Welche Wendung in eurem Leben habt ihr damals nicht für möglich gehalten?

35 Antworten

Guten Morgen!

Meine Wendung erfolgte wahrscheinlich in der 7. oder 8. Klasse - ich ging bis einschließlich 6. Klasse nicht wirklich gern in die Realschule, um ehrlich zu sein: Ich habe sie gehasst, weil ich eine schlimme Klasse sowie eine zwar nette aber teilnahmslose, kurz vor der Rente stehend total machtlos im Raum stehenden Klassenlehrerin hatte und man jeden Tag im Prinzip nur gewartet hat, bis wieder was passiert oder irgendeiner verbal "gehängt" oder in der Sportumkleide oder im Schwimmbad befummelt und bedrängt oder auf dem Nachhauseweg belästigt wird - ja, so war es, und das ist mal eben 20 Jahre her, spielte sich nicht mal in einer "Problemsiedlung" ab: Es waren ausnahmslos Kinder "alteingesessener, deutscher, selbstbewusster Familien mit etwas Geld", die durch solche Verhaltensweisen auffielen.

Ich wollte oft nicht zur Schule, war noch introvertierter als sonst, die Hölle war Sport, ich "vergaß" öfter einfach mal den Sportbeutel zuhause, trödelte auf dem Weg zur Schule permanent rum, wurde mitunter fast apathisch und traurig, wehrte mich vorallem sonntagabends massiv davor zur Schule zu gehen und hatte Gedanken wie ... ich wäre gern mein Großonkel, weil der als Rentner um 10 Uhr aus dem Bett gehen kann und nicht in die blöde Realschule muss. Meine Noten wurden etwas schlechter - ich war bis dahin ein sehr guter Schüler - und mein Opa wollte sogar zum Kinderpsychologen mit mir gehen, weil er solchen Kummer hatte.

Der Schulalltag war ein Hürdenlauf, ich habe ihn gehasst. Auch die Lehrer der 5./6. Klasse waren bis auf den Englischlehrer schlimm. Der Englischlehrer war Ü60, eine ehrliche Haut, der schrie auch mal mit den Krawallmachern so richtig rum und es hätte nicht viel gefehlt, dass er ihnen eine Backpfeife verpasst hätte (durfte er halt nicht mehr) - aber so fair war der Mann auch und ich wusste immer: Wenn der Herr XYZ uns unterrichtet, passiert nix und bin ich sicher.

Irgendwann Ende 2002 oder Anfang 2003 haben wir den Klassensprecher wegen Unzulänglichkeiten abgewählt (das war so ein "Kabinenfummler" und "Klospanner", der auch wegen so einer Klospannerei bei den Mädels erst als Klassensprecher zur Debatte stand), dann wurde es ein wenig besser - und als nach der 6. Klasse zwei ganz schlimme "Streithähne" und Leute, die heute als begnadete Mobber bezeichnet werden würden, die Schule wechselten, atmeten einige zusätzlich auf.

Die bis dato als Elternbeiratsvorsitzende agierende Mutter eines der beiden "Streithähne" verschwand dann natürlich Gott sei Dank mit in Richtung dieser anderen Schule, auch dieses Thema entspannte sich nunmehr. Dann stand, als wir im Herbst 2003 in die siebte Klasse kamen, ein netter Lehrer vor uns, von dem ich damals spontan einen Supereindruck hatte, nicht etwa nur weil er einen Ford Scorpio fuhr (ich bin halt Autonarr) - und der auch das Beste war, das uns passieren konnte. Er war zwar ein netter Typ, aber er konnte härter als hart durchgreifen und packte die Leute da, wo es ihnen am meisten schmerzte: Wo die "alte" Lehrerin nur weggeguckt hat, berief er Nachsitzen und Sonder-Elternabende ein, verteilte Klassenbucheinträge und Zusatzaufgaben oder setzte dicke Freunde, die nur am Stänkern/Mobben waren auseinander. Aber das half wenigstens alles.

Auf einmal ging ich gern in die Realschule, hatte Spaß in allen Fächern außer Chemie (aber das lag wieder an einer schlimmen Lehrerin, bei der auch wieder der Schlendrian einkehrte und die gern mal Witze über Schüler machte, auch über mich aufgrund meiner osteuropäischen Herkunft -----> aber als die mal länger krank wurde, hatten wir eine Chemie-Vertretungslehrerin, die einfach Spitze war, da war Chemie auch gut), beteiligte mich an einer Arbeitsgemeinschaft (Basteln) und die Noten wurden auch wieder viel besser.

Diese Wende hätte ich bis zu den Tagen ca. Ende 2003 oder Anfang 2004 bis dahin nie für möglich gehalten. Musikalisch habe ich ein Lied, das mich seit dieser Zeit begleitet, weil es damals oft im Radio kam: "Remember Me" von Cliff Richard aus dem tollen Album "Always Guaranteed". Ein toller Sänger, der sich gut hält - höre ich für mein Leben gern. Ich weiß nicht, wie oft ich damals Cliff Richard hörte und mir wünschte, einfach zu verschwinden von dieser Schule oder ein Jahr später Cliff Richard hörte und mich über Christina freute, die neu auf die Schule kam und sehr sympathisch war. Wenn ich heute im alten Benz an der Schule von damals vorbeifahre und Cliff Richard höre, denke ich ... vielleicht erinnert sich Christina an mich und das, was vor 14-15 Jahren war.

Viele Grüße zum Sonntag!

https://www.youtube.com/watch?v=-6vaQTW8n1o

Woher ich das weiß: eigene Erfahrung

Noch was zu diesem Klassensprecher, den wir abwählten: Er schrieb wie gesagt als Klospanner ein Stück unangenehme Geschichte, beleidigte die Leute, war aufsässig und laut, terrorisierte später im Internet mit diffamierenden Mails die Leute, bis der Rektor einschritt, war menschlich einfach unangenehm ... ein großspuriger Typ, der noch nicht mal besonders gut aussah, kein besonders guter Schüler und auch kein begnadeter Sportler war, aber sich permanent in den Vordergrund stellte und deswegen Klassensprecher wurde. Er sah sich neben einem "coolen" Mädchen desselben Charakters als Anführer der Klasse.

Und dann das: Es war in Deutsch, achte Klasse Realschule, Schuljahr 2004/2005, irgendein an sich bisher total wertneutral verlaufener Tag. Wir waren gerade bei Fremdwörterkunde und unser Lehrer - der Nette mit dem Ford Scorpio - fragte nach der korrekten Schreibweise von Begriffen aus dem Englischen, die wir im Deutschen benutzen. Erklärt werden sollte damit der Unterschied zwischen Schreibweise und Aussprechen. Ein Wort davon war Jeans, der Lehrer nahm ausgerechnet den erwähnten großspurigsten "coolen Typen" dran (der mal wieder nicht aufpasste) und folglich das Wort Jeans buchstabieren musste. Man sah, wie er überlegte, total rot anlief und dann anfing ganz leise zu buchstabieren: "G ... I ... N ... S", murmelte er mit fragendem Blick - ich glaube nicht, dass er das gemacht hat, um für einen Gag zu sorgen; der wird's wirklich nicht gewusst haben - und wirkte total unsicher. Jetzt war er dann derjenige, der von anderen mal wegen einer so banalen Sache ausgelacht wurde, nachdem er jahrelang zuvor jeden gedemütigt und verhöhnt hat. Unser Lehrer, der zwar unendlich geduldig und ein herzlieber Mensch gewesen ist, aber auch gern mal Klartext redete, sagte zu ihm, dass er genau so eine Antwort in dem Stil erwartet hätte und empfahl den Gang zum Buchhändler, um ein Fremdwörterbuch zu kaufen. Das muss für unseren Krachmacher eine kaum vorstellbare Demütigung gewesen sein.

Irgendwie verspürten viele von uns damals so eine Art Genugtuung. Es ging zwar hinterher flugs weiter mit dem ganzen Zeug seinerseits - heute würde man Mobbing dazu sagen, damals war das Wort noch weitestgehend unbekannt - aber er schien sich das gemerkt zu haben und war bis zur Mittleren Reife ab diesem Tag zwar immer noch relativ schlimm, aber "milder" als bis zu diesem "GINS"-Malheur und die ganz üblen Diffamierungen, Witze auf Kosten Anderer oder Beschimpfungen waren nun vorbei.

7
@rotesand

Danke für deine tolle Antwort! Merk dir, solche Leute bringen es nicht weit im Leben :))

Und ihr hattet denkbar komische Lehrer, muss man ja mal sagen ;)

6
@DieChemikerin

Ja, damals hatte die Realschule auch einen schlechten Ruf. Unser Klassenlehrer der 7./8. war okay, der aus der 9./10. Klasse auch - vereinzelte Fachlehrer waren auch super, aber es gab auch viele schwarze Schafe.

5
@rotesand

Und wenn dir damals Jemand gesagt hätte, was du heute machst, hättest du vermutlich auch nur komisch geguckt und es nicht geglaubt.

Kommst mir vor, wie ein Baum, der an einem schlechten Standort aufwachsen musste, aber dennoch stabil und gut geworden ist.

Dir einen schönen Sonntag, du bist schon in Ordnung und es ist toll, dass du dir das von Niemandem anders einreden lässt, LG.

4
@PicaPica

Ich danke dir!

Ich hatte zuhause und im Freundeskreis ein gutes Umfeld, gerade mein Opa und mein Onkel taten einfach alles was sie konnten, und es ging mir da auch wirklich gut.

Die Realschule war aber von Anfang an eine Art Totgeburt: Eigentlich war vorgesehen, dass ich mit meinen Freunden aus der Siedlung in die Hauptschule gehe; alles andere könnte man ja danach problemlos nachmachen, stünde es zur Debatte. Ich hatte aber das "Pech", ein sehr guter Schüler zu sein - diverse Lehrer haben uns so lange bequatscht, teilweise auch während dem Einkaufen oder besuchten sie meinen Opa zuhause, bis ich dann doch widerwillig und verunsichert auf der Realschule angemeldet wurde - und damit war der Wunsch der Lehrer nicht mal erfüllt; die wollten mich auf dem Gymnasium sehen, aber das lehnten wir vehement ab.

Die Realschule war dann auch die falsche Entscheidung - auch als ich dann gern ging, gab es ständig Terz und Stress; es war halt noch die Zeit, wo man als "Ausländerkind" auf der Realschule ungern gesehen wurde - und die Eltern der "Krachmacherkinder" waren ganz übel, intrigierten sogar untereinander, streuten Gerüchte, das volle Programm. Es ging so weit, dass der Lehrer der 7./8. Klasse an einem Elternabend Mütter aus dem Zimmer schmiss oder so lange an die Wand debattierte, bis sie weinend das Zimmer verließen, weil sie sich nicht benehmen konnten. Es gab zeitweilig auch eine Art Elternstammtisch, der aber eine Tratschrunde und Lästerrunde über diejenigen war, die nicht da gewesen sind. Da muss man sich schon an den Kopf langen... bei aller Liebe!

Ich wurde nicht gemobbt, war sogar unter den meisten Mitschülern relativ geachtet, weil ich beim Streitschlichten immer eingesetzt wurde und eine Art "Heiner Geißler Rolle" ausübte - die wussten, wenn sie gegen mich gehen, hilft ihnen keiner mehr gerade im Dialog zwischen Schüler und Lehrer. Das war auch so die Zeit, wo mir Lehrer sagten, ich sei nur optisch ein Jugendlicher, aber menschlich eher ein "vernünftiger Mann Ende 50" und es viel Lob gab, wenn ich vermittelte oder was organisierte, Betriebsbesichtigungen und Co., es war nicht alles schlecht.

Wegen meiner Karriere ... ja, es gibt einige, die so denken und bei denen ich das ganz genau weiß. Es ist für mich fast eine Genugtuung, wenn die Eltern der früheren Mitschüler heute zu mir in die Firma kommen und was von MIR, dem damals so lächerlichen Jugoslawen, dessen Familie angeblich krumme Geschäfte mit Albanern abwickelt (das war so ein Gerücht aus dieser Elternecke gegen uns; eins von vielen, heute lacht man drüber, damals war es übel), wollen, weil ich derjenige bin der für ihre Anliegen/ihren Stadtteil zuständig ist. Aber es ist auch für mich jedes Mal sehr schwierig: Ich könnte da auch sehr harsch reagieren, aber das verkneife ich mir dann doch - ich habe einen Hang nachtragend zu sein und Dinge sehr, sehr langsam zu vergessen, aber ich muss das nicht raushängen und schon gar nicht 15-20 Jahre später. Aktuell gibt es eine ehemalige Mitschülerin, die mit mir mailt wegen Terminen (Zeitungsverlag) und mich eigentlich für die Berichterstattung einladen möchte - die wollte sogar meine Handy-Nummer und meine Privatadresse haben, damit sie mich anrufen kann, mir die Einladung heim schickt und Ähnliches. Normalerweise habe ich wegen der Adresse nicht viel dagegen, aber bei ihr habe ich einen Riegel vorgeschoben und ihr gesagt ------> nö, schick's mir bitte zeitig ins Verlagshaus an meinen Schreibtisch, da krieg' ich das dann sogar morgens und nicht erst abends zuhause. Angenehmeren Leuten sage ich dann ... kannst mir das Ding ja abends, wenn die Zeit hat, rasch daheim vorbei bringen, Kaffee kriegst auch von mir, oder Kuchen, was halt da ist. Aber diese Person halte ich mir kurz und, ehrlich gesagt, hat es mir verdammt gut getan, ihr jetzt mal zu sagen, was ich denke - zur Schulzeit war ich für sie immer der blöde Ausländer mit seinem "Fruit Of The Loom"-Einheits-Sweater zu schwarzer Vögele-Hose und der Aldi-Uhr für sieben Euro, den sie sogar beim Ausfüllen von Formularen zur Gottesdienst-Teilnahme bevormunden konnte und sie war das gewandte gut gekleidete Mädchen vom ehemaligen Bauernhof, der jetzt ein Hotel wurde.

Aber es gibt immer wieder Situationen, wo ich dann wie hier aufbegehre: Eine Mutter, die besonders gern intrigierte, habe ich im Sommer mit meinem Omega "behindert" indem ich bewusst halb auf dem Gehsteig parkte und sie über die Straße gehen musste, weil da mein fetter Omega stand... ich weiß, es ist Kinderquatsch, so etwas zu machen, aber da konnte ich nicht anders und es war auch echt eine Genugtuung, als sie dann ganz blöd rüber zu mir linste, als ich mit einer guten Bekannten - einer hier sehr angesehenen Frau - vor deren Haus stand und locker plauderte. Da bin ich zu sehr der emotionale Osteuropäer, den so etwas jahrelang in seiner Ehre kränkt. Und diese Frau weiß ganz genau, wie diese lustige Geste mit dem Omega gemeint war.

5
@PicaPica
Und wenn dir damals Jemand gesagt hätte, was du heute machst, hättest du vermutlich auch nur komisch geguckt und es nicht geglaubt.

Ja, natürlich! Ich dachte immer ... du lernst halt einen Beruf, verdienst Geld dass du über die Runden kommst und so, wird schon irgendwie seinen Gang gehen, vielleicht macht es sogar Spaß.

Inzwischen habe ich alles, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich es habe. Ich bin kein reicher Mann und keiner, der sich was auf sich einbildet und besitze weder ein eigenes Haus noch teure Dinge aller Art, aber ich bin mit mir zufrieden. Vor 10 Jahren hätte ich das so nicht für möglich gehalten.

5
@rotesand

Eine richtig schöne, spannende Geschichte.

Bin eh sicher dass man wenn hier jeder auf die Frage antwortet ein interessantes Buch gestalten könnte

Der passende Scherz dazu: Der Text erinnert mich an eine Pisastudie und deren Folgen. Da wird einer Klasse mitgeteilt dass 80% von ihnen die Mathematik nicht richtig beherrschen.

Darauf meldet sich entrüstet der Klassensprecher zu Wort : Das kann nicht sein, wir sind nur 29!

Da haben wir Deinen  " Freund "

0

An deinem Beispiel sieht man, wie wichtig die Aufgabe der Lehrer in einer Schule ist. Es geht eben nicht nur darum Wissen zu vermitteln, sondern auch darum WIE man das tut und darum in der Klasse für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Leider sind heute viele Lehrer vor allem mit letzterem heillos überfordert.

Übrigens ist es mir zeitweise auch so ähnlich gegangen. Aber dann sind wir wieder einmal umgezogen und ich kam in eine neue Schule und dort haben mir auf einmal Fächer Spaß gemacht, die ich zuvor nicht ausstehen konnte.

5
@ps1980

Bei uns war gerade die Lehrerin der 5./6. Klasse mit dem kompletten "Kader" der damaligen Fachlehrer - sieht man vom Englischlehrer ab, den ich in allerbester Erinnerung habe und, da er immer noch hier wohnt, immer mal wieder sehe, was stets sehr nett verläuft - heillos überfordert und auch desinteressiert.

Die Dame las im Unterricht Zeitung oder löste Kreuzworträtsel aus der TV-Illustrierten, saß vorne rum, blickte als mal auf, kam nur wenn man was wissen wollt. Man merkte, dass die Luft raus ist.

Nicht zu vergessen eine Mittvierziger Kunstlehrerin mit kurzem Rock und gefärbt rotblonden Haaren, so richtig neurotisch irgendwie gepolt, und ein Sportlehrer, der im Sportverein aktiv war und Leute aus dem Verein gnadenlos bevorzugte. Ich war nicht im Sportverein und dazu ein Ausländerkind, den Rest kann man sich denken. Egal, ich leb' noch. Die Sportlehrerin der 6. Klasse war schlimmer, die schrie nur rum. Der Rektor war nett, der leitet die Schule heute noch.

Schlimm war auch eine Religionslehrerin der 6.Klasse; eine gebürtige Banater Schwäbin (Rumänien), die einen unangenehm verklemmten, bedrohlich wirkenden Unterricht gegeben hat. Man hatte Angst vor der Frau an sich, aber auch vor ihren heftigen Ausrastern und spöttischen Diffamierungen, ihren für uns damals 11-12-jährige angsteinflößenden Theologie-Diskussionen die durch ihren Akzent noch bedrohlicher rüberkamen.

Aber die Frau ging noch, wenn man ihre Vorgängerin betrachtet: In der 5. Klasse steuerte eine über 60 Jahre alte Religionslehrerin in der Realschule den blödesten Lehrerkommentar bei, den ich je hörte. Sie war überzeugte Schönstatt-Schwester und meiner Ansicht nach fundamental: "Frauen sind von Gott nur dazu geschaffen worden, um Kinder zu kriegen", sagte sie im Brustton der Überzeugung - dabei hatte sie keine Kinder und lebte nur für Gott und Schönstatt. Als Neunt- oder Zehntklässler hätte man die wahrscheinlich ausgepfiffen und hochkant mit Karacho aus dem Zimmer geschmissen, aber das ist ein anderes Thema.

Sie war auf meine Familie schlecht zu sprechen, hatte bereits meine Onkels unterrichtet, so legte sie auch mir zahlreiche Steine in den Weg und versuchte einmal ernsthaft was in die Wege zu leiten, dass der Rektor gegen mich vorgeht (was er aber nicht tat; der war mit dieser Frau auch nicht immer d'accord). Der Grund war nichtig, ich hatte beim Reinigungsdienst ein Plakat in unserem Klassenzimmer entfernt, das ihrer Meinung nach hätte dort hängen müssen. Die Frau witterte die Gelegenheit abrechnen zu können. Dann ritt sie immer wieder auf meiner Herkunft herum und lästerte vor der Klasse über meine Onkels ab, lächelte bitter dazu, sprach vor uns Kindern von "Gottes Strafe, die jeden ereilt" und vor der nächsten Stunde wieder mit geschlossenen Augen ein Gebet. Danach hat sie wie immer alle Mädchen fertig gemacht und meist endeten die Stunden damit, dass von den Mädchen einige weinten und ich zuhause meinem Opa erzählte, was dieses Mal wieder gelaufen war. Diese Frau war bigott, würde ich noch heute sagen.

Rund 10 Jahre später traf ich die Frau, inzwischen Ende 70 und in Ordenstracht gekleidet, wieder. Das war bei einem Jubiläums-Schulfest, zu dem sie extra hunderte von Kilometern angereist war, um ihre ehemalige langjährige Wirkungsstätte zu besuchen. Sie lebte mittlerweile im Kloster und hatte ihren bürgerlichen Namen gegen den Ordensnamen eingetauscht. Ich fragte sie höflich, ob sie noch wisse, wer ich bin. Sie überlegte kurz, kannte mich nicht mehr und ich gab mich zu erkennen. "Ach, der kleinste ... (Nachname)", sagte sie und fragte mich nach Beruf usw., ich erklärte ihr ganz neutral meinen Werdegang und sah schon, wie ihr die Kinnlade runterging. Dann fing sie zu reden an, ließ was Blödes über einen meiner Onkels los ("na ja, bei DER Familie wundert mich dein Weg") sagte sie und grinste säuerlich; sie hatte im Ganzen die gleiche unfreundliche Art an sich wie damals. Am Ende fügte ich hinzu, dass ich das alles trotz ihrer Anfeindungen und Diffamierungen von damals sowie der Plakatgeschichte vom Winter 2001/02 geschafft habe, und dass auch aus den kleinen weinenden Mädels von damals was geworden ist, fragte ob sie die noch kennt. Sie sagte nichts mehr, sah mich nur an und ich wünschte ihr einen schönen Tag. Einige Minuten später sah ich, wie sie in ihrer Ordenstracht etwas abseits saß und bitterlich weinte.

Ich glaube bis heute, ich war es, der diese Frau zum Weinen gebracht hat. Da fühlte ich mich schon seltsam und etwas schuldig, fragte mich ob ich mir die Äußerungen hätte verkneifen können, zumal ich Christ bin, in einer Kolpinggruppe tätig bin, als Jugendlicher katholische Jugendarbeit gemacht habe und Respekt vor der Kirche habe, auch einige Würdenträger, die ich Freunde nennen darf.

Es tat mir auch leid, dass ich eine alte Dame zum Weinen brachte - andererseits aber war sie auch bei diesem Wiedersehen so ekelhaft zu mir, dass ich schon nach wenigen neutralen Sätzen an die unschönen Sachen von damals erinnert wurde.

5
@rotesand

Ich denke nicht, dass du dir ihretwegen ein schlechtes Gewissen machen musst. wenn tatsächlich du es warst, der sie zum weinen gebracht hat, dann nur, indem du ihr den Spiegel vorgehalten hast und ihr zu erkennen gegeben hast, dass kein Mensch besser ist als ein anderer, auch wenn er sich manchmal so aufführt. Und wenn sich diese Erkenntnis durch dieses Weinen bei ihr wirklich festgesetzt haben sollte, hast du damit sogar etwas wirklich Gutes bewirkt.

4
@ps1980

Danke!

Ich bin an sich auch zufrieden mit allem, nur hat mich diese Story damals schon beschäftigt. Aber so blöd das klingt, ist es noch eine der harmlosesten Sachen die mit meiner Realschulzeit zusammen hängen.

4

Ganz liebe Frühabendgrüße schickt dir der Fred aus Wien.

4

Einen wunderschönen guten Morgen Chemikerin und auch an alle anderen in der Runde hier und vielen Dank für diese Frage.

Mit so einer gegensätzlichen Anekdote kann ich zwar leider nicht dienen aber mir fallen spontan drei Dinge ein, die mein früheres Leben total über den Haufen geworfen haben.

Als Erstes wäre da die Wende zu nennen und als Zweites noch die Wende in der Wende.

Noch einen Tag vor der offiziellen Grenzöffnung hätte ich als damaliger DDR-Bürger niemals daran gedacht, dass es so weit kommen würde, obwohl ich um die Demos wusste und das Rumoren, was seit langem im Land herum ging. Für mich saß die DDR-Führung zu tief und fest im Sattel, als das Ich da eine grundsätzliche Änderung für möglich gehalten hätte.

Das Zweite ist die Wende in der Wende. Ja, die gibt es auch. Anfänglich euphorisch und mit Aufbruchstimmung, konnte jeder sagen, was ihm am Herzen drückte. Es war ein befreites Aufatmen, seine Meinung nun auch öffentlich kundzutun. Was ich niemals für möglich gehalten hätte, ist, dass uns die DDR überholt hat, ohne dass sie uns hätte, einholen zu müssen. Längst habe ich heute wieder die Angst meine Meinung öffentlich zu äußern und dafür als Nazi oder Gutmensch von Teilen der Bevölkerung beschimpft zu werden und von der Politik als Krimineller betitelt zu werden.

Als Drittes möchte ich den Umzug meiner Familie nach Dresden nennen. Zehn Jahre zuvor habe ich einen guten Bekannten im Krankheitsfall einige Tage vertreten, die mich auch in die Nähe führte, wo ich heute wohne. Nicht im Traum hätte ich damals daran gedacht, dass ich zehn Jahre später, rund 150 Km weiter, da wohnen werde. Die Entscheidung unseren Lebensmittelpunkt in die Stadt zu verlegen, in der wir heute wohnen, war die Tiefgreifenste und auch die beste Entscheidung für unser weitere Leben.

Einen wundervollen Sonntag wünsche ich allen und einen guten Start in die neue Woche.

Herzliche Grüße Lazarius

Woher ich das weiß: eigene Erfahrung

Kann ich mir gar nicht vorstellen, dass du eine solch radikale Meinung hast lieber Freund.

Ich finde es absolut gut, dass die Wende stattgefunden hat und dadurch so viele wertvolle Menschen dazugekommen sind.

Ich wünsche dir/euch viele weitere schöne Momente in "eurer" Stadt und heute erstmal einen schönen Sonntag, GLG.

7
@PicaPica

Ich denke, dass wir aneinander vorbeireden.

Ich habe nichts gegen die Wende. Sie war lange überfällig und brachte allen deutschen zum Teil viel Gutes. Schließlich habe ich ja auch, dank der Wende, viele Menschen kennenlernen dürfen, die mir heute lieb und teuer sind und die ich ohne Wende nie kennengelernt hätte. Ich spreche hier von euch, liebe Gugumo-Freunde. Ich habe also nichts gegen die Wende. Was mich jedoch bitter aufstößt, ist die Tatsache, dass man gerade das Schlechte von der DDR übernahm und nicht das, was für die Menschen wirklich hilfreich gewesen wäre.

Herzliche Grüße Lazarius

6
@Lazarius

Nein, tun wir ganz und gar nicht, ich hab dich schon genau richtig verstanden und genieß genieß.

Und hast sehr recht, wenn ich alleine an das Schulsystem denke. Nicht von ungefähr sind Viele die echtes fundiertes Wissen schätzten bereits zu DDR-Zeiten nach "Drüben" und haben sich da Bücher besorgt.

Umgekehrt ist es genauso, mindestens was mich betrifft, GLG.

3

Leider, lieber Lazarius, gibt es zuviele die nur die Meinung von anderen Menschen vertreten ohne sich ein eigenes Bild gemacht zu haben!

Ganz liebe Frühabendgrüße schickt dir der Fred aus Wien.

4
@Fredlowsky

Das sind wahre Worte lieber Fred.

Herzliche und liebe Grüße aus Dresden von Lazarius.

1
@Fredlowsky

Das sind sehr weise Worte lieber Fred und da spricht viel Lebenserfahrung und gute Beobachtungsgabe, GLG.

2

Ich habe mir als Kind/Teenie insgeheim gewünscht, irgendwann mal eine richtige Frau zu sein. Aber aufgrund meiner Missbrauchserfahrung rechnete ich mir wenig Chancen aus, überhaupt einmal mich mit meiner Weiblichkeit wenigstens anfreunden zu können... Ich hatte tatsächlich richtig Angst davor, mal ein Kleid oder 'nen Rock anzuziehen... o.O

Aber manchmal erhört der liebe Gott wohl Gebete auf durchaus lustige Art und Weise.

Vor einigen Jahren standen dann 2 Zeugen Jehovas vor meiner Türe und wollten mit mir über die Bibel reden. Da ich aufgrund meiner Panikerkrankung nicht viel unter Leute kam nahm ich das Angebot natürlich an. Hauptsache, mal wieder Kontakt mit Menschen. ---> XD

Es entstand eine gute Freundschaft zwischen mir und den beiden Zeugen Jehovas.

Die beiden halfen mir bei vielen Schwierigkeiten die ich z.B. mit den Behörden hatte und auch sonst waren sie immer zur Stelle, wenn ich mal bei irgendwas Unterstützung brauchte. Sogar meine Panikerkrankung konnte ich ein wenig in den Griff bekommen. Die regelmäßigen Versammlungsbesuche halfen mir ja dabei, die Angstzustände genauer zu verstehen und Strategien zu entwickeln, damit besser zurechtzukommen. Abgesehen davon, daß ich so wenigstens mal wieder ab und zu aus meiner Bude raus an die frische Luft kam... Für mich war das also auch eine Art Therapie. ;)

Daß Frauen bei den Zeugen Jehovas ja immer im Rock oder Kleid zur Versammlung gehen war mir zwar bekannt, aber ich hatte ja nicht einmal solche Kleidungsstücke, weil ich sie eh nie anziehen würde...

Daß dann ausgerechnet ich von einem recht unangenehmen anderen "Interessierten" (sehr ungepflegtes Erscheinungsbild... zusätzlich zum schrägen Verhalten) auf einem Kongress der Zeugen Jehovas komisch angemacht wurde lag sicherlich daran, daß ich offensichtlich keine Zeugin Jehovas war da ich so ziemlich die einzige (junge) Frau im Raum war, die keinen Rock oder so anhatte...... o.O

Das war's! Der Knoten ist geplatzt. :D

Schon am nächsten Tag ging ich mit einem der beiden Zeugen Jehovas Klamotten shoppen. Da ich keine Ahnung hatte, was zu mir passen könnte lies ich mich natürlich auch gleich dahingehend beraten...

Die ersten Gehversuche außerhalb meiner Wohnung in diesem neuen Outfit waren zwar sehr verkrampft, aber ich hab es geschafft. :D

Inzwischen trage ich ganz gerne Röcke und nur noch selten Hosen... Ich fühle mich also auch schon ganz wohl in diesen Klamotten. Sogar die Rocklänge ist schon geschrumpft. Es muss ja nicht immer bodenlang sein... ;)

Daß mir Männer seit diesem Outfit-Wechsel mit deutlich mehr Respekt begegnen ist eine Erfahrung, die ich anderen Missbrauchsopfern ebenfalls wünsche:

Einfach befreiend. :)

warehouse14

Woher ich das weiß: eigene Erfahrung

Dir einen guten Sonntag und weiter viel Erfolg in deinem Leben, LG.

9

Danke für diesen sehr interessanten Erfahrungsbericht. Ich muss sagen, dass ich oftmals negative Dinge über die Zeugen Jehovas gehört habe, aber ich selber unterhalte mich auch gern mit denen und finde, dass das sehr anständige Leute sind. Ich kann diese negativen Berichte über diese Leute daher nicht nachvollziehen und bin froh, dass ich offenbar nicht der Einzige bin, dem es so geht.

6
@ps1980

Das sind ja auch nur Menschen. ;)

Sicher sind sie wie alle anderen auch nicht perfekt. Aber deswegen muss man sie nicht verteufeln.

Ich hab natürlich auch nicht nur gute Erlebnisse mit einigen von ihnen gehabt... Ich konzentriere mich aber nicht darauf. Ich betrachte jeden Menschen als ganzen Menschen...

Und was mir (oder sonstwem) Person A angetan hat rechne ich Person B sicher nicht an nur weil die beiden zum selben Verein gehören. ;)

Gilt auch für positives...

Also für mich ist nicht jeder automatisch gut nur weil er irgendwo dazugehört... ;)

warehouse14

6

Zu den Zeugen Jehovas habe ich noch ein Erlebnis von ca. 2005. Ich traf in der Fußgängerzone einer deutschen Großstadt einen damals schon 80 Jahre alten Mann aus Thüringen, der sich nach der Wende den Zeugen Jehovas anschloss und mir recht anschaulich davon berichtet hat. Er erklärte mir absolut plausibel, dass er nach der Wende sich verloren fühlte, keinerlei Achtung mehr erfuhr, alles verloren hatte was ihm mal wichtig war und bei den Jehovas dann wieder neuen Halt bekam, sich verstanden und aufgenommen/akzeptiert fühlte. Es war ein sehr emotionales Gespräch, das mir auch im Nachhinein sehr zu Herzen ging! Missionieren wollte der mich nicht - der wollte echt nur reden und sich ernst genommen fühlen.

Mich hat das Gespräch mit dem alten Mann damals sehr berührt. ich war damals ca. 14/15, wir waren auf Klassenfahrt im Landschulheim, ich traf den Mann in der Fußgängerzone, als er Schriften verteilte. Zunächst habe ich mich mit ihm unterhalten, weil er mir einfach leidtat, aber er war echt der einzige freundliche Mensch, der mir in dieser Stadt in Baden-Württemberg begegnet ist, zusammen mit einem Rentner aus Memmingen/Bayern, der mich nach dem Weg zu einem Denkmal fragte sowie in einer Straßenbahn einem Tourist aus dem Ruhrgebiet. So blieb er in guter Erinnerung, setzte sich selbst letztlich ein Denkmal.

6

Ganz liebe Frühabendgrüße schickt dir der Fred aus Wien.

5

Was möchtest Du wissen?