesen (er nennt ihn einen Weg, von dem keine Kunde kommt), ebenso ein nicht eigenständiger dritter Weg, unterscheidungslos - gleichsetzend oder verwechselnd - »ist« und »ist nicht« für dasselbe zu halten.

Parmenides verbindet das Seiende mit dem erkennenden Denken und der Sagbarkeit/sprachlichen Ausdrückbarkeit: Er geht davon aus, erkennendes Denken bestehe in einem Erfassen von Seiendem und daher Wirklichem und sinnvolles Sagen müssse sich auf Seiendes beziehen (B 2; B 6, 1; B 8, 7 – 9; B 8, 17 – 18, B 8 32 – 36; B 8, 50 – 51). Einen Unterschied zwischen Gegenständen und Sachverhalten thematisiert er dabei nicht. Nicht-Seiendes (etwas, was nicht ist) zu denken und zu sagen, bedeutet nach seiner Argumentation soviel wie: nichts zu denken und sagen, was heißt: überhaupt nichts zu denken und zu sagen.

Parmenides hat so als Grundsätze 1. Ausschließlichkeit der Disjunktion von von »ist« und »ist nicht« und 2. Ablehnung des Weges des »ist nicht«. Indem er versucht, davon ausgehend streng logisch und folgerichtig das Seiende als ganz und gar seiend zu denken, ergeben sich bestimmte Merkmale des Seienden:

  • ungeworden/unentstanden und unvergänglich
  • ganz und homogen
  • unveränderlich und unbeweglich
  • unteilbar und kontinuierlich
  • einzig bzw. ein einziges Etwas
  • ohne Ende
  • zeitlos (ohneVergangenheit und Zukunft)
  • einer wohlgerundeten Kugel gleich


Parmenides verwendet einen indirekten Beweisversuch gegen Veränderung, indem er zu zeigen versucht, wie sich bei Annahme von Veränderung unhaltbare Folgerungen ergeben.

Ein Entstehen aus einem völligen Nichts wäre gedanklich nicht nachvollziehbar. Es würde ein zureichender Grund des Entstehens und damit einer Veränderung fehlen. Es ließe sich nicht angeben, wie und woraus etwas entsteht.

Wäre das Seiende entstanden, dann müßte es entweder aus Nicht-Seiendem oder aus Seiendem entstanden sein.

Aus Nicht-Seiendem könne es nicht entstanden sein, weil es 1. unmöglich sei, Nicht-Seiendes zu denken und zu sagen und 2. uicht einzusehen ist, welche Notwendigkeit das Seiende dazu gebracht haben könnte, früher oder später, aus dem Nicht-Seiendem hervorgehnd, zu entstehen.

Aus Seiendem könne das Seiende nicht entstanden sein, weil nichts neben dem Seiendem entstehen könne. Ein Entstehen über das Seiende hinaus wäre mit den Merkmalen der Vollständigkeit, Abgeschlossenheit und Ganzheit des Seienden unvereinbar. Werden/Entstehen und Vergehen implizieren Nicht-Sein, Unbegrenztheit/Unbestimmtheit und Unvollkommenheit. Ein Seiendes, für das ein Entstehen angenommen wird, wäre nicht ganz und gar seiend, sondern nur mit Einschränkung seiend.

Aus einer Unmöglichkeit des Werdens/Entstehens und Vergehens folgt eine Unmöglichkeit von Veränderung, weil Werden/Entstehen und Vergehen die einzige für das Seiende als solche mögliche Form von Veränderung ist. Veränderung betrifft einen Übergang von Nicht-Sein zu Sein oder von Sein zu Nicht-Sein in Form eines Noch-nicht oder Nicht-mehr. Ein sich veränderndes Seiendes wäre nach der Veränderung anders und dies bedeutet nicht-seiend.

Parmenides versucht den Weg des »ist« von allen Vermengungen mit dem Weg des »ist nicht« freizuhalten.

Bei den grundlegenden Annahmen, zu denen Parmenides in seiner Philosophie gelangt ist, verstößt Veränderung gegen Denkgesetze.

Parmenides gibt zu einer Welt der Veränderung eine Darstellung eines Scheins, zu dem die Meinungen trügerisch sind und zu dem höchstens Wahrscheinlichkeit erreichbar ist.

Wenn Veränderung also nicht als wahre Wirklichkeit gilt, steht dies in der Tat in offenkundigem Gegensatz zu der Erfahrung, die Sinneswahrnehmung liefert. Parmenides wirft das Problem auf, wie Veränderung möglich ist. Wer eine Antwort geben will, übernimmt die Aufgabem, dies stimmig zu denken und zu erklären.

Gegenüber Parmenides wäre etwas bei dessen grundlegenden Annmahmen abzuändern. Wesentlich ist dabei, Nicht-Seiendes nicht ausschließlich als schlechthin nicht-seiend, also überhaupt nichts, zu verstehen, sondern auch etwas, das nur in Bezug auf irgendetwas etwas Bestimmtes nicht ist, als gedankliche Möglichkeit zu verwenden.

Literatur mit Erörterung der Gedanken bei Parmenides:

Christof Rapp, Vorsokratiker. Originalausgabe. 2., überarbeitete Auflage. München : Beck, 2007 (Beck'sche Reihe : Denker ; 539), S. 115 - 129

Manfred Kraus, Parmenides. In: Frühgriechische Philosophie. Halbband 1. Herausgegeben von Dieter Bremer, Hellmut Flashar und Georg Rechenauer (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 1/1). Basel ; Stuttgart : Schwabe, 2013, S. 469 - 476

Wolfgang Röd, Die Philosophie der Antike 1 : von Thales bis Demokrit. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. München : Beck, 2009 (Geschichte der Philosophie. Herausgegeben von Wolfgang Röd ; Band 1), S. 121 - 122:

„Als „Zeichen" auf dem Weg zur Erkenntnis des Seienden führt Parmenides an: „Unentstanden", „unvergänglich", „ganz", „unbeweglich", „ohne Ende", „ohne Vergangenheit und Zukunft" (d.i. „zeitlos"), „eines" und „kontinuierlich" (B 8.3-6).

Das ontologisch fundamentale Attribut ist das der Einheit des Seienden (τὸ ἐὸν) gegenüber der Vielheit der Dinge (τὰ ἐόντα). Die Parmenideische Argumentation zugunsten der Einheit hat Theophrast folgendermaßen zusammengefaßt: „Was vom Seienden verschieden ist, ist kein Seiendes; was kein Seiendes ist, ist nichts; also ist das Seiende eines“ (A 28).

Die Bestimmung der Unveränderlichkeit des Seienden hängt offenbar von der Bestimmung der Zeitlosigkeit ab. Da vom Seienden im Sinn absoluter Wahrheit, d.i. in analytischen Sätzen, nur prädiziert werden kann, daß es ist, und da Parmenides „ist" als Gegensatz zu „war" und „wird sein" versteht (28 B 8,5: οὐδέ ποτ' ἦν οὐδ' ἔσται, ἐπεὶ νῦν ἔστιν), ergibt sich die Konsequenz, daß das Seiende nicht geworden sein und nicht enden kann. Es gibt kein Werden, keine Veränderung des Seienden, wobei sich Parmenides wieder auf einen analytisch wahren Satz stützt: Es ist unmöglich, etwas zugleich als gegenwärtig und als vergangen bzw. als zukünftig auszusagen. Wie schon im Falle des Satzes „Das Nicht-Seiende ist nicht" deutete er aber auch die auf Grund der Grammatik selbstverständliche Tatsache der Unvereinbarkeit von Präsens- und Präteritum- bzw. Futuraussage in inhaltlicher und keineswegs mehr selbstverständlicher Weise, und zwar als Unvereinbarkeit von Sein und Gewordensein. Die Behauptung, daß das Seiende geworden sei bzw. daß es im Werden, in der Veränderung begriffen sei, erscheint daher unter Parmenides' Voraussetzungen als unhaltbar.

Gegen die Annahme, daß das Seiende entstanden sei, argumentierte Parmenides auch in Form eines indirekten Beweises, so daß er, und nicht erst der Eleate Zeno, als Schöpfer dieser Argumentationsform anzusehen ist. In B 8.6 wird die Frage aufgeworfen, welche Entstehung des Seienden angenommen werden könne. Zwei Antworten, die eine vollständige Disjunktion bilden, sind möglich: Das Seiende ist entweder aus dem Seienden entstanden oder aus dem Nicht-Seienden. Zu sagen: das Seiende ist aus dem Seienden entstanden, heißt wegen der strikten Einheit des Seienden, es als nicht-entstanden auffassen, während die Annahme, daß es aus Nicht-Seiendem entstanden sei, hinfällig ist, da sie gegen das hier hier stillschweigend vorausgesetzte Prinzip verstößt, daß nichts aus nichts werden kann (B 8.7-8; cf. B 8.12- 13). Wenn aber - so ist das Argument zu ergänzen - aus einer Annahme Unmögliches folgt, dann ist die Annahme selbst unmöglich. An ihre Stelle hat die entgegengesetzte Annahme zu treten. Es verdient angemerkt zu werden, daß Parmenides einen auch von Kant geäußerten Gedanken entwickelt, wenn er erklärt, unter der Voraussetzung, daß das Seiende aus nichts entstanden sei, könne kein zwingender Grund dafür angegeben werden, daß es eher zu diesem als zu jenem Zeitpunkt entstanden sei (cf. B 8.9-19).

Das Problem, um dessen Lösung sich Parmenides bemühte, läßt sich […] nur verstehen, wenn man sich vergegenwärtigt, daß mit dem Ausdruck „Nicht-Seiendes" zugleich das Vakuum, der leere Raum gemeint ist. Parmenides bekämpfte demnach die Ansicht, es gebe das Leere. Da das Leere offenbar kein Seiendes ist, läßt es sich nicht einmal aussprechen, geschweige denn erkennen, so daß sich die Konsequenz ergibt, das Seiende sei ein Ganzes, das homogen (B 8.22: ὁμοῖον) und kontinuierlich (B 8.25: ξυνεχὲς) ist. Daher gilt: „Alles ist voll vom Seienden" (B 8.24: πᾶν δ’ ἔμπλεόν ἐστιν ἐόντος).

Im Lichte dieser Auffassung wird es möglich, aus der Negation des Leeren eine Reihe der Attribute des Seienden abzuleiten. Es ist nicht nur wegen der Unmöglichkeit des Vakuums ein Ganzes, sondern auch unteilbar, weil bei der Teilung etwas zwischen die Teile treten müßte, das Nicht-Seiendes wäre. Wenn es aber Teile des Seienden nicht geben kann, dann ist es unmöglich, vom Seienden in der Mehrzahl zu sprechen; das Seiende ist im strengen Sinne des Wortes Einheit. Wenn weder Teile des Seienden noch ein Vakuum gedacht werden können, dann läßt sich keine Bewegung innerhalb des Seienden denken. Auch das Seiende als ganzes muß unbewegt sein, denn da es stets dasselbe bleibt und an demselben Ort verharrt, ruht es (B 8.29-30). Es ist mit Notwendigkeit in seine Grenzen eingeschlossen und bewegt sich daher auch als Ganzes nicht, - was konsequent ist, da es ja keinen leeren Raum gibt, in dem es sich bewegen könnte (cf. Plato Theaet. 180 E). Infolgedessen gibt es weder innerhalb des Seienden Seienden Bewegung und Veränderung, noch vermöchte sich das Seiende als Ganzes zu bewegen.“

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Parmenides ist einer der ersten in der Reihe bis Epikur. Im Brief an Herodot zitiert der Atomist Epikur genau den Satz "Nichts entsteht aus dem Nichts" als eine Grundhypothese des Atomismus. Und dennoch ist alles ununterbrochen in Bewegung (Heraklit). Bei Parmenides bezieht sich die Aussage auf das Sein als solches. Das Sein ist ewig existent - aber in sich in ständigem Wandel (Heraklit). Das ist eine "materialistische Grundthese" und richtet sich gegen einen Schöpfungsmythos, wonach ein Göttliches das Sein aus dem Nichts in die Existenz gebracht hätte (was ja auch in sich widersprüchlich ist, denn ein Göttliches ist ja nicht Nichts). Sein Schüler soll Leukipp gewesen sein, der erste Atomist, dessen Schüler Demokrit und am Ende Epikur.

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Kommentar von MrAnonymous1
05.04.2016, 12:23

Und wie soll Veränderung nicht möglich sein?

0
Die kürzere Antwort für diejenigen die bald eine Prüfung schreiben, entnommen aus der langen Antwort:

Parmenides' Merkmale des Seienden:

  • ungeworden/ unentstanden und unvergänglich
  • ganz und homogen
  • unveränderlich und unbeweglich
  • unteilbar und kontinuierlich
  • einzig bzw. ein einziges Etwas
  • ohne Ende
  • zeitlos (ohne Vergangenheit und Zukunft)
  • einer wohlgerundeten Kugel gleich

Parmenides verwendet einen indirekten Beweisversuch gegen Veränderung, indem er zu zeigen versucht, wie sich bei Annahme von Veränderung unhaltbare Folgerungen ergeben.

Ein Entstehen aus einem völligen Nichts wäre gedanklich nicht nachvollziehbar. Es würde ein zureichender Grund des Entstehens und damit einer Veränderung fehlen. Es ließe sich nicht angeben, wie und woraus etwas entsteht.

Wäre das Seiende entstanden, dann müsste es entweder aus Nicht-Seiendem oder aus Seiendem entstanden sein.

Aus Nicht-Seiendem könne es nicht entstanden sein, weil es 1. unmöglich sei, Nicht-Seiendes zu denken und zu sagen und 2. nicht einzusehen ist, welche Notwendigkeit das Seiende dazu gebracht haben könnte, früher oder später, aus dem Nicht-Seiendem hervorgehend, zu entstehen.

Aus Seiendem könne das Seiende nicht entstanden sein, weil nichts neben dem Seiendem entstehen könne. Ein Entstehen über das Seiende hinaus wäre mit den Merkmalen der Vollständigkeit, Abgeschlossenheit und Ganzheit des Seienden unvereinbar. Werden/ Entstehen und Vergehen implizieren Nicht-Sein, Unbegrenztheit/ Unbestimmtheit und Unvollkommenheit. Ein Seiendes, für das ein Entstehen angenommen wird, wäre nicht ganz und gar seiend, sondern nur mit Einschränkung seiend.

Aus einer Unmöglichkeit des Werdens/ Entstehens und Vergehens folgt eine Unmöglichkeit von Veränderung, weil Werden/Entstehen und Vergehen die einzige für das Seiende als solche mögliche Form von Veränderung ist. Veränderung betrifft einen Übergang von Nicht-Sein zu Sein oder von Sein zu Nicht-Sein in Form eines Noch-nicht oder Nicht-mehr. Ein sich veränderndes Seiendes wäre nach der Veränderung anders und dies bedeutet nicht-seiend.

Parmenides versucht den Weg des „ist“ von allen Vermengungen mit dem Weg des „ist nicht“ freizuhalten.

Bei den grundlegenden Annahmen, zu denen Parmenides in seiner Philosophie gelangt ist, verstößt Veränderung gegen Denkgesetze.

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