Welchen Charakter hatte Anne Boleyn?

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4 Antworten

Um zu einer guten Einschätzung des Charakters zu kommen, ist eine gründliche Beschäftigung erforderlich. Dabei geht es darum, Beschreibungen, die Zeitzeugen von ihrem Charakter geben, zu ermitteln, aber auch kritisch zu prüfen (z. B. Plausibilität der Darstellung, Zuverlässigkeit, Interessen und (Anne Boleyn gegenüber eher wohlwollender/freundlicher oder abgeneigter/feindlicher Standpunkt) und viele Informationen zu sammeln, um aus ihrem Verhalten Rückschlüsse auf den Charakter zu ziehen ( wobei auch hier bei ihre zugeschriebenen Handlungen und Beweggründen Quellenkritik erforderlich ist.

Anne Boleyn hatte Gegner und Feinde, so Katharina von Aragon, deren Tochter Maria und ihre Anhänger, Katholiken und Leute, die sie durch Jane Seymour ablösen und davon Nutzen haben wollten.

Die Alternative „egoistisch“ oder „ganz normal“ halte ich für unglücklich formuliert.

Egoismus ist nicht etwas völlig Unnormales. Außerdem ist meiner Meinung nach nur eine bestimmte Art von Selbstsucht schlecht und es falsch, Egoismus und Altruismus als sich ausschließende Gegensätze einzustufen.

Egoismus ist eine Ich-Bezogenheit (das lateinische Wort ego heißt „ich"). Eigenliebe in dem Sinn, sich selbst zu lieben und für sich zu sorgen, kann eine gute Grundlage sein, auch andere Menschen lieben zu können und sich um ihr Wohlergehen zu kümmern. Eigene Interessen wahrzunehmen und einen Nutzen für sich selbst anzustreben, ist nichts an sich Verwerfliches, sondern zunächst einmal ein berechtigtes Ziel. In manchen Situationen kann ein Sorgen für das eigene Wohl als Selbstbehauptung für das eigene Überleben und Wohlergehen notwendig sein.

Schädlich ist ein bloß gieriger und tendenziell schrankenloser Egoismus. Rücksichtslos ist eine Eigennützigkeit und Selbstsucht, die Vorteile mit ausschließlichem Blick auf einen eigenen Nutzen auf Kosten anderer verfolgt und Interessen anderer grundsätzlich niemals als gleichermaßen berechtigt anerkennen mag.

Die Beziehung zwischen Ann Boleyn und Heinrich VIII. hatte ihren Ausgangpunkt nicht in einem gezieltem, kalkulierten Versuch ihrerseits, seine Gunst zu gewinnen. Heinrich VIII. hat begonnen, sich um Ann Boleyn zu bemühen. Ann Boleyn wollte nicht einfach nur eine Affäre oder Mätresse des Königs sein, sondern wollte, als Heinrich VIII. ihr Aufmerksamkeit entgegenbrachte und um sie warb, Ehefrau und Königin werden. Titel, Güter und Einnahmen waren eine gewisse Absicherung für eine Geliebte, auch unabhängig eine Lebensunterhalt zu haben, wenn sie die Gunst verlor und fallengelassen wurde (was keineswegs auszuschließen war und bei Herrschern dieser Zeit oft geschah).

Das Streben nach einer Stellung als Ehefrau und Königin zielte auch auf Sicherheit für sich, ihre Familie und zukünftige Kinder.

Ihre Schwester Mary Boleyn war einige Zeit vorher eine Weile Heinrichs Geliebte gewesen, bis sie dieser das Interesse an ihr verlor. Anne Boleyn wollte offensichtlich nicht dieses Schicksal wiederholen.

Anne Boleyn war intelligent. Überlegungen zur Zukunft anzustellen bedeutet aber nicht, bloß eiskalt berechnend zu sein und keine Gefühle zu haben.

Bei manchen Handlungen des Königs Heinrich VIII. wird ihr Einfluß vermutet. Beim Sturz des Lordkanzlers Thomas Wolsey war das Nichterreichen einer Eheannullierung seitens der katholischen Kirche/des Papstes wohl ausschlaggebend, wobei allerdings Heinrich VIII. selbst darüber unzufrieden war und Anne Boleyn/eine Boleyn-Gruppe etwas zu betreiben unternahm, dem der König ohnehin zuneigte.

Zwischen Anne Boleyn und Katharina von Aragon sowie deren Tochter Maria konnte das Verhältnis nicht gut sein, sobald Anne Boleyn bereit war, eine Beziehung mit Königs Heinrich VIII. einzugehen. Da Anne Boleyn mehr als eine Mätresse sein wollte, gab es unvereinbare Ansprüche und das schlechte Verhältnis ist von beiden Seiten gut nachvollziehbar. Heinrich VIII. hat die Vertreibung Katharinas, ihre Trennung von ihrer Tochter und andere Maßnahmen angeordnet, die zum Teil schikanös wirken. Eine Absicht, einen Widerstand, die Aufhebung der Ehe zu akzeptieren, kann vermutet werden. Anne Boleyn wollte ihre Stellung als Ehefrau und Königin anerkannt wissen und für eigene Kinder einen Vorrang in der Rangordnung klarstellen. Ein Versuch einer Annäherung an Maria Tudor ist daran gescheitert, diese wollte ihre Stellung als Königin nicht akzeptieren.

Heinrich VIII. hat kirchenpolitische Gegner zum Teil grausam behandelt, bis hin zur Hinrichtung (z. B. John Fisher und Thomas More) und Anne Boleyn wurde für solche schrecklichen Ereignisse von einer Reihe von Leuten im Volk verantwortlich gemacht, als wenn sie einen rechtschaffenen Herrscher durch böse Einflüsse vom rechten Weg abgebracht hätte. Ihr kirchenpolitischer Standpunkt kann den Anschein erwecken, von der Ehefrage bestimmt zu sein, doch war ihre religiöse Überzeugung allgemein einer Reform zuneigend und für eine Unabhängigkeit vom Papst.

Albrecht 09.09.2014, 07:28

Der fehlende männliche Thronerbe (nach der Geburt der Tochter Elisabeth gab es noch eine Tot- und eine Fehlgeburt) brachte Anne Boleyn unter Druck und die Zuneigung des Königs erkaltete.

Die Vorwürfe Gegen Anne Boleyn wegen mehrfachen Ehebruches, eines Inzest mit ihrem Bruder George Boleyn und einer Beteiligung an einer Verschwörung, den König zu ermorden und Regentin zu werden, sind nicht überzeugend. Nur der Lautenspieler Mark Smeaton (vermutlich gefoltert oder mit der Folter bedroht und ohne „Geständnis“ als Nichtadliger bei einer Verurteilung zum Tod einer besonders langen und brutalen Hinrichtung ausgesetzt) sagte einen angeblichen Ehebruch aus, während die übrigen Angeklagten ihre Unschuld beteuerten. Bei den Umstellungen ist in vielen Fällen nachweislich gar keine Gelegenheit zu einem Ehebruch gewesen.

Anne Boleyn wich von einem damals gängigen Leitbild der demütigen, gehorsamen, ergebenen, sich unterordnenden Frau um einiges ab.

Katharina von Aragon hatte keine Vorgängerin als Ehefrau und sie stand gar nicht vor der Frage, eventuell Mätresse zu werden. Beim Festhalten der Überzeugung von ihrem Status als rechtmäßige Ehefrau zeigte sie große Widerstandskraft.

Jane Seymour zielte wie Anne Boleyn in einer Hinhaltetaktik (vielleicht aufgrund von Ratschlägen aus einer politischen Gruppe) darauf, Ehefrau und Königin zu werden. Jane Seymour war zurückhaltend, ruhig, trat sanftmütig auf, war auf Ausgleich bedacht, versuchte eher indirekt mit Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit Einfluß zu nehmen. Ihre gewähltes Lebensmotto war „Bound obey and serve” („Zum Gehorchen und Dienen bestimmt“).

Charakter von Anne Boleyn

Nach dem Eindruck der Darstellungen waren Charaktereigenschaften Anne Boleyns:

Lebhaftigkeit (temperamentvoll), Charme, Leidenschaftlichkeit, Mut/Beherztheit, Schlagfertigkeit, Witz/Humor (manchmal zynisch bis sarkastisch), Scharfzüngigkeit, Zielstrebigkeit, Ehrgeiz, Selbstwertgefühl (bis hin zu Stolz; in feindlichen Darstellungen arrogantes und hochfahrendes Verhalten), Diskutierfreudigkeit, zu gedanklichem Tiefsinn fähig, zur Eifersucht fähig (wobei Sorge um ihre Stellung beteiligt ist), Großzügigkeit in der Wohltätigkeit als Königin gegenüber Armen (wie in dieser Rolle erwartet)

einige Informationen:

Dieter Berg, Heinrich VIII. von England : Leben - Herrschaft – Wirkung. 1. Auflage. Stuttgart : Kohlhammer, 2013 (Kohlhammer-Urban-Taschenbücher ; Band 736 : Geschichte, Politikwissenschaft). S. 48 – 57

S. 53: „Als noch problematischer erwiesen sich die allmählichen Veränderungen in den persönlichen Beziehungen des Königs zu Boleyn. Sie wird hierzu selbst beigetragen haben, da Heinrich sich bald an ihrem hochmütigen Auftreten, dem Widerspruchsgeist und der Scharfzüngigkeit gestört haben dürfte – Verhaltensweisen, die anfangs für den Tudor attraktiv gewesen sein mochten, auf die Dauer aber den höfischen Normen hinsichtlich der Ergebenheit der Königin gegenüber dem Herrscher widersprachen bzw. als inakzeptabel erschienen. Gleiches gilt für ihre arrogante Behandlung mächtiger Großer – wie des Herzogs von Norfolk – sowie des französischen Botschafters. Besonders enervierend werden für den Tudor Boleyns Klagen über seine eheliche Untreue bzw. Eifersuchtsszenen gewesen sein. Während der König Beziehungen zu Mätressen für selbstverständlich hielt, forderte Anna eheliche Treue und kritisierte öffentlich die außerehelichen Liebesbeziehungen Heinrichs, die sie zu unterbinden suchte. Mit dem Auftauchen Seymours, die ihre Familie sowie Gegner Boleyns am Hof als neue Partnerin Heinrichs zu lancieren versuchten, gelang ihr dies nicht mehr.“

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Albrecht 09.09.2014, 07:30

Marita A. Panzer, Englands Königinnen : von den Tudors zu den Windsors. Regensburg : Pustet, 2001, S. 35 – 41

S. 37: „Heinrich war das „frische, junge Edelfräulein, das sich tänzerisch bewegen und schreiten konnte“, das sehr geistreich und witzig, temperamentvoll und tugendhaft zugleich war, am Hofe aufgefallen.“

„Die Beziehung zwischen Heinrich und Anna gedieh nur langsam, denn diese gab sich anfangs durchaus spröde und zurückhaltend.“

S. 37 – 38: „Zwei fähige Diplomaten wurden nach Rom geschickt, um des Königs Fall vorzutragen und deutlich zu machen, dass es sich bei Anna Boleyn nicht um eine Mätresse handle, sondern um die zukünftige Königin von England. Man hob „die anerkannten, ausgezeichneten Tugenden der besagten Edeldame, die Reinheit ihres Lebens, ihre beständige Jungfräulichkeit, ihre Mädchenhafte und frauliche Scham, ihre Mäßigkeit, Keuschheit, Sanftmut, Demut, Weisheit" sowie ihre ausgezeichnete Erziehung, ihre lobenswerten Umgangsformen und ihre „anerkannte Fähigkeit, Kinder zu gebären“ besonders hervor.

Sicherlich waren dies zielgerichtete Lobeshymnen, aber Anna Boleyn war tatsächlich keine leichtfertige Frau. Sie besaß neben ihrer Schlagfertigkeit auch Gedankentiefe und zeigte großes Interesse an radikal-religiösen Traktaten, an den „Evangelischen“ sowie anderen Reformern, die sich in London sammelten. Vor allem William Tyndales Schrift über den „Gehorsam eines Christenmenschen“ beschäftigte sie strak, da in ihr die Autorität des Papstes angegriffen und die Macht des weltlichen Herrschers hervorgehoben wurde. Als Heinrich die englische Kirche vom Papsttum abtrennte und sich selbst zum kirchlichen Oberhaupt machte, freute sich Anna derart, als hätte sie Zugang zum Paradies erhalten, wie Königin Katharinas Berater Chapuys giftig bemerkte.“

S. 39: „Anna erwies sich aber auch als kapriziös und launenhaft. So zwang sie den König in der Öffentlichkeit zu Disputen, was dieser bei Ehefrauen und Töchtern gar nicht schätzte. Diese hatten einfach still zu sein und zu gehorchen, darin war Heinrich recht konventionell.“

Antonia Fraser, Die sechs Frauen Heinrichs VIII. Aus dem Englischen von Anna Eunike Röhrig. Ungekürzte Taschenbuchausgabe. München : Heyne, 1996 (Heyne-Bücher : 19, Heyne-Sachbuch ; Nr. 455), S. 127 - 250

Ausführliche Biographien gibt es in englischer Sprache

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Das weiss keine Mensch. Woher auch? Auch wenn es zeitgenössische Darstellungen gibt, wer soll sich für ihre Unbefabgeheit verbürgen?

Zuletzt war sie wohl ein bisschen kopflos ... ;-)

Nein sie war total nett und hat immer gute Muffins gemacht.

ciara1536 04.09.2014, 16:19

Emm Muffins? Ich glaube nicht dass es damals so etwas gab?

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