Welches Versprechen hat die Philosophie im 20. Jahrhundert durch das Ausbleiben ihrer Verwirklichung gebrochen?

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5 Antworten

Hi,- ich würde die vorgetragenen Ansätze vielleicht um einen weiteren erweitern wollen, der sich in Adornos "Dialektik der Aufklärung" findet.

Dieses Werk formuliert aus meiner Sicht eigentlich die Grundgedanken, die dann auch in dein Thema hineinwirken.

Man kann eigentlich nicht sagen, dass die Philosophie ein Versprechen gebrochen hat. Philosophie ist nur das wert was die Menschen daraus machen. Was Adorno grundsätzlich kritisiert ist die Philosophie als verpaßte Chance und das Fehlen einer Theorie innerhalb der Philosophie, die dem Mißbrauch eigener Versprechen auf eine tatsächliche Verbesserung der Lebensverhältnisse entgegenwirken könnte.

Was meint er konkret: Für Adorno ist Philosophie im Kern = Aufklärung.

Philosophie galt seit Descartes als Überwindung der Bevormundung des Menschen durch Religion und deren anti-emanzipatorische Mechanismen.

Das Versprechen der Philosophie der Aufklärung ist die Emanzipation des Menschen durch die ihm eigene Fähigkeit, die Welt als vernunftbegabtes Subjekt rational zu erkennen und zu gestalten wobei sich in diesem Ansatz unbemerkt die Gleichsetzung von rational = gut eingeschlichen hat.

Adorno zeigt nun auf, dass aus seiner Sicht die Aufklärung bislang gescheitert ist da, zusammengefaßt, nicht "ein dumpfer Götzenglauben durch einen freien Verstand überwunden sondern nur ein alter Götze durch einen neuen ersetzt wurde" wobei sich die Qualität als dumpfe Glaubensdogmatik erhalten hat.

Dabei identifiziert er die "feindliche Übernahme" des Aufklärungsbegriffes durch den Positivismus und das damit verbundene Paradigma einer Welt der formallistisch-technischen oder mathematisch-empirischen Erfassung eines, an sich bereits faktisch Gegebenen, welches nur entdeckt, beschrieben und insbesondere verwertet aber nicht gestaltet werden kann als das eigentliche Problem. Das autonome Subjekt autonomer Ideen verschwindet erneut in einem neuen "Glaubensdiktat" welches unter dem Etikett der "Vernunft" nur noch die Umsetzung empirischer und ökonomischer Axiome kennt und diesen zu folgen hat, um als "vernünftig" zu gelten.

Dies mündet dann auch in seiner Kritik von Theorien, die, wie Hegel oder Marx eine "Befreiung des Menschen" als unaufhaltsamen Prozeß der "Vernunft" entwerfen ohne jedoch eben das positivistische Paradigma in Frage zu stellen, welches aus Sicht Adornos der Kern dafür ist, dass der Mensch nur verschiedene Formen der Unfreiheit gegeneinander ausgetauscht hat.

Soweit dieser Ansatz in Kürze zusammengefaßt.

Gruß


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Hallo notensafe,

im Unterschied zu ComteCagliostro würde ich doch denken, dass Adorno sich hier auf Hegel bezieht, und zwar auf dessen idealistische Geschichtsphilosophie, nach der die Entwicklung der Menschheit eine Richtung von der Barbarei zu der (immer höheren) Zivilisation hat.

Während Marx die historische Entwicklung als eine in Klassenkämpfen ausgefochtene Bewegung sieht, die nur in der Praxis stattfindet - die Philosophie hat da höchstens den Anteil daran, das Denken von althergebrachten Mythen zu befreien - und die damit nicht von Vorhersagen der Philosophen abhängt, sieht Hegel eine selbsttätige Kraft wirken, die Adorno als Versprechen der Philosophie ansieht.

In der weiteren Analyse stimme ich mit ComteCagliostro überein.

Gruß Friedemann

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Adorno bezieht sich hier speziell auf die marxistische Philosophie, man könnte es auch auf die Dialektik Hegels anwenden, aber ich glaube, das hat er nicht gemeint.

Ich versuchs mal geschichtsdialektisch zu erklären. Anfang des 20. Jhdts. brach in Russland eine Revolution aus, die versprach, die Philosophie des Karl Marx umzusetzen, zu verwirklichen, und so den Kommunismus als etwas real existierendes zu begründen. Dieses Versprechen wurde gebrochen. Sobald dieser Zustand erreicht worden wäre, wäre auch die Philosophie dazu überflüssig geworden. Also erhielt sich die Philosophie am Leben, indem die Verwirklichung auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben wurde. Dadurch entstanden dann auf Basis des Leninismus immer weitere philosophische Abhandlungen, die nicht nötig geworden wären, wäre der Kommunismus verwirklicht worden. Dies ist die erste These Adornos.

Daran schliesst die zweite an, die Praxis, also praktische Umsetzung der Philosophie, wurde vertagt, damit stellt sie keine Instanz des Einspruchs mehr da. Das ist wie Aufschieberritis, wenn sich einmal der Gedanke festgesetzt hat, ich mache es irgendwann, ist der Einwand, es doch jetzt zu tun, keine Instanz mehr. Es zählt nicht mehr, dass es jetzt getan wird, sondern es genügt sich vorzunehmen, es irgendwann zu tun. Und diese Beruhigung des Gewissens inklusive der Gründe, warum es jetzt noch nicht getan werden kann, nennt Adorno selbstzufriedene Spekulation. 

Indem also die Philosophie, die das Ende der Geschichte versprach, dieses Versprechen nicht einlöste, verdient sie es jetzt, rücksichtslos hinterfragt und kritisiert zu werden. Damit begründet Adorno, dass in der genannten Situation nur noch derjenige als wahrer Marxist und Philosoph zu gelten hat, der den Marxismus oder die Philosophie mit aller Härte kritisiert.

Ich hoffe, ich konnte weiterhelfen.

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Danke für's Sternchen ;-) - Vielleicht ja wieder ein kleines Pflastersteinchen auf dem langen Weg bis zu dem Ort wo Aufklärung wirklich existiert. :-)

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@grautvornix16, @comtecagliostro und @schmidtmechau

Vielen Dank für eure drei Antworten. Ich hätte nicht gedacht, dass sie so differenziert und qualifiziert ausfallen würden. Ihr habt mir sehr weiter geholfen!

Alex

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