Welche Theorie stimmt Biologie oder Religion?

26 Antworten

Hallo Emilyerdbeere1,

da wären ein paar ganz grundsätzliche Dinge, deren Klärung hoffentlich zum Verständnis beitragen:

1) Ob in der Natur der Prozess der Evolution abläuft, das wird nicht durch Mehrheitsbeschluss entschieden.

Um herauszufinden, was eine brauchbare Beschreibung der Natur ist, taugen Meinungsumfragen nichts. Gar nichts.

2) Religiöse Aussagen sind keine naturwissenschaftlichen Theorien

Das ist ein ganz grundlegender Irrtum, der sich leider wie ein roter Faden durch die gesamte kreationistische Literatur und die Diskussionen um die Evolution zieht.

Der wesentliche Punkt ist die Einsicht, dass die Frage "Glaubst Du an Gott oder an die Evolution?" ein grundsätzlicher Kategorienfehler ist. Es handelt sich hierbei einfach nicht um zwei Gegensätze einer Begriffswelt.

Peter Hess vergleicht diese ein falsches Dilemma erzeugende Frage in seinem mMn für Dich lesenswerten Text

https://ncse.com/library-resource/science-religion

mit der Frage "Ist eine Banane gelb oder krumm?"

Beide Adjektive stehen zueinander nicht im Gegensatz. Sie können beide zutreffen. Oder beide nicht zutreffen. Es kann auch nur einer von beiden zutreffen. Oder der andere.

Man kann Gott nicht dadurch beweisen, indem man die Evolution widerlegt. Ebenso kann man die Evolution nicht nachweisen, indem man religiöse Aussagen widerlegt.

Naturwissenschaft beschäftigt sich immer mit gesetzmäßig in der Natur ablaufenden Prozessen. Naturwissenschaft sucht diese Prozesse zu erkennen, zu verstehen und daraus zuverlässige Aussagen über die Natur abzuleiten.

Sinnfragen (im Sinne der Philosophie) behandelt die Naturwissenschaft nicht. Grundsätzlich nicht. Wenn der Naturwissenschaftler fragt "warum passiert dies?", so meint er "welcher Prozess ist dafür verantwortlich, dass dies passiert?".

Sinnfragen sind Deutungsfragen des Daseins. Und diese existenzialistische Fragestellung fehlt der Naturwissenschaft. Sie ist dafür nicht zuständig. Wir betreten mit existenzialistischen Fragen das Gebiet der Philosophie.

Die Religion wiederum gibt nun eine mögliche Antwort auf die philosophische Fragestellung nach Sinn und Deutung des Daseins, nämlich, den Sinn und die Deutung, dass der Mensch als Gegenüber von Gott zu sehen sei.

Alle Schöpfungslegenden - jede Kultur hat ja da ihre eigene hervorgebracht, die der abrahamitischen Religionen ist nur eine von vielen - sind also etwas ganz anderes als naturwissenschaftliche Aussagen: Es sind religiöse Antworten auf Deutungsfragen. In allen dieser Geschichten wird auf die eine oder andere Weise die Beziehung zwischen Gott und der Welt beschrieben. Es geht um die Frage, dass jede Religion das Dasein an sich als von Gott gewollt und geschaffen interpretiert. - Das Wort "Interpretation" - "Deutung" eben - ist dabei sehr wichtig.

Für den theologischen Inhalt geht es nicht um das historische Ereignis oder den exakten Ablauf desselben - Schöpfung als philosophischer Begriff, religiös gedeutet, spricht eigentlich über nichts anderes als die Beziehung zwischen Mensch und Gott.

Ob man sich dieser religiösen Antwort auf die philosophischen Grundthemen anschließen möchte, das ist also vollkommen unabhängig von naturwissenschaftlichen Erkenntnissen darüber, wie unsere Welt nun einmal aussieht.

Natürlich schildern alle Schöpfungslegenden einen konkreten Ablauf; aber eben nur, weil es historisch damals üblich war, derartige abstrakte Zusammenhänge wie eben erläutert, in Geschichten zu packen. Es wäre nun aber auch aus theologischer Sicht falsch, diese Geschichten als historischen Tatsachenbericht auffassen zu wollen: Alte Texte können immer nur aus dem damaligen sozialen Umfeld und dem damaligen Wissensstand heraus verstanden werden.

3) Zum historischen Ablauf

Wir können nun aus den Schöpfungslegenden (wie gesagt: aus allen; da können wir die Bibel, die Edda oder die Veden hernehmen, egal) alle Aussagen über die Welt herausnehmen und naturwissenschaftlich untersuchen. Wir können über moderne Messmethoden prüfen, ob das historisch so abgelaufen sein __kann__.

Und da ist die Antwort ganz eindeutig: Nope! Die Reihenfolge der Schöpfungsakte in der abrahamitischen Legende passt nicht, die Sintflut weltweit ist unmöglich... kurz: Haut definitiv nicht hin.

Naturwissenschaften dürfen also darauf hinweisen, dass die Schöpfungsgeschichte der abrahamitischen Religionen keinesfalls als historischer Tatsachenbericht stimmig ist. Daraus folgt aber eben nur, dass die Bibel (und die entsprechenden anderen Schriften) kein Naturkundebuch ist (sind). Über die in diesen Texten zentrale __Deutung__ des Daseins äußert sich die Naturwissenschaft nicht.

In der Naturwissenschaft schauen wir dagegen einzig und allein auf die Datenlage und stellen die Frage, ob unsere Modelle die Natur zutreffend und zuverlässig beschreiben und wir deshalb Grund haben, davon auszugehen, verstanden zu haben, welche Prozesse in der Natur ablaufen.

Hier sollte man zur Vermeidung ebenfalls häufiger Missverständnisse noch einmal den Unterschied zwischen umgangssprachlicher und naturwissenschaftlicher Verwendung des Begriffes "Theorie" hinweisen:

Oft hört man, wenn die Zuverlässigkeit naturwissenschaftlicher Aussagen angezweifelt wird, "das sind alles nur Theorien": Mit dieser Formulierung sollen naturwisenschaftliche Aussagen als reine Vermutungen, Spekulationen oder Vorstellungen gebrandmarkt werden. Genau das bedeutet das Wort "Theorie" ja in der Umgangssprache.

In der Naturwissenschaft wäre eine ungeprüfte Vermutung aber eher eine Hypothese. Unter einer "Theorie" - besonders einer bestätigten oder bewährten Theorie - verstehen wir in der Naturwissenschaft aber etwas ganz anderes.

Eine "Theorie" ist hier ein geschlossenes Erklärungsmodell, das einzelne Beobachtungen in einen logischen Kontext stellt. Eine Theorie erklärt uns also erst einmal, warum wir diesen Satz an Beobachtungen vorliegen haben - und nicht andere. Darüber hinaus muss eine naturwissenschaftliche Theorie widerspruchsfrei sein und konkrete Vorhersagen machen, anhand derer wir sie in Beobachtungen als falsch erkennen würden, wenn wir nur genau genug nachmessen.

Der Naturwissenschaftler "beweist" seine Theorien nicht - auch wenn es der Laie oft so darstellt. Der Naturwissenschaftler falsifiziert, er versucht die Theorien mit immer größerer Testgenauigkeit zu prüfen. Theorien, die diese schärfstmöglichen Tests mit Bravour bestehen, nennen wir in der Naturwissenschaft aber immer noch nicht "bewiesen", sondern bewährt - oder bestätigt. Bestätigte Theorien haben also sehr wohl in der Praxis schon gezeigt, dass sie zumindest in den bisherigen Testsituationen die Natur gut beschreiben. Sie sind weit mehr als "Vermutungen", sondern nachweislich im getesteten Bereich zuverlässige Beschreibungen der Natur.

Die Evolutionstheorie ist eine ganz hervorragend bestätigte Theorie und durch unzählige Befunde gestützt.

Weil wir also eine Fülle an Beobachtungsdaten haben, die ihre Aussagen stützen, handelt es sich wie bei allen naturwissenschaftlichen Fragen um keine "Glaubensfrage" mehr: Wir haben mit den Daten rationale Gründe vorzuweisen, warum wir von den Aussagen der ET überzeugt sind. Das gilt eben auch für unsere eigene Stammesgeschichte, für die jeder einzelne von uns zahlreiche Belege in seinem Körper herum trägt.

Naturwissenschaftliche Aussagen glaubt man nicht - man erkennt sie als die beste vorliegende Berschreibung der Natur an - und zwar immer auf der Basis der Datenlage.

Ich empfehle für die Belege zur Evolution und zur Stammesgeschichte des Menschen (ja, die anderen rezenten Primatenarten sind unsere nächsten Verwandten) zum Beispiel die dreiteilige Reihe von Neil Shubin, beginnend mit dem ersten Teil "Der Fisch in uns"

https://www.youtube.com/watch?v=tMAZwXHHZ1Q

dem zweiten Teil "Das Reptil in uns"

https://www.youtube.com/watch?v=6Q9Dqyt-hv8

und dem dritten Teil "Der Affe in uns"

https://www.youtube.com/watch?v=HN7Ana4Z8p8

Grüße

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Immer wieder erstaunlich, wie viel Arbeit du dir hier für einzelne Fragen machst. Schon bewundernswert sowas. :)

Noch dazu, weil - so gut man es auch zu erklären versucht und so gut man es auch für Leute mit massiven Wissenslücken beschreibt - es wird leider immer einen Haufen religiöser Menschen geben die einfach die Augen vor der Wirklichkeit verschließen (wollen).

Gruß

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Klasse Antwort, Hut ab!

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Es erschreckt mich immer wieder, dass diese Debatte heute noch geführt werden muss. Uns allen sollte klar sein, dass die Menschen vor mehreren Jahrtausenden nicht unsere Möglichkeiten hatten, ihre Umwelt zu beobachten und zu erforschen.

Stattdessen verließ sich die Mehrheit der Kulturen auf Mythen, um die Natur zu erklären. Oft wurden Mythen dann zur Überhöhung der Abstammung v.a. von Herrschern (in der römischen Mythologie waren die Stadtgründer Söhne des Kriegsgottes), zur Legitimierung von Regeln und Gesetzen (Bestrafung oder Belohnung im Jenseits) oder zur Bekämpfung des eigenen Ohnmachtsgefühl (Opfergaben zur Zähmung von Naturgewalten) benutzt.

Jede Ethnie hat ihre eigenen Mythen und in den meisten Fällen schließen sie sich gegenseitig aus. Mit dem Aufkommen der modernen Wissenschaft wurden den Mythen nach und nach die Grundlage entzogen, so konnte man z.B. sagen, dass es sich bei der Sonne weder das Auge eines Riesen noch den brennenden Streitwagen des Sonnengottes handelt, sondern um eine riesige Ansammlung von Gas und Plasma, die aufgrund der in ihr stattfindenden Kernfusion Hitze und Licht abstrahlt.

Insofern entbehrt es jeglicher Grundlage, einen speziellen Schöpfungsmythos (keine Theorie, denn der Status der Theorie ist mit gewissen Standards verbunden) aus dem nahen Osten als ernsthafte Konkurrenz zu den gebündelten naturwissenschaftlichen Forschungen der letzten zweihundert Jahre zu inszenieren.

Die Schöpfungsgeschichte der Bibel kann mit zahllosen Tatsachen kaum in Einklang gebracht werden, sodass Kreationisten in ihren Ausführungen Naturgesetze biegen und unbelegte Hilfsannahmen aufstellen müssen, damit ihre Behauptungen überhaupt Sinn ergeben. Die wissenschaftlichen Modelle über die Vergangenheit des Universums, der Erde, des Lebens im Allgemeinen und des Menschen sind hingegen auf genau diesen Tatsachen aufgebaut und daran angepasst.

Auch die systematische Einordnung der Menschen im Rahmen der Evolutionstheorie, basiert auf aufwändig zusammengetragenen Daten aus zahlreichen Verwandtschaftsanalysen. Und die deuten eindeutig darauf hin, dass der Mensch zur Gruppe der Affen gehört und der nächste lebende Verwandte der Gattung der Schimpansen ist.

Wenn in naher Zukunft ein Teil einer wissenschaftlichen Theorie durch neue Befunde ins Wanken gerät, was durchaus vorkommen kann, wird die Aussagekraft dieser Befunde untersucht und ggf. der fragliche Teil durch eine bessere Hypothese ersetzt, um zu garantieren, dass die Erklärungen immer auf dem neuesten Stand sind. Bei kreationistischen Vorstellungen existiert diese Art von Hinterfragung nicht, das Gedankengebäude ist starr und äußere Widersprüche werden ignoriert.

Also ich finde, dass klar sein sollte, welche Position plausibler und nachvollziehbarer ist.

Schöpfungsmythen sind keine Theorien, nicht einmal im umgangssprachlichen Sinn, sondern Dogmen. Die Evolutionstheorie ist dagegen eine Theorie im wissenschaftlichen Sinn und das ist deutlich mehr als eine Vermutung. Sie kann viele Dinge erklären, zum Beispiel:

  • die Abfolge der Fossilien, die von immer komplexeren Lebewesen stammen und immer mehr den heutigen Arten ähneln, von den ältesten zu den jüngsten Gesteinsschichten
  • das Vorhandensein von homologen Organen bei verschiedenen Lebewesen
  • rudimentäre Organe
  • Atavismen
  • das Vorhandensein dauerhaft deaktivierter Gene in der DNA
  • die Entstehung von solchen Dingen wie Kiemenspalten und einem Schwanz, die später wieder verschwinden, in der Entwicklung menschlicher Embryos
  • dass sich Embryos von verwandten Arten anfangs nahezu gleichen
  • die geographische Verteilung der verschiedenen Arten
  • solche Kuriositäten wie den Verlauf der menschlichen Samenleiter

Auch die Entwicklung unserer Vorfahren in der geologisch gesehen jüngeren Vergangenheit (also in den letzten paar Millionen Jahren) ist gut belegt. Was das mit den Affen betrifft: Nach der biologischen Definition gehören nicht nur die heutigen Mitglieder einer Gruppe von Lebewesen wie den Affen zu dieser, sondern auch alle ihre Vorfahren bis zum letzten gemeinsamen Vorfahren aller heutigen Mitglieder der Gruppe, den sie mit keinen anderen Lebwesen teilen.

Und nach Erkenntnissen aus molekularbiologischen Untersuchungen ist der letzte gemeinsame Vorfahre, den wir mit den Schimpansen teilen, jünger als der, den wir und die Schimpansen mit den Gorillas teilen und der wiederum jünger als der, den wir, die Schimansen und die Gorillas mit den Orang-Utans teilen. Wir teilen also mit den Menschenaffen nicht nur gemeinsame Vorfahren, die wegen der genannten Definition ebenfalls Menschenaffen waren, wir sind sogar selbst mittendrin in dieser Gruppe und daher selbst Menschenaffen. Und die Menschenaffen sind wiederum ein Teil der größeren und älteren Gruppe der Affen.

Allerdings steht das alles nicht grundsätzlich in Widerspruch zum Glauben an einen Gott, sondern nur zur wortwörtlichen Interpretation von Schöpfungsgeschichten. Denn die Evolutionstheorie macht wie alle natturwissenschaftlichen Theorien zur Existenz eines Gottes keinerlei Aussage. Die katholische und evangelische Kirche haben zum Beispiel die Evolution als Fakt anerkannt.

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Kleiner Nachtrag: In dem dritten Link von oben wird auch indirekt behauptet, dass die Säugetiere von den Dinosauriern abstammen. Das ist falsch, die Säugetiere stammen von einer anderen Gruppe von Reptilien ab, den Therapsiden. Ansonsten ist der Text aber fehlerfrei, soweit ich sehe.

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