Wer hat Erfahrung zum Thema Dyskalkulie?

5 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Hallo Schnebi,

unter Begabungsdiagnostik stellt man sich etwas vor, was einem eine Auskunft darüber gibt, ob ein Kind etwas können kann oder ob es daran durch "Begabungsmangel" gehindert ist. Das ist eine Vorstellung, die wegen der Probleme, die das Kind hat, dem Kind einen grundlegenden Mangel andichten will. Man könnte auch sagen, die Behauptung ist, das Kind sei krank.

Viele Eltern und LehrerInnen stellen sich unter Rechenschwäche eine Krankheit vor. Das ist sie aber nicht. Insofern kann man sie auch nicht diagnostizieren im Sinn von ja oder nein. Den Begriff Rechenschwäche gibt es nur deshalb, weil es in der Schule als Abweichung betrachtet wird bzw. mancher es so betrachten will, wenn man große Schwierigkeiten mit dem Rechnen hat. Für viele Leute ist Rechnen so selbstverständlich, dass sie dann nach Gründen außerhalb des mathematischen Denkens und Lernens suchen. Die Kinder werden in der Folge nicht mehr oder falsch gefördert.

Ein Intelligenztest wird keine Sicherheit stiften. Hinterher ist man genauso schlau wie vorher. Wenn der Intelligenztest die Rechenschwäche bestätigt, was dann? Wenn die Wahrnehmung Grund zur Besorgnis gibt, ist das dann hilfreich? Wenn das Kind gestreßt ist, wars vielleicht bloß eine Folge der Überforderung in Mathe, für die dann aber auch noch keine Abhilfe in Sicht ist - am besten wäre es zunächst einmal, die Schule würde es einfach lassen, das Kind mit Rechenaufgaben zu dransalieren, deren begriffliche Grundlage bei dem Kind einfach nicht vorhanden ist. Verstehen kann man nicht üben! Das leuchtet sogar noch jedem Lehrer ein. Trotzdem empfehlen die meisten von ihnen: üben, üben, üben (wie z.B. auch in dem Buch von Rainer Dürre).

Aber was ist dann Rechenschwäche (Google-Knol-Artikel zur Rechenschwäche):

http://knol.google.com/k/friedrich-h-steeg/rechenschw%C3%A4che-informationen-und/35amgw828zuhn/1#

Eine vernünftige Vorgehensweise wäre die, erst mal durch eine eingehende Förderdiagnostische Untersuchung (Lernstandsanalyse) genau abzuklären, was das Kind in Mathe verstanden hat und was nicht! Das ist eigentlich etwas, was jede LehrerIn können sollte, wo aber der Irrtum besteht, das wäre durch die Benotung schon geleistet. Wie soll ich durch das Abzählen von Fehlern und vergleichen mit der Anzahl von Fehlern anderer Schüler (z.B. auch beim IQ-Test)jemals herausbekommen, was ein Schüler verstanden hat und wie, welche Fehler er macht, welche eigenen Strategien er anwendet usw. Dafür braucht man ein individuelles diagnostisches Interview.

Gruß yacofred

Vielen Dank für deine ausführliche Antwort. Grundsätzlich denke ich, das Dyskalkulie eine "Diagnose" ist, die wohl für viele bereits erwachsene Menschen zutreffend gewesen wäre, sie haben und werden es glücklicherweise nur nie erfahren, weil es damals einfach nicht untersucht wurde. Meiner Meinung nach wird in der heutigen Zeit jeder menschlichen "Schwäche" ein Fachbegriff verpasst, damit bekommst du einen Stempel, den du dein Leben lang tragen musst. Ich lasse den Test für meinen Sohn vorrangig deshalb machen, weil er, lt. Auskunft des Arztes, bei diagnostizierter Dyskalkulie wegen dem Fach Mathematik nicht mehr sitzenbleiben kann. Ich finde dies sinnvoll, weil ich auch denke, dass in diesem Fall eine Wiederholung der Klasse nicht viel bringt. Im Übrigen ist er in allen anderen Fächern recht gut!

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Hallo Schnebi,

Du hast natürlich recht, wenn Du verhindern willst, dass Dein Sohn die Klasse nicht wiederholen müssen sollte. Eigentlich müssten LehrerInnen selbst erkennen können, dass eine Wiederholung derselben untauglichen Übungen und Belehrungen Deinem Sohn nichts helfen wird. Wenn sie also eine Bescheinigung verlangen, solltest Du natürlich eine vorlegen können, damit Dein Sohn nicht die Klasse wiederholen muß. Damit ist aber noch keine echte Hilfe gewährleistet. Um Eltern ein paar Argumente zu liefern und erste Schritte zur Hilfe zu geben, habe ich vor einigen Jahren einen Artikel geschrieben: "Mein Kind ist vielleicht rechenschwach - was nun ?" abrufbar unter: http://www.rechenschwaecheinstitut-volxheim.de/eltern.html Gruß yacofred

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Oh man! Ich habe selbst Dyskalkulie und komme jetzt in die elfte Klasse des Gymnasiums. Ich beschäftige mich seit der vierten Klasse mit diesem Thema und habe mich da endlos lange mit auseinander gesetzt. Ich kann dir sagen: Der Kampf ist hart. Ich habe echt schlechte Erfahrungen gemacht und hasse nicht mehr als Zahlen und rechnen. Du solltest allerdings wissen, dass man mit dem Problem Dyskalkulie oft alleine gelassen wird. Es wird geschätzt, dass 35% der Überführungen von Schülern auf Sonderschulen auf nicht erkannte Dyskalkulie zurückzuführen sind. Erschreckend. Nur wenige haben je davon gehört. Kaum einer wweiß Näheres. Therapiemöglichkeiten sind teuer. Weder Schule noch sonst iregndjemand übernimmt die Kosten. Bei deinem Kind müssen erst schwerwiegende psychische Störungen vorliegen bis das Jugendamt das Einverständnis gibt die Therapie zu bezahlen (wenn das Kind soweit ist, ist es natürlich schon fast zu spät. Wer möchte es bitte soweit kommen lassen??????) Es gibt Einzelfälle in denen das Jugendamt usw. die Kosten übernehmen. Das ist allerdings sehr selten. Oh oh...kann gar nicht alles aufschreiben. Ich habe seit der zweiten Klasse regelmäßige Nachhilfe, habe immer gelernt und gearbeitet. Ergebnis: 5. Immer. Ich bin durch die Hölle gegangen. Wie ich mein Abi in Mathe schaffen soll, weiß ich nocht nicht (bins ansonsten gut in der schule). Aus der Dyskalkulie ergeben sich so wahnisinnig viele Probleme. Seit einem halben Jahr wurden die Sprüche der anderen immer schlimmer. Das Allerwichtigste bei Kindern mit Dyskalkulie ist, dass du sie aufklärst, dass sie nicht dumm sind!!!!!! Nich einmal oder zweimal, nein, immer wieder (ich spreche aus Erfahrung). Aus meinen Recherchen weiß ich natürlich, dass ich nicht 'zu dumm' bin, aber wenn deine gesamte Klasse, 30 Leute, dir das jeden Tag erzählen, du seit 10 Jahren Misserfolge hast und immer wieder scheiterst, die Lehrer dich vorführen und dir sagen, wie faul du bist, dann gibst du irgendwann auf. Ich denke nicht, dass es bei jedem so extrem läuft wie bei mir, aber das Gefährlichste sind die Gefahren von psychsichen Störungen und Auffälligkeiten durch die Dyskalkulie. Informier dich gut im Internet und lies alles was du finden kannst!! Habe keine Lust mehr zu schreiben. Aber pass auf, wie sich dein Kind im Bezug auf Mathe entwickelt. Fächerübergreifendes bis komplettes Schulversagen, Prüfungsangst, physische Probleme und Schulverweigerung sind keine Seltenheit (nach Jahren der Resignation). Bei Fragen stehe ich gerne zur Verfügung. Alle Gute. :) Lalill

Testergebnisse sind schon wichtig, können aber immer nur Anhaltspunkte für weiteres Arbeiten sein, da die Ergebnisse immer in Ausnahmesituation (Testsituation) zustande kommen. Fördermöglichkeiten gibt es - wichtig ist, dass betroffenen Kindern geholfen wird, da sie ohne Förderung irgendwann nicht mehr weiterkommen. Wichtig ist, die Grundlagen gut zu erarbeiten. Hierzu ein Buchtipp: "Fit trotz Rechenschwäche" von Rainer Dürre. Viel Interessantes zum Thema auch auf der Internetseite: www.schulleben.com

Schau mal auf die Seiten des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie e.V. Dort findest du viel Information zum Thema. www.bvl-dyskalkulie.de

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